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Veröffentlicht am 19.04.2025

Tolles Debüt mit fein gezeichneten, vielfältigen Charakteren

Hier draußen
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Martina Behm, die kennt sich offenbar aus mit den vielfältigen Facetten des Lebens auf dem Land heutzutage. Und sie kann schreiben! Selten hat mich ein Debüt so begeistert wie dieses! Fast 500 Seiten lang ...

Martina Behm, die kennt sich offenbar aus mit den vielfältigen Facetten des Lebens auf dem Land heutzutage. Und sie kann schreiben! Selten hat mich ein Debüt so begeistert wie dieses! Fast 500 Seiten lang und ich habe mich keine Sekunde gelangweilt und immer bestens unterhalten gefühlt.

In "Hier draußen" lernen wir außergewöhnlich lebensechte, fein gezeichnete und vielfältige Charaktere kennen. Da ist das moderne Paar aus Hamburg, Ingo und Lara, er Start-Up-Unternehmer, sie Grafik-Designerin, zwei Kinder im Volksschulalter, das sich den Traum von der Idylle und Ruhe auf dem Land und dem unbeschwerten Aufwachsen der Kinder dort erfüllen will. So wird kurzerhand eine hohe Hypothek aufgenommen, ein alter Hof gekauft und saniert. Es bleibt spannend, mitzuverfolgen, ob und wie diese urban geprägten Menschen im Landleben und in der Dorfgemeinschaft ankommen werden, und was es mit ihrer Beziehung macht, wenn Ingo weiterhin seine Tage und oft auch Abende in Hamburg verbringt, während Lara alleine mit den Kindern auf dem Land ist.

Dann gibt es Jutta und Armin, die Übriggebliebenen einer alternativen Wohngemeinschaft mit sechs Menschen, die vor mehreren Jahrzehnten aufs Land gezogen sind. Die beiden sind gute Freunde, vielleicht auch ein bisschen mehr. Jutta gibt Kurse im Hühner-Schlachten, Armin renoviert leerstehende Gebäude, um Ferienwohnungen zu errichten. Insgesamt scheinen sich die beiden über die lange Zeit gut eingelebt zu haben auf dem Land.

Den alleinstehenden Bauer und passionierten Jäger Uwe, mit seiner treuen Jagdhündin Milla, lernt Ingo schon bald nach seinem Umzug näher kennen, als letzterer mit dem Auto versehentlich eine weiße Hirschkuh überfahren hat. Gemeinsam geben die beiden Männer dem schwer verletzten Tier den Gnadenschuss, freunden sich an, Ingo begeistert sich für die Natur und die Jagd, und beide fürchten ein bisschen den im Dorf verbreiteten Aberglauben, dem zufolge es Unglück bringe, eine weiße Hirschkuh getötet zu haben... auch das verbindet.

Noch einige weitere Menschen leben im Dorf, die wir näher kennen lernen: Maggy, ursprünglich aus der Kreisstadt, die sich in den Bauern Sönke verliebt und ihn geheiratet hat, und nun seit Jahrzehnten versucht, die angepassteste und fleißigste Landfrau von allen zu sein, um dazuzugehören. Ihre erwachsene Tochter Marieke, die dieses Beispiel ihrer Mutter abschreckend findet und eine moderne und unabhängige Frau ist... gleichzeitig aber tief mit der Landwirtschaft verbunden und interessiert daran, diese zu übernehmen.

Tove und Enno, die seit Jahrzehnten eine lieblose Ehe führen... die erwachsenen Söhne sind längst aus der Landwirtschaft in andere Berufe und in geografisch weiter entfernte Regionen geflüchtet, keiner davon wollte den Hof übernehmen... wie lange wird Tove, der selbst nichts gehört und die nichts geerbt hat (ihre Eltern haben die ganze Landwirtschaft dem Sohn alleine vererbt) sich noch von ihrem Mann heruntermachen und abwerten lassen?

Diese kurzen Charakterisierungen einiger Dorfbewohner zeigen schon - es sind ganz vielfältige und sehr unterschiedliche Menschen, die sich hier im kleinen Fehrdorf treffen. Die sich kennen lernen, übereinander und miteinander sprechen, gemeinsam Feste organisieren, sich misstrauisch aus der Ferne beäugen, sich aushelfen oder sich auch langsam anfreunden... auch über Alters- und Milieugrenzen hinweg.

Das Buch wechselt immer wieder mal die Perspektive, aus der die Ereignisse erzählt werden, mal erleben wir die Sicht von Ingo, dann die von Lara, dann z.B. die von Uwe oder von Jutta usw. Dadurch bekommen wir beim Lesen noch einmal einen spannenderen und vielschichtigen Blick auf das Dorfgeschehen und die Beziehungen der Menschen untereinander. Gleichzeitig ist es damit ein klug erzähltes Buch, das auch durch diesen Perspektivwechsel aufzeigt, wie differenziert das sein kann, was wir als Tatsache oder Wahrheit ansehen, denn jede und jeder hat den jeweils eigenen, einzigartigen Blick auf die Menschen und Geschehnisse.

Insgesamt gelingt es der Autorin ausgezeichnet, ein vielfarbiges Bild modernen Landlebens zu zeichnen. Neben den Beziehungen der Menschen, die im Zentrum des Romans stehen, thematisiert sie auch Phänomene wie den Umbruch in der modernen Landwirtschaft und die Herausforderungen, mit denen die Bauern zu kämpfen haben (oft geforderter, aber schwieriger Umstieg auf Bio, Modernisierungsdruck, Nachfolgeprobleme,...), genauso wie Werteunterschiede zwischen Stadt und Land und damit einhergehende Verständnisprobleme, die erst überwunden werden müssen (etwa eine Psychologin aus der Stadt, die vor den Landfrauen einen Vortrag über Beziehungsqualität hält, der aber sehr an die Befindlichkeiten urbaner Menschen angepasst ist und viele der Dorfbewohner inhaltlich und emotional nicht erreicht).

Das Buch ist damit nicht nur sehr unterhaltsam geschrieben, sondern auch psychologisch glaubhaft konstruiert, mit tiefgründigen und vielschichtigen Charakteren, einem sehr authentisch geschilderten Setting und so, dass man dabei viel über die Facetten modernen Landlebens lernt. Ein großartiges Debüt: literarisch wertvoll und toll zu lesen - absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Ein Märchen darüber, anders zu sein und zu sich zu stehen

Hunger und Zorn
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"Hunger und Zorn", von der erst 2002 geborenen Alice Renard geschrieben, ist ein ungewöhnliches Buch, wie ich noch keines gelesen habe. Es funktioniert nicht sehr gut auf der Ebene des logischen Verstandes ...

"Hunger und Zorn", von der erst 2002 geborenen Alice Renard geschrieben, ist ein ungewöhnliches Buch, wie ich noch keines gelesen habe. Es funktioniert nicht sehr gut auf der Ebene des logischen Verstandes und des Hinterfragens, aber es ist ein zauberhaftes Märchen über eine ungewöhnliche junge Frau.

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, die sich stark voneinander unterscheiden.

Im ersten Abschnitt lernen wir die Perspektive der Mutter und des Vaters auf ihre andersartige Tochter Isor kennen. Die beiden lieben ihre Tochter sehr, doch machen sie sich auch große Sorgen, weil sie so anders ist und nicht spricht. In ehrlichen, direkten Worten kommen die Eltern abwechselnd zu Wort, z.B.:

Mutter: "Mein Küken, mein Kleines, ich habe dich im Rhythmus der Geheimnisse meines Bauches geschaffen und schließlich heranwachsen sehen. Trotz aller Widerstände. Ungeachtet all der unerklärlichen Dinge, die sich dir in den Weg gestellt haben."

Vater: "Ich war nicht dafür gemacht, der Vater eines solchen Kindes zu sein. Heute, bald, in absehbarer Zeit ist sie gar kein Kind mehr. Sie wird langsam groß. Aber ich bin noch immer nicht dafür gemacht, ihr Vater zu sein." (S. 7)

Schon in diesen Aussagen, ganz am Anfang des Buches, zeigt sich, dass der Vater noch ein Stückchen mehr als die Mutter damit hadert, diesem ungewöhnlichen Kind ein passender Elternteil zu sein.

Die Eltern konsultieren viele Spezialisten, die alle das Kind aus ihrer jeweiligen berufsspezifischen Brille betrachten. Ist es eine Autismus-Spektrums-Störung? Oder ein Gendefekt? Könnte Yoga helfen? Eine spezielle Ernährung? Doch wirklich helfen kann der Familie keiner. Ein Experte meint einmal zu den Eltern, dass das Kind durchaus sprechen könnte, wenn es wollte. Aber "sie will nicht". Später im Buch wird sich zeigen, ob er damit Recht behalten wird.

Nun ist das Kind in der Pubertät, spricht immer noch nicht, aber ist zunehmend dabei, sich abzunabeln, unternimmt etwa nachts stundenlange einsame Ausflüge durch Paris. Die Eltern können das nicht verhindern und stehen weiterhin ratlos diesem besonderen Kind gegenüber.

Dann endet der erste Abschnitt und im zweiten kommt es zu der Begegnung und bald intensiv werdenden Freundschaft zwischen dem alten Nachbarn Lucien und Isor. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und scheinen sich ohne Worte zu verstehen. Diesen Abschnitt erleben wir stark aus Luciens Sicht. Er ist ein weiser und geduldiger alter Mann: "Der Unterschied zwischen ihren Eltern und mir ist, dass ich niemand bin, der schnell in Panik gerät - ich meine: das Schweigen, die Wut, die Freude, der Schmerz, damit kenne ich mich aus. Das kann ich ertragen, ohne in die Knie zu gehen. Ich bin daran gewöhnt. Es ist wie Musik hören." (S. 84)

Tja, und dann der dritte Abschnitt, der wieder völlig anders ist und in dem es zu einer großen und unerwarteten Überraschung kommt und wir noch einmal eine ganz neue Perspektive auf das bisher Erzählte kennen lernen.

"Hunger und Zorn" ist insgesamt ein ganz zauberhaftes Buch, das danach ruft, sich emotional voll und ganz darauf einzulassen. In dem Buch steckt eine tiefe Weisheit darüber, was es bedeuten kann, anders zu sein und wie die Gesellschaft damit umgeht. Aber auch darüber, wie flüchtig unsere Identitäten und Selbstkonzepte sein können und wie sehr das, was wir aus uns selbst herausholen und anderen zeigen können und wollen, stark von unserem jeweiligen Gegenüber und unserer Umgebung abhängt. Von den Menschen, mit denen wir sind, davon, wie sie uns begegnen und was sie in uns sehen... wie wir uns ineinander spiegeln und was das mit der Beziehung und mit allen Beteiligten macht. Das ist etwas, was grundsätzlich für alle Menschen gelten kann, aber hier im Kontakt der verschiedenen Menschen mit der andersartigen Isor ganz besonders stark herauskommt.

Außerdem ist es ein Buch über Liebe und Freundschaft, über die Liebe der Eltern zu ihrem andersartigen Kind, über eine tiefe Freundschaft zwischen zwei sensiblen und einsamen Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensaltern, und über die Liebe zum Leben und zu den Erfahrungen, und den tiefen Hunger danach, mit aller Andersartigkeit auf die ganz eigene Art Teil dieser Welt zu sein.

Das Buch ist kein authentischer Erfahrungsbericht über das Leben mit einem andersartigen Kind... dafür ist es viel zu märchenhaft... und nicht alle Entwicklungen sind auf logischer Ebene gut hinterfragbar. Aber als Märchen mit einer einzigartigen Botschaft und einer ganz besonderen Sprache und vielfältigen Perspektiven funktioniert es sehr gut. Es ist ein ganz besonderes Buch, das einen dauerhaften Platz in meinem Herzen einnehmen wird. Ich empfehle es allen, die bereit sind, sich emotional darauf einzulassen und ihr Herz für dieses ganz besondere Märchen zu öffnen. Auf weitere Bücher der Autorin freue ich mich schon.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Ein ganzes Frauenleben, vor, in und nach der DDR - bewegend und authentisch

Schwebende Lasten
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"Schwebende Lasten" von Annett Gröschner ist ein Roman, der bei mir noch stark nachwirkt, nachdem ich ihn vor etwa einer Woche fertig gelesen habe. Nüchtern und sachlich, aber gerade dadurch auch emotional ...

"Schwebende Lasten" von Annett Gröschner ist ein Roman, der bei mir noch stark nachwirkt, nachdem ich ihn vor etwa einer Woche fertig gelesen habe. Nüchtern und sachlich, aber gerade dadurch auch emotional enorm berührend, wird das Leben der fiktiven Hanna Krause geschildert, die prototypisch für so viele Frauen ihrer Generation aus dem ehemaligen Ostdeutschland stehen könnte. Hanna ist um 1913 geboren und sie stirbt irgendwann nach der Wende. Wie viele Zeitenwandel, Krisen und Katastrophen, wie viele Umbrüche und vor allem wie viel Leid hat diese tapfere Frau erlebt!

Ich selbst bin aus Österreich und habe mit der DDR nichts zu tun... doch dieses Buch hat mir auch die Sprachlosigkeit meiner eigenen Vorfahren nahegebracht, von denen manche eine ähnliche Generation wie Hanna waren. Diese multiplen Traumen, die sie erlebt haben... dazu die Not und das Elend und eine Zeit, die erforderlich machte, hart und stark zu sein und anzupacken, um selbst und mit der eigenen Familie zu überleben - kein Wunder, dass da noch wenig Zeit und Raum für Traumaverarbeitung und die Konfrontation mit der eigenen verwundeten Seele war... und oft auch wenig Raum dafür, sich noch einmal auf tiefe Beziehungen einzulassen, wenn man mal mehrere geliebte Menschen verloren hatte.

Für diese Rezension habe ich nach passenden Zitaten aus dem Buch gesucht und dabei noch einmal bemerkt, über was für eine eindringliche Sprache dieses Buch verfügt, z.B.

S. 42: "An solchen Abenden musste er auf der Küchenbank schlafen. Eine bessere Form der Geburtenkontrolle kannte Hanna nicht."

Hanna arbeitet erst als junges Mädchen als Aushilfe im Blumenladen ihrer halben Schwester, dann heiratet sie jung und bekommt die ersten Kinder. Verhütung gibt es nicht, Abtreibung ist verboten (Hanna wird dennoch mehrere haben), regelmäßiger Geschlechtsverkehr wird erwartet und so folgt eine Schwangerschaft auf die nächste, auch in Zeiten von Krieg und Not, in denen nicht klar ist, wie ein weiteres Kind durchgebracht werden soll. Insgesamt wird Hanna sechs Kinder zur Welt bringen, von denen nur vier das Erwachsenenalter erreichen.

Dann im Krieg, S. 109: "Das war noch nicht alles, dachte Hanna in der Notunterkunft, da kommt noch mehr, und sie sollte recht behalten. Das war erst der Anfang."

Durch das ganze Buch und durch Hannas Leben zieht sich die Liebe zu den Blumen. Passend dazu wird jedes Kapitel mit der Vorstellung einer Blumenart eingeleitet. Zwar kann Hanna nur ganz am Anfang ihres Lebens tatsächlich als Blumenhändlerin arbeiten, doch findet sie immer wieder Wege, sich dennoch mit dem Thema zu beschäftigen und ihr Wissen dazu weiter zu kultivieren und einzubringen, etwa durch die Pflege eines Gemeinschaftsgartenstückchens nahe ihrer Wohnung im Plattenbau in der DDR. Und auch im Krieg und im Angesicht von Zerstörung, Tod und tiefstem Elend ist die Verbindung zu den Blumen das, was Hanna aufrecht hält: "Hanna existierte. Nicht mehr und nicht weniger. Sie hatte versucht, über das Menschsein nachzudenken, war aber zu keinem Ergebnis gekommen, außer dass Blumen ihr menschlicher vorkamen als ihre eigene Gattung." (S. 126)

In der DDR ergreift Hanna einen ursprünglich typischen Männerberuf, denn mit diesem kann sie mehr Geld für ihre Familie verdienen. Sie wird Kranfahrerin, hier zeigt sich der Bezug zum Titel des Buches, und wir erleben auch diesen Arbeitsalltag von ihr mit: "Die Kranbahn über ihr, die daran befestigten grünen Lampen, die Meisterbude rechts unten, die Drehmaschinen, die Werkstücke, die Gabelstapler und die Männer mit den Helmen, die zu ihr heraufwinkten. Sie war die einzige Frau, sie verteidigte bei der Prüfung ihr Geschlecht, sie war dabei, ins kalte Wasser zu springen." (S. 167)

Auch hier zeigt sich wieder eine klassische Qualität Hannas: sie ist anpackend, tüchtig und mutig, scheut nicht vor Herausforderungen zurück und ist bereit, sich beruflich in neue Gebiete vorzuwagen und sich zu entwickeln. Das sind Eigenschaften, die sie in ihrem Privat- und Berufsleben zeigt.

Sonderlich politisch ist Hanna aber nicht und lehnt sich weder gegen das NS-Regime auf noch setzt sie sich in der DDR für mehr Freiheit ein. Ambitionen, die DDR zu verlassen, hat sie auch keine. Sie ist eine, die sich auch sehr gut mit dem herrschenden System arrangieren kann und damit insgesamt eine ambivalente Persönlichkeit. Ein bei ihr kurz verstecktes jüdisches Mädchen schickt sie auf die Straße, nachdem der Blockwart sie darauf angesprochen hat. Später aber gibt sie hungernden Arbeiterinnen aus Polen und der Ukraine Brot. So zeigt sich in Summe eine Frau, wie es sie viele gegeben haben könnte, mit ihren menschlichen Stärken und Schwächen. Genau diese Authentizität macht das Buch in Summe auch aus.

Außerdem mochte ich an dem Buch, wie deutlich es die vielen politischen und ökonomischen Umbrüche aufzeigt, die Menschen dieses Geburtsjahrganges erlebt haben - das muss eine unglaubliche Anpassungsleistung erfordert haben.

Als Hanna schon eine alte Frau von fast 80 Jahren ist, kommt es zur Wende und damit zur Wiedervereinigung. Wieder ein Systemwechsel für Hanna. Ihr ganzes Leben lang hat sie geübt, sich mit den wechselnden Umständen abzufinden und sich anzupassen und so nimmt sie es auch jetzt hin, als Investoren aus dem Westen die Blockbauten mitsamt ihrer Wohnung kaufen, renovieren und die Miete erhöhen möchten und ihren liebevoll angelegten Blumengarten vernichten: "Als die Mietergärten verschwanden, wehrte sie sich nicht. Sie blieb einfach auf dem Sofa sitzen und sah sich bei ausgestelltem Ton die Showsternchen im Fernsehen an. Sie zog die Vorhänge zu, hörte aber, wie die Gartenarbeiter die Pflanzen mit der Wurzel ausrissen."

Mit jeweils wenigen Worten gelingt es der Autorin damit, ein eindringliches Bild der jeweiligen Zeit zu malen. Viele Details, aber vor allem die Atmosphäre dieses beeindruckenden Buches wirken in mir tief nach. Es sind viele harte Bilder, von Tod und Zerstörung, einem Magdeburg, das dem Erdboden gleich gemacht wurde, vielen Jahren der Entbehrung, einem langsamen Aufschwung und zaghafter Hoffnung, wirtschaftlich etwas besseren Zeiten mit wenig Freiheit und doch hin und wieder ein bisschen Raum für Individualität, wie beim Anlegen der Blumengärten. Ganz viel Sich-Abfinden mit den Umständen, Akzeptieren und das Beste aus dem machen, was möglich ist.

Es ist ein wichtiges Buch, ein besonderes Buch, das dazu beitragen kann, Verständnis und Empathie zwischen den Generationen zu fördern und uns allen noch einmal anders spürbar zu vermitteln, woher unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern kommen und was sie geprägt haben könnte, sodass sie so wurden, wie wir sie erlebt haben und sie schlussendlich uns geprägt haben. Hanna steht hier als Beispiel für ganz viele. Danke für dieses Buch!

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Veröffentlicht am 09.04.2025

Wunderschön gestaltet und mit vielen hilfreichen Tipps für neurodivergente Menschen

Dein ADHS-Wohlfühl-Guide
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In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für Neurodiversität sehr angestiegen und immer mehr Menschen finden auf der Suche nach Erklärungen für die Herausforderungen, die sie schon ihr ganzes Leben mit ...

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für Neurodiversität sehr angestiegen und immer mehr Menschen finden auf der Suche nach Erklärungen für die Herausforderungen, die sie schon ihr ganzes Leben mit sich tragen, zu Informationen über ADHS, das autistische Spektrum, Hochsensibilität und Hochbegabung und vieles mehr, erkennen sich als neurodivergent wieder. Auch im psychologischen und medizinischen Bereich steigt die Nachfrage nach Diagnostik, Beratung und Behandlung in diesem Bereich.

Mit dem ADHS-Wohlfühl-Guide gibt die Autorin, selbst ADHS-Betroffene und erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, Betroffenen ein sehr ansprechendes, buntes und übersichtlich gestaltetes, inspirierendes Werkzeug-Buch in die Hand. Darin können sie Tipps und Tools für verschiedenste Herausforderungen finden, mit denen sie im Alltag zu tun haben.

Eingeteilt ist das Buch in sieben große Kapitel. Im ersten geht es um die Grundlagen und darum, was ADHS überhaupt ist, welche verschiedenen Unterkategorien davon es gibt, warum es sich bei Mädchen und Frauen oft anders äußerst als bei Jungen und Männern und erstere deshalb oft unterdiagnostiziert bleiben, sowie um Gemeinsamkeiten mit anderen Neurodivergenzen wie Hochsensibilität oder dem autistischen Spektrum. Auch auf typische ADHS-assoziierte Herausforderungen im Alltag wie die ADHS-Paralyse, den Tunnelblick oder Brain Fog wird eingegangen.

In den restlichen sechs Kapiteln steht jeweils ein ADHS--spezifisches Schwerpunktthema im Vordergrund, das erklärt wird und für das es dann verschiedene praktische Tipps, Tools und Übungen gibt, um die damit verbundenen Herausforderungen zu überwinden. Die Kapitel heißen (bis auf das letzte) "Ich brauche..." und dann folgt z.B. "Ruhe & Entspannung", "Sicherheit & Geborgenheit", "Fokus & Klarheit", "Inspiration & Lebensfreude" oder "Energie und Motivation". Im letzten Kapitel geht es darum, in Balance zu kommen und zu bleiben. Jedes Kapitel ist in einer anderen Trägerfarbe gestaltet, sodass man leicht erkennt, wo im Buch man sich gerade befindet.

Sehr sympathisch an diesem Ansatz ist der positive Fokus: wer dieses Buch liest, wird nicht ständig daran erinnert, was mit einem selbst falsch sein könnte, sondern kommt in Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen und Ressourcen. Dabei legt das Buch insgesamt einen Schwerpunkt auf den für ADHS-Betroffene oft herausfordernden Übergang zwischen Stimulation und Entspannung und gibt viele wertvolle Tipps für Experimente zu diesem Thema.

Vieles, was im Buch an Methoden vorgestellt wird, sind allgemein Tipps für eine gesunde, balancierte und entspannte Lebensführung, von denen auch Menschen ohne ADHS profitieren können, z.B. Achtsamkeitsübungen, das bewusste Wählen wohltuender Hobbys, eine gesunde Ernährung, die Gestaltung einer angenehmen Umgebung, wertschätzende Rituale für sich selbst, Verbundenheit mit anderen pflegen, Journaling, Visionboards und vieles mehr. Damit sind das inhaltlich überwiegend keine unbekannten oder neuartigen Methoden - der neuartige Ansatz ist, sie in den ADHS-Kontext zu stellen und bewusst nach ADHS-spezifischen Bedürfnissen und Themen zu gliedern.

Sehr ansprechend habe ich auch gefunden, dass die Autorin immer wieder kleine Einblicke in ihre eigene Geschichte und ihren Umgang mit dem Thema gibt, das macht das Buch persönlich und nahbar. Beispielsweise ist es ihr gelungen, trotz ADHS nicht nur ein Studium, sondern sogar eine Promotion zu absolvieren, auf ihre ganz eigene, individuelle Weise und mit anderen Arbeitstechniken als sonst dafür üblich sind.

Insgesamt ist es ein wunderschön gestaltetes, inspirierendes, persönliches und wohltuendes Buch, das ich allen ADHS-Betroffenen, aber auch sonst neurodivergenten Menschen und auch allen, die sich insgesamt für Tools zur balancierten und gesunden Lebensgestaltung interessieren, bestens empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 05.04.2025

Tiefgründige Darstellung eines Milieus, in dem Narzissmus floriert

Der Einfluss der Fasane
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Hervorragend geschriebene Bücher, solche von Autorinnen und Autoren, die Buchpreise gewinnen, zeichnen sich meist durch ihre Vielschichtigkeit aus. Sie wirken emotional und intellektuell noch länger nach, ...

Hervorragend geschriebene Bücher, solche von Autorinnen und Autoren, die Buchpreise gewinnen, zeichnen sich meist durch ihre Vielschichtigkeit aus. Sie wirken emotional und intellektuell noch länger nach, bieten Stoff für tiefgehende Diskussionen, bilden und regen zum Nachdenken an. Manchen dieser Bücher gelingt es dann auch noch, zusätzlich angenehm und unterhaltsam zu lesen zu sein.

"Der Einfluss der Fasane", das neue Buch der Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2021, Antje Rávik Strubel, ist so ein Buch. Vordergründig liest sich die Geschichte leicht, schnell und unterhaltsam, doch regt sie gleichzeitig tief zum Nachdenken und Diskutieren an.

Worum geht es? Hella Renata Karl hat beruflich im Leben viel erreicht, sie ist Feuilletonchefin einer großen Zeitung und bewegt sich souverän auf dem gesellschaftlichen Parkett. Bei einer lieblosen Mutter in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, hat sie den großen Aufstieg geschafft: eine intelligente, selbstbewusste und erfolgreiche Frau. Doch nun ist ihre Position bedroht: sie hat aufgedeckt, dass ein beliebter Theaterdirektor, Kai Hochwerth, seine Geliebte geschwängert hatte und diese zur Abtreibung drängen wollte, und darüber einen Artikel verfasst. Kurz darauf nimmt sich der Beschuldigte das Leben, und die Medienlandschaft und das Internet fallen über Hella her und meinen, in ihr die Schuldige für den Suizid gefunden zu haben. Sie bekommt anonyme Drohungen und wird beruflich von ihrem Posten erst einmal auf unbestimmte Zeit beurlaubt.

Soweit zur wichtigsten Rahmenhandlung. Wirklich interessant an diesem Buch finde ich aber die Psychogramme sowohl Hellas als auch des Verstorbenen und weiterer sich im beruflichen Umfeld zwischen Theater und Medien bewegender Menschen. Das Buch zeichnet ein deutliches Bild der Scheinwelt, die gerade in höheren gesellschaftlichen Kreisen herrscht: wie wichtig Status, Auftreten und der schöne Schein sind und wie schnell man nach einem scheinbar kleinen Fauxpas sehr tief fallen kann... das betrifft sowohl Hella als auch Hochwerth.

Überhaupt spiegeln sich beide sehr stark ineinander, Hochwerth ist ein offenkundiger Narzisst, der andere Menschen für seine Zwecke ausnützt, auch sexuell, und manipuliert, während sich Hellas narzisstische Tendenzen erst auf den zweiten Blick offenbaren. Doch erlebt man ihre Gedanken und Handlungsmotive mit, so wie wir das als Lesende des Buches können (denn das ganze Buch ist aus ihrer Innenperspektive geschrieben), so erleben wir sie als eine vom Wunsch nach Erfolg und Status Getriebene mit gleichzeitig instabilem Selbstwert, die mit anderen Menschen nur oberflächliche Beziehungen eingeht, zu wahrer Intimität kaum fähig ist, und ebenfalls dazu neigt, andere auf ihre Funktion für sich zu reduzieren. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die beiden sich durchaus sympathisch waren... zumindest bis zu Hellas Artikel über Kai Hochwerth.

Besonders interessant finde ich an dem Buch aber nicht nur die Frage, ob und in welchem Ausmaß diese beiden nun narzisstisch sind oder nicht, sondern die weitergehende Perspektive, inwieweit das Milieu, in dem sie sich bewegen, Narzissten regelrecht anzieht, heranzieht und fördert bzw. gewisse Persönlichkeitstendenzen in diese Richtung möglicherweise sogar erforderlich sind, um eine solche Karriere zu machen. Auch das wird in dem Buch sehr anschaulich dargestellt, wie ich finde. Somit regt es auch zur Reflexion über die Wechselwirkung zwischen individueller Persönlichkeitsentwicklung und dem jeweiligen Milieu an, genauso wie darüber, welche Werte wir in unserer medien- und darstellungszentrierten Gesellschaft fördern (möchten) und welche nicht.

Damit ist es insgesamt ein nicht nur angenehm lesbares und unterhaltsames, sondern auch sehr intelligentes und tiefgründiges Buch, das ich allen Interessierten sehr empfehlen kann.

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