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meggie3

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.02.2026

Überwältigende Verzweiflung

Elf ist eine gerade Zahl
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Der Roman beginnt am Tag bevor die 14-jährige Paula ins Krankenhaus muss. Erneut. Nachdem sie vor zwei Jahren nach Armoperation und Chemotherapie krebsfrei die Klinik verlassen konnte, wurde nun eine Zellansammlung ...

Der Roman beginnt am Tag bevor die 14-jährige Paula ins Krankenhaus muss. Erneut. Nachdem sie vor zwei Jahren nach Armoperation und Chemotherapie krebsfrei die Klinik verlassen konnte, wurde nun eine Zellansammlung an der Lunge festgestellt. Diese Zellansammlung muss operativ entfernt und auf Krebszellen untersucht werden.

Die kommenden Tage werden aus der Perspektive von Paulas Mutter Katja erzählt. Sehr deutlich wird ihre Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit, der Frust und die große Angst, die wieder da sind. Dazu kommt, dass sich Paula in den beiden Jahren seit ihrer Chemotherapie verändert hat: Sie lässt sich längst nicht mehr berühren, zwischen Mutter und Tochter besteht eine gewisse Distanz.

Als Paula und Katja im Krankenhaus darauf warten, dass Paulas Blutwerte die Lungenoperation zulassen, beginnt Katja ihrer Tochter eine Geschichte zu erzählen. Wie früher, um Paula abzulenken – und um die Distanz zwischen Mutter und Tochter zu überbrücken.

Ab diesem Zeitpunkt wechseln sich zwei Handlungsstränge ab: Der eine Strang widmet sich der Geschichte, die Katja ihrer Tochter erzähl, der andere Strang beschreibt Katjas und Paulas Ausnahmesituation in den nächsten anderthalb Wochen in der Klinik.
Mir persönlich haben die „realen“ Kapitel besser gefallen, ich finde die Idee dieser Wechsel aber sehr spannend.

Der Autor schildert sehr eindrücklich und berührend, wie Katja und auch Paula mit dem Rückfall umgehen. Wie Katja die Hilflosigkeit, die sie empfindet, ertragen muss. Und was eine Geschichte bewirken kann – natürlich keine Heilung, aber Annäherung und Kraft. Dabei nutzt Martin Beyer eine emotionale, berührende und gleichzeitig ruhige Sprache, die ausgesprochen passend ist.

Mich hat der Roman berührt und ich würde ihn allen empfehlen, die die Emotionalität, Verzweiflung und die Tatsache, dass es thematisch um eine schwere Erkrankung eines Kindes geht, aushalten können bzw. möchten.

Veröffentlicht am 14.09.2025

Ungewöhnlicher Aufbau, hat mich überzeugt

Adlergestell
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Die Erzählerin beschreibt ihr Aufwachsen im Adlergestell aus der Perspektive einer Grundschülerin, kurz nach der Wende. Die vielfältigen Umbrüche im Leben dort allgemein, aber auch für das kleine Mädchen, ...

Die Erzählerin beschreibt ihr Aufwachsen im Adlergestell aus der Perspektive einer Grundschülerin, kurz nach der Wende. Die vielfältigen Umbrüche im Leben dort allgemein, aber auch für das kleine Mädchen, das die ersten Schritte allein in der Wohngegend und in die Schule macht, werden beschrieben. Sie wird mit den Veränderungen durch die Wiedervereinigung konfrontiert und mit dem gemeinsamen Auflehnen gegen Regeln mit ihren aus sehr unterschiedlichen Familien stammenden Freundinnen. Unterbrochen wird die Erzählung aus der Perspektive des Kindes durch Zeitsprünge in das Erwachsenenleben der Erzählerin, durch kurze Kapitel aus der Perspektive anderer Romanfiguren und durch Beschreibungen von Werbespots aus der damaligen Zeit. Dieser Mix vermittelt ein interessantes Gesamtbild und hat mich beeindruckt.

Durch die unangekündigten Zeitsprünge in der Geschichte der Erzählerin und den zunächst losen Kapiteln von weiteren Figuren, die aber eher am Rande der Erzählung vorkommen, ist der Roman nicht ganz einfach zu lesen und es bedarf etwas Konzentration. Aber – und das ist meiner Meinung nach das ganz große Plus – der Schreibstil ist absolut fesselnd. Und so hat mich der Roman von Beginn an in den Bann gezogen. Auch die Kapitel, die für mich schwerer einzuordnen waren, haben sich nicht gezogen, sondern waren für mich eher Ausdruck schriftstellerischer Kreativität. Auch wenn ich nachvollziehen kann, warum diese Kapitel an den entsprechenden Stellen im Buch vorkamen, hat es mich manchmal in meinem Lesefluss unterbrochen. Insbesondere die Episoden aus dem Erwachsenenleben der Erzählerin haben mich zum Teil aus der so spannenden Erzählung über die Kindheit der Erzählerin herausgerissen.

Schlussendlich habe ich den Roman sehr gerne gelesen und kann den ungewöhnlichen Aufbau nachvollziehen, auch wenn ich manchmal gerne chronologisch in der Kindheit der Erzählerin geblieben wäre. Ich würde das Buch weiterempfehlen, allerdings nur, wenn man sich auf einen kreativen Aufbau einlassen mag. Sprachlich finde ich den Roman sehr gelungen und die Geschichte an sich ist spannend.

Veröffentlicht am 24.08.2025

Etwas anstrengend, aber lohnend

Rückkehr nach St. Malo
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Yann de Kérambrun, Historiker mit Lebensmittelpunkt in Paris, beschließt nach dem Tod seines Vaters eine Auszeit vom anstrengenden, nervigen Uni-Alltag zu nehmen. Er zieht zurück in seinen Heimatort Saint-Malo, ...

Yann de Kérambrun, Historiker mit Lebensmittelpunkt in Paris, beschließt nach dem Tod seines Vaters eine Auszeit vom anstrengenden, nervigen Uni-Alltag zu nehmen. Er zieht zurück in seinen Heimatort Saint-Malo, in das Haus seiner Familie, um an seiner Forschungsarbeit über die Piraterie zu arbeiten. Als er jedoch in dem Haus Aufzeichnungen seines Urgroßvaters Octave findet, der eine bis heute erfolgreiche Reederei gegründet hat, beginnt er sich mit seiner Familiengeschichte zu befassen. Stück für Stück arbeitet sich Yann durch die Handlungsbücher und privaten Korrespondenzen seines Urgroßvaters und stellt weitere Recherchen an. Er erfährt viel über die Geschäfte des Unternehmens und wie diese durch den ersten Weltkrieg beeinflusst wurden. Gleichzeitig geht es auch um Octaves Liebe zu seiner Frau Julia und seine privaten Herausforderungen. Yann verbeißt sich in die Geschichte und setzt alles daran, die Rätsel in seiner Familiengeschichte zu lösen.

Für mich ist „Rückkehr nach St. Malo“ ein durchaus anstrengender, aber lohnender Roman. Gemeinsam mit Yann habe ich unglaublich viel über das Leben und Geschäftemachen im frühen 20. Jahrhundert erfahren, genauso wie über die Geschehnisse in der Region während des ersten Weltkriegs. Besonders spannend fand ich die kleinteilige Recherchearbeit von Yann. Als Leserin konnte ich ihm und seiner Arbeit genau folgen und selbst überlegen, was vor über hundert Jahren passiert sein könnte. Positiv fand ich auch, wie Yann sukzessive eigene Erfahrungen im Kontext seines zunehmenden Wissens über seine Vorfahren anders einordnen konnte. Auch er selbst, der durchaus auch privat strauchelt, entwickelt sich authentisch persönlich weiter. Mir gefallen die Personenzeichnungen in dem Roman ausgesprochen gut. Die historischen Einschübe in Form von Briefen oder Beschreibungen haben noch eine andere Ebene in den Roman gebracht. Auch die Natur, insbesondere die Kraft des Meeres, wird in dem Roman sehr eindrücklich beschrieben und so spielt die Bretagne als Handlungsort fast schon eine Hauptrolle.

Sehr hilfreich waren die Familienstammbäume der de Kérambruns und Octaves Geschäftspartner hinten im Buch – ohne wäre ich wohl vor allem in der ersten Romanhälfte aufgeschmissen gewesen. Insbesondere die ersten 250 Seiten fand ich zwar sprachlich ebenfalls ansprechend, aber doch inhaltlich sehr anstrengend. Es sind viele Namen und verwandtschaftliche Verflechtungen, die für mich schwer einzuordnen waren. Dies hat den Lesegenuss für mich leider etwas geschmälert.

Mir hat der Roman gut gefallen, auch wenn ich ihn zu Beginn aufgrund der Komplexität der Familienverhältnisse eher anstrengend fand. Die Recherche und die Familiengeschichte von Yann haben mich aber fasziniert und auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt!

Veröffentlicht am 30.08.2025

Schwer auszuhalten

We Burn Daylight
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Es ist das Jahr 1993 in Waco, Texas. Die 14-jährige Jaye ist gemeinsam mit ihrer Mutter aus Kalifornien auf die Ranch des religiösen Führers Lamb gekommen. Ihre Mutter war ihm in den vergangenen Monaten ...

Es ist das Jahr 1993 in Waco, Texas. Die 14-jährige Jaye ist gemeinsam mit ihrer Mutter aus Kalifornien auf die Ranch des religiösen Führers Lamb gekommen. Ihre Mutter war ihm in den vergangenen Monaten verfallen. Jaye kann mit den religiösen Überzeugungen und der Lebensweise auf dem Anwesen wenig anfangen, auch mit den anderen Menschen dort tut sie sich eher schwer.

Roy ist ebenfalls 14 und lebt mit seiner Mutter und seinem Vater, dem örtlichen Sheriff, in Waco. Sein älterer Bruder ist im Irak. Hobbymäßig beschäftigt sich Roy mit dem Knacken von Schlössern und arbeitet daran, über die Trennung von seiner Freundin hinwegzukommen.

Auf einer Waffenshow laufen sich Jaye und Roy erstmals über den Weg. Über die nächsten Wochen nähern sich die Beiden an. Gleichzeitig gerät die Sekte um Lamb mehr und mehr in den Fokus der Ermittlungsbehörden. Die Situation spitzt sich zu. Als zunächst ATF und dann auch das FBI versuchen, sich Zugang zu der Ranch der Sekte zu verschaffen, eskaliert die Situation.

Der Roman orientiert sich an der realen Tragödie von Waco und der Sekte Branch Davidians, weicht in einigen Punkten aber von den realen Geschehnissen ab.
Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven der Teenager Jaye und Roy. Unterbrochen werden die kurzen Kapitel von Interviewausschnitten eines Podcasts, der sich im Jahr 2024 mit den dramatischen Ereignissen von 1993 auseinandersetzt. Gäste des Podcasts sind verschiedene Personen, die 1993 in unterschiedlicher Form beteiligt waren (Sektenmitglieder, der Sheriff, ATF-Mitarbeiter etc.).

Auf der einen Seite wird die zarte Liebesgeschichte von Jaye und Roy erzählt, die sich langsam entwickelt und intensiviert. Auch die „normalen“ Unsicherheiten der beiden Teenager werden authentisch beschrieben. Auf der anderen Seite wird im ersten Teil des Romans die Anbahnung der Katastrophe von Waco beschrieben, die zu jeder Zeit unterschwellig präsent ist. Die zweite Romanhälfte befasst sich dann mit der Belagerung der Ranch durch die US-Behörden und deren furchtbarem Ende.

Aufgrund der Tatsache, dass einem beim Lesen des gesamten Romans klar ist, was letztlich in Waco passiert bzw. aus Romanperspektive noch passieren wird, fand ich das Lesen sehr bedrückend und auch düster. Dies zieht sich durch den gesamten Roman, schon beim ersten Aufeinandertreffen von Jaye und Roy schwebte für mich die sich anbahnende Tragödie über allem. Ich habe das als sehr intensiv wahrgenommen, was für mich das Lesen schwer gemacht. Gleichzeitig finde ich die gewählten Teenagerperspektiven sehr gelungen: Auf der einen Seite Jaye, die sich auf der Ranch im Dunstkreis von Lamb befindet, und auf der anderen Seite Roy, der als Sohn des Sheriffs versucht, Infos zu bekommen und das Schlimmste zu verhindern. Die Sorgen, die er sich während der Einkesselung der Ranch der Sekte macht, sind auch bei mir als Leserin intensiv angekommen. Ich habe den Schreibstil zum Teil als etwas distanziert wahrgenommen, wobei ich diesen in Anbetracht der doch sehr aufwühlenden Ereignisse auch sehr angemessen finde. Allerdings habe ich als Leserin zum Teil auch Roy und Jaye gegenüber eine gewisse Distanz empfunden und mich teilweise etwas schwer damit getan, den Beiden zu folgen.

Mir ist während des Lesens erneut aufgefallen, dass ich das Verhältnis der Menschen in der beschriebenen Region in Texas zu Waffen und dem Besitz von Waffen absolut nicht nachvollziehen kann. Gleichzeitig hat mir der Roman dahingehend nochmal einiges verdeutlicht, genauso wie den Einfluss, die die Katastrophe von Waco bis heute in der Diskussion um Waffenbesitz in den USA hat. Spannend finde ich auch, wie sich die Sekte finanziert hat und welche Rolle Waffen und Waffenshows gespielt haben.

Generell finde ich die Mischung aus Realität und Fiktion sehr gelungen. Ein wenig Eigenrecherche zu Waco und der Sekte Branch Davidians habe ich automatisch bei Leseunterbrechungen betrieben, da viel angerissen wird und ich mich regelmäßig gefragt habe, ob das Fiktion oder Fakt ist. Dadurch habe ich auch noch einiges über den Roman hinaus über die Sekte und auch die politische Dimension und die Umstrittenheit des Eingreifens der US-Behörden erfahren. Ich hätte mir allerdings noch ein bisschen mehr Tiefe bei der Beschreibung des Sektenführers Lamb gewünscht.

„We burn daylight“ regt definitiv zum Nachdenken und zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema an. Der Roman ist intensiv und war für mich oftmals schwer auszuhalten – ein Roman, der - wie es so schön heißt – noch lange nachhallt.

Veröffentlicht am 12.05.2025

Unterhaltsamer Genremix

Middletide – Was die Gezeiten verbergen
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Nachdem Elijah Leith mit 18 Jahren seinen Heimatort Point Orchard und seine Jugendliebe Nakita zurückgelassen hat, kehrt er Jahre später nach einem relativ enttäuschenden literarischen Debüt zurück in ...

Nachdem Elijah Leith mit 18 Jahren seinen Heimatort Point Orchard und seine Jugendliebe Nakita zurückgelassen hat, kehrt er Jahre später nach einem relativ enttäuschenden literarischen Debüt zurück in seine alte Heimat. Er beginnt das etwas heruntergekommene Haus, in dem er aufgewachsen ist und das nach dem Tod seines Vaters leer stand, wieder herzurichten. Als dann nicht weit von seinem Haus eine Tote gefunden wird, gerät Elijah unter Verdacht, für ihren Tod verantwortlich zu sein.

Der Roman lässt sich sehr gut lesen und hat mich gut unterhalten. Zwischenzeitlich hatte ich etwas Sorge, ob er mir vielleicht etwas zu kitschig werden könnte, aber das ist zum Glück nicht passiert. Im Gegenteil, die Spannung hat im Laufe des Buches zugenommen. Die Geschichte lässt sich nur langsam zusammensetzen, da die Kapitel zu unterschiedlichen Zeiten spielen und somit auch zwischen den Zeiten springen. Außerdem wird die Geschichte nicht nur aus Elijahs Sicht erzählt, als Leser*in begleitet man auch die Ermittlungen. Meine Kritik an dem Roman betrifft zwei Punkte: Erstens habe ich mich zu Beginn etwas schwergetan, in den Roman reinzukommen und habe ihn als etwas langatmig empfunden. Und zweitens hätte ich mir etwas mehr Tiefe bei den Charakterzeichnungen gewünscht. Wirklich gut gelungenen sind aber die atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen sowie die Beschreibungen von Elijah als Selbstversorger auf seinem Stück Land.

Insgesamt hätte ich mir vielleicht etwas mehr Tiefe gewünscht, habe mich aber gut unterhalten gefühlt und wollte auch bis zum Schluss gerne wissen, wie die Geschichte aufgelöst wird.