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Veröffentlicht am 06.08.2025

Die Entscheidung

Beduinenmilch
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Kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag reist Talia im Jahr 2014 von Berlin nach Israel zu ihrer Großmutter. Der Großvater ist vor einiger Zeit verstorben und Talia, die sehr zu ihrem Opa aufgeblickt hat, ...

Kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag reist Talia im Jahr 2014 von Berlin nach Israel zu ihrer Großmutter. Der Großvater ist vor einiger Zeit verstorben und Talia, die sehr zu ihrem Opa aufgeblickt hat, empfindet den Verlust. Ihr Großvater stammte aus Deutschland und ist von seinen Eltern vor dem Holocaust gerettet worden. Er ist Talias großes Vorbild. Mit ihrem zweiten deutschen Pass ist die junge Frau eigentlich vom Militärdienst befreit. Doch sie hat es sich genau überlegt. Sie verbringt ihren Geburtstag in Israel und sie wird sich einziehen lassen. Ihr Staat muss verteidigt und geschützt werden und sie wird ihr Teil dazu beitragen.

Mit glücklichen Tagen, Feiern und Wiedersehen mit Familienmitgliedern beginnt Talias Urlaub. Sie freut sich mit ihren Verwandten und Freunden, es gibt so viel zu besprechen. Wie sie ihren Eltern in Deutschland das mit dem geplanten Militärdienst beibringen soll, weiß sie noch nicht. Nur Noa weiß Bescheid, die wahrscheinlich zur selben Zeit eingezogen wird. Die beiden jungen Frauen sind so gespannt und voller Vorfreude. Erste Risse bekommt das schön ausgemalte Bild der Zukunft als Talia die Baustelle in der Nähe des Hauses ihrer Großmutter bemerkt. Dort arbeiten Illegale. Es sind Araber, die nicht die Erlaubnis haben einzureisen, als billige Arbeitskräfte unter der Hand aber auf gewisse Weise willkommen sind.

Die Autorin selbst ist Deutsch-Israelin und kenntnisreich schreibt sie von einer jungen Frau, die in zwei Welten zu Hause sein könnte. Für Leser, die keine entsprechenden Kenntnisse besitzen, ist dieser Roman eine echte Bereicherung. Man bekommt einen Einblick in das Leben einer jungen Frau, die sich entscheiden will Israelin zu sein, mit allem, was dazu gehört. Man erlebt mit wie ihr Enthusiasmus Brüche erfährt. Denn sie muss feststellen, auch Israel ist kein idealer Staat. Es ist ein Staat, der das Recht hat zu bestehen, der aber auch anderen ihre Rechte eigentlich nicht absprechen kann. Auch ein naher Einblick in die Gründung des Staates Israel wird gegeben. Man erlebt hautnah mit, wie die Menschen an ihrem Staat leiden, aber auch sehr stolz sind, diesen Staat zu haben. Dieser Roman lässt sich nicht ganz leicht lesen, weil sehr authentisch und eindringlich berichtet wird, doch er beeindruckt und berührt mit seiner jungen Heldin, die lernt eigene Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen.

Veröffentlicht am 13.07.2025

Sehnsucht Knabenchor

Durch das Raue zu den Sternen
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In der Zeit, nach der ihre Mutter kurz fortgegangen war, ist es Arkadia Finks größter Traum im Knabenchor zu singen. Ihre Mutter lebte die Musik, sie strahlte sie aus, war von ihr ergriffen und sie vertrat ...

In der Zeit, nach der ihre Mutter kurz fortgegangen war, ist es Arkadia Finks größter Traum im Knabenchor zu singen. Ihre Mutter lebte die Musik, sie strahlte sie aus, war von ihr ergriffen und sie vertrat die Meinung, Beethoven sei eine Frau gewesen. Als Komponistin war sie jedoch nicht erfolgreich. Arkadia, die Moll genannt wird, wartet auf den Moment, zu dem ihre Mutter wieder da ist. Molls Vater hat das Verschwinden seiner Frau ebenfalls nicht überwunden. Der Schreiner kann sich kaum aufraffen zu arbeiten und sich auch nicht richtig um seine Tochter kümmern. Molls Leben ist die Musik und die will sie im Chor ausdrücken.

Nachgeben, nur weil sie ein Mädchen ist, dass ist nicht die Lösung für Moll. So hat auch ihre Mutter gedacht, sich aber nicht immer so verhalten. Mit der Unbändigkeit und Kompromisslosigkeit eines dreizehnjährigen Kindes geht Moll ihrem Traum nach. Es ist ihr egal, dass im Knabenchor noch nie ein Mädchen gesungen hat. Es kommt auf das Können an, so! Wenn sie erstmal vorsingen kann, wird sie bestimmt angenommen werden. Dieses Vorsingen ist allerdings garnicht so einfach zu bekommen. Es soll ihr keiner blöd kommen, auch an der Schule nicht. Wenn sie mit dem berühmten Knabenchor singt, wird ihre Mutter da sein.

Manchmal tragisch, manchmal auch komisch und immer berührend kann dieser Roman auf die Leser und Leserinnen wirken. Als Mädchen mit einem Knabenchor singen zu wollen, auf diese Idee muss man erstmal kommen. Es ist toll, mit welcher Durchsetzungskraft an ihre selbstgesetzte Aufgabe geht. Gerne schmunzelt man in einigen Momenten, wenn sie ihre Ideen entwickelt. Doch bald spürt man auch die gewisse Tragik, die hinter einigen Ereignissen zutage kommen. Moll, ihre Mutter und ihr Vater leiden mitunter an sich selbst und es fällt ihnen schwer, etwas daran zu ändern. Vielleicht ist Molls Sehnsucht nach dem Knabenchor auch als ein Aufbruch aufzufassen in ein neues Leben, eines in dem nicht alles gut ist, aber besser. Ein berührender Roman, der zu Herzen geht.

Veröffentlicht am 06.07.2025

Riesen Familie

Die Erfindung der Sprache
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Adam Riese arbeitet als Dozent an einer Berliner Hochschule. Sein Leben braucht Ordnung, Einatmen, Ausatmen und die Zahl Sieben. Alles kommt durcheinander als seine Großmutter anruft und berichtet, dass ...

Adam Riese arbeitet als Dozent an einer Berliner Hochschule. Sein Leben braucht Ordnung, Einatmen, Ausatmen und die Zahl Sieben. Alles kommt durcheinander als seine Großmutter anruft und berichtet, dass seine Mutter im Krankenhaus ist. Adam muss sofort nach hause, um sich zu vergewissern, dass es seiner Mutter nicht zu schlecht geht. Was ist passiert? Sie hat in einem Buchladen eine Veröffentlichung entdeckt, die einen Hinweis auf den Verbleib von Adams Vater geben könnte. Das hat sie aus der Bahn geworfen. Natürlich ist Adam auch ziemlich aufgelöst. Sein Vater ist verschwunden als der Junge dreizehn war und das ist schon etliche Jahre her.

Adam ist schon etwas speziell, ein wenig mehr als die anderen Familienmitglieder. Seine Großeltern von der Nordseeinsel Platteoog, die sich in Tschechien kennengelernt haben. Deren einzige Tochter Oda und Hubert Riese, der als Leutturmrestaurator auf die Insel kam. Und Adam, der Sprachwissenschaftler, der nicht gerne reist, für den alles am liebsten immer gleich laufen soll. Und nun reist er unerwartet von Berlin nach Platteoog. Und bei den Hinweisen, die er findet, wird das nicht die letzte Reise sein. Einatmen. Ausatmen. Fremde Menschen, wie anstrengend und Probleme an der Uni machen noch mehr Streß.

Welch ein liebenswertes Buch voller eigenartiger Charaktere, die man sofort umarmen und ins Herz schließen möchte. Adam rudert durchs Leben und manchmal scheint er nicht der Kapitän auf seinem Boot zu sein. Aber er gibt nicht auf. Um seiner Mutter zu helfen und auch weil er es endlich wissen will, versucht er zu klären, was aus seinem Vater geworden ist. Seine Reise wird richtiggehend spannend als er herausfindet, dass Hubert auch in anderen Leben Spuren hinterlassen hat. So wie Adam denkt und spricht, regt er beim Lesen an, die eigenen Denk- und Sprechweise anzupassen. Die besondere Sprache dieses Romans ist etwas Besonderes, durch einem Adams Begrenzungen näher gebracht werden, man aber auch merkt, dass seine Welt in Teilbereichen reicher ist als die vieler anderer. Ein richtig schöner Roman.

Veröffentlicht am 02.07.2025

Tod eines Künstlers

Perspektiven
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Anfang des Jahres 1557 wird der Maler Jacopo da Pontormo in Florenz erstochen aufgefunden. Er war seit Jahren mit einem Fresko beschäftigt, welches, wie festgestellt wird, teilweise übermalt wurde. Gleichzeitig ...

Anfang des Jahres 1557 wird der Maler Jacopo da Pontormo in Florenz erstochen aufgefunden. Er war seit Jahren mit einem Fresko beschäftigt, welches, wie festgestellt wird, teilweise übermalt wurde. Gleichzeitig wird ein Gemälde vermisst, dass die Tochter des Herzogs Cosimo de Medici zeigen soll. Eine unangenehme Situation für den Herzog, denn die weibliche Person auf dem Bild ist nicht bekleidet. Pontormo war im Auftrag des Herzogs tätig. Hat die Sache mit dem Bild etwa mit dem unnatürlichen Ableben des Künstlers zu tun? Es entspinnt sich ein reger Briefverkehr, mit dem die Beteiligten ihre Gedanken zu den Vorgängen teilen.

Briefromane kommen eher selten vor. In der Renaissance gab es jedoch hauptsächlich die Möglichkeit, sich persönlich zu treffen, oder wenn die Entfernung zu groß war, eben zu schreiben oder einen Boten zu schicken. Zur Aufhellung des Geschehens dienen die Briefe, die die verschiedenen Personen austauschen. Dabei entwickelt sich auch ein Bild der Machtstrukturen in Florenz und auch der persönlichen Gefüge zwischen den verschiedenen Menschen. So ist Cosimo nicht nur Herzog, sondern auch Vater. Seine Tochter Maria soll verheiratet werden. Wundert sich der Vater, dass sie davon nicht begeistert ist. Ihr ein Mitspracherecht zuzugestehen wäre im 16. Jahrhundert wohl zu viel erwartet, oder?

Diese Hörbuchproduktion wird zur Verfügung gestellt durch die ARD-Audiothek als szenische Lesung, was sie soweit feststellbar von dem normalen Hörbuch unterscheidet: Jeder Briefeschreiber liest seine Briefe „selbst“ vor, hat also einen eigenen Sprecher. Das macht das Zuhören sehr abwechslungsreich und man kommt teilweise soweit, dass man einige der Schreiber wiedererkennt. Das ist echt klasse. Hoffentlich wird diese Produktion noch über weitere Kanäle zur Verfügung gestellt. Ob die geringfügige Kürzung durch die Art des Vortrags bedingt ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Die Vorleser der Briefe werden im letzten Abschnitt mit ihrer Rollenbezeichnung genannt, was sehr angenehm ist.

Auch inhaltlich überzeugt dieser Roman, besonders auch, wenn man feststellt, dass es sich bei etlichen der handelnden Personen um historische Persönlichkeiten handelt, über die man im www nachlesen kann. Sehr geschickt hat der Autor die Wirklichkeit als Rahmen für seine fiktionalen Gedanken verwendet. Die Aufklärung des Mordes wird zu einer verwickelten Geschichte, in der es zu dem ein oder anderen Schelmenstreich kommt. Doch auch tragische Momente hat man als Leser oder Leserin zu überstehen. Und mitunter sind Todesfälle unerwartet und durchaus von Gewalt bestimmt. Und während kleiner Augenblicke hätte man sich gewünscht, der Autor hätte die Wirklichkeit außen vor gelassen. Aber alles in allen hat man einen herausragenden historischen Kriminalroman, der sowohl durch Inhalt als auch Darstellung besticht.

Veröffentlicht am 27.06.2025

Die Mauer

Der Tunnelbauer
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Im Jahr 1961 lebt es sich in der DDR auch nicht so schlecht. Der Staat sorgt für alles, die Familien halten zusammen und die Jugend-Cliquen auch. Von Ost-Berlin kommt man noch nach West-Berlin. Wenn man ...

Im Jahr 1961 lebt es sich in der DDR auch nicht so schlecht. Der Staat sorgt für alles, die Familien halten zusammen und die Jugend-Cliquen auch. Von Ost-Berlin kommt man noch nach West-Berlin. Wenn man Geld hat kann man dort einkaufen und man kann auch in West-Berlin arbeiten oder studieren. Jedoch verschwinden immer mehr Bürger aus der DDR, gerade die gut ausgebildeten. Nach dem Schulabschluss machen Achim und seine Freunde einen letzten gemeinsamen Urlaub an der See. Ein einschneidendes Ereignis dort lässt auch in Achim den Entschluss reifen zu fliehen. Er schafft es so gerade raus und dann kommt die Nachricht, dass über Nacht eine Mauer gebaut wurde.

Wie lebten die Menschen Anfang der 1960er in der DDR? In den Jahren nach dem Krieg haben sie sich schon ein wenig eingerichtet. Einige glauben an den real existierenden Sozialismus. Viele leben ihr Leben. Und doch sind einige unzufrieden. Solange es noch ein paar Schlupflöcher in der Grenze gibt, ist alles nicht so schlecht. Auch nicht für Achim, jedenfalls bis zu jenem Urlaub. Danach kommen die Jugendlichen zum ersten Mal in Kontakt mit der Staatsmacht. Danach beginnt Achim wirklich sich zu fragen, ob das für immer sein Land sein kann. Und er macht sich auch den Weg nach drüben.

Das Buch wird für Jugendliche ab dreizehn Jahren empfohlen, es ist aber auch für Erwachsene empfehlenswert. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und dadurch liest man die Erzählung mit noch größerer Aufmerksamkeit. Man empfindet die wachsende Beklemmung, die größere Einengung des Lebens und die Bedrohung von Menschen, die nur geringfügig abweichen, durch den Staat. So lösen sich die, die sich damit nicht abfinden können und wollen, langsam von dem, was ihre Heimat sein sollte. Spannend und beeindruckend auch der Teil des Romans, in dem Achim viel riskiert, um weiteren Menschen zur Flucht zu verhelfen. Immer gefährlicher und schwieriger wurde es Fremde und Freunde rauszuholen. Irgendwann war die Grenze so abgeschottet, dass es kaum mehr möglich war. Gefesselt kann man kaum von dem Buch lassen, wenn man einmal angefangen hat. Einige Informationen am Ende des Buches erzählen von den echten Tunnelbauern, deren Mut und Zielstrebigkeit heute noch beeindruckend ist.