Märchen Reetelling - aber ganz anders
DornenheckeWas wie eine klassische Sleeping Beauty-Geschichte beginnt, entpuppt sich schnell als tiefgründiges, charmantes und leicht düsteres Märchen mit ganz eigener Magie.
Im Mittelpunkt steht nicht die schlafende ...
Was wie eine klassische Sleeping Beauty-Geschichte beginnt, entpuppt sich schnell als tiefgründiges, charmantes und leicht düsteres Märchen mit ganz eigener Magie.
Im Mittelpunkt steht nicht die schlafende Prinzessin, sondern Krötling - eine Figur, die mir sofort ans Herz gewachsen ist. Sie wurde als Baby von Feen entführt und liebevoll in der Welt derer aufgezogen. Als Erwachsene soll sie in die Menschenwelt zurückkehren, um einem Neugeborenen einen Segen zu geben. Doch etwas geht schief, und aus dem Segen wird eine Art Fluch. Seitdem wacht sie, verborgen hinter einer riesigen Dornenhecke, über den Turm, in dem die Prinzessin schläft - aus gutem Grund, wie sich herausstellt.
Jahrhunderte später taucht ein Ritter auf, der dem alten Märchen auf den Grund gehen will. Aber dieser Ritter ist (zum Glück!) nicht der übliche strahlende Held, der eine schöne Jungfrau retten will. Er ist neugierig, sensibel und bringt seine ganz eigene Geschichte mit. Zwischen ihm und Krötling entsteht eine zarte, nachdenkliche Dynamik, die mich sehr berührt hat.
Ich mochte besonders, wie Kingfisher klassische Märchenelemente übernimmt, um sie dann behutsam zu dekonstruieren. Der "Fluch" ist kein böser Zauber, sondern ein Akt des Schutzes. Die "Prinzessin" ist nicht die Unschuldige, die es zu retten gilt. Und Krötling ist vielleicht die rührendste, ungewöhnlichste "Fee", die mir je begegnet ist - schüchtern, unbeholfen, voller Schuld und doch so liebevoll und mutig.
Die Geschichte ist ruhig erzählt, manchmal fast zu ruhig. Es hätte der Novelle gutgetan, an manchen Stellen etwas mehr Raum zur Entfaltung zu bekommen. Einige Themen, wie das Changeling-Motiv oder die Hintergrundgeschichte der Prinzessin, hätten für mich gern noch tiefer erforscht werden dürfen. Trotzdem war ich durchgehend interessiert und wollte weiterlesen.
Was Thornhedge für mich so besonders macht, ist die Mischung aus Wärme, Fantasie und einer leisen, melancholischen Tiefe. Die Autorin zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Geschichten im Laufe der Zeit romantisiert und verfälscht werden - und welche Wahrheiten darunter begraben liegen. Es ist eine liebevolle, gleichzeitig kritische Auseinandersetzung mit dem Held*innenmythos und der Idee, dass Schönheit und Rettung immer zusammengehören müssen.
Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und war am Ende fast ein bisschen traurig, dass es schon vorbei war.
Thornhedge ist eine wunderbare kleine Geschichte für alle, die Märchen lieben, aber auch bereit sind, sie mit anderen Augen zu sehen.