Profilbild von SimoneF

SimoneF

Lesejury Star
offline

SimoneF ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit SimoneF über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.04.2025

Ein schöner Wohlfühlroman

Ms Darling und ihre Nachbarn
0

Dorothy Darling lebt seit 34 Jahren in Shelley House, einem historischen Mietshaus, das inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen ist und seinen Glanz eingebüßt hat. Dorothy jedoch hängt an diesem Haus ...

Dorothy Darling lebt seit 34 Jahren in Shelley House, einem historischen Mietshaus, das inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen ist und seinen Glanz eingebüßt hat. Dorothy jedoch hängt an diesem Haus und fühlt sich dafür verantwortlich, dass alles ordnungsgemäß abläuft. Regelmäßige Kontrollgänge, Beschwerdebriefe an den Vermieter und die genaue Beobachtung der Nachbarn und ihrer etwaigen Regelverstöße gehören daher zu Dorothys Tagesroutine – ihrem wachsamen Blick entgeht nichts. Eines Tages zieht Kat, eine junge Frau mit pinken Haaren, als Untermieterin bei ihrem Nachbarn Joseph und dessen Hund Reggie ein, sehr zu Dorothys Missfallen. Doch es kommt noch schlimmer: Alle sechs Parteien bekommen Post vom Vermieter: Das Haus ist zu räumen, es muss einem Neubau weichen und wird abgerissen. Während Dorothy den Brief konsequent ignoriert, geht Joseph auf die Straße und demonstriert. Bis er eines Tages bewusstlos in der Wohnung liegt. Die Spekulationen sprießen: Was ist passiert? War es ein Unfall oder wurde nachgeholfen? Wie geht es nun weiter? Und wer kümmert sich um Reggie? Kat und Dorothy müssen wohl oder übel zusammenarbeiten, auch wenn jede ihre eigenen Interessen verfolgt.

Die meisten, die schon mal zur Miete in einem Wohnblock gelebt haben, dürften jemanden kennen, der ähnlich wie Dorothy über die Einhaltung der Hausordnung wacht und das Verhalten seiner Nachbarn beobachtet. Mir kam jedenfalls auf Anhieb eine frühere Nachbarin in den Sinn, deren Bild ich beim Lesen vor Augen hatte und die uns junge Leute damals ins Visier nahm.

Zu Beginn scheinen die Nachbarn in Shelley House bis auf die Anschrift nichts gemeinsam zu haben, und so kocht jeder sein eigenes Süppchen. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto besser lernt man die einzelnen Charaktere kennen, ihre Ängste, ihre Vergangenheit und die Gründe, warum sie so sind, wie sie sind. Man sieht sie in einem anderen, neuen Licht und entwickelt ein Verständnis für ihr Handeln. Das gilt auch für die Hausgemeinschaft untereinander. Mir hat das sehr gut gefallen und auch zu denken gegeben.

Für mich ist „Ms Darling und ihre Nachbarn“ ein wunderbarer Wohlfühlroman, der auch nachdenkliche, humorvolle und spannende Elemente enthält. Ich empfehle ihn auf jeden Fall sehr gerne weiter!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.04.2025

Brilliant!

Die Fletchers von Long Island
0

Die Fletchers sind eine reiche jüdische Industriellenfamilie aus Middle Rock, Long Island. Ein Tag im Jahr 1980 markiert einen Wendepunkt in ihrem Leben, als Carl Fletcher entführt wird. Nach Zahlung eines ...

Die Fletchers sind eine reiche jüdische Industriellenfamilie aus Middle Rock, Long Island. Ein Tag im Jahr 1980 markiert einen Wendepunkt in ihrem Leben, als Carl Fletcher entführt wird. Nach Zahlung eines Lösegeldes kommt er nach einigen Tagen wieder frei, doch die Entführung prägt nicht nur Carl, sondern auch seine Frau Ruth und die drei Kinder Beamer, Nathan und Jenny für den Rest ihres Lebens. Die Familie versucht, dieses Trauma totzuschweigen, jeder geht allein und auf seine Weise damit um, und kommt doch nicht davon los.

Selten hat ein Roman bei mir eine solche Bandbreite an Reaktionen ausgelöst wie „Die Fletchers von Long Island“. Durch die meisten Kapitel bin ich nur so hindurchgeflogen, ein paar wenige haben mich aber eher abgestoßen. Die sado-masochistischen Eskapaden von Beamer hätte ich nicht in dieser Detailtiefe lesen müssen, und ich war ganz froh, als diese Passagen vorbei waren. Allerdings waren sie für die Handlung und das Verständnis der Figur wichtig. Dennoch hätte ich manchmal lieber zwischen den Zeilen gelesen und auf die ein oder andere vulgäre Wortwahl verzichtet. Abgesehen davon hat mich der Schreibstil der Autorin wirklich begeistert, und ich liebe ihren messerscharfen, schwarzen Humor. Auch die Komposition des Romans gefiel mir ausgesprochen gut: Erzählt wird äußerst unterhaltsam aus einer auktorialen Perspektive, die der Reihe nach den Schwerpunkt auf das Leben von Beamer, Nathan und Jenny legt und durch Rückblenden nach und nach deren Werdegang beschreibt. Wie bei einem Mosaik entsteht so Stück für Stück bis zum Schluss ein Gesamtbild.

Taffy Brodesser-Akner zeigt die Auswirkungen nicht aufgearbeiteter Traumata und das übersättigte Leben steinreich geborenen Nachwuchses, dem Lebensziel und Ehrgeiz fehlen. Trotz der eigentlich eher düsteren und traurigen Grundthematik schreibt sie so kurzweilig und humorvoll, dass die stattlichen 576 Seiten wie im Flug vergehen. Eine große Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.04.2025

Der Abenteuer-Express ist wieder unterwegs!

Abenteuer-Express (Band 3) – Entdeckung im Safari Star
0

Die Abenteuer-Express-Reihe um den Hobbydetektiv Henry und seinen Onkel Nat gehört für uns zu den schönsten Kinderbuchreihen, und so konnten mein Sohn (11) und ich den dritten Band, „Entdeckung im Safari ...

Die Abenteuer-Express-Reihe um den Hobbydetektiv Henry und seinen Onkel Nat gehört für uns zu den schönsten Kinderbuchreihen, und so konnten mein Sohn (11) und ich den dritten Band, „Entdeckung im Safari Star“, kaum erwarten.

In diese begeben sich Henry und sein Onkel Nathaniel auf eine ereignisreiche Zugreise mit einer historischen Dampflok quer durch Afrika, von Pretoria in Südafrika über den Krüger Nationalpark durch Simbabwe bis nach Sambia zu den Victoriafällen. Die Reisegesellschaft besteht aus interessanten, teils skurrilen Charakteren, und in Watson, dem Sohn der Reiseleiterin, findet Henry auch schnell einen Freund, dem sein Gelber Mungo Chippo nicht von der Seite weicht. Die unbeschwerte Reise nimmt eine unerwartete Wendung, als einer der Fahrgäste plötzlich tot in seinem Abteil liegt.

Das Grundprinzip der Reihe – innerhalb einer geschlossenen Gesellschaft geschieht ein Verbrechen – erinnert an klassische Detektivromane von Agatha Christie, und aufgrund des Zug-Settings natürlich vor allem an „Mord im Orientexpress“. Und ähnlich verzwickt sind auch die Fälle, die Henry lösen muss. Wie bei Christie stehen dabei nicht Action oder moderne Technik im Vordergrund, sondern Logik und Kombinationsgabe.

Während der Zugreise erfährt man zudem allerlei Wissenswertes über die Tierwelt, bedrohte Arten und Sehenswürdigkeiten. Uns ist auch Chippo sofort ans Herz gewachsen und hat uns dazu gebracht, noch etwas mehr über Gelbe Mungos nachzulesen.

Sehr schön dargestellt wird das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Onkel Nat und Henry. Nat begegnet Henry auf Augenhöhe, nimmt seine Gedanken und Gefühle ernst und steht ihm jederzeit mit Rat und Tat zu Seite, ohne ihn zu bevormunden. Im Gegenzug ist Henry Onkel Nat gegenüber ehrlich und sucht seinen Rat, wenn er alleine nicht weiterkommt.

Wie bei den anderen Bänden dieser Reihe ist auch dieser wieder wunderschön mit einer Vielzahl an sehr detailliert und liebevoll ausgearbeiteten Schwarz-Weiß-Zeichnungen illustriert, die zum Großteil aus Henrys „Skizzenbuch“ stammen, da Henry ein begeisterter und begabter Zeichner ist und seine Eindrücke von der Reise und dem Fall mit Kohlestiften festhält.

Mein Sohn ist ein riesengroßer Fan dieser Reihe und stellt mit Begeisterung seine eigenen Überlegungen zur Lösung der Fälle an. Er fiebert richtig mit und findet es nach eigener Aussage besonders toll, dass die Bände in der realen Welt spielen und mal keinen Magie- oder Fantasy-Anteil haben. Angesichts des Booms magischer Welten im Kinderbuchsektor ist diese Reihe tatsächlich eine sehr willkommene Ausnahme. Auch als Erwachsene habe ich mit meinem Sohn bis zum Schluss gespannt mitgerätselt und tappte bezüglich der Auflösung im Dunkeln.

Wir freuen uns jetzt schon sehr auf den 4. Band, der im August 2025 erscheinen wird, und empfehlen diese Reihe rundum weiter!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.04.2025

Wenn die Grauses Freunde suchen, bleibt kein Auge trocken!

Willkommen bei den Grauses 2: Freunde finden für Anfänger
0

Mein Sohn (11) war schon nach Teil 1 so begeistert von den Grauses, dass er ständig nachgefragt hat, wann denn der zweite Teil erscheinen würde. Nun war es soweit, und wir sind innerhalb eines Nachmittags ...

Mein Sohn (11) war schon nach Teil 1 so begeistert von den Grauses, dass er ständig nachgefragt hat, wann denn der zweite Teil erscheinen würde. Nun war es soweit, und wir sind innerhalb eines Nachmittags und Abends regelrecht durch das Buch geflogen.

Worum geht`s? Die Grauses erhalten ein Schreiben von IFAW (Institut für andersartige Wesen): Sie müssen binnen 13 Tagen Freunde finden, für jedes Familienmitglied einen. Zum Glück steht Ottilie aus dem Nachbarhaus mit Rat und Tat zur Seite, denn es ist gar nicht so leicht, wenn man als Dilldapp, Schrat, Flaschengeist, Felfe, Geistermädchen oder Werwolf unter Menschen nicht auffallen und sich möglichst normal benehmen soll. Doch was ist schon normal?

Die einzelnen Familienmitglieder treten bei ihrer Freundschaftssuche treffsicher in die herrlichsten Fettnäpfchen, und wir haben beim Lesen bzw. Vorlesen wirklich viel gelacht. Es ist einfach zu komisch, und Sabine Bohlmann beschreibt die Charaktere und Situationen wunderbar liebenswert. Bei allem Spaß und Klamauk hat jedoch auch dieses Buch wieder eine ganz wichtige Botschaft: Jede und jeder von uns ist auf seine eigene Art seltsam oder ein bisschen komisch, und daher sollten wir auch mit Nachsicht auf die Eigenheiten unserer Mitmenschen blicken. Denn „normal“ gibt es im Grunde nicht. Und vielleicht bereichert ja gerade die kleine Marotte des anderen unser eigenes Leben und hilft uns, über unseren eigenen Tellerrand hinauszusehen? Die Geschichte ermutigt dazu, aufeinander unvoreingenommen zuzugehen und offen für Neues zu sein. Und oft hat man auf den zweiten Blick ja doch mehr gemeinsam, als zunächst gedacht.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Reihe durch die vielen lustigen Szenen auch Kinder begeistert, die nicht so gerne lesen. Wir können „Willkommen bei den Grauses – Freunde finden für Anfänger“ auf jeden Fall rundum weiterempfehlen und hoffen sehr auf eine Fortsetzung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.03.2025

aufwühlend und intensiv

Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen
0

Dieses Buch wäre beinahe an mir vorbeigegangen, weil ich anhand des Titels eine völlig andere Geschichte erwartet hatte. Doch zum Glück habe ich doch einen zweiten Blick darauf geworfen.

Eva wächst in ...

Dieses Buch wäre beinahe an mir vorbeigegangen, weil ich anhand des Titels eine völlig andere Geschichte erwartet hatte. Doch zum Glück habe ich doch einen zweiten Blick darauf geworfen.

Eva wächst in einem kleinen Dorf bei Belgrad auf, die erste Ehe, aus der ihr kleiner Sohn Mario stammt, ist unglücklich und endet früh. Sie lernt Viktor kennen, verliebt sich in den athletischen jungen Mann, der wortgewandt ist und den intellektuellen Schriftsteller gibt, aufgeklärt, feministisch und modern. Doch hinter der Fassade steckt ein hoch manipulativer, zutiefst egoistischer Charakter, der es versteht, Eva klein zu halten, zu kontrollieren und ihr Schuldgefühle einzureden. Die Situation wird schlimmer, als die beiden gemeinsam nach Deutschland gehen. Eva kommt nicht von Viktor los, obwohl Körper und Psyche rebellieren, sie lässt sich immer wieder von seiner selbstmitleidigen Art einlullen und sich von ihm etwa durch Gaslighting manipulieren. Ihre Beziehung ist ein ständiges Auf und Ab und aus physischer und psychischer Gewalt und tränenreichen Versöhnungen, die Viktor zu inszenieren versteht.

Milica Vučković schreibt in der Ich-Perspektive, direkt und unmittelbar, so dass man als Leser:in ganz nahe an Eva dran ist, fast so, als säße sie neben einem und erzählte ihre Geschichte. Hierdurch habe ich Evas Leben ganz besonders intensiv wahrgenommen, und es hat mich richtig aufgewühlt. Ich war wütend auf Viktor, wollte ihm am liebsten mal so richtig die Meinung sagen, und gleichzeitig Eva bei den Schultern packen und sie aufrütteln.

Besonders erschüttert hat mich Milica Vučkovićs Bemerkung in der Danksagung, dass der Roman großteils auf dem Lebensweg einer Freundin von ihr beruht.

Für mich war dieses Buch eine unverhoffte, aber sehr bewegende Entdeckung. Noch immer stecken sehr viele Frauen in toxischen Beziehungen, und Bücher wie dieses führen eindringlich deren Mechanismen vor Augen. Es bleibt zu hoffen, dass sie die Augen öffnen und dabei helfen, Alarmsignale frühzeitig zu erkennen und auszubrechen. Ich möchte Milica Vučkovićs Roman daher unbedingt weiterempfehlen. Gerade die Leser:innen von Lana Lux‘ „Geordnete Verhältnisse“ könnten auch „Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen“ sehr schätzen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere