Einblicke in die Psyche eines traumatisierten Killers.
Ich bin Du„Ich bin Du“ hat einiges zu bieten, was Gänsehaut, Wut, Hass und echte Trauer verursacht. Keine Seite war hell und leicht, das komplette Geschehen wird von Schwere und erdrückenden Ereignissen, von Melancholie ...
„Ich bin Du“ hat einiges zu bieten, was Gänsehaut, Wut, Hass und echte Trauer verursacht. Keine Seite war hell und leicht, das komplette Geschehen wird von Schwere und erdrückenden Ereignissen, von Melancholie und einer Dunkelheit, die nur in jenen unsichtbaren Abgründen lauert, die menschlichen Ursprungs sind, begleitet.
„Menschliches Leid ist Ambrosia für die Sinne.
Wo ich war, sollte Zerstörung weilen und Leid die Luft verpesten (...)“
Da wir die Storyline größtenteils nicht im Jetzt, nicht in der Gegenwart und hautnah miterleben, sondern aus – oft wirren – Gedanken und – teilweise verschwommenen – Erinnerungen, in einer Art langen, detaillierten Brief/Geständnisses, sind wir nie wirklich aktiv eingebunden. Durch den gewählten Aufbau und Stil hält Celina Weithaas Distanz aufrecht, erschwert es, trotz Nathaniels Hintergründen und brüchigen Schilderungen, seinen grausamen Taten und dem Schmerz, der in ihm, über allem, herrscht, gänzlich in die Geschichte einzutauchen – ich bin mir aber sicher, dass vielen LeserInnen dieser Umstand positiv auffallen wird, denn die Morde, die Opfer, die ausgelösten Emotionen und sich sacht erschließenden Erkenntnisse gehen nah.
„Ich bin Du“ basiert ohne Frage auf einer Idee, die im Thrillbereich anzusiedeln ist, fokussiert sich auf die Psyche eines Killers – traumatisiert, gezeichnet von Gewalt und Verlust, von dem Bestreben, sich an jenen Mächtigen zu rächen, die wegsahen. Wir treffen einen Mann, der zu früh zum Mörder wurde, nie lernte, zu differenzieren und zu vertrauen; sich über Jahre in Wut und falscher Schuld verlor.
Celina kreierte eine erdrückende Atmosphäre, von Melancholie und Hoffnungslosigkeit durchzogen, in der Bedrohung, Gefahr und Wahn allumfassend sind. Nathaniels Geist, seine Handlungen, sind unberechenbar, wankelmütig, zornig – und doch ist er nicht gewillt, zu keiner Zeit, (s)ein Versprechen, seinen Schwur zu brechen. Denn der Rattenfänger weiß um seine Vergehen. Wie er tötet, mit Hoffnung auf Rettung und ungeahnter Zartheit, gab ihm eine Verletzlichkeit, die ihn zu einer Persönlichkeit macht, die in Erinnerung bleibt.
War die erste Hälfte meinem Erachten nach eher anstrengend, durch verschachtelte, schnörkelig-wirre Sätze nur dürftig zu durchschauen, folgen später Abschnitte, die Klarheit und sinnigere Aufarbeitung bringen. Jedoch driftet der Roman, dem es an Lebendigkeit fehlt, gen Ende wieder in ein Netz ab, dass Realität und Illusion vereint. Nichtsdestotrotz finden sich viele Aussagen und Wahrheiten, die zum Nachdenken animieren, zum Miträtseln verleiten. Erschaudern lassen.
Celina Weithaas zeigt in ihrer Geschichte jenes Mehr, das sich zwischen Schwarz und Weiß befindet. Zeigt, dass jedeR – ganz gleich ob hoher Politiker, armer Rentner, selbst ernannter Rächer – aus diversen Facetten erbaut, von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt ist, nach individuellen, nicht in Stein gemeißelten Moral- und Wertvorstellungen handelt – im besten Wissen und Gewissen.
Theoretisch könnte man „Ich bin Du“ so stehenlassen. Doch handelt es sich um den Auftakt einer Trilogie, in dem Nathaniels „Werdegang“ aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden soll. Ein Einblick in Band zwei, in der der Schuldige vertreten wird, findet sich für alle Interessierten am Ende.
„Adeline war meine Liebste. Sie wagte, was wir uns nicht trauten und sammelte Mut in absoluter Finsternis. Ihre Träume waren mächtiger als alles andere und zerplatzen gemeinsam mit ihrem Kopf. (...) Adeline griff selbst dann noch nach den Sternen, als sie verglühte, und ich liebte sie nie mehr als in diesem Moment.“