Eine einfühlsame Entwicklungserzählung
Hunger und ZornDer Vater ist sich sicher, dass Isor, seine dreizehnjährige Tochter schon immer eine Art Geistesschwäche hatte. Die Mutter spricht voller Liebe über ihr Kind und schwelgt in schönen Erinnerungen. Wie sie ...
Der Vater ist sich sicher, dass Isor, seine dreizehnjährige Tochter schon immer eine Art Geistesschwäche hatte. Die Mutter spricht voller Liebe über ihr Kind und schwelgt in schönen Erinnerungen. Wie sie die blauen Samtbänder kaufte, die Isor ausgesucht hatte und sie ihr in die Zöpfe flocht. Isor gibt sich ganz dem Schmerz hin und verwandelt ihn in Traurigkeit, aber auch in der Freude ist sie ganz präsent. Ihre Bewegungen sind linkisch und unbeholfen, sie macht alles auf ihre Weise.
Isor tanzt zur Musik in ihrem Kopf, findet Erfüllung in ihren Bewegungen. Der Tanz ist erst zu Ende, wenn sie auf dem Boden liegt mit einem Lächeln im Gesicht. Sie wollte nie lernen, nicht sprechen, nicht die Namen der Eltern. Nie hat sie sie aus der Wiege heraus angelächelt. Die Ärzte rieten von Schulbesuchen ab. Wenn die Eltern sie zu Hause unterrichteten, bekam sie Wutanfälle, die wie ein Unwetter über sie hereinbrachen.
Der Vater putzt die Fenster des 18. Arrondissements. Die Mutter ist bei der Feuerwehr, deshalb hat der Vater zu Anfang seine Stunden gekürzt und blieb bei Isor. Bis sie zwei war, gab es keine Auffälligkeiten, außer, dass sie unruhig war. Entspannen konnte sie sich erst, wenn sie die Übertragung einer japanischen Hockeymannschaft sah und die hysterischen Kommentatoren und der frenetische Jubel ertönten. Der Vater hatte das durch Zufall entdeckt. Eine erste Untersuchung ergab, dass sie Reize braucht, akustisch, sensorisch, visuell, ganz egal. Es muss Emotionen in ihr hervorrufen, dann beschäftigt sie sich Stunden damit.
Fazit: Wow! Alice Renard hat mich mit ihrem Debüt mitgenommen. Sie zeigt das Innenleben eines Mädchens, das frühkindlichen Autismus entwickelte. Ihre Protagonistin hat wenige Ausdrucksmöglichkeiten. Sie spricht nicht und meidet Kontakt. Ihrer Überforderung macht sie durch Wut Luft. Die Geschichte ist klug aus Sicht der Eltern erzählt. In einzelnen Abschnitten lässt die Autorin – ähnlich eines Interviews – abwechselnd die Mutter oder den Vater zu Wort kommen. Wobei die Mutter die Eigenarten betont und träumerisch beschönigt und der Vater die mangelnde Leistungsfähigkeit moniert. Interessant ist auch die schulmedizinische Odyssee beschrieben. Alle Spezialisten tun so, als verstünden sie, welche Probleme Isor hat. Tatsächlich aber sind sie nach anfänglicher Euphorie bald ebenso ratlos und resigniert wie die Eltern. Als Isor den alten, einsamen Nachbarn kennenlernt, beginnt eine gegenseitige Akzeptanz und Bewunderung. Er lässt Isor, wie sie ist und freut sich über das, was sie ihm bietet. Durch Beobachten erkennt er, was Isor braucht und gibt es ihr. Für mich ist die Geschichte auch eine klare Ansage an unsere Leistungsgesellschaft über den angemessenen Umgang mit Neurodiversität. Muss man Menschen in eine Norm quetschen, nur weil die „meisten“ so funktionieren oder sollten wir Menschen individueller betrachten und eigene „besondere“ Fähigkeiten fördern oder wenigstens akzeptieren? Eine einfühlsame Entwicklungserzählung mit nicht zu erwartendem Ausgang, die ich sehr genossen habe. Die Geschichte wurde in Frankreich mehrfach ausgezeichnet.