Gefangen zwischen Trauer und Ikigai
Vermissen auf JapanischAsiatische Literatur ist auch auf dem deutschsprachigen Büchermarkt immer mehr im Vormarsch. Insbesondere japanische und koreanische Bücher finden langsam, aber sicher den Weg in unsere Bücherregale. Gefühlsmäßig ...
Asiatische Literatur ist auch auf dem deutschsprachigen Büchermarkt immer mehr im Vormarsch. Insbesondere japanische und koreanische Bücher finden langsam, aber sicher den Weg in unsere Bücherregale. Gefühlsmäßig war asiatische Literatur vor einigen Jahren noch ein Nischenprodukt und ich kann mich noch erinnern wie ich stundenlang durch Buchhandlungen gestreift bin, um eines der Bücher zu finden. Daher freut mich dieser Trend ganz besonders.
Ich persönlich mag die meist ruhige und nachdenkliche Art des Erzählens dieser Bücher sehr gern. Die oft sehr poetische Sprache lädt dazu ein, nicht durch die Seiten zu fliegen, sondern immer wieder über das Gelesene nachzudenken und kurz im Augenblick zu verweilen.
Der Debütroman von Yukiko Tominaga stellt hierbei keine Ausnahme dar und trotzdem sticht er auf besondere Art und Weise hervor. Denn Tominaga-san hält sich nicht an die gängigen Konventionen eine Geschichte zu erzählen. Chronologie und Struktur sucht man bei diesem Roman vergeblich. Auf den ersten Blick herrscht hier ein heilloses Durcheinander und man fragt sich beim Lesen oft, was sie sich dabei gedacht hat. Doch nimmt man sich die erkennt man Strukturen, einen roten Faden und ein System in dem Chaos.
Ich gebe ehrlich zu, dass ich anfangs meine Schwierigkeiten hatte dem Buch folgen zu können. Es gibt keinen geradlinigen Ablauf in der Geschichte, sondern man springt von einer Episode zur nächsten Begebenheit, von einem Ort zum anderen. Mal ein paar Jahre vor und dann wieder zurück. Eigentlich nichts völlig Neues, doch in diesem Buch passiert dies so überraschend von einem Absatz zum nächsten. Doch wie weiter oben bereits erwähnt, es gibt es System in diesem augenscheinlichen Chaos. Man muss nur den Mut haben sich darauf einzulassen.
Dieser Roman zeichnet sich aber nicht nur durch seinen gewöhnungsbedürftigen Aufbau aus. Yukiko Tominaga widmet sich in diesem Buch einem nicht besonders leichtem, aber dafür sehr wichtigen Thema: Trauer. Jede Kultur, jede Religion, aber auch jedes Individuum hat eine eigene Art mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Ein sehr belastendes Thema, für das man meiner Meinung nach sehr viel Fingerspitzengefühl braucht. Denn man muss aufpassen, dass man das ganze weder ins Lächerliche zieht noch zu kitschig romantisiert darstellt. Yukiko Tominaga hat genau diese Fähigkeiten und auch die Ehrlichkeit. Denn zu Trauer gehört nicht nur die Verzweiflung über den Verlust, sondern auch die Wut und der Hass.
Die Erzählweise der Autorin hat mich tief berührt und obwohl ich wissen wollte, wie es weitergeht, habe ich das Buch oft bewusst weggelegt, um über das nachzudenken, was ich gerade gelesen habe. Wobei ich dazu sagen muss, dass mich die Geschichte nicht traurig gemacht hat, auch wenn dies aufgrund des Themas vielleicht seltsam klingt. Denn auch wenn das Hauptthema des Buches die Trauer ist, ist es doch auch eine Überlebensgeschichte; eine Geschichte die Mut und Hoffnung spendet, wenn man ein wenig hinter die Kulisse schaut.
Ein Satz, der mich besonders berührt hat und der Kyokos Leben sehr gut zusammenfasst, ist für mich: "Das Leben ist da, um zu leben, nicht um zu existieren."
"Vermissen auf Japanisch" ist ein durchaus anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit lassen sollte. Doch wenn man sich das Abenteuer zutraut, wird man mit vielen spannenden Einblicken in die japanische Kultur und die japanische Seele belohnt.