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Veröffentlicht am 27.06.2025

Die Mauer

Der Tunnelbauer
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Im Jahr 1961 lebt es sich in der DDR auch nicht so schlecht. Der Staat sorgt für alles, die Familien halten zusammen und die Jugend-Cliquen auch. Von Ost-Berlin kommt man noch nach West-Berlin. Wenn man ...

Im Jahr 1961 lebt es sich in der DDR auch nicht so schlecht. Der Staat sorgt für alles, die Familien halten zusammen und die Jugend-Cliquen auch. Von Ost-Berlin kommt man noch nach West-Berlin. Wenn man Geld hat kann man dort einkaufen und man kann auch in West-Berlin arbeiten oder studieren. Jedoch verschwinden immer mehr Bürger aus der DDR, gerade die gut ausgebildeten. Nach dem Schulabschluss machen Achim und seine Freunde einen letzten gemeinsamen Urlaub an der See. Ein einschneidendes Ereignis dort lässt auch in Achim den Entschluss reifen zu fliehen. Er schafft es so gerade raus und dann kommt die Nachricht, dass über Nacht eine Mauer gebaut wurde.

Wie lebten die Menschen Anfang der 1960er in der DDR? In den Jahren nach dem Krieg haben sie sich schon ein wenig eingerichtet. Einige glauben an den real existierenden Sozialismus. Viele leben ihr Leben. Und doch sind einige unzufrieden. Solange es noch ein paar Schlupflöcher in der Grenze gibt, ist alles nicht so schlecht. Auch nicht für Achim, jedenfalls bis zu jenem Urlaub. Danach kommen die Jugendlichen zum ersten Mal in Kontakt mit der Staatsmacht. Danach beginnt Achim wirklich sich zu fragen, ob das für immer sein Land sein kann. Und er macht sich auch den Weg nach drüben.

Das Buch wird für Jugendliche ab dreizehn Jahren empfohlen, es ist aber auch für Erwachsene empfehlenswert. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und dadurch liest man die Erzählung mit noch größerer Aufmerksamkeit. Man empfindet die wachsende Beklemmung, die größere Einengung des Lebens und die Bedrohung von Menschen, die nur geringfügig abweichen, durch den Staat. So lösen sich die, die sich damit nicht abfinden können und wollen, langsam von dem, was ihre Heimat sein sollte. Spannend und beeindruckend auch der Teil des Romans, in dem Achim viel riskiert, um weiteren Menschen zur Flucht zu verhelfen. Immer gefährlicher und schwieriger wurde es Fremde und Freunde rauszuholen. Irgendwann war die Grenze so abgeschottet, dass es kaum mehr möglich war. Gefesselt kann man kaum von dem Buch lassen, wenn man einmal angefangen hat. Einige Informationen am Ende des Buches erzählen von den echten Tunnelbauern, deren Mut und Zielstrebigkeit heute noch beeindruckend ist.

Veröffentlicht am 17.06.2025

Sweetie

Strandgut
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Ach, du ahnst es nicht. Bucky Bronco, um die siebzig Jahre, seit einem Jahr Witwer, lebt in der Nähe von Chicago. In seiner Jugend hat er ein paar Soul-Songs geschrieben und aufgenommen. Er träumte von ...

Ach, du ahnst es nicht. Bucky Bronco, um die siebzig Jahre, seit einem Jahr Witwer, lebt in der Nähe von Chicago. In seiner Jugend hat er ein paar Soul-Songs geschrieben und aufgenommen. Er träumte von einer Karriere als Musiker, doch das Leben kam dazwischen und seine Musik ist längst vergessen. Doch dann kommt eine Einladung zu einem Soul-Festival nach England. Das ist ganz schön weit weg und Bucky ist sich auch nicht sicher, ob er einen Auftritt überhaupt schaffen würde nach all der Zeit. Es gibt aber sogar eine Gage und den Flug und das Hotel. Verlockend.

Damit rechnet man im Alter nicht mehr, dass auf einmal fremde Leute Interesse an einem haben. Eigentlich hat Bucky mit allem abgeschlossen, seine geliebte Frau ist tot, es schmerzt an allen Ecken und Enden. Am liebsten möchte er sich nur betäuben. Und dann haben diese Leute in England seine Songs über die Jahre immer noch und immer wieder gehört, Donnerwetter. So ganz wohl fühlt er sich bei der Ankunft in Scarborough nicht. Dinah gegenüber, die ihn abholt und dabei begeistert berichtet, wie viel seine Songs ihr bedeuten, versucht er das zu überspielen. Ob ihm das gelingt?

Bei dem Meerblick, den das farblich schön gestaltete Cover des Romans bietet, kann man sich die Aussicht aus Buckys Hotelfenster gut vorstellen, vielleicht sogar in der Morgendämmerung.

Irgendwie ist dieser Roman einfach schön. Er zeigt, dass das Leben in gewissem Alter nicht einfach vorbei ist. Manchmal kommt ganz unverhofft ein neuer Impuls, durch den man einen anderen Blick bekommt und sich vieles ändern kann. Insbesondere auch die eigene Einstellung. Auch wie Jüngere und Ältere sich gut verstehen können und der Altersunterschied nicht viel ausmacht. Dabei gilt das nicht nur für Bucky, der wirklich nochmal durchatmet und überlegen kann, ob er die Änderung akzeptiert oder nicht. Auch ein paar weitere Personen zeigen sich bereit, noch etwas zu ändern. Ein kleines Manko, neugierig gemacht auf die Musik, muss man bei vereinzelten Versuchen feststellen, dass diese nicht ohne Weiteres zu finden ist. Es wäre ein kleines i-Tüpfelchen gewesen. Dennoch stimmt dieser vielschichtige Roman beim Lesen sowohl mit Inhalt als auch mit seiner Sprache froh.

Veröffentlicht am 10.06.2025

Was kann ich für Sie tun?

Der Kaiser der Freude
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Seine Mutter, eine gebürtige Vietnamesin, wünscht sich nur das Beste für ihren Sohn Hai. Dieser mag ihr nicht direkt sagen, dass er zumindest zwischenzeitlich gescheitert ist. Sein Traum von einem Medizinstudium ...

Seine Mutter, eine gebürtige Vietnamesin, wünscht sich nur das Beste für ihren Sohn Hai. Dieser mag ihr nicht direkt sagen, dass er zumindest zwischenzeitlich gescheitert ist. Sein Traum von einem Medizinstudium in Boston ist geplatzt, weil er sich nicht richtig beworben hat. Als Hai dann auf einer Brücke rumturnt und eher weniger lebensbejahende Gedanken hegt, sieht er die ältere Litauerin Grazina bei ihrem Haus. Die Beiden lernen sich kennen und Hai beginnt sich um die alte Dame zu kümmern und zusätzlich tritt er eine Arbeitsstelle in einem Diner an. Dort arbeitet auch sein Cousin Sony.

Dies ist wirklich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem queeren Hai, der mit dem Leben hadert, und der älteren Grazina, die als Jugendliche vor den Nazis geflohen ist und diese Erlebnisse nie verarbeiten konnte. Nicht immer lebt Grazina in der Gegenwart, doch Hai passt sich ihr an und so durchleben sie gemeinsam, was unbewältigt ist. Für Hai ist auch die Arbeit im Diner wichtig. Mit den Kollegen verbindet ihn etwas Besonderes. Speziell für Sony, der in einer Wohngruppe lebt, will Hai da sein. Sie sind einfache und ehrliche Leute und für eine Weile stehen sie zusammen.

Vielleicht hat man das Buch(/Hörbuch zunächst übersehen, weil man sich nicht vorstellen konnte, wie es einen gefangen nehmen sollte. Wenn man dem Roman dann doch eine Chance gibt, merkt man schnell, dass einen die Geschichte berührt. Einwanderer aus verschiedenen Ländern und Generationen können durchaus Gemeinsamkeiten finden. Und ein junger Mensch kann sich mit großer Herzenswärme um eine alte Dame kümmern, selbst wenn es zunächst aus einer eigenen Not heraus geschieht. Die Erlebnisse dieses ungleichen Paares sind dabei nicht nur melancholisch, sondern auch humorvoll und witzig. Auch die große Phantasie, mit der sich Hai anpasst, wenn Grazina in die Vergangenheit gleitet, das liest sich sehr beeindruckend. Dieser Roman ist eine kleine Perle, die als Hörbuch hervorragend gelesen wird von Fabian Busch.

Veröffentlicht am 16.05.2025

Chrysantheme, Koto und Axt

Der Inugami-Fluch
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Diesmal wird der Privatdetektiv Kosuke Kindaichi an den abgelegenen Sitz einer wohlhabenden Familie gerufen. Der Anwalt der Familie befürchtet nach dem Tod des Familienoberhauptes, dass es bei der Testamentsverlesung ...

Diesmal wird der Privatdetektiv Kosuke Kindaichi an den abgelegenen Sitz einer wohlhabenden Familie gerufen. Der Anwalt der Familie befürchtet nach dem Tod des Familienoberhauptes, dass es bei der Testamentsverlesung zur viel Unmut kommen könnte. Die Bestimmungen des Verstorbenen können gerade nicht dazu dienen, den Familienfrieden zu erhalten. Im Grunde herrschen schon Unstimmigkeiten und als der letzte Wille wirklich bekannt ist, treten die Feindseligkeiten offen zutage. Kindaichi kann nicht schnell genug zu Ergebnissen kommen, um den Start einer Mordserie zu verhindern. Besonders gefährdet scheint auch die Enkelin eines guten Freundes des Toten zu sein.

Dies ist der vierte Band der Reihe um Kosuke Kindaichi, den Privatdetektiv, der nach dem zweiten Weltkrieg nach Japan heimgekehrt ist und mit seiner Spürnase den schlimmsten Verbrechern auf die Spur kommt. Auf den ersten Blick kann er etwas unscheinbar wirken, doch er denkt weiter und zieht Schlüsse. Mitunter bittet ihn sogar die Polizei um Hilfe. Hier kommt der Familienanwalt zuerst auf den Gedanken, dass er Hilfe brauchen könnte. Doch auch Kindaichi kann nicht verhindern, dass für manche Familienmitglieder das Unglück seinen Lauf nimmt. Doch so langsam kommt er den Geheimnissen auf die Spur und entdeckt, dass das beliebte Familienoberhaupt, zu seiner eigenen Familie nicht so zuvorkommend war.

Mit Kosuke Kindaichi hat der Autor einen einfach sympathischen Helden erfunden. Dass die Bücher dieser Reihe zum Teil schon in den 1970ern geschrieben wurden, merkt man ihnen nicht an. Sie haben eine gewisse Frische und Ursprünglichkeit, die einen schnell einnimmt. Es ist eben schön, wenn der Ermittler ihre Gedanken anstrengen und nicht so viele Hilfsmittel zur Verfügung haben. Wieder bekommt es Kosuke Kindaichi mit einer Familie zu tun, in der es einige unrühmliche Geheimnisse gibt. Es geht nicht nur ums Erbe, sondern auch um eine Familienfehde, die der Patriarch ausgelöst hat. Welche Rolle die Chrysantheme, die Koto und die Axt spielen, ist spannend zu entdecken. Obwohl die Morde teils recht blutrünstig sind, sind sie doch so gut in die Handlung eingebunden, dass man in jedem Moment gefesselt bleibt. Die Cover-Gestaltung passt sehr gut zu der der weiteren Bände. Auch die Bedeutung erschließt sich im Laufe des Romans. Von dieser Reihe darf es gerne mehr geben.

Veröffentlicht am 10.05.2025

Die Erzählung einer Familie

Wir Ostpreußen
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Als sie schon hochbetagt ist, beginnt die Großmutter des Autors eine Lücke in der Familiengeschichte zu füllen. Nach dem Krieg hatte sie sich eine Existenz in Arolsen in der Nähe von Kassel aufgebaut. ...

Als sie schon hochbetagt ist, beginnt die Großmutter des Autors eine Lücke in der Familiengeschichte zu füllen. Nach dem Krieg hatte sie sich eine Existenz in Arolsen in der Nähe von Kassel aufgebaut. Ursprünglich stammte die Familie allerdings aus Ostpreußen. Dort bewirtschaftete sie ein großes Gut. Ende Januar 1945 rückte die Ostfront immer näher und Großmutter Else, die damals natürlich noch jung war, entschied, es sei an der Zeit zu gehen, bevor man nicht nur Hab und Gut, sondern auch Leib und Leben verliere. Else, deren Mann bereits gefallen war, stellte einen Treck aus über 80 Personen zusammen. Gemeinsam machten sie sich auf den beschwerlichen Weg in eine erhoffte Sicherheit.

Großmutter Else verfasst einen ausführlichen Bericht, den der Autor und Enkel mit eigenen Worten und Einfügungen wiedergibt. Zusätzlich beschäftigt er sich selbst mit der Geschichte von Flucht und Vertreibung, was über den Rahmen, den die Großmutter gesetzt hat, hinausgeht. Er nimmt eine Einordnung aus heutiger Sicht vor, immer bedenkend, dass es das Leid nicht gegeben hätte, hätte Hitler sich nicht erdreistet, den Krieg vom Zaun zu brechen. Doch das Leid hat es gegeben. Aus Verantwortungsbewusstsein sah Großmutter Else keine andere Wahl als sich und die Bewohner des Gutes in Sicherheit zu bringen. Die Kinder waren schon vorausgeschickt worden.

Auch wenn man selbst keinen Bezug zu Ostpreußen hat, kann man diesen Bericht mit großem Interesse lesen. Man stellt fest, dass doch etliches aus dem Geschichtsunterricht in Vergessenheit geraten ist. Viel wurde wohl auch nicht erwähnt. Von Flucht und Vertreibung war nicht viel die Rede, mal wollte in der neuen Nachkriegswelt ankommen. Und nun doch einmal darüber zu lesen, anzuerkennen, dass Flüchtlinge und Vertriebene es auch nicht einfach hatten, vervollständigt ein Bild, dessen wichtigere Teile vom Holocaust, von Überfällen und verdienter Niederlage künden. Als sehr lesenswert kann die Mischung zwischen authentischem Bericht und geschichtlicher Einordnung empfunden werden. Man merkt, dass ein versierter Journalist hier die Feder zur Hand genommen hat. Es ist an der Zeit sich erneut und immer wieder mit der Geschichte zu beschäftigen.