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Veröffentlicht am 18.05.2025

Sehr berührendes Epos über das Aufwachsen im kommunistischen China zwischen 1970 und 1989

Himmlischer Frieden
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"Himmlischer Frieden" ist das Debüt der mit ihrem Mann und den gemeinsamen zwei Töchtern in England lebenden, 1970 in China geborenen und aufgewachsenen, Autorin Lai Wen, die ihr Geburtsland 1989 nach ...

"Himmlischer Frieden" ist das Debüt der mit ihrem Mann und den gemeinsamen zwei Töchtern in England lebenden, 1970 in China geborenen und aufgewachsenen, Autorin Lai Wen, die ihr Geburtsland 1989 nach den Vorfällen auf dem Platz des Himmlischen Friedens für immer verlassen hat. Das Buch beschreibt die wahre Geschichte der Autorin in ihren ersten 19 Lebensjahren, leicht fiktionalisiert, aber grundsätzlich auf wahren Erlebnissen beruhend. Die Geschichte zieht sich über 560 Seiten und das braucht Zeit und Raum, zeitlich zum Lesen und auch emotional zum Verarbeiten.

Einfühlsam und unterhaltsam erzählt begleiten wir die Autorin von ihrer frühen Kindheit über ihre Grundschulzeit über die weiterführende Schule bis zur Zeit als Studentin der Literaturwissenschaft an der Pekinger Universität, in der es schließlich zu den Protesten für Demokratie und Meinungsfreiheit auf dem Platz des Himmlischen Friedens kommt, die am Ende - wie historisch bekannt ist - von der Chinesischen Regierung gewaltsam niedergeschlagen werden.

Eine besondere Stärke der Autorin liegt darin, menschliche Beziehungen und Emotionen spürbar zu machen. In diesem besonderen Buch geht es ganz viel um Beziehungen: um die Beziehung der kleinen Lai Wen zur geliebten Großmutter, die im gemeinsamen Haushalt mit der Familie lebt. Eine unbeugsame Frau mit sehr starken Meinungen, aber auch viel Humor und Liebe zur kleinen Enkelin, die aber tragischerweise gegen Ende ihres Lebens immer mehr im Nebel der Demenz versinkt, was ebenfalls ausführlich geschildert wird.

Vor dem Hintergrund dieser starken Persönlichkeit wirken Lai Wens Eltern sehr blass: der Vater wurde als Intellektueller während der Kulturrevolution verfolgt und vermutlich auch gefoltert, seitdem ist er nur mehr ein Schatten seiner selbst, körperlich zwar anwesend, psychisch und emotional kaum mehr. Die Mutter ist eine außergewöhnlich schöne, aber eher kalte Frau, die sich schwer damit tut, dem kleinen Mädchen ihre Liebe zu zeigen (und auch die Studentin Lai Wen fragt sich noch, ob die Mutter sie jemals geliebt habe). Es wird also spürbar, wie viel Traumatisierung in der chinesischen Gesellschaft nach der Kulturrevolution da ist.

Lai Wen wächst als grundsätzlich recht angepasstes, aber neugieriges und intelligentes Kind auf. Schon im Volksschulalter wird sie mit brutaler Polizeigewalt konfrontiert, als sie gemeinsam mit Gleichaltrigen eine Ausgangssperre missachtet, auf die Polizeiwache geschleppt und ihr von einem der Beamten der Arm ausgekugelt wird. Das wird ihre Angst vor dem Machtapparat noch verstärken. Gleichzeitig wird sie in der Schule mit kommunistischer Propaganda überschüttet, die Schulklasse macht einen Ausflug zur konservierten Leiche Maos und es wird immer wieder betont, wie wichtig der Verzicht für das große Ganze sei.

Als Jugendliche beginnt Lai Wen eine Beziehung mit einem ihrer Freunde aus der Kindergruppe, die gemeinsam gespielt und die Ausgangssperre missachtet hat. Er ist damals für sie eingetreten und hat vor der Polizei die Schuld auf sich genommen. Beide verbindet ihre Sensibilität und Intellektualität, gleichzeitig trennt sie der unterschiedlichen Klassenhintergrund: Lai Wen ist aus einer deutlich ärmeren Familie als er, und sein Vater ein hoher Beamter in der chinesischen Regierung.

Es gibt verschiedene Momente in Lai Wens Leben, die sie immer mehr politisieren: angefangen mit dem traumatischen Erlebnis als Kind und den Bruchstücken, die sie von ihrem Vater erfährt (einmal nimmt er sie mit zu einer Erinnerungsmauer an die Opfer der Kulturrevolution und öffnet sich ihr ein bisschen), ist es insbesondere auch die Literatur und die Freundschaft zu einem alten Buchhändler, der sie sehr fördert, die ihr helfen, einiges mit neuen Augen zu sehen: so liest sie beispielsweise das Buch "1984" von George Orwell, erkennt so einiges wieder und immunisiert sich damit gleichzeitig ein bisschen für die Zukunft gegen die Propaganda der gleich geschalteten Presse.

Ihre herausragenden intellektuellen Leistungen eröffnen ihr die Möglichkeit eines speziellen Förderunterrichts und schließlich, über einen Aufsatzwettbewerb, bei dem sie heraussticht, ein Stipendium für das Studium der Literaturwissenschaft an der staatlichen Universität Pekings. Dort wird sie sich mit verschiedenen anderen Studierenden anfreunden, ihre politischen Gedanken weiterentwickeln und ein (kleiner, unbedeutender, aber doch) Teil der Protestbewegung auf dem Tian'anmen-Platz werden.

Insgesamt ist das Buch besonders für jene interessant, die auch sehr gerne feinfühlige und tiefgründige Familiengeschichten lesen und sich gleichzeitig für eine wahre Geschichte aus der Zeit des kommunistischen Chinas interessieren. Ich lese solche sehr gerne und deshalb hat mir das Buch wirklich gut gefallen: ich mochte es, wie authentisch, feinfühlig und gleichzeitig unterhaltsam es der Autorin gelingt, die Tiefe und Differenziertheit menschlicher Beziehungen darzustellen. Wenn man sich darauf einlassen kann und will, wird man mit einer wunderschönen Geschichte belohnt und lernt wie nebenbei ganz viel über das Leben in Peking zwischen 1970 und 1989.

Wer hingegen lieber kurz und prägnant mehr über den Widerstand gegen das diktatorische Regime in China und über die Hintergründe des Tian-anmen-Aufstandes und -massakers lesen möchte, ist möglicherweise mit einem anderen Buch besser beraten: auch wenn der Titel das suggeriert, nimmt dieses Thema im Buch einen zwar wichtigen, aber angesichts des gewaltigen Umfangs insgesamt kleinen Teil ein: seitenmäßig weit ausführlicher geschildert werden die Details der verschiedenen Beziehungen, etwa zwischen Lai Wen und ihrer Großmutter, ihrem ersten festen Freund oder auch einer guten Freundin auf der Universität.

Mich persönlich hat das nicht gestört, im Gegenteil, ich mochte es und für mich hat es das Buch besonders gemacht. Insgesamt war es für mich dadurch auch deutlich angenehmer zu lesen als so manche andere Bücher, bei denen eine Gräueltat die nächste jagt... das ist hier zum Glück nicht im Zentrum des Buches, auch wenn naturgemäß gegen Ende, als es um den Tian-anmen-Platz geht, die dort verübten Grausamkeiten durchaus authentisch geschildert werden - aber das sind dann eben die letzten Seiten eines sehr langen Buches.

Es ist aber, wie bei allen Büchern, auch hier empfehlenswert, sich vorher damit zu beschäftigen, worum es sich handelt und ob man sich genau darauf gerne einlassen möchte. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und es wird einen festen Platz in meinem Herzen bekommen - Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 14.05.2025

Beeindruckende, vielperspektivische und einfühlsam erzählte Kurzgeschichtensammlung

Nach dem Krieg
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Im Erzählband „Nach dem Krieg“ nähert sich der britische Erzähler Graham Swift – selbst im Jahr 1949 und damit wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren – in zwölf verschiedenen Kurzgeschichten den ...

Im Erzählband „Nach dem Krieg“ nähert sich der britische Erzähler Graham Swift – selbst im Jahr 1949 und damit wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren – in zwölf verschiedenen Kurzgeschichten den vielen, in Europa weitgehend friedlichen, Jahrzehnten nach diesem verheerenden Krieg an. Auf spannende und vielfältige Weisen wird sich mit dem Thema Krieg, Frieden und der Zeit danach beschäftigt, dieses aus der Perspektive verschiedenster Figuren und Zeiten betrachtet, und so regt der Erzählband sehr zum Nachdenken, Nachspüren, Interpretieren und Miteinander-darüber-ins-Gespräch-kommen an.

Bei manchen Geschichten ist der Kriegsbezug sehr unmittelbar: beispielsweise wenn ein junger britischer Soldat mit jüdischen Wurzeln nach Ende der britischen Besatzungszeit auf einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten trifft, der nun im Rathaus arbeitet und die Macht hat, ihm bei der Suche nach seinen verschollenen Verwandten mehr oder weniger behilflich zu sein – dieser Rathausbedienstete, durch dessen Gedankenwelt wir die Geschichte erleben, aber immer noch sehr in altem Denken in Bezug auf militärische Hierarchien und Konventionen verhaftet ist.

Oder, in einer anderen Geschichte, wenn überlegt wird, ob gerade noch schnell eine Hochzeit stattfinden kann, bevor vielleicht gleich ein neuer Krieg ausbrechen wird – es ist die Zeit der Kubakrise und das Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Großmächten scheint äußert fragil. Nun wissen wir, der Krieg ist zum Glück damals nicht ausgebrochen, doch diese Geschichte macht das damals herrschende Bedrohungsgefühl sehr eindringlich nachfühlbar.

Dann gibt es wiederum Geschichten, die sich mit einer anderen Form von Krieg beschäftigen: etwa, wenn wir einen pensionierten Arzt kennen lernen, der sich während der Coronapandemie wieder zum Einsatz im Krankenhaus meldet und dort gemeinsam mit dem anderen Gesundheitspersonal versucht, den Kampf gegen den potenziell Tod bringenden Virus für so viele Patientinnen und Patienten wie möglich zu gewinnen… dabei aber gleichzeitig über sein Leben nachdenkt, Bilanz zieht über das, was er erlebt und erreicht hat.

Eine stille und nachdenklich machende Geschichte, so wie so viele in diesem Buch, die aber gleichzeitig eine immense emotionale Transformationskraft in sich tragen, sobald man sich tiefer auf sie einlässt und sie wirken lässt. Und Bilanz gezogen und zurückgeblickt, das wird überhaupt viel in diesem Buch, in späteren Lebensjahren der Figuren oder auch anlässlich des Begräbnisses geliebter Menschen, während die Hinterbliebenen noch zu geschockt sind, eigene Worte für die Feier zu finden – ein Gefühl, das sicher viele nachvollziehen können, die schon jemanden verloren haben.

Eine weitere Geschichte beschäftigt sich mit einem Paar Mitte 30, Ende der 1990er, auf Urlaub auf Zypern, das bisher nichts als Frieden erlebt hat, und doch – oder vielleicht auch genau deshalb? – innerlich nicht sehr erwachsen geworden ist und aus einer eher kindlichen Perspektive überlegt, doch noch selbst Eltern zu werden. Scheinbar passiert in dieser Geschichte gar nicht so viel, außer ein bisschen Urlaub und ein paar Überlegungen, doch unter der Oberfläche wird die Atmosphäre der letzten „goldenen Jahre“, bis etwa Ende der 1990er, perfekt eingefangen: eine Zeit des immer größer werdenden Wohlstands, eine Zeit, die für viele Menschen in Europa von jahrzehntelangem Frieden und Aufschwung geprägt war, aber in der man noch nichts von den neuen Krisen wusste, die in den darauffolgenden Jahrzehnten über die Menschheit hereinbrechen würden, und in der viele noch glaubten, es würde weiterhin immer nur aufwärts gehen.

Der Autor ist selbst schon in den reiferen Jahren seines Lebens angekommen und in so einigen – aber nicht in allen – Geschichten nimmt er auch diese Perspektive ein und erzählt aus dem Blickwinkel älterer Männer oder Frauen. Besonders berührt hat mich auch die letzte Geschichte, in der eine über 80-jährige Frau rund um ihren Geburtstag auf ihr Leben zurückblickt, über den letzten Reisepass nachdenkt, den sie sich noch machen hat lassen, und über die Gnade, die im Vergessen auch liegen kann, sowieso über ihr Leben insgesamt.

Buchrezensionen sind naturgemäß in ihrem Ausmaß beschränkt, doch möchte ich abschließend sagen, dass dieser Kurzgeschichtenband eine solche Tiefe hat, sodass ich über jeder der erwähnten und außerdem über alle nicht erwähnten Kurzgeschichten noch viel schreiben könnte… und selbst dann würden sich immer viele weitere Interpretationsebenen finden, die andere Menschen darin entdecken könnten, und die ich selbst noch nicht gesehen oder zumindest nicht erwähnt habe.

Ein großartiger Kurzgeschichtenband eines sehr talentierten Erzählers voll von tiefer Lebensweisheit, mit eindringlicher Sprache und äußerst einfühlsamen Charakterisierungen, der zutiefst nachdenklich macht über die letzten 80 Jahre und darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein und die Gnade zu erleben, zumindest in diesem Moment im Frieden leben zu dürfen… aber auch, wie diverse vergangene Kriege in der Welt, aber vor allem auch in der Psyche der Menschen, nachwirken. Ich werde mich auf jeden Fall in nächster Zeit nun mit weiteren Werken dieses Autors beschäftigen, dieser Erzählband hat mich richtig neugierig auf sein Werk gemacht. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 03.05.2025

Liebe im Schatten der Projektion

Die Liebe seines Lebens. Skizze eines Temperaments
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"Die Liebe seines Lebens - Skizze eines Temperaments" von Thomas, ursprünglich unter dem Titel "The Well-Beloved" im Jahr 1897 erschienen, und nun von Reclam neu herausgebracht, ist ein Buch, das ein zeitloses ...

"Die Liebe seines Lebens - Skizze eines Temperaments" von Thomas, ursprünglich unter dem Titel "The Well-Beloved" im Jahr 1897 erschienen, und nun von Reclam neu herausgebracht, ist ein Buch, das ein zeitloses Thema behandelt: die Liebe im Schatten der Projektion und die Frage, ob und wann wir die andere Person wirklich sehen und wann wir nur unsere eigenen Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen auf sie projizieren, wenn wir zu lieben meinen.

Gemäß dem Untertitel "Skizze eines Temperaments" erleben wir diesen Roman ausschließlich aus der Perspektive eines "jungen" Mannes, Jocelyn Pierston, der zwischen seiner Heimat auf einer halbfiktiven Halbinsel im Süden Englands und London pendelt. Das Buch ist in drei Teile geteilt: im ersten geht es um den jungen Mann von zwanzig Jahren, im zweiten um den "jungen" Mann von vierzig und schließlich um den "jungen" Mann von sechzig Jahren. Schon diese Titeleinteilung macht schmunzeln und zeigt, über was für einen besonderen Humor der Autor verfügt.

Unterhaltsam und humorvoll betrachtet verfolgen wir mit, wie der zunächst wirklich junge Mann um seine Jugendliebe Avice wirbt, aber diese schließlich aufgrund einer Nichtigkeit und einer Kurzschlussreaktion für eine andere Frau stehen lässt, die er aber schließlich auch nicht heiratet. Wobei heiraten, das möchte Jocelyn meist schnell und sofort, was wohl einerseits seinem impulsiven Temperament und andererseits dem konservativen Zeitgeist geschuldet ist, in dem eine lange unverbindliche Kennenlernphase zwischen Mann und Frau wohl auch in England nicht üblich war. Doch es wird meist nichts mit der Heirat, aus verschiedenen Gründen.

Beruflich etabliert sich Jocelyn, wird ein erfolgreicher Künstler und ist materiell gut abgesichert, doch in der Liebe immer noch nicht erfüllt. Mit 40 Jahren trifft er schließlich Avice wieder, die mittlerweile eine Tochter hat, Ann-Avice, halb so alt wie Jocelyn. In dieser meint Jocelyn Spuren seiner Jugendliebe wieder zu erkennen - und nennt sie beharrlich Avice, als ob sie ihre Mutter wäre - wenngleich er auch eingestehen muss, dass sie in manchem charakterlich ihrer Mutter nicht so gleicht, aber das meint er mit Bildung und Reisen beheben zu können. Es ist wohl eine Zeit, in der sich Männer Frauen noch sehr überlegen fühlten und meinten, diese erziehen zu können, insbesondere bei so einem Altersunterschied.

Doch es wird nichts mit der Heirat mit Ann-Avice, und Jocelyn zieht seiner Wege, die Jahre gehen ins Land, bis er mit 60 Jahren noch einmal in seine Heimatregion zurückkommt und wiederum Ann-Avice trifft, deren Babytochter (davon hatte er noch mitgekriegt) nun erwachsen ist und ebenfalls - damals auf Jocelyns Wunsch hin, der die junge Familie förderte, auch wenn es das Kind eines anderen war - Avice heißt. Auch um dieses junge Mädchen wird der nun 60 Jahre alte, aber innerlich sich noch jung fühlende Mann, werben, unterstützt von der Mutter Ann-Avice, die sich wünscht, ihre Tochter gut versorgt zu wissen.

Es sind interessante Fragen, die dieses Buch aufwirft. Zum Beispiel nach den Beziehungen zwischen Männern und Frauen im Spiegel der Zeit... es macht einem noch einmal mehr bewusst, wie wichtig der Kampf für die weibliche Emanzipation und Unabhängigkeit war, wenn man sieht, wie wenig Optionen es für junge Frauen in der damaligen Zeit gab und wie abhängig sie davon waren, eine gute Partie zu machen.

Gleichzeitig zeigt sich Hardy aber auch als feinsinniger Charakterbeobachter: nicht nur Jocelyn selbst, sondern vor allem die drei Avice-Frauen sind sehr differenziert porträtiert und es ist klar wahrnehmbar, wie gut der Autor - wenn auch nicht unbedingt sein männlicher Hauptcharakter - Frauen in ihrer Vielfalt und Differenziertheit wahrnehmen und wertschätzen kann.

Auch die zeitliche Entwicklung in Richtung Emanzipation zeigt sich: so ist die Tochter deutlich freier in ihrer Lebensweise als die Mutter, und die Enkeltochter auch, noch einmal auf eine andere Art und Weise. So ist das Buch insgesamt auch ein wertvolles Zeitporträt.

Dann regt es zum Nachdenken über das Wesen der Liebe an: was ist Liebe und wann können wir unsere Gefühle als solche bezeichnen? Wo beginnt Liebe und wo endet Projektion? Wann erkennen wir einen anderen Menschen wirklich und schätzen ihn dafür, wer er im Kern ist, und woran können wir das festmachen? Was ist echte Liebe, in all ihren Facetten? Jocelyn projiziert viel auf die von ihm verehrten Frauen, aber er zeigt sich in anderer Weise, speziell materiell, auch sehr fördernd und großzügig, auch, wenn es nicht zu der von ihm gewünschten Heirat gekommen ist. Er ist ein manchmal etwas in sich verlorener und selbstbezogener, aber dann auch wieder durchaus auch großzügiger Charakter und künstlerischer Freigeist.

Und schließlich stellt das Buch auch noch die Frage, wer wir sind: unser Geist oder unser Körper und wie beides miteinander in Verbindung steht? Es spricht das zeitlose Thema an, dass viele Menschen sich innerlich oft noch jung und so wie früher fühlen, während ihr Körper altert, aber auch die Frage nach Entwicklung, Reife und danach, wer passende Partner auf Augenhöhe sein könnten.

Es ist somit insgesamt ein sehr wertvolles Buch, unterhaltsam und lustig, aber auch tiefsinnig und zum Nachdenken anregend, und eignet sich damit bestens für eine interessante Lektüre und auch für spannende Diskussionsrunden. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 01.05.2025

Poesie finden in einer rauen Umwelt

Ósmann
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„Dies ist eine wahre Geschichte. Jedoch, der Autor erlaubt sich erzählerische Freiheit. Es sei ihm erlaubt.“ (S. 9)

Mit diesem vorangestellten Zitat beginnt die Geschichte des isländischen Fährmannes, ...

„Dies ist eine wahre Geschichte. Jedoch, der Autor erlaubt sich erzählerische Freiheit. Es sei ihm erlaubt.“ (S. 9)

Mit diesem vorangestellten Zitat beginnt die Geschichte des isländischen Fährmannes, der Ósmann genannt wurde und um 1900 lebte. Die Erzählung beruht auf den Informationen der heute lebenden Urenkel dieses Mannes, mit denen der Autor Kontakt hatte sowie auf weiteren recherchierten Informationen, angereichert um die erzählerische Freiheit des Autors, eines nach Island ausgewanderten Schweizers.

Es entsteht ein eindringliches und lange nachhallendes Portrait eines ganz besonderen Mannes, der in der rauen Umgebung Islands gelebt und gearbeitet hat, von ihr geprägt und von Schicksalsschlägen erschüttert wurde, und doch im Kern immer ein feinsinniger, sensibler, poetischer Mensch geblieben ist.

Dieser Kontrast zwischen dem sehr anschaulich geschilderten harten Überlebenskampf in Island zu dieser Zeit und dem tiefsinnigen Charakter dieses Mannes ist für mich eines der ganz besonderen Merkmale, die dieses Buch auszeichnen. Viele Menschen lassen sich von einem harten Schicksal verhärten, da gibt es viele Beispiele dazu aus dem Leben und aus der Literatur. Hier treffen wir nun einen, der sich seinen weichen Kern sein Leben lang bewahrt hat.

Ósmann arbeitet als Fährmann, er zieht eine Seilfähre über den Ós, ein solcher ist eine Flussmündung, daher auch der Spitzname, denn sein eigentlicher Name ist ein anderer. Der Geschichte vorangestellt ist eine Übersichtskarte des Gebietes des Ós, in dem Ósmann lebt und arbeitet, diese war beim Lesen für mich sehr hilfreich, um immer wieder mal nachschlagen und mir die Gegend besser vorstellen zu können.

Hier begegnen wir nun Ósmann in verschiedenen Lebensaltern, vom kleinen „Nonni“ (der Spitzname der Eltern für ihn), der gemeinsam mit seinen Eltern und Geschwistern in einer kargen Hütte aufwächst, über den jungen Mann, der Beziehungen eingeht, mehrere Kinder zeugt, einige Söhne als Baby begraben muss und nur eine einzige Tochter aufwachsen sieht, bis zum Mann mittleren Alters, der so viel gesehen, erlebt und durchlebt hat.

Während seines ganzen Erwachsenenlebens wird er Menschen mit der Seilfähre über die Bezirkswasser bringen: eisige Gletscherflüsse, die von den Gletschern hin Richtung Meeresbucht strömen.

Immer wieder mal können Ungeduldige es nicht erwarten, bis die Fähre bereitsteht, und versuchen, die seicht und harmlos wirkenden, aber sehr tückischen, mit vielen Strudeln und einer starken Strömung versehenen, Bezirkswasser auf eigene Faust, etwa auf dem Rücken der Pferde, zu furten – oft mit tragischem Ende. Wie gut, dass es Ósmann gibt, der so viele sicher von einem Ufer ans andere bringt! Noch besser wäre eine Brücke, für den Bau einer solchen setzt Ósmann sich auch immer wieder ein, leider erfolglos, es werden keine Mittel dafür bereitgestellt. Auch bringt er mal Bedürftige kostenlos über den Ós.

Ósmanns sensible Psyche zeigt sich auch darin, wie verbunden sich dieser Mann der Mythologie und Poesie fühlt. Immer wieder meint er, Fabelwesen zu begegnen, wie etwa ganz am Anfang des Buches einer Robbenfrau – ein wichtiges Motiv nordischer Sagen – und er dichtet dazu, so wie auch sonst zu dem, was er im Alltag erlebt und fühlt:

„Wird angeschwemmt und liegt im Sand,
hat abgestreift das Robbengewand.
Zum Abschied heb‘ ich hoch die Hand.
Stets willkommen am Fabelstrand.“ (S. 27)

Wir befinden uns vor dem Hintergrund einer Zeit, in der Island noch zu Dänemark gehört und die meisten Menschen über wenige Freiheiten verfügen, sich zum Beispiel nicht frei auf der Insel ohne Genehmigung zwischen den Orten genehmigen dürfen. Jedes Buchkapitel wird mit einem eindrucksvollen Zitat eingeleitet, das noch einmal komprimiert einen Eindruck der momentanen Herausforderungen gibt und jeweils damit endet, wie viele Winter Ósmann schon überlebt hat:

„Schlimmster Winter, anhaltende Unwetterserie, Frosthärte und Schneestürme. Kalter Frühling. Begrünung erst während der Umzugstage Anfang Mai. Zwei Dutzend Leute besteigen das Auswanderer-Schiff Samoens. Und Ósmann hat 24 Winter überlebt.“ (Jahr 1886, S. 111)

Denn einen Winter zu überleben, das ist nicht selbstverständlich. Die langen Winter sind oft extrem hart, Kälte, Hunger und Krankheiten plagen die Menschen, viele sterben jung und insbesondere die Kindersterblichkeit ist extrem hoch. Da verwundert es nicht, dass viele, sobald sich ihnen die Möglichkeit bietet, nach Nordamerika auswandern.

Doch auch ein starker, aber tief in sich sehr sensibler Mann, hat nicht unendlich viel Kraft, die er all der Härte und all dem Leid entgegen setzen kann.

An dieser Stelle eine kleine Triggerwarnung: wer sensibel auf die Themen Depression und Suizid reagiert, wähle bewusst, ob und wie man sich diesem besonderen und wertvollen, aber auch dunklen Buch aussetzen möchte, denn insbesondere am Ende wird es sehr dunkel um Ósmanns Psyche, wie sich auch in einem seiner letzten Gedichte zeigt:

„Es lockt die Grabesstille.
Um Fried und Ruh bemüht.
Der letzte Funken Lebenswille,
in den Ós fällt und verglüht.“ (S. 215)

Es ist ein authentisches Ende für eine wahre Geschichte um einen sensiblen Mann aus dem hohen Norden, insbesondere vor dem Hintergrund bekannt hoher Suizidraten in den nordischen Ländern, die früher noch einmal deutlich höher waren. Und stimmt doch traurig und nachdenklich auch.

Insgesamt war Ósmann für mich ein sehr wertvolles, besonderes Buch. Es war hart, zu lesen und mitzufühlen, wie schwer viele Menschen dort und auch Ósmann, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, vom Schicksal getroffen werden. Gleichzeitig hat das Buch in sich auch eine Tiefe, Stille und Poesie, die berührt. Ich habe mich in die isländischen Winterlandschaften versetzt gefühlt und insbesondere Ósmanns tiefe Verbindung zum Meer, zu den Eiswassern, zu all der Mystik dort, war für mich spürbar. Damit war sein Leben nicht nur ein hartes, sondern auch ein in vielen Bereichen auch sehr verbundenes und tief mit Sinn erfülltes, das aufzeigen kann, wie auch unter härtesten Umständen noch Raum für Poesie und Sensibilität bleiben kann. Ein wertvolles, authentisches und gut geschriebenes Buch, das ich absolut weiterempfehlen kann!

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Über Entwurzelung, Zugehörigkeit und Identität

Beeren pflücken
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Mit "Beeren pflücken" ist der kanadischen Autorin Amanda Peters ein packendes Debüt gelungen, das völlig berechtigt schon einige Preise gewonnen hat. Es geht um Familie, Identität, altes Unrecht, Wut, ...

Mit "Beeren pflücken" ist der kanadischen Autorin Amanda Peters ein packendes Debüt gelungen, das völlig berechtigt schon einige Preise gewonnen hat. Es geht um Familie, Identität, altes Unrecht, Wut, aber auch die Möglichkeit für Versöhnung und Verzeihen. Und auch um die Frage des "alternativen Lebens". Wer wären wir, wenn wir in einer ganz anderen Familie aufgewachsen wären? Was hätte das mit uns, aus uns, gemacht?

In den 1960er Jahren arbeitet eine Mi'kmaq-Familie, nordamerikanische Ureinwohner, im Sommer auf Beerenplantagen. Die Eltern und die größeren Kinder pflücken Beeren, die kleineren Kinder laufen so mit und sind tagsüber weitgehend sich selbst überlassen. Es ist eine Zeit, in der man es sich noch nicht leisten konnte, sich die ganze Zeit aktiv um kleine Kinder zu kümmern, ganz besonders, wenn man einer benachteiligten Sozialgruppe angehört hat, so wie die unterdrückten und diskriminierten Mi'kmaq. Die Arbeit auf den Beerenfeldern ist eine harte, doch gibt es auch viel Freude und gemeinsames Zusammensein an den Abenden und in der Freizeit. Es ist eine fröhliche Familie, zu der die 4-jährige Ruthie gehört, sie ist die jüngste von sechs Geschwistern, abends kuschelt sie sich zum Schlafen an ihre Mama, und insbesondere der nur etwas ältere Bruder Joe steht ihr nahe. Er ist es auch, der sie zum letzten Mal sieht, bevor sie spurlos von den Beerenfeldern verschwindet. Alle verzweifelten Suchaktionen der Familie bleiben erfolglos, die Polizei ist nicht sehr gewillt, zu helfen, und es werden Jahrzehnte vergehen, bis die Familie Ruthie wiedersieht.

Das Buch ist abwechselnd aus zwei Perspektiven geschrieben: einerseits die von Ruthie, nun von ihren neuen Eltern Norma genannt, die materiell wohlhabend als abgeschirmtes Einzelkind bei ihren weißen Eltern aufwächst und schon früh beginnt, sich Fragen zu stellen... zu ihrer dunkleren Hautfarbe und auch sonst dem ganz anderen Aussehen im Vergleich zu ihrer irischstämmigen Familie, aber auch zu alten Träumen von einer anderen Mutter und Geschwistern, die von ihren Eltern als banale Kinderfantasien abgetan werden. Zusätzlich sind die Eltern, insbesondere die Mutter, die viele Fehlgeburten hatte, sehr ängstlich, und Norma wird überbehütet und von vielem abgeschirmt, auf eine Art, die sie als sehr erstickend erlebt.

Andererseits lesen wir über das Leben von Joe, Ruthies Bruder, der ihr Verschwinden nie verwunden hat, ein im Leben Herumirrender und Suchender bleibt, von einem Ort zum anderen flüchtet, engen Bindungen aus dem Weg geht und für nichts Verantwortung übernehmen will. Erst spät im Leben, als Joe Krebs im Endstadium hat und ihm nur noch kurz bleibt, findet er nicht nur wieder zu seiner Familie zurück, sondern es kommt auch zu einem Wiedersehen mit Ruthie (das ist kein Spoiler, da es schon ganz am Anfang des Buches zumindest angedeutet wird).

Stilistisch ist das Buch lebendig und interessant geschrieben, es fällt leicht, mit den Figuren mitzufühlen und sich mit ihnen zu identifizieren. Spannend sind auch die unterschiedlichen Perspektiven der zwei Geschwister. Immer wieder zeigt sich in Szenen die noch lange bestehende Diskriminierung der Mi'kmaq, was sehr nachdenklich macht. Die Autorin hat selbst zum Teil Mi'kmaq-Abstammung und kann hier sicher einiges aus der Erfahrung ihrer eigenen Familie mit diesem Thema beisteuern, das macht das Buch noch einmal auf einer tieferen Ebene lebendig und authentisch. Auch die intergenerationalen Traumatisierungen, die die Mi'kmaq und andere Native Americans seit langer Zeit mit sich herumschleppen, das Verleugnen der eigenen Kultur und Sprache und der problematische Umgang mit Alkohol und Gewalt sind Themen. Es ist also ein Buch, das nicht nur gut unterhält, sondern auch über einige vielen Lesenden sicher weniger bekannte Themen aufklärt, und das insgesamt sehr berührend ist - Leseempfehlung!

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