Einsamkeit, Verlust und Erinnerung
Die Anatomie der EinsamkeitSchon in ihrem Debütroman "Die Halbwertszeit von Glück" erzählt Luise Pelt von Frauen, die in unterschiedlichen Zeiten leben und miteinander verbunden sind. Während es dort um die Vergänglichkeit des Glücks ...
Schon in ihrem Debütroman "Die Halbwertszeit von Glück" erzählt Luise Pelt von Frauen, die in unterschiedlichen Zeiten leben und miteinander verbunden sind. Während es dort um die Vergänglichkeit des Glücks ging, ist es diesmal die Einsamkeit mit ihren verschiedenen Facetten.
Im Jahr 2000 führt die erfolgreiche New Yorker Anwältin Claire ein erfolgreiches Leben, aber fühlt sich innerlich leer. Seit dem Verlust ihrer Zwillingsschwester ist sie isoliert. Zwei Jahrzehnte später kämpft die impulsive Journalistin Olive in London mit einem ähnlichen Gefühl. Trotz Beziehung und Familie scheint sie keinen emotionalen Halt zu finden. Die beiden Frauen verbindet ein alter Kompass, den Olive von ihrer Großmutter Poppy geerbt hat. Mit ihm beginnt eine Suche in der Familiengeschichte und in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Begleitet von Gedichten, die Poppy selbst geschrieben hat.
Luise Pelt bleibt sich treu. Ihr Schreibstil ist einfühlsam und mitreißend. Die Seiten fliegen nur so dahin. Wie schon in ihrem ersten Roman erzählt sie mit starken Bildern und Sätzen, die man sich merken möchte. Auch hier spielt die Geschichte in mehreren Zeitebenen und Perspektiven. Dies erfordert manchmal Aufmerksamkeit, sorgt aber gleichzeitig für Spannung und unterschiedliche Blickwinkel auf die Einsamkeit. Besonders gelungen ist die atmosphärische Beschreibung der Schauplätze. Die Natur wird hier nicht nur beschrieben, sondern spiegelt die inneren Zustände der Figuren.
Auch diesmal steht die Entwicklung der Figuren im Mittelpunkt. Claire wird gelassener und versucht weniger, alles zu kontrollieren, Olive beginnt, ihren Platz in der Welt zu suchen. Beide Figuren sind glaubwürdig dargestellt, auch wenn Olives Impulsivität manchmal an die anstrengenden Passagen von Mylene und Holly im ersten Buch erinnert. Doch wie schon in "Die Halbwertszeit des Glücks" gelingt es der Autorin, ihre Figuren zu entwickeln und sie am Ende zu sich selbst finden zu lassen. Kleine Schwächen im Mittelteil werden durch das gelungene Ende mehr als wettgemacht.
"Die Anatomie der Einsamkeit" ist ein intensiver Roman über Einsamkeit, Familie und Erinnerung. Wer den ersten Roman von Luise Pelt mochte, wird sich auch hier gut aufgehoben fühlen. Die Themen sind ernster, die Erzählweise noch fesselnder, die Charaktere besser ausgearbeitet. Wenn sich die Autorin zu ihrem nächsten Buch nochmal so steigert, wird der dritte Roman ein Meisterwerk.