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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.07.2025

Gesellschaftlich wichtig, emotional stark, mit ein paar blinden Flecken

Im Leben nebenan
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Anne Sauers Debüt Im Leben nebenan hat mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt, vor allem, wie ehrlich und sensibel Themen wie unerfüllter Kinderwunsch, postpartale Depression und der leise Zweifel an ...


Anne Sauers Debüt Im Leben nebenan hat mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt, vor allem, wie ehrlich und sensibel Themen wie unerfüllter Kinderwunsch, postpartale Depression und der leise Zweifel an eigenen Lebensentscheidungen verhandelt werden. Diese Fragen - was wäre, wenn alles anders gekommen wäre? - sind emotional enorm aufgeladen, und genau diese Zwischentöne haben mich beim Lesen besonders berührt.

Die Struktur des Romans ist klar und durchdacht, der Wechsel zwischen den beiden Parallelleben funktioniert gut, und das Hörbuch, wunderbar gesprochen von Chantal Busse, hat mir den Einstieg erleichtert und mir viele berührende Momente beschert.

Trotzdem blieb bei mir auch einiges offen. Die beiden Hauptfiguren, oder besser gesagt: zwei Versionen ein und derselben Frau, fühlten sich über weite Strecken eher blass an. Mir fehlten Ecken, Interessen, Konflikte außerhalb ihrer jeweiligen Partnerschaften. Ich hatte den Eindruck, dass sie mehr als Identifikationsflächen gedacht waren, was sicher eine bewusste Entscheidung der Autorin war, mich aber emotional ein wenig auf Distanz gehalten hat.

Auch bei der Behandlung feministischer Themen war ich zwiegespalten. Die Aspekte, die angesprochen wurden, von Sorge um das Kind über finanzielle Unsicherheiten bis hin zu strukturellen Benachteiligungen, sind zweifellos wichtig. Doch vieles blieb mir zu oberflächlich oder wirkte wie „Pflichtstationen“. Ich hätte mir an einigen Stellen mehr Tiefe, Reibung und vor allem eine stärkere Auseinandersetzung mit Klassenfragen gewünscht.

Was bleibt, ist ein Roman, der gesellschaftlich relevante Fragen auf kluge Weise in Szene setzt, aber bei der Figurenzeichnung und thematischen Tiefe nicht durchgehend überzeugt. Trotzdem würde ich das Buch weiterempfehlen, vor allem, weil es wichtig ist, über solche Themen zu sprechen. Es trifft einen Nerv unserer Zeit, auch wenn nicht jeder Ton perfekt sitzt.

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Veröffentlicht am 01.07.2025

Atmosphärisch und verstörend, aber nicht ganz meins

Das Beste sind die Augen
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Ich bin etwas hin- und hergerissen, wie ich dieses Buch bewerten soll. Das Beste sind die Augen hat definitiv etwas Eigenes, der Schreibstil ist stark, das Tempo stimmig und die Figurenentwicklung gut ...


Ich bin etwas hin- und hergerissen, wie ich dieses Buch bewerten soll. Das Beste sind die Augen hat definitiv etwas Eigenes, der Schreibstil ist stark, das Tempo stimmig und die Figurenentwicklung gut gemacht. Monika Kim weiß, wie man eine düstere, dichte Stimmung erzeugt, und ich mochte, wie sie gesellschaftliche Themen wie Rassismus und Sexismus verarbeitet.

Trotzdem bin ich emotional nicht richtig reingekommen. Ich konnte mich weder wirklich mit der Hauptfigur noch mit der Handlung verbinden. Vieles fühlte sich für mich eher wie eine surreale Momentaufnahme an als eine durchgehende Geschichte. Es gab Stellen, die mich fesselten, aber insgesamt hat es mich nicht so berührt oder erschüttert, wie es offenbar bei vielen anderen der Fall war.

Das Ende kam mir etwas abrupt vor, als würde etwas fehlen, das ich nicht ganz benennen kann. Vielleicht wollte das Buch gar nicht alles auflösen, aber genau das hat mich mit einem eher leeren Gefühl zurückgelassen.

Unterm Strich: kein schlechtes Buch, nur nicht das Richtige für mich. Ich würde definitiv noch mal etwas von Monika Kim lesen, aber dieses hier bleibt wohl bei einem einmaligen Versuch.

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Veröffentlicht am 25.04.2025

Zwischen Geheimnissen und Gefühlen – durchwachsene Fortsetzung

Ashen Throne
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„Ashen Throne“ ist für mich ein typischer zweiter Band – mit Höhen und Tiefen, aber auch Momenten, die Lust auf mehr machen. Die Geschichte schließt direkt an den ersten Teil an, was ich grundsätzlich ...


„Ashen Throne“ ist für mich ein typischer zweiter Band – mit Höhen und Tiefen, aber auch Momenten, die Lust auf mehr machen. Die Geschichte schließt direkt an den ersten Teil an, was ich grundsätzlich mag, aber der Einstieg fiel mir trotzdem nicht ganz leicht. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mit Yessa einfach nicht richtig warm werde.

Ihre Entwicklung ist zwar nachvollziehbar, aber in vielen Szenen fand ich sie anstrengend – zu impulsiv, zu stur, manchmal fast ein bisschen ungerecht gegenüber Cassim. Dabei ist gerade seine Figur für mich das Highlight des Buches. Man spürt seine innere Zerrissenheit, seine Schuld, aber auch seinen Wunsch, es besser zu machen. Dass er in Yessa mehr sieht als nur seine Reiterin, sondern jemanden, für den er tatsächlich Gefühle entwickelt, verleiht seiner Geschichte Tiefe.

Die Dynamik zwischen den beiden bleibt das Herzstück der Handlung. Die Spannung lebt weniger von großen Kämpfen oder spektakulärem Worldbuilding, sondern von den leisen Konflikten, dem Misstrauen und den unausgesprochenen Wahrheiten. Besonders eine Wendung in der zweiten Hälfte hat mich wirklich überrascht – im positiven Sinne. Die „spicy“ Szenen und der Sex zwischendrin wirkten auf mich allerdings komplett überflüssig. Sie haben der eigentlichen Geschichte nichts hinzugefügt, sondern eher den Erzählfluss gestört. Ich hatte das Gefühl, dass sie mehr als Füllmaterial dienten, als dass sie tatsächlich zur Entwicklung der Charaktere oder der Handlung beigetragen hätten.

Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass die Handlung etwas zu vorhersehbar verläuft, und gerade zu Beginn war mir vieles zu glatt und schnell gelöst. Auch hätte ich mir etwas mehr Fokus auf die neue Umgebung und die politischen Strukturen gewünscht – hier steckt viel Potenzial, das bisher nur leicht angerissen wurde.

"Ashen Throne" ist kein perfekter zweiter Band, aber einer, der neugierig auf das Finale macht. Vor allem Cassims Entwicklung fand ich gelungen und berührend. Yessa hingegen bleibt für mich eine Figur, an der ich mich ein wenig reibe. Die Mischung aus Romantasy, innerem Konflikt und düsteren Geheimnissen funktioniert insgesamt gut, auch wenn ich mir ein bisschen mehr Spannung und Tiefe gewünscht hätte. Ich lande bei 3,5 Sternen – Tendenz nach oben, je nachdem, was Band 3 noch rausholt.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Düstere Atmosphäre mit kleinen Längen – solider Thriller mit Mystery-Note

Apartment 5B
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Das Cover von Apartment 5B hat mich sofort angesprochen – düster, geheimnisvoll und mit einem Titel, der laut „Lies mich!“ ruft. Also hab ich’s getan.

Der Einstieg war erst etwas holprig – der Prolog ...

Das Cover von Apartment 5B hat mich sofort angesprochen – düster, geheimnisvoll und mit einem Titel, der laut „Lies mich!“ ruft. Also hab ich’s getan.

Der Einstieg war erst etwas holprig – der Prolog wirkte wirr – aber danach war ich schnell drin. Das Setting mit dem alten, unheimlichen New Yorker Haus hat direkt meine Neugier geweckt. Die Mischung aus Thriller, Mystery und leichten Horrorelementen funktioniert gut, auch wenn ich damit nicht gerechnet hatte. Die wechselnden Perspektiven von Rosie in der Gegenwart und Willa in der Vergangenheit haben die Handlung zusätzlich interessant gemacht.

Rosie fand ich grundsätzlich sympathisch, aber stellenweise zu naiv. Auch die Nebenfiguren blieben für meinen Geschmack oft zu klischeehaft oder blass. Gerade in einem so atmosphärischen Setting hätte ich mir greifbarere Charaktere gewünscht. Dafür punktet das Buch mit einigen Gänsehautmomenten und einem angenehm flüssigen Schreibstil. Die Spannung war subtil, aber spürbar – allerdings hätte der Plot insgesamt gestraffter sein dürfen.

Das Finale war überraschend und spannend, wenn auch etwas überladen. Apartment 5B ist für mich ein solider, atmosphärischer Thriller mit kleinen Längen und ein paar Schwächen in der Figurenzeichnung. Kein Highlight, aber durchaus lesenswert – besonders für Fans ruhiger, mysteriöser Geschichten mit Gänsehautfaktor.

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Veröffentlicht am 12.04.2025

Atmosphärisch stark, emotional distanziert – ein schillerndes Porträt mit blinden Flecken

Der ewige Tanz
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„Der ewige Tanz“ von Steffen Schroeder hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Schon das Cover hat mich neugierig gemacht, und auch die Zeit der 1920er Jahre, in der Anita Berber gelebt hat, fasziniert ...

„Der ewige Tanz“ von Steffen Schroeder hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Schon das Cover hat mich neugierig gemacht, und auch die Zeit der 1920er Jahre, in der Anita Berber gelebt hat, fasziniert mich sehr. Dass ihr Leben wie ein Roman war, macht diesen biografischen Roman eigentlich zu einem dankbaren Stoff. Und tatsächlich: Schroeder versteht es, die Atmosphäre dieser schillernden Epoche mit vielen Details lebendig werden zu lassen – das ist eine der großen Stärken des Buches. Ich hatte teilweise wirklich das Gefühl, direkt mit durch die verrauchten Salons, Bars und Hotelzimmer zu streifen, berauscht von einem Lebensgefühl zwischen Kunst, Exzess und Absturz.

Was mir leider gefehlt hat, war der Zugang zur Hauptfigur. Die Tänzerin Anita Berber bleibt in ihrer Persönlichkeit seltsam fern – fast wie eine stilisierte Erscheinung, nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut. Obwohl ich nun viel über ihren Lebensweg weiß, hat sich zwischen ihr und mir keine emotionale Verbindung entwickelt. Ich habe die Künstlerin gesehen, aber nicht den Menschen dahinter gespürt.

Das liegt für mich vor allem an der Art der Erzählung. Schroeders Stil ist handwerklich gut und oft auch sehr elegant, aber es fehlt an Nähe, an Dialogen, an echten Momenten zwischen den Figuren. Stattdessen gibt es immer wieder längere Passagen, die eher berichten als erzählen. Und manchmal wird der Erzählfluss durch übermäßige Hintergrundinfos ausgebremst – von Hypnose bis Schmetterlingen, vieles wirkt hineingestopft, ohne echten Mehrwert für die Handlung oder die Figurenentwicklung.

Auch die Nebenfiguren bleiben oft blass. Neue Namen tauchen plötzlich auf und verschwinden wieder, ohne dass man sie wirklich greifen kann. Gerade bei einem so komplexen Umfeld wie dem von Anita Berber hätte ich mir mehr Kontinuität und Tiefgang gewünscht. Das Verhältnis zu ihrer Mutter oder die Liebesgeschichten werden angerissen, aber nie wirklich entfaltet – und das ist schade, denn genau hier hätte man dem Menschen Anita näherkommen können.

Was mich jedoch durch das Buch getragen hat, war Schroeders Sprache. Sie ist stellenweise bildhaft, manchmal poetisch, immer flüssig zu lesen. Und die Rückblenden vom Sterbebett aus geben der Geschichte immerhin eine melancholische Grundstimmung, die der Tragik dieser Figur gerecht wird.

Insgesamt würde ich sagen: Ein Roman, der viel zeigt, aber wenig fühlen lässt. Wer Anita Berber als Symbol ihrer Zeit kennenlernen möchte, wird fündig. Wer ihr als Mensch begegnen will, bleibt wohl wie ich etwas außen vor. Kein schlechtes Buch – aber auch keines, das mich wirklich berührt hat.

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