Sehr anschaulich erzählt
Zehn Bilder einer LiebeDavid
David hat Luisa nach vielen Jahren wiedergesehen und sich im Gegensatz zu ihr an sie erinnert. Damals war er mit seinen Eltern auf Milos gewesen und hatte ihr beim Tanzen zugesehen, er war neunzehn. ...
David
David hat Luisa nach vielen Jahren wiedergesehen und sich im Gegensatz zu ihr an sie erinnert. Damals war er mit seinen Eltern auf Milos gewesen und hatte ihr beim Tanzen zugesehen, er war neunzehn. Jetzt war sie in der Halle aufgetaucht, in denen er mit zwei Freunden Schiffe restauriert. Er kann kaum glauben, dass sie eine zehnjährige Tochter hat.
Der Plastikbecher mit seinem Sperma war nicht richtig verschlossen. Die Probe hat sich unter seiner Jeans verbreitet und ist wertlos. Im Aufzug der Kinderwunschklinik vor ihm stehen zwei Frauen Hand in Hand, verträumt lächelnd. Bei ihnen scheint es geklappt zu haben. Zuerst konnte er sich in der Praxis nicht gehen lassen. Statt sich selbst zu erregen, fuhr er Kopfkino. Die Rezeptionsmitarbeiterin gab ihm einen Becher, damit er ihn zuhause, in entspannter Atmosphäre füllen könnte. Dann würden sie zur erneuten Insemination kommen, alles kein Problem. Jetzt fühlt er sich schlecht und weiß nicht, wie er Luisa das erklären soll. Sie wird ihn für einen Versager halten und er kann es ihr nicht verdenken. Es war schließlich seine Idee. Sie wäre zufrieden gewesen mit ihrer Situation, sie hatte ja schon Ronya geboren. Er vermisst die ersten Jahre des Heranwachsens, sehnt sich nach einer richtigen Bande, einer festen, intensiven Vater-Kind-Beziehung. Er bräuchte einfach nur seinen Part zu leisten. Was war das schon im Gegensatz zu Luisa, die hormonell behandelt wird, die Stimmungsschwankungen in Kauf nimmt und sich seine aufbereiteten Zellen einpflanzen lässt. Er sieht schon die Spur der Enttäuschung in ihrem Gesicht, die sie versucht vor ihm zu verbergen.
Luisa
Er hat sie angerufen und ihr von seinem Malheur erzählt. Natürlich ist sie enttäuscht, wird aber versuchen, sich nichts anmerken zu lassen. Sie hilft Ronya, sich als Robin Hood zu verkleiden, wirft ihr die grüne Strumpfhose zu. Als sie die Haustüre zufallen hört, dreht sie sich um und sieht David gebeugt im Flur stehen. Sie ignoriert seine Haltung, will ihn jetzt nicht auffangen. Sie setzt sich auf den Balkon, während David zu Ronya ins Zimmer geht. Dort wird er Stunden bleiben, um sich nicht mit ihr auseinandersetzen zu müssen, sie kennt das. Also fährt sie in ihre Küche, um das Event für morgen vorzubereiten.
Fazit: Hannes Köhler zeigt ein Paar, das sich füreinander entschieden hat. Wie sie sich kennengelernt haben. Was für Luise mit dem Vater ihrer Tochter nicht gestimmt hat und wie sie Davids Verlässlichkeit schätzt. Sie meistern gemeinsam alltägliche Hürden und bringen sich zu gleichen Teilen in die Beziehung ein. Beide hegen ihre Zweifel am anderen und an sich selbst, raufen sich aber immer wieder zusammen. Davids Kinderwunsch und die damit verbundenen Strapazen sind eine große Herausforderung für das Paar. Der Autor erzählt mit großem Einfühlungsvermögen, lotet beide Seiten aus, lässt beiden genug Raum, sich zu zeigen. Beide Charaktere sind in ihrem Handeln und Denken so wundervoll normal. Es ist erstaunlich, wie sehr wir unsere eigenen Erwartungen an uns selbst auf unsere Partner*innen projizieren und uns damit boykottieren. Hannes Köhler lässt seine Protagonisten ein Beziehungsmodell finden, das sich nicht am Außen orientiert, sondern am Ende für sie beide passt. Eine gleichberechtigte Liebe mit beiderseitigen Entwicklungsmöglichkeiten ohne gängige Klischees. Und eine Geschichte zweier kluger Menschen, denen ich sehr gerne zugeschaut habe.