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Veröffentlicht am 14.04.2025

Hilfe zur Selbstshilfe

People Pleaser
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Der Jugendroman geht ein ernstes Thema mit Witz an und bringt nicht nur jugendliche Leser ordentlich ins Grübeln.
Nina ist immer für alle da, für ihre Mutter, ihren jüngeren Bruder, ihre Freund:Innen ...


Der Jugendroman geht ein ernstes Thema mit Witz an und bringt nicht nur jugendliche Leser ordentlich ins Grübeln.
Nina ist immer für alle da, für ihre Mutter, ihren jüngeren Bruder, ihre Freund:Innen und die Boyfriends ihres Freundin Teo. Denn nur so geht es Nina gut, nur so hat ihr Leben einen Sinn. Oder etwa nicht? Denn eigentlich steckt ihre Freundschaft mit Teo, die in letzter Zeit eine selbstzerstörerische Ader in sich entdeckt hat, schon in der Krise, bevor der Badboy Aleks auftaucht und Teos Ehrgeiz in puncto Selbstzerstörung noch mehr entfacht. Da muss Nina doch eingreifen und helfen. Und wenn sie Teo selbst nicht helfen kann, muss sie Badboy Aleks umerziehen, damit er Teo nicht noch mehr Schaden zufügt. Ein ehrgeiziges Projekt, bei dem Nina gänzlich übersieht, dass es in ihrem Leben auch noch andere Personen gibt, denen ihr Interesse gelten sollte, nur nicht unbedingt im helfenden Sinne, und dass sie mit ihrem Hilfsprojekt mehr als eine Grenze überschreitet.
Anna Dimitrova hat vor dem Hintergrund eigener Erfahrung einen packenden Roman geschrieben, der mit viel Witz und Humor, aber auch mit Tiefgang und psychologischem Feingefühl das Thema people pleasing aufnimmt. Sie zeig auf, welche Motive zu dieser Art selbstverneinendem Helfersyndrom führen und welche Auswirkungen das nicht nur auf das Leben des pleasers haben kann. Einmal in die Hand genommen, mag man Ninas Geschichte nicht mehr weglegen. Sie wächst einem sehr ans Herz. Man leidet mit ihr, versteht manchmal mit ihr die Welt nicht mehr, sieht aber auch sehr deutlich, wo ihre Probleme liegen, und würde ihr nur zu gerne helfen. Aber am effektivsten ist es, den anderen dem Raum zu geben, sich selbst zu helfen. Über viele Dinge muss man während des Lesens nachdenken. Auch wenn man selbst vielleicht nicht die Therapie für die beste Freundin machen würde und wenn der Badboy in der Realität nicht wirklich so viele tiefgreifenden Probleme mit sich trägt, sondern wirklich nur ein blöder Arsch ist, so kommt man doch ins Grübeln, welche Wirkung ständige Hilfsbereitschaft auch auf die nahestehenden Personen hat. Dass sie nicht nur aus reiner Selbstlosigkeit entsteht, dass sie die anderen entmündigt oder ihnen die Möglichkeit nimmt, auch umgekehrt für den anderen da zu sein, und sie somit dazu bringt, sich als minderwertiger oder schlechter zu fühlen, sind nur einige der erhellenden Erkenntnisse aus der Lektüre.
Auch wenn das Ende dann doch wieder ein wenig zu glatt und zu viel Happy End ist, ist Ninas Story auf jeden Fall spannend zu lesen und führt auch jüngere Leser sensibel an ein wichtiges Thema, das des Selbstwertes, mit großem Unterhaltungsfaktor heran.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Schöner Schein

Bis die Sonne scheint
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Sympathisch ist der Erzähler in Schünemanns Roman „Bis die Sonne scheint“, der so unbeholfen wirkt und so anders als der Rest dieser Familie, die eine komische Mischung von Optimismus, Komik und gefährliche ...


Sympathisch ist der Erzähler in Schünemanns Roman „Bis die Sonne scheint“, der so unbeholfen wirkt und so anders als der Rest dieser Familie, die eine komische Mischung von Optimismus, Komik und gefährliche Verdrängungsmechanismen ausmacht. Diese haben die Eltern, Vater Architekt, Mutter gelernte Buchhalterin, zwischenzeitlich Wolllädcheninhaberin und bisweilen helfende Hand im Büro ihres Mannes, an den Rand des finanziellen Ruins getrieben. Doch das versuchen sie geschickt zu vertuschen, vor den Leuten im Dorf, vor den Kindern und vor der Großmutter. „Bis die Sonne scheint“ ist so etwas wie ihr Lebensmotto: Sie suchen so lange nach ihrem Lebenszuschnitt, bis ihnen die Sonne scheint. Allerdings machen ihnen Wolken immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Ein Konzept funktioniert, verspricht Erfolg. Doch dieser ist nicht von Dauer. Und schon muss man sich wieder auf die Suche nach der Sonne machen. Dies Prinzip setzt sich schon länger in beiden Familien fort. In Exkursen werden im Rückblick die Familiengeschichten beider Elternteile erzählt, beginnend mit dem Ende des Krieges 1945, der von allen eine Neuordnung des Lebens fordert. Immer wieder müssen Lebensmodelle über den Haufen geworfen werden, muss nach einem Scheitern ein Neuanfang gewagt werden. Höhen und Tiefen wechseln sich ab. Aber irgendwie gilt immer nur das Weitermachen, so kräftezehrend es auch ist, um ein klein wenig Lebensglück zu finden. Wem das nur schwer zu gelingen scheint, ist der junge Erzähler. Sein Glück fällt dem misslungene Lebenskonzept der Eltern zum Opfer: der Frankreichaustausch, den er ersehnt, kann nicht bezahlt werden, die Konfirmation schrumpft auf eine Minifamilienfeier und das Elternhaus gerät unter den Hammer. Zukunft ungewiss. Einziger Lichtblick ist Zoe. Ihre Eltern stammen aus dem Osten, aber sie haben im Westen Fuß gefasst. Geld spielt keine Rolle. Dafür bröckelt hier die Ehe der Eltern, die Mutter verfällt in eine Depression, der Vater hat eine neue. Auch keine Idylle.
Der Roman kann den Leser schon packen. Die Schicksale der Familien sind zum einen ergreifend, zum anderen nicht ohne Komik. Besonderes Highlight für die Zeitgenossen sind die vielen Reminiszenzen an die Zeitgeschichte. Auf jeden Fall ein spannendes Porträt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nur die vielen Sprünge in der Handlung in verschiedene Stränge der Vergangenheit und die bisweilen verwirrenden Beziehungsgeflechte in den Familien bringen beim Lesen schon einmal durcheinander: wer war das gleich noch mal?

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Leiden erschafft Großes

Bis unsre Seelen Sterne sind. Rilke und Lou Andreas-Salomé
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Das ist die Tragik vieler berühmter Künstler, dass ihr Leben voller Leiden Voraussetzung für ihre großartigen Kunstwerke ist. So ergeht es auch Rainer Maria Rilke. Ein schwieriges Verhältnis zu seiner ...

Das ist die Tragik vieler berühmter Künstler, dass ihr Leben voller Leiden Voraussetzung für ihre großartigen Kunstwerke ist. So ergeht es auch Rainer Maria Rilke. Ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter, eine unglückliche Physiognomie und eine der Sehnsucht verschriebenes Seelenleben, das sich schnell langweilt, wenn sich die Sehnsucht erfüllt, und das das Sehnen sucht, schaffen die Disposition für die großen Gedichte, die dem Künstler vor allem im Nachleben so viel Bewunderung und Verehrung eingebracht haben. Zu Lebzeiten führte er ein eher kümmerliches Leben, immer knapp bei Kasse, immer angewiesenen auf Gönner, immer in Angst vor dem weißen Blatt, immer auf der Suche nach so etwas wie Zuhause.
In ihrer Romanbiografie porträtiert Maxine wildner im Doppel Rile und Lou Andreas Salomé, eine ungewöhnliche Frau, Geliebte, Entdeckerin, Förderin und Vertraute Rilkes. Auch ihr Leben ist ein unstetes. Sie führt eine Ehe zum Schein und ein eher unkonventionelles Leben. Sie besucht nicht nur als eine der ersten Frauen die Universität, sie hat auch wechselnde Beziehungen zu Männern. Auch sie ist ständig auf Reisen und auf der Suche. Ihr Verhältnis zu Rilke ist wechselhaft. Sie ist viel älter. Er schwierig. Beide haben eine Anlage zum Narzissmus. Beide streben nach Unabhängigkeit, brauchen aber auch die Bewunderung, den Rat, die Inspiration des anderen.
Das Buch zeigt ein schonungsloses, nicht immer schönes Bild zweier unkonventioneller Leben. Insbesondere Rilke zeichnet die Autorin immer wieder abstoßend und flicht gleichzeitig seine wunderschönen Verse in ihren Text mit ein. Man kann schon verstehen, dass beide sich immer wieder suchten und gegenseitig abstießen, weil sie schon eine Art Seelenverwandte waren und zugleich immer auf der Suche nach etwas. Wildner zeigt weitere Parallelen auf, die sie verbanden, und macht diese Verbundenheit bis zum Moment von Rilkes Tod sehr deutlich. Es entsteht das spannende, ungewöhnliche Porträt einer Beziehung, die über eine Liebesbeziehung hinaus zu einer Beziehung einer tieferen Art der Liebe wird.
Einzig störend ist die Verwirrung, die bisweilen durch die Zeitsprünge vor und zurück zwischen Rilkes und Lous Leben entsteht in dem Bestreben, beiden Personen – auch über ihre gemeinsame Beziehung hinaus – gerecht zu werden.

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Veröffentlicht am 15.03.2025

Mascha, wo bist du?

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Die Ich-Erzählerin liebt kleine Häuser am liebsten mit Reetdach, Kaffee und die Gedichte von Mascha Kaléko. Diese stellt sie jedem Kapitel ihrer Lebensgeschichte motivisch voran und nutzt sie weniger zum ...

Die Ich-Erzählerin liebt kleine Häuser am liebsten mit Reetdach, Kaffee und die Gedichte von Mascha Kaléko. Diese stellt sie jedem Kapitel ihrer Lebensgeschichte motivisch voran und nutzt sie weniger zum Dialog mit der Dichterin als zum Monolog, mit dem sie der Dichterin und dem Leser ihr Leben für die Füße schüttet. So muss man es fast sagen. Denn motiviert von einem ihrer Gedichte oder einem Vers darin, macht sich ein Wortschwall Luft, bricht es aus der Erzählerin heraus. Ihr Leben bisher, liebevolle Kindheit, plötzlicher Liebesverlust, Systemsprengerin, mit 14 raus aus dem Heim und als Punk auf der Domplatte, sexualisierte Gewalt, Missbrauch, dann die Kehrtwende, Buchhändlerlehre, und, sie glaubt es selbst kaum, doch noch das Abitur und dann das Studium. Bücher waren der jungen Treberin ohne Zuhause immer so etwas wie Heimat. Als sie während der Buchhändlerlehre im Antiquariat auf Kalékos Gedichte stößt, scheint sie eine Seelenverwandte gefunden zu haben. Sie findet in ihren Gedichten, in denen sie, ganz dem neusachlichen Programm entsprechend, die Themen des menschlichen Lebens und Alltags im Sinne der Gebrauchslyrik in wohl verständliche, zugleich aber sehr ergreifende Worte packt. Bei aller Bewunderung ist sich die Erzählerin zugleich bewusst, dass ihr Ausdruck eher das Pathos ist. Sie ist in allem, was sie tut, leidenschaftlich, vor allem leidenschaftlich wütend, panisch und liebend. Das sind die drei Grundmotive ihres Lebens, die sich wechselseitig bedingen.
Mit schonungsloser Offenheit lässt sie den Leser immer tiefer in die Abgründe blicken. Beginnt zunächst alles ein wenig harmloser mit ihrer Vorliebe für kleine Reetdachhäuser, weil diese eine glückliche Kindheit symbolisieren, so führt ihr Weg dann bald in die abgeranzten Wohnungen wenig vertrauenerweckender Punks, die ihre Unsicherheit, Suche nach Nähe sowie auch ihre Trunkenheit nutzen, um sie zu missbrauchen. Drogen kommen ins Spiel und Obdachlosigkeit. Auch am Ende, als sie die Liebe gefunden zu haben scheint, lässt das miese Schicksal sie nicht los. Nun heißt ihr Gegner die Diagnose Krebs bei ihrem Mann.
Bisweilen wird es dem Leser ein bisschen viel, das Pathos, das Drama und auch die Ambivalenz von Geliebt und Verlassen Werden, von Angst und Furchtlosigkeit, die manchmal in verwirrender Weise koexistieren. Man erahnt hinter den Zeilen der Erzählerin die Autorin selbst, wenn man das annehmen darf, und bewundert sie für ihre Ehrlichkeit und Bereitschaft zur Selbstpreisgabe. Mir allerdings stellt sich auch die Frage, ob man den Gedichten wirklich gerecht wird, wenn man sie als Anschubser für die eigene Lebensdarstellung nimmt. Natürlich darf jeder diese Texte subjektiv lesen. Mir aber fehlt bei all dem „du, Mascha“ eben diese Mascha. Wer die Dichterin, ihr Werk und ihr Leben nicht kennt, bekommt immer nur einzelne Brocken hingeworfen, die aber sofort in der Gleichsetzung mit dem doch so anderen Leben der Erzählerin verschwinden. Bei aller Seelenverwandtschaft sind die Lebensthemen doch sehr verschieden und schwer vergleichbar.

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Veröffentlicht am 09.03.2025

Solides Handwerkszeug

Die Brücke von London
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Der historische Roman „Die Brücke von London“ spielt auf zwei Ebenen. Da ist zum einen die Zeit, in der die Brücke, die bislang die einzige Verbindung zur City darstellt, von der Westminster Bridge Konkurrenz ...

Der historische Roman „Die Brücke von London“ spielt auf zwei Ebenen. Da ist zum einen die Zeit, in der die Brücke, die bislang die einzige Verbindung zur City darstellt, von der Westminster Bridge Konkurrenz bekommt. Juliana, die aufgrund der Spielschulden ihres Mannes, eines Tuchhändlers, und seines plötzliches Todes vor dem finanziellen Aus steht, bekommt diese verschlechterte Situation besonders zu spüren. Sie muss sich auf Schmugglergeschäfte einlassen, um ihr Geschäft zu retten. Dabei erhält sie Unterstützung von dem jungen Adler und seiner Bande, einer Reihe obdachlos lebender Kinder, die entweder ohne Eltern oder von zu Hause abgehauen sind. Als der junge Brückenbauer Oliver nach London kommt und mehr als nur geschäftliches Interesse an Juliana zeigt, spitzt sich die Lage zu. Denn Oliver repräsentiert das Bridge House, das auf der Brücke für Recht und Ordnung sorgt. In dieser Mission kommt er auch einem Verbrechen auf die Spur, bei dem die Sicherheit der ganzen Brücke auf dem Spiel steht.
Schon in den Zeiten ihres Baus ist die London Bridge vor Unheil nicht gefeit. Auf der zweiten Zeitebene ca. 500 Jahre zuvor kämpfen Eistrid und ihre Schwester Sybilla, die magisches Wissen hat und Visionen über die Zukunft, gegen das Unheil, das auf der Brücke lastet und das auch über ihrer Familie liegt.
Julius Arth schreibt einen soliden historischen Roman über zwei spannende Kapitel der London Bridge. Besonders die epischen Beschreibungen sowie ein Reigen illusterer Figuren führen dem Leser das Leben in diesen Zeiten bildlich vor Augen. Die Dynamik zwischen den Figuren sorgt für Spannung, auch wenn die Einführung der Personen und der Umstände bisweilen etwas breit gerät.
Ein solider gemachter Roman für ein paar Stunden gute Unterhaltung.

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