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Veröffentlicht am 05.07.2025

Sich erinnern

Kirschholz und alte Gefühle
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Arjeta ist umgezogen und packt ihre Kartons aus. Soweit, so gut und völlig normal. Doch Arjeta packt nicht nur Umzugskartons aus, sondern auch ihr Leben. Sie sitzt am Kirschholztisch ihrer Großmutter in ...

Arjeta ist umgezogen und packt ihre Kartons aus. Soweit, so gut und völlig normal. Doch Arjeta packt nicht nur Umzugskartons aus, sondern auch ihr Leben. Sie sitzt am Kirschholztisch ihrer Großmutter in der neuen Wohnung und breitet mit den alten Fotos und Tagebüchern ihre Vergangenheit vor sich aus und erinnert sich an die einzelnen Stationen. Eine glückliche Kindheit in Sarajewo mit Urlauben bei der Oma in Istrien am Meer, plötzlich beendet durch den Jugoslawienkrieg und den Tod ihrer Brüder. Das Studium in Paris, die Freundschaft zu Hiromi und Nadeschda und ihre Liebesbeziehung zu dem Maler Arik, dem zuviel Nähe zu viel war und ihre Aussetzer, durch die sie kleine Erinnerungslücken hat.

Diesen Geschehnissen spürt sie nach und bringt sie für sich in einen größeren Zusammenhang. Sie setzt im Rückblick die einzelnen Fragmente zusammen, versteht und heilt dadurch. Marica Bodrožić gelingt es, den Krieg, all die Trauer, das Gefühl des Nicht-Angekommen-Seins und all diese unsortierten Gefühle nicht nur zu beschreiben, sondern mit einer geradezu poetischen Sprache zu erzählen. Wenn man das Buch liest, begleitet man Arjeta durch Paris und Berlin und ist ganz dabei, nicht außen vor.

Ein wunderbares Buch!

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Veröffentlicht am 05.07.2025

Boreout durch Bullshit Job

Geht so
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Marisa geht es von außen betrachtet gut. Sie arbeitet in einer Madrider Marketing Werbeagentur, verdient so gut, dass sie sich ein kleines Appartement mit Dachterrasse und Einkäufe in der Delikatessenabteilung ...

Marisa geht es von außen betrachtet gut. Sie arbeitet in einer Madrider Marketing Werbeagentur, verdient so gut, dass sie sich ein kleines Appartement mit Dachterrasse und Einkäufe in der Delikatessenabteilung leisten kann. Allerdings langweilt sie ihr Job zu Tode. Sinnlose Meetings und Gespräche mit ihren Kolleginnen erträgt sie nur mit Hilfe von Beruhigungsmitteln und dem Schauen von sinnbefreiten YouTube-Videos.

Dies alles wird noch getoppt durch das Teambuilding Event für Führungskräfte, an dem sie nicht nur teilnehmen, sondern auch einen Beitrag vorbereiten muss. Ob es eine gute Idee von ihr ist, verschiedene Drogen mit zu der Veranstaltung zu nehmen, um ihre Angstzustände zu bekämpfen, wird sich noch herausstellen.

Beatriz Serrano gelingt es in diesem Buch ihre Leser
innen gleichzeitig zum Lachen zu bringen und parallel dazu, dass ihnen dieses Lachen im Halse stecken bleibt. Auf der einen Seite beschreibt sie die ewig gleichen Tagesabläufe, unnötige Meetings und unwichtige Absprachen und den Kampf um die Pole Position auf der Aufmerksamkeitsskala der Chefetage so witzig und bissig, dass man sich kugeln könnte, um auf der anderen Seite die tiefe Traurigkeit und Verzweiflung der jungen Frau zu spüren. Gefangen in einem sinnlosen Job, in dem nur der schöne Schein zählt, ist Marisa zu schwach, um etwas daran zu ändern. Sie ist ausgebrannt vor lauter Langeweile, etwas das es in vielen Jobs gibt. Sie erledigt langweilige Aufgaben und hat nichts, mit dem sie wirklich etwas erreichen kann, ein Phänomen unserer Zeit.

Großartig übersetzt von Christiane Quandt und erschienen beim Eichborn Verlag empfehle ich dieses Buch sehr gerne nicht nur denjenigen von euch, die im Marketing arbeiten, wo es durchaus mehr zu tun gibt als solche vor Langeweile strotzenden Arbeiten wie im Buch beschrieben.

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Veröffentlicht am 05.07.2025

Wechseljahre - das Upgrade

Wechseljahre. Das Upgrade
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„Die Wechseljahre sind eine Herausforderung. Sie sind aber kein Defizit – auch wenn Medien und Gesellschaft uns das gerne weismachen wollen.“ Wie frau diese Herausforderung angehen kann, beschreibt Anke ...

„Die Wechseljahre sind eine Herausforderung. Sie sind aber kein Defizit – auch wenn Medien und Gesellschaft uns das gerne weismachen wollen.“ Wie frau diese Herausforderung angehen kann, beschreibt Anke Sinnigen in ihrem Buch "Wechseljahre. Das Upgrade". Sie hat das Thema in fünf verschiedene Kapitel eingeteilt und erklärt zunächst in leicht verständlichen Worten, welche Umbauarbeiten der Körper in dieser Phase vornimmt. Dann geht sie darauf ein, warum frau da nicht einfach durch muss, sondern welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt, Symptome zu lindern. Ein Kapitel widmet sich der Ernährung und warum eine angepasste Ernährung nicht nur wegen der figürlichen Umbaumaßnahmen gut ist. Prävention ist ein großes Thema, so beschreibt sie, warum es eine gute Idee ist, der Sportroutine Training mit Gewichten hinzuzufügen und was wir noch tun können, um gut vorbereitet in die nächste Lebensphase zu starten. Hier nimmt sie noch einmal richtig Anlauf und geht darauf ein, dass wir diese Zeit jetzt auch als Neustart, als eine Art Upgrade sehen können. Bilanz ziehen und überlegen, wie wir die Zeit, die noch vor uns liegt, nutzen möchten. Wie sieht es mit der finanziellen Versorgung aus, wie damit umgehen, dass Kinder ausziehen und die Partnerschaft sich dadurch auch noch einmal ändert. Dies und vieles mehr wird angesprochen und Anke Sinnigen gibt Antworten auf Fragen, die sich viele in der Zeit der Wechseljahre, die nicht erst mit der letzten Monatsblutung beginnen, stellen, denn diesem Thema wird im Medizinstudium nicht viel Raum gegeben und das merkt man dann leider auch in den Antworten in den Arztpraxen. Da ist ein solcher Ratgeber wie dieser gut, um erste Erklärungen und Hilfestellung zu bekommen, bis man die Gynäkologin gefunden hat, die dann wirklich medizinisch helfen kann. Die Autorin verschafft den Wechseljahren und ihren ganz eigenen Herausforderungen Sichtbarkeit.

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Veröffentlicht am 10.05.2025

Aufbruch

Drei Sommer lang Paris
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Hach, was soll ich sagen? Das Buch war genau richtig für die Reise nach Paris und für danach! Konnte ich doch den Wegen Ulrikes nachspüren, war sie doch an vielen Orten, an denen meine Tochter und ich ...

Hach, was soll ich sagen? Das Buch war genau richtig für die Reise nach Paris und für danach! Konnte ich doch den Wegen Ulrikes nachspüren, war sie doch an vielen Orten, an denen meine Tochter und ich auch während unseres Aufenthalts waren. Sie hat uns ins Marais begleitet, wir waren mit ihr in Montmartre, standen gemeinsam am Eiffelturm und haben auf die Seine geblickt.

Und es war auch ein Rückblick für mich, denn Paris hat sich verändert, die Zeiten haben sich geändert. Paris ist grüner und sauberer geworden, es ist tatsächlich möglich dort gut Fahrrad zu fahren (was übrigens auch Ulrike im Buch macht). Was anders ist, ist die Stimmung heute, allerdings nicht nur in Paris. 1989 – der Fall der Mauer, es gab ganz viel Unsicherheit, aber auch eine große Aufbruchsstimmung, Deutschland war auf dem Weg der Wiedervereinigung. Damals war ich ungefähr so alt wie die Protagonistin und kann mich vermutlich so gut an dieses Gefühl erinnern. Die Luft vibrierte vor Aufregung, vor Neuanfang.

Doch dieses optimistische Gefühl mit dieser jungen Frau noch einmal zu erleben, die so völlig mutig und ein wenig unbedarft in ein ganz anderes Land aufbricht, ohne einen Pieps Französisch zu sprechen, ist ein Geschenk der Autorin an Menschen wie mich, die das erlebt haben. Aber auch an andere, um sich ein wenig an Ulrikes Optimismus laben zu können. Sie wandert aus, startet in einem neuen Staatssystem und lernt mit Feuereifer Französisch, sucht sich einen Job, saugt die Stadt förmlich in sich auf und lernt sie durch die Menschen, die sie dort trifft, kennen. Sie ist dabei, irgendwo anzukommen, was für ein schönes Gefühl!

Dabei ist sie immer auch Beobachterin von sich, ihrem Tun und dem, was in der ehemaligen DDR passiert, erlebt das Auseinanderfallen ihres Landes, in dem sie geboren wurde, bleibt in Kontakt mit denen, die dort geblieben sind und gewöhnt sich nach und nach an die neue Umgebung und das neue Leben. Sie wird das, was man unter „flügge“ versteht, ein Vogel, bereit das Elternnest zu verlassen und auf eigenen Beinen zu stehen. Auch beschreibt sie klar bzw. abgeklärt ihre Empfindungen als sie den Mauerfall realisiert.

Sprachlich hat mich dieses Buch gefangen genommen, ich mochte die feinen Beobachtungen und Beschreibungen. Auch gefallen mir die vielen Verweise auf Literatur und Geschichte und die Art, wie die Autorin die einzelnen Personen von Seite zu Seite lebendiger werden lässt. Und – ganz groß – wie sie beschrieben hat, was Ulrike verstanden hat am Anfang, zum Beispiel „deh dokümong“ oder „Il ne fo pa vu depeschee. Onna dü tom.“

Ein fein erzähltes Buch, das ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 26.04.2025

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Halbinsel
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Kristine Bilkau erzählt mit „Halbinsel“ eine dichte Geschichte, die zum einen eines der wichtigsten Themen unserer Zeit, die Klimakrise, streift, und die Wachstumsschmerzen einer Mutter-Tochter-Beziehung ...

Kristine Bilkau erzählt mit „Halbinsel“ eine dichte Geschichte, die zum einen eines der wichtigsten Themen unserer Zeit, die Klimakrise, streift, und die Wachstumsschmerzen einer Mutter-Tochter-Beziehung beschreibt, eingebettet in die wohltuend ruhige Landschaft des norddeutschen Wattenmeers.

Diese ruhige Landschaft wirkt wie ein Gegenpol zu den inneren Kämpfen der beiden Frauen. Beide arbeiten sich an sich selbst und ihren Erinnerungen und Lebenserfahrungen ab, beide geben sie im Lauf der Erzählung Kontrolle ab und öffnen sich. Spannend ist, dass der Großteil des Romans im Kopf von Anett, der Mutter und Erzählerin stattfindet.

Anett hat Linn nach dem Tod des Vaters allein großgezogen, musste immer aufs Geld achten und hatte wenig Unterstützung. Linn war recht pflegeleicht und zielorientiert. Jetzt wird all das noch einmal auf den Prüfstand gestellt, denn Anett war sehr beschützend, nicht nur in Bezug auf Linn. Es geht bei beiden Frauen um die großen Fragen oder die eine große Frage, wo sie hinwollen mit ihrem Leben, ihren Hoffnungen, ihren Enttäuschungen.

Linn ist ein Beispiel für so viele ihrer Generation, die versuchen, gegen die Klimakrise anzukämpfen und ausbrennen. Intelligent, enthusiastisch, engagiert und gut ausgebildet versuchen sie die Welt zu ändern und scheitern am System bzw. an den Menschen, denen der kurze Profit und Greenwashing wichtiger ist als ein ernsthafter Systemwechsel.

Anett überlegt, was das Leben noch für sie an guten Überraschungen bereit hält. Will sie in dem kleinen Ort, der voller Erinnerungen ist, bleiben? Der Zusammenbruch ihrer Tochter und ihr Wieder-Einzug im alten Zuhause bringt so manches an Tageslicht, das viele Jahre im Keller der Erinnerungen verborgen war.

Und hier spielt Kristine Bilkau ihre große Stärke aus. Sie formuliert so klare Sätze, die die Gedankenwelt von Anett spiegeln. Sie nimmt uns mit in die Ängste, als Mutter nicht zu genügen, nicht über die Runden zu kommen und in die Trauer um Johan, der einfach viel zu früh gestorben ist und den sie in Gedanken nie ganz losgelassen hat. Sie zieht Bilanz und muss sich entscheiden, wo sie ab jetzt hin will als Mutter und als Anett.

Als Linn beginnt, in den Kisten aus dem Keller zu graben und auch Anett mit vielem Unerzähltem, Unausgesprochenem, Unerinnertem konfrontiert, lösen sich auch in Anett die Bänder, die vieles von ihr ferngehalten haben.

Verstärkt wird dieses Aufarbeiten der Vergangenheit durch die Wattwanderungen, die sie unternehmen. Auch dort finden sich Stücke aus der Zeit vor der großen Flut, die die Landschaft völlig verändert hat und Ortschaften hat versinken lassen. Ein Pferd verschwindet und ist wie ein Sinnbild für das, was war und worüber die beiden noch sprechen müssen, was aber nur immer mal aus der Ferne auftaucht.

Diese Wanderungen haben auch ein wenig die Funktion des Durchlüftens der Gedanken. Draußen in der Natur, mit den Gedanken allein, auch wenn es eine größere Gruppe ist. Etwas zusammen unternehmen und trotzdem in Gedanken ganz weit weg voneinander und der Lebensrealität der anderen.

Es gibt Zweifel auf beiden Seiten, zwischendurch kippt die Stimmung immer mal wieder zwischen den Frauen durch das Ungesagte und Unverständnis füreinander. Anett projiziert ihre eigenen Zweifel auf ihre Tochter, schließlich wollte auch sie einmal etwas anderes vom Leben, fühlte sich auf der Durchreise und blieb dann in diesem kleinen Ort, was sie sich bei ihrer Tochter oder für sie nicht vorstellen mag oder kann. Kristine Bilkau schafft es, diese feinen Stimmungen mit gut durchdachten Sätzen zu zeichnen.

Es ging mir bei „Halbinsel“ mal wieder so, dass ich einerseits weiterlesen wollte, um zu erfahren, wie sich die Beziehung von Mutter und Tochter entwickelt, andererseits konnte ich nicht genug bekommen von den Bilkauschen Sätzen. Der Roman spiegelt eine Geschichte, die so passieren könnte und skizziert so schön die Tiefen der Beziehung und zeigt auch, wie sich die Menschen, die versuchen, die Klimakrise aufzuhalten und mehr zu tun als Jutetaschen statt Plastik zu nutzen, daran aufreiben. Kristine Bilkau schafft es, ein gesellschaftlich wichtiges aktuelles Thema in einen Roman einzubetten ohne dabei den Zeigefinger zu erheben.

Es ist eine Erzählung vom Abschied, vom Erwachsenwerden einer Mutter-Tochter-Beziehung und vom Loslassen – ganz großartig erzählt.

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