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Veröffentlicht am 26.05.2025

Ein echtes Schmuckstück!

Der alte Mann und das Meer
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„Der alte Mann und das Meer“ von 1951 ist eines der bekanntesten Werke Ernest Hemingways und trug mit dazu bei, dass ihm 1954 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde.
Santiago, der seit 84 Tagen ...

„Der alte Mann und das Meer“ von 1951 ist eines der bekanntesten Werke Ernest Hemingways und trug mit dazu bei, dass ihm 1954 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde.
Santiago, der seit 84 Tagen glücklose Fischer, fährt weit aufs Meer hinaus, entschlossen, einen großen Fang zu machen. Es beißt auch tatsächlich ein riesiger Marlin an, und es beginnt ein Kräftemessen zwischen dem alten Fischer und dem Tier, ein Kampf auf Leben und Tod.
Hemingway greift in dieser Novelle bekannte Motive aus seinen anderen Werken auf wie die Bewahrung der Würde im Scheitern und die Niederlage im Sieg. Aus heutiger Sicht recht veraltet erschienen mir seine Darstellung und sein Verständnis von Männlichkeit, das sehr stark dem Bild der damaligen Zeit entspricht.
Die Schmuckausgabe von arsEdition wurde von Jorghi Poll wunderschön illustriert. Bereits das Cover ist ein absoluter Blickfang in jedem Buchregal, und die ganz- bzw. doppelseitigen, sehr detaillierten Zeichnungen in kräftigen, aber sehr angenehmen Farben lassen Hemingways Text lebendig werden. Die vorherrschenden Blautöne sind perfekt gewählt, und die Szenen sind ausdrucksstark und dynamisch. Einzelne Textzeilen sind wellenförmig angeordnet und in blauer, kräftiger Schrift hervorgehoben.
Ich bin wirklich begeistert von der Gestaltung dieser Ausgabe, und hoffe, dass Jorghi Poll noch weitere Werke der Weltliteratur für arsEdition gestalten darf. Er hat hier ein echtes Schmuckstück geschaffen, das das Herz jedes Buchliebhabers höher schlagen lässt.

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Veröffentlicht am 21.05.2025

Kulturell und thematisch hochinteressant, für mich ein Highlight

Hello Baby
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„Hello Baby“ behandelt ein Thema, das in den meisten Gesellschaften noch immer ein Tabu ist: Unerfüllter Kinderwunsch. Darüber zu sprechen, ist für viele Paare schwierig, da das Unvermögen, auf natürlichem ...

„Hello Baby“ behandelt ein Thema, das in den meisten Gesellschaften noch immer ein Tabu ist: Unerfüllter Kinderwunsch. Darüber zu sprechen, ist für viele Paare schwierig, da das Unvermögen, auf natürlichem Weg ein Kind zu zeugen, einen sehr intimen Lebensbereich betrifft, es mit einem „körperlichen Makel“ verbunden ist und zugleich emotional für das Paar äußerst belastend. Umso beachtenswerter fand ich es, dass die Autorin Kim Eui-kyung selbst ungewollt kinderlos ist und eigene, bisher erfolglose Erfahrungen mit IVF gemacht hat.

Kim Eui-kyung erzählt abwechselnd aus der Perspektive von sechs Frauen, die zwischen Ende 30 und Mitte 40 sind und sich in einer südkoreanischen Fruchtbarkeitsklinik über Jahre IVF-Behandlungen unterziehen. Der gemeinsame Leidensweg macht sie zu Freundinnen, und sie tauschen sich regelmäßig in ihrer Chatgruppe „Hello Baby“ aus, stützen und ermutigen sich gegenseitig.

Durch ein befreundetes Paar kenne ich die Strapazen einer IVF, das damit verbundene Hoffen und die Enttäuschung bei Fehlversuchen, und vieles, was in diesem Buch beschrieben wurde, hat mich daran erinnert. Auch die Klage der Frauen über die mangelnde Unterstützung durch die Partner kam mir sehr bekannt vor.

Der Schreibstil des Buches ist klar, nüchtern, so dass „Hello Baby“ teilweise wie ein Sachbuch oder Erfahrungsbericht wirkt. Das hat mir sehr gut gefallen, da ich kein Fan übermäßig emotionaler Bücher bin. Trotz der rationalen Herangehensweise gelingt es Kim Eui-kyung, die psychische und physische Belastung der Frauen eindrücklich darzustellen.

Hochinteressant fand ich den Einblick in die südkoreanische Kultur. Im Gegensatz zu der sehr individualisierten westlichen Gesellschaft hat hier insbesondere die Schwiegerfamilie der Ehefrau eine große Bedeutung. Zugleich wird deutlich, dass sich die südkoreanische Gesellschaft in einem Umbruch zwischen Tradition und Moderne befindet: Auf der einen Seite ist da die ältere Generation mit konservativen patriarchalen Vorstellungen von Ehe und Familie, die enormen Druck auf die Frauen ausübt, ein Kind, möglichst einen Jungen, zur Welt zu bringen. Teilweise wirkt es, als würden potentielle Ehefrauen vor allem unter dem Aspekt der Gebärfähigkeit betrachtet. Und auf der anderen Seite stehen die Jüngeren, die gut ausgebildet im Beruf stehen und sich fragen, welche möglicherweise negativen Auswirkungen eine Mutterschaft haben könnte in Bezug auf Selbstverwirklichung, Selbstständigkeit und Berufstätigkeit. Angesichts der extrem frauenfeindlichen Arbeitswelt eine verständliche Überlegung. Unter welchem Druck schwangere Frauen und Mütter in der Arbeit stehen und wie sehr sie – auch von anderen Frauen – angefeindet werden, wenn sie Mutterschutz oder Elternzeit in Anspruch nehmen, hat mich wirklich erschreckt. Hier wurde mir wieder bewusst, wie wichtig die Errungenschaften sind, die sich die Frauen in Deutschland diesbezüglich erkämpft haben. Auch wenn ich manchmal den Eindruck habe, dass bei uns in vielen Bereichen eine mehr oder weniger latente Kinderfeindlichkeit vorherrscht, ist das kein Vergleich mit dem, was Kim Eui-kyung beschreibt. Dies dürfte zugleich sowohl Ursache als auch Folge der weltweit niedrigsten Geburtenrate von 0,72 Kindern pro Frau (2023) in Südkorea sein.

Mir hat dieses Buch so gut gefallen, dass ich am liebsten noch viel mehr gelesen hätte und mir der Schluss, der sehr zu denken gibt, fast zu schnell kam. Für mich definitiv ein Highlight in diesem Frühjahr.

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Ein Highlight!

Der Gott des Waldes
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Mitten in einem Naturreservat in den Adirondack Mountains befindet sich ein Feriencamp, das alljährlich für zwei Sommermonate Jugendliche beherbergt. Im Sommer 1975 ist auch Barbara van Laar, die dreizehnjährige ...

Mitten in einem Naturreservat in den Adirondack Mountains befindet sich ein Feriencamp, das alljährlich für zwei Sommermonate Jugendliche beherbergt. Im Sommer 1975 ist auch Barbara van Laar, die dreizehnjährige Tochter der Besitzer dabei. Gegen Ende des Camps verschwindet sie plötzlich spurlos, und eine großangelegte Suche beginnt. Barbaras Familie hat einen Sommersitz auf dem weitläufigen Grundstück, und 14 Jahre zuvor ist bereits Barbars kleiner Bruder Bear plötzlich verschwunden und nie wieder aufgetaucht...

Diese Geschichte hat auf mich von der ersten Seite an einen Sog entwickelt. Sie wird abwechselnd aus der Sicht unterschiedlicher Personen erzählt - u.a.  einem Mädchen aus dem Sommercamp, einer Betreuerin, einer Polizistin,  Barbaras Mutter und einem Feuerwehrmann, und springt dabei zwischen verschiedenen Zeitpunkten in den 1950er Jahren, 1961, 1963 und 1975 hin und her. Diese Art des Erzählens, wenn sich durch Rückblenden und Perspektivwechsel nach und nach die Puzzleteile zu einem Ganzen zusammensetzen, mag ich besonders gerne, da man hierdurch die einzelnen Charaktere aus mehreren Blickwinkeln kennenlernt. Es ist beeindruckend, dass es der Autorin Liz Moore gelingt, trotz dieser Sprünge ein angenehm zu lesendes Werk zu schaffen, bei dem man als Leserin jederzeit den Überblick behält.

"Der Gott des Waldes" ist kein klassischer Thriller, sondern eher ein raffiniert konstruierter literarischer Kriminalroman, der neben der Lösung des Falles den Blick auch auf gesellschaftliche Themen richtet. So wirft die Geschichte auch einen Blick auf die traditionellen Rollenmuster und deren allmählichen Wandel im Laufe der Jahre, auf Vorurteile gegenüber weiblichen Kriminalbeamtinnen noch in den 70er Jahren und auf die Macht, die Reichtum und Status verleihen.

Ein sehr spannender und gesellschaftskritischer Roman, den ich definitiv weiterempfehlen möchte!

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Veröffentlicht am 15.04.2025

Sehr lesenswert!

Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?
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Jonas, genannt, Johnny, ist 12 Jahre alt und der Anführer der"Sheriffs", einer vierköpfigen Schulhofbande. Johnny hat ständig Unsinn im Sinn und ist folglich Stammgast im Direktorat. Eines Tages verschwindet ...

Jonas, genannt, Johnny, ist 12 Jahre alt und der Anführer der"Sheriffs", einer vierköpfigen Schulhofbande. Johnny hat ständig Unsinn im Sinn und ist folglich Stammgast im Direktorat. Eines Tages verschwindet sein Mitschüler Amin, der aus Afghanistan geflüchtet ist und in einer Flüchtlingsunterkunft lebt. Johnny hat Amin bisher kaum wahrgenommen, doch Matteo will ihm seine Bande abspenstig machen, und um weiterhin Anführer zu bleiben, muss er als Wette herausfinden, was mit Amin passiert ist. Zufällig findet Johnny dabei Amins Tagebuch, und je mehr er darin liest, desto mehr lernt er über Amin, aber auch über sich selbst. Schließlich macht sich Johnny auf, um Amin zu suchen...

Ich habe das Buch zusammen mit meinem elfjährigen Sohn gelesen.

Die Geschichte ist aus der Perspektive von Johnny geschrieben, der in lockerem Ton, und mit viel Witz und Selbstironie erzählt. Johnny war uns auf Anhieb sympathisch. Er steckt zwar oft in Schwierigkeiten, da er allerlei Flausen im Kopf hat und oft handelt ohne nachzudenken, aber es ist schnell klar, dass er im Grunde ein lieber Kerl ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat.

Durch das Tagebuch erfährt man als Leser:in von Amins Flucht, auf der er bei einem Angriff von seinen Eltern und Geschwistern getrennt wurde und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam. Der Krieg in Afghanistan wird nur sehr vage beschrieben, vielmehr liegt das Augenmerk auf Amins Situation in Deutschland: Er ist einsam, vermisst seine Familie und bleibt in der Klasse unsichtbar. Niemand will etwas mit ihm zu tun haben, er wird schnell mit Vorurteilen konfrontiert und des Diebstahls bezichtigt. Den Menschen selbst nimmt kaum jemand wahr.

Der Autorin gelingt es, für die Situation geflüchteter Kinder zu sensibilisieren und zeigt, wie wichtig es ist, diese in die Klassengemeinschaft aufzunehmen. Durch die Tagebucheinträge können sich die jungen Leser:innen in Amins Lage einfühlen und werden ermutigt, auf geflüchtete Mitschüler:innen zuzugehen. Zudem zeigt die Geschichte anhand mehrerer Figuren, wie schnell falsche Gerüchte in die Welt gesetzt werden, und wie wichtig es ist,  diese kritisch zu hinterfragen.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch spannend und sehr unterhaltsam geschrieben, und meinem Sohn und mir hat es sehr gut gefallen. Da der Krieg in Afghanistan nur mit wenigen Worten umschrieben ist und die Flucht nach Deutschland nicht näher ausgeführt wird, habe ich mit meinem Sohn noch ausführlich darüber gesprochen.

Das Buch eignet sich meiner Meinung nach sehr gut als Einstieg in diese Thematik, und ich könnte es mir in der 5. oder 6. Klasse auch gut als Klassenlektüre vorstellen. 

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Veröffentlicht am 15.04.2025

Ein schöner Wohlfühlroman

Ms Darling und ihre Nachbarn
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Dorothy Darling lebt seit 34 Jahren in Shelley House, einem historischen Mietshaus, das inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen ist und seinen Glanz eingebüßt hat. Dorothy jedoch hängt an diesem Haus ...

Dorothy Darling lebt seit 34 Jahren in Shelley House, einem historischen Mietshaus, das inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen ist und seinen Glanz eingebüßt hat. Dorothy jedoch hängt an diesem Haus und fühlt sich dafür verantwortlich, dass alles ordnungsgemäß abläuft. Regelmäßige Kontrollgänge, Beschwerdebriefe an den Vermieter und die genaue Beobachtung der Nachbarn und ihrer etwaigen Regelverstöße gehören daher zu Dorothys Tagesroutine – ihrem wachsamen Blick entgeht nichts. Eines Tages zieht Kat, eine junge Frau mit pinken Haaren, als Untermieterin bei ihrem Nachbarn Joseph und dessen Hund Reggie ein, sehr zu Dorothys Missfallen. Doch es kommt noch schlimmer: Alle sechs Parteien bekommen Post vom Vermieter: Das Haus ist zu räumen, es muss einem Neubau weichen und wird abgerissen. Während Dorothy den Brief konsequent ignoriert, geht Joseph auf die Straße und demonstriert. Bis er eines Tages bewusstlos in der Wohnung liegt. Die Spekulationen sprießen: Was ist passiert? War es ein Unfall oder wurde nachgeholfen? Wie geht es nun weiter? Und wer kümmert sich um Reggie? Kat und Dorothy müssen wohl oder übel zusammenarbeiten, auch wenn jede ihre eigenen Interessen verfolgt.

Die meisten, die schon mal zur Miete in einem Wohnblock gelebt haben, dürften jemanden kennen, der ähnlich wie Dorothy über die Einhaltung der Hausordnung wacht und das Verhalten seiner Nachbarn beobachtet. Mir kam jedenfalls auf Anhieb eine frühere Nachbarin in den Sinn, deren Bild ich beim Lesen vor Augen hatte und die uns junge Leute damals ins Visier nahm.

Zu Beginn scheinen die Nachbarn in Shelley House bis auf die Anschrift nichts gemeinsam zu haben, und so kocht jeder sein eigenes Süppchen. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto besser lernt man die einzelnen Charaktere kennen, ihre Ängste, ihre Vergangenheit und die Gründe, warum sie so sind, wie sie sind. Man sieht sie in einem anderen, neuen Licht und entwickelt ein Verständnis für ihr Handeln. Das gilt auch für die Hausgemeinschaft untereinander. Mir hat das sehr gut gefallen und auch zu denken gegeben.

Für mich ist „Ms Darling und ihre Nachbarn“ ein wunderbarer Wohlfühlroman, der auch nachdenkliche, humorvolle und spannende Elemente enthält. Ich empfehle ihn auf jeden Fall sehr gerne weiter!

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