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Veröffentlicht am 22.05.2025

- tiefgründiges, emotionales und verstörendes Sozialdrama im Thriller/Noir-Gewand -

Tiefer Winter
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Samuel W. Gailey - Tiefer Winter
(Polar Verlag)

- tiefgründiges, emotionales und verstörendes Sozialdrama im Thriller/Noir-Gewand -

Wyalusing, Pennsylvania, Winter Anfang der 1980er Jahre. Der introvertierte ...

Samuel W. Gailey - Tiefer Winter
(Polar Verlag)

- tiefgründiges, emotionales und verstörendes Sozialdrama im Thriller/Noir-Gewand -

Wyalusing, Pennsylvania, Winter Anfang der 1980er Jahre. Der introvertierte und mental retardierte Waise Danny Bedford wird von Kindesbeinen an von Mike Sokowski, dem späteren Deputy und seinem Kumpel Carl Robinson gemobbt. Nicht genug, dass Danny zusätzlich schizoide Tendenzen aufweist, er muss auch noch dumme Sprüche, sowie Beleidigungen über sich ergehen lassen und hin und wieder sogar Schläge und Tritte einstecken. Die Einzige, die schon immer zu ihm hält, ist die gleichaltrige Mindy Knolls. Doch kurz bevor der, indes 40 Jahre alte Danny, ihr spätabends ein Geburtstagsgeschenk vorbeibringen möchte, kommt es zu einem fatalen Zwischenfall, bei dem Mindy schwer verletzt wird. Danny soll auf sie aufpassen, während Hilfe herbeigerufen wird. So wird es ihm jedenfalls unter die nicht allzu weise Nase gerieben. Denn der geistig behinderte Danny Bedford ist der perfekte Sündenbock! Aber wie soll man sich verteidigen, wenn man sich nicht wehren kann, einem keiner glaubt und keiner zu einem hält? Als sich Danny etwas später auch noch klammheimlich aus dem Staub macht, spielt das direkt in die Hände der skrupellosen Täter und Danny besiegelt sein eigenes Schicksal. Bei frostigen Minustemperaturen nimmt ein rachsüchtiger Pulk die Verfolgung auf, was in einer leichtfertigen, grundfalschen und verantwortungslosen Spirale der Gewalt mündet.

Der US-amerikanische Schriftsteller Samuel W. Gailey, der in einer Kleinstadt im Nordosten Pennsylvanias aufwuchs und heute auf der abgelegenen Orcas Island (auf der anderen Seite des Kontinents) lebt, pflegt einen einnehmenden Schreibstil, geht aber von der Startzeile an brutal und verstörend zu Werke. Er lässt dabei ordentlich Lokalkolorit, Spannung und Betroffenheit in seinen Debütroman "Tiefer Winter" einfließen und verankert einen melancholischen Beiklang im Subtext. Seine Akteure sehen sich mit diversen sozialen Missständen, wie Mobbing, Beziehungsproblemen, sexuellen Belästigungen, Geldnöten, Alkoholismus und Drogenkonsum, häuslicher Gewalt, Vorurteilen, Kompetenzüberschreitungen und Selbstjustiz konfrontiert, was nicht selten in Wut, Zorn und exzessiven Gewaltausbrüchen mündet. Der Kontext der Story mag zwar stellenweise etwas Hillbilly-like übertrieben und plump anmuten, da Gailey auf übertriebene Weise mit Stereotypen spielt, aber im Verlauf der 296 Seiten kommt, aufgrund der vielen Ungerechtigkeiten, durchaus Mitleid und Beklommenheit auf. In einer von Alkohol und Patriarchat geprägten Gesellschaft lässt der Autor, jeweils aus der Sicht eines bestimmten Protagonisten, tief in menschliche Abgründe blicken und vereint die angesprochenen Thematiken zu einem emotionalen Hybriden aus Gesellschaftsdrama, Thriller und Noir. Trotz der mitreißenden Handlung haftet Samuel W. Gaileys, im Jahre 2014 unter dem Originaltitel "Deep Winter" erschienenen Erstlingswerk, stellenweise noch der leichte Hauch von etwas Konstruiertem und Unbedarftem an. Auch scheint in "Wyalusing" jeder gnadenlos dem Alkohol verfallen zu sein. Dies sei jedoch eine bittere Tatsache, wie der Autor in einem Interview in der "Polar Gazette 25/5", mit Marcus Müntefering erwähnt. "Tiefer Winter" ist ein lebhaftes und drastisches Debüt mit hohem Gewaltpotenzial, das in jedem Fall zum Nachdenken und Mitfühlen anregt. Sein neuester Streich "Come Away From Her" soll 2026 ebenfalls im Polar Verlag erscheinen. Samuel arbeitet derzeit an seinem vierten Roman, der im 18. Jahrhundert spielt und von einer deutschen mennonitischen Siedlerfamilie handelt, die mit dem Mord, den eines ihrer eigenen Kinder begangen hat, zu kämpfen hat. Es ist eine Mischung aus "Bad Seed" und "The Revenant".

Edutainment-Fact: Zuerst hielt ich den Handlungsort "Wyalusing" für eine interessante Namenswahl (nach dem Motto: "Why are you loosing?"), doch der mehrere 100 Jahre alte Ort existiert tatsächlich in Pennsylvania. Der Name der, keine tausend Einwohner zählenden Ortschaft stammt ursprünglich von den Tehotachsee Indianern, die ihn M'chwihilusing nannten, was so viel wie "Heimat des ehrenhaften Kriegers" bedeutet.

(Janko)

https://www.samuelwgailey.com/
https://www.facebook.com/SamuelWGailey/
https://www.instagram.com/samuelwgailey/

Brutalität/Gewalt: 70/100
Spannung: 67/100
Action: 63/100
Unterhaltung: 83/100
Anspruch: 46/100
Atmosphäre: 71/100
Emotion: 70/100
Humor: 06/100
Sex/Obszönität: 22/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 83/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 16 Jahren (aufgrund der Thematik und der exzessiven Gewalt)

Samuel W. Gailey - Tiefer Winter
Polar Verlag
Kriminalroman/Thriller
ISBN: 978-3-910918-22-1
296 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Deep Winter (2014)
Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf
Erscheinungstermin: 12.05.2025
EUR 26,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub3): 978-3-910-91823-8
Erscheinungstermin: 15.05.2025
EUR 21,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Tiefer Winter" beim Polar Verlag: https://polar-verlag.de/my-product/samuel-w-gailey-tiefer-winter/

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Veröffentlicht am 03.05.2025

- emotionaler und bitterer Southern Noir Roman -

Ozark Dogs
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Eli Cranor - Ozark Dogs
(Atrium Verlag)

- emotionaler und bitterer Southern Noir Roman -

Der zweite Roman "Ozark Dogs", des 1988 in Forrest City, Arkansas geboren Schriftstellers, Journalisten und Kolumnisten ...

Eli Cranor - Ozark Dogs
(Atrium Verlag)

- emotionaler und bitterer Southern Noir Roman -

Der zweite Roman "Ozark Dogs", des 1988 in Forrest City, Arkansas geboren Schriftstellers, Journalisten und Kolumnisten Eli Cranor, ist vom typischen Einsamkeits- und Abgeschiedenheits-Charme der Southern Noir Lyrik durchzogen. Es ist eine stark vom Patriarchat und den amerikanischen Gepflogenheiten der Ozark Mountains geprägte, herzzerreißende Geschichte voller Liebe, selbstloser Hingabe, purer Verzweiflung, herbem Verlust, blankem Hass, extremer Gewalt und der hässlichen Fratze des Todes. Der 2023 unter gleichem Titel im Original erschienene Roman ist eine harte, straighte und kompromisslose Familien- und Redneck-Saga, die nicht viel mehr als bittere Schicksalsschläge für ihre Protagonisten bereithält.

Ozark-Plateau, Taggard, Arkansas. Der Kriegsveteran und Schrottplatzbetreiber Jeremiah Fitzjurls kämpft mit seinen Dämonen. Er lebt mit seiner 17 Jahre alten Enkelin Joanna "Jo" Fitzjurls in einem gut gesicherten Anbau hinter seinem Büro auf dem Schrottplatzgelände. In seinem Tresorraum bewahrt er ein Waffenarsenal auf, mit dem er einen Kleinkrieg ausfechten könnte. Und das mit gutem Grund, denn die Fitzjurls fechten eine generationenübergreifende, blutig geführte Familienfehde mit den Ledfords aus. Einer gesetzlosen, gewalttätigen und rassistischen Familie, die sich als Meth-Dealer verdingen. Als Jo, deren Vater im Gefängnis sitzt und deren Mutter den Drogen nachjagt, nach dem Homecoming-Dance nicht nach Hause kommt, schwört sich der einerseits verhärmte, impulsive und strenge, andererseits fürsorgliche und liebevolle Jeremiah, dass er Jo auf jeden Fall finden und zurückholen wird. Das stellt sich allerdings als schwieriger und gefährlicher dar, als gedacht. Nachdem Jeremiah Fitzjurls Sheriff Mona McNabb die 24 Stunden zugestanden hat, die sie ihn gebeten hat die Füße still zu halten, wird es Zeit für den gebrochenen Kriegsveteran, den Tresorraum zu betreten, um ein paar Leben zu zerstören. Inklusive seines eigenen. Widerwillig und nicht ganz freiwillig nimmt Jeremiah Fitzjurls, gemeinsam mit Jos frechen und vorlauten Freund Colt Dillard Witterung auf, um Jo ausfindig zu machen.

Der US-amerikanische Autor Eli Cranor jongliert mit einem umfangreichen Personalpool, der dem Bücherfreund jedoch nicht allzu viele Schwierigkeiten bereiten dürfte, da er sich in der Regel auf sein Stammpersonal konzentriert. Er setzt auf herbe Schockmomente und legt viel Wert auf eine empathische Charakterzeichnung, um seine Leserschaft direkt beim Revers zu packen und sie in die emotionale Spirale aus Wut, Gewalt und Trauer hineinzuziehen. In typisch amerikanische Konversationen getaucht, führt Cranor seine Konsumenten auf 288 Seiten, in das traditionelle Denken und Handeln ein, das tief in der Vergangenheit und in den Köpfen vieler verhärmter Südstaatler verankert ist. In einem offensichtlich lern- und beratungsresistenten, religiös und patriotisch geprägten Landstrich, stolpert der ehemalige Profi-Footballspieler und spätere Trainer eines Highschool-Teams über einen Haufen abgestumpfter Rednecks, White Supremacists, sowie gefährliche Mitglieder der Drogenkartelle Mexikos. Zur Auflockerung und Orientierung lässt Cranor immer mal wieder beiläufig Lokalkolorit einfließen. "Ozark Dogs" ist ein blutiger Trip voller bedauernswerter Endgültigkeit, dessen Bilanz irgendwo zwischen Rache, Sucht und Wankelmütigkeit liegt. Der Plot wirkt phasenweise ein wenig konstruiert und über kleinere Ungereimtheiten sollte man hinwegsehen können. Für mein Gefühl hätte der Plot, unter den gegebenen Umständen, auch gerne noch einen Tacken brutaler und derber sein dürfen. Dennoch habe ich mich von diesem Southern Noir gut unterhalten gefühlt. Eli Cranor lebt heute mit seiner Frau und seinen Kindern in Arkansas und ist momentan „Writer in Residence“ der Arkansas Tech University.

(Janko)

http://www.elicranor.com
https://www.facebook.com/elicranorauthor

Brutalität/Gewalt: 48/100
Spannung: 71/100
Action: 55/100
Unterhaltung: 84/100
Anspruch: 34/100
Atmosphäre: 59/100
Emotion: 57/100
Humor: 04/100
Sex/Obszönität: 18/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 82/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 16 Jahren (aufgrund der allgemeinen Thematik und der Gewaltdarstellungen)

Eli Cranor - Ozark Dogs
Atrium Verlag
Thriller
ISBN: 978-3-85535-184-8
284 Seiten
Hardcover ohne Schutzumschlag
Originaltitel: Ozark Dogs (2023)
Aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz
Erscheinungstermin: 09.04.2025
EUR 24,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-037-922230-9
Erscheinungstermin: 09.04.2025
EUR 18,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Ozark Dogs" beim Atrium Verlag: https://www.w1-verlage.de/atrium-verlag/ozark-dogs

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Veröffentlicht am 09.04.2025

- komplexe und tiefgründige HardSF Post-Dystopie mit interessanten Fragestellungen -

Lyneham
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Nils Westerboer - Lyneham
(Hobbit Presse)

- komplexe und tiefgründige HardSF Post-Dystopie mit interessanten Fragestellungen -

In einem fernen Sonnensystem, irgendwann in der Zukunft. Nachdem die Erde ...

Nils Westerboer - Lyneham
(Hobbit Presse)

- komplexe und tiefgründige HardSF Post-Dystopie mit interessanten Fragestellungen -

In einem fernen Sonnensystem, irgendwann in der Zukunft. Nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist, macht sich die Rayser-Interstellar samt dem 12-jährige Henry Meadows, seinem Vater Charles, seinen beiden Geschwistern Chester und Loy, sowie etlichen weiteren, ehemaligen Erdenbewohnern auf, zum urzeitlichen Mond Perm. Anstatt in einem, für den Mensch als unbedenklich einzustufenden Milieu, stranden die Erdenflüchtlinge in einem unwirtlichen und menschenfeindlichen Lebensraum, deren Atmosphäre sie nur mit einer Atemmaske absorbieren und verstoffwechseln können. In der Theorie hätte längst alles für ihre Anreise vorbereitet sein sollen, doch das Terraforming war offensichtlich noch nicht zur Gänze abgeschlossen. Die Luft war unfertig, die Vegetation inkompatibel, die Gravitation gering und die unzähligen Gefahren im Allgemeinen eher tödlicher Natur. Eigentlich hätte die Impulsmission, bestehend aus Henrys Mutter Dr. Mildred Meadows, Noah Rayser, dem "Macher" und Vorstandsvorsitzenden von Rayser-Interstellar, sowie einigen weiteren Teilnehmern, einige dieser Unregelmäßigkeiten längst beheben sollen. Hier auf Perm gibt es aber nach wie vor seltsame Anomalien, eine kaum auszumachende, weil unsichtbare Fauna, eine extrem helle Sonne, zwei Arten von Nächten und Gebirge doppelt so hoch, wie auf ihrem ehemaligen Heimatplaneten. Doch aus welchem Grund bietet Perm nach wie vor solch ein merkwürdiges und lebensfeindliches Umfeld? Und wo ist eigentlich Henrys Mutter Mildred?

Mit der komplexen und tiefgründigen HardSF Post-Dystopie "Lyneham" hat der, 1978 in Gaildorf (Baden-Württemberg) geborene Schriftsteller Nils Westerboer, eine fantasiegeschwängerte Welt geschaffen, die trotz aller Ernsthaftigkeit sequenziell ein wenig verspielt und abgelenkt erscheint. Dies ist selbstredend dem Umstand geschuldet, dass der Autor vornehmlich aus der Sicht Henrys, in der ersten Person Singular schreibt. Die gegenwärtige Erzählung wird durch Aufzeichnungen der vorangegangenen Impulsmission, ebenfalls in der ersten Person Singular, durch Dr. Mildred Meadows untermalt. Die Problematiken, die ein Leben auf dem Mond mit sich bringen, treten in ihren Aufzeichnungen nach und nach ans Licht. Sie wollten den "Nachzüglern" ein Paradies schaffen. Doch was ist hier aus dem Ruder gelaufen? Der ehemalige Betreuer für Menschen mit Behinderung, Hausmeister und Trainer für Sprengstoffsuchhunde, Naturfilm-Kameraassistent und jetzige Lehrer an einer Gemeinschaftsschule, erstellt hierzu interessante Thesen und Theorien, wie biologische und evolutionäre Abfolgen in fernen Galaxien der Zukunft tatsächlich vonstattengegangen sein könnten. Das macht Westerboer auf unkonventionelle, aber auch auf komplizierte bis verwirrende, bisweilen gar abstrakte Weise. Dem Leser wird hierbei eine gewisse Vorkenntnis diverser ökologischer, ökonomischer und (gepolitischer Kausaleffekte abverlangt, die der Autor mit einem tieferen Sinn stimuliert. Fabelhaft und metaphorisch verpackt geht Westerboer auf die Missstände unserer weltlichen Errungenschaften, unseres Handelns und unserer (gegenseitigen) Verantwortung ein. Die Zeichnung der landschaftlichen Kulisse ist, wie bei fremden Welten unabdingbar, recht detailliert und anschaulich erfolgt. Dennoch verlangt Nils Westerboer seiner Leserschaft ein hohes Maß an Vorstellungskraft ab. Auch die fremdartigen, teils erfundenen, teils aus bekannten Wörtern zusammengewürfelte Komposita, sowie die unzähligen wissenschaftlichen Fachbegriffe machen dem Bücherwurm die Nahrungsaufnahme nicht immer ganz leicht. Der 496 Seiten starke Edutainment-Fiction Roman "Lyneham" ist ansonsten atmosphärisch, gehaltvoll und lebendig umgesetzt, weist aber zugegebenermaßen auch einige Längen auf.

Die neuen Permbewohner sind in den riesigen Biomen Lyneham A und B untergebracht. Lyneham ist hierbei ein Kompositum aus Lyne (altwal.): See/Gewässer und ham (altengl.): Siedlung/Heim (sprich: Lainäm). Hier leben die ehemaligen Erdenbewohner beinahe wie auf einer futuristischen Erde in einer Schutzatmosphäre. Die Kinder werden unterrichtet, das Essen bereitet ein Aggregator zu, die Automaten bauen und erschaffen Reaktoren, Gebäude und Luftfilter. Doch immer wieder wird die Frage nach Inkompatibilität und Kontamination durch eine invasive Art laut. Die Okkupation Perms wirft nun mal auch irdische Fragen zur Verdrängung und Zerstörung endemischen Lebens, der Haushaltung mit den Ressourcen unseres Planeten, wirtschaftlichen Automatismen, Anpassung, dem Umgang mit KI, künstlichen oder künstlich hergestellten Nanoorganismen und -maschinen, sowie zu religiösen Weltanschauungen auf. Dennoch hätte "Lyneham" stellenweise ein bisschen mehr Schwung und Handlung vertragen können.

Nils Westerboer hinterfragt in seinem SciFi-, Abenteuer-, Öko-, Techno-, Wissenschafts- und Edutainment-Roman "Lyneham" gesellschaftliche, ökologische, ökonomische, ethische, moralische Normen und Grenzen, wirft die ein oder andere philosophische, religiöse oder visionäre Betrachtung in den Raum. Diese durchaus interessanten Gedankengänge sind zum Teil um die Ecke gedacht, zum Teil aber auch auf rein naturwissenschaftliche Belange und Fakten heruntergebrochen. Westerboer erfindet das Rad dabei nicht neu, gibt aber einen kleinen Exkurs in Anthropologie, Paläoanthropologie, die destruktive Einstellung des Menschen und seines selbstauferlegten, von Anfang an zum Scheitern verurteilten Wirtschaftssystem, das allgemeine Mit- und Gegeneinander, sowie den Sinn des Lebens. Da kommen Fragen um Besitz, wenn auch nur rudimentär angeschnitten, teilweise schon sehr geil rüber. Auch wenn Westerboer sein allgemeingültiges (weitergehendes) Wissen eher geduldig, sachlich und entspannt vermittelt, läuft er dabei aber Gefahr, das eigentliche Storyboard zu untergraben. Wer hier eine triviale Fantasy- oder Horror-SciFi-Story vermutet, könnte eventuell enttäuscht sein. Wer sich neben der eigentlichen Story gerne mit interessanten Ansichten zu den angesprochenen Themen berieseln lässt, dürfte bei "Lyneham" wiederum goldrichtig liegen.

(Janko)

https://www.nilswesterboer.de//
https://www.facebook.com/rudiger.bartel.1
https://www.instagram.com/nilswesterboer/

Brutalität/Gewalt: 10/100
Spannung: 59/100
Action: 41/100
Unterhaltung: 81/100
Anspruch: 77/100
Atmosphäre: 42/100
Emotion: 22/100
Humor: 03/100
Sex/Obszönität: 01/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 77/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 18 Jahren (aufgrund des anspruchsvollen, fremdwortgespickten und komplexen Kontexts, sowie des Verständnisses für die sozialkritische Thematik)

Nils Westerboer - Lyneham
Hobbit Presse (Klett-Cotta Verlag)
Science Fiction
ISBN: 978-3-608-98723-2
496 Seiten
Klappenbroschur, mit Karten
Erscheinungstermin: 15.03.2025
EUR 18,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-608-12404-0
Erscheinungstermin: 15.03.2025
EUR 13,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Lyneham" bei Hobbit Presse (Klett-Cotta Verlag): https://www.klett-cotta.de/produkt/nils-westerboer-lyneham-9783608987232-t-8938" target="_blank">https://www.klett-cotta.de/produkt/nils-westerboer-lyneham-9783608987232-t-8938

Leseprobe: https://www.klett-cotta.de/filesmedia/reading_samples/9610.pdf

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Veröffentlicht am 10.03.2025

Nick Roberts - Das Haus des Exorzisten

Das Haus des Exorzisten
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Nick Roberts - Das Haus des Exorzisten
(Festa Verlag)

- deftiger, übernatürlicher Horror-Thriller mit exzeptionellen Ideen -

April 1994. Nora Hill, ihr Ehemann Daniel und ihre gemeinsame Tochter Alice ...

Nick Roberts - Das Haus des Exorzisten
(Festa Verlag)

- deftiger, übernatürlicher Horror-Thriller mit exzeptionellen Ideen -

April 1994. Nora Hill, ihr Ehemann Daniel und ihre gemeinsame Tochter Alice ziehen vom südlichen Ohio ins südliche West Virginia. Die Wissenschaftslehrerin an einer Highschool und der Psychologe haben dort ein altes Farmhaus gekauft, das sie herrichten und gewinnbringend wieder verkaufen möchten. Während die Hills vorübergehend selbst in das, etwas in die Jahre gekommene Farmhaus einziehen, um für eine kurze Zeit das Landleben zu genießen, engagieren sie die Baufirma Carmine's Construction Crew für die Instandsetzung und die Umgestaltung des Gebäudes. Dass der verstorbene Vorbesitzer ihres Hauses, Merle Blatty ein Exorzist gewesen sein soll, beunruhigt Nora, Daniel und Alice vorerst nicht im Geringsten. Während der Renovierungsarbeiten kommt es jedoch zu einem ersten Zwischenfall, als Carmine ein paar Müllsäcke aus der Küche des Farmhauses holen will. An der Tür zum Kellerabgang macht der Chef der Baufirma eine merkwürdige Entdeckung. Er sieht etwas, das er vielleicht besser nicht gesehen hätte, denn kurz darauf wird er von Trugbildern, Visionen und Halluzinationen heimgesucht, die ihm alsbald das Leben auf Erden zur Hölle bereiten. Als der 17-jährige Nachbarsjunge Luke, sehr zur Freude von Daniel, seine Hilfe rund ums Haus anbietet und etwas später auch Merles herumstreunender, ehemaliger Bloodhound Buck zu ihnen stößt, kommt es zu weiteren denkwürdigen Vorfällen. Vielleicht hätte Daniel den, mit Metallbolzen und Kruzifixen gesicherten Brunnen im Keller des Farmhauses nicht öffnen sollen, denn damit tritt er ein lebensbedrohliches Chaos los. Der Psychologe wird fortan ebenfalls von illusorischem Blendwerk geplagt und fällt hin und wieder in eine Art Trance. Die Zeit erscheint ihm sonderbar verzerrt und er wirkt krank. Auch Nora wird Opfer verführerischer, doch intriganter Imaginationen. Es ist Teufelswerk und Fantasmagorie, ausgelöst von Chimären, die ihren Geist infiltrieren und die Hills allmählich in den Wahnsinn zu treiben scheinen. Um zu erfahren, was hier vor sich geht, nimmt sich Daniel die Tagebücher von Merle vor, die der verstorbene Exorzist in einer Truhe im Keller aufbewahrte.

Der US-amerikanische Vollzeit-Autor Nick Roberts, der aus St. Albans, West Virginia stammt, spielt auf althergebrachte Weise mit den Urängsten seiner Leser. Das gelingt dem ehemaligen Englischlehrer über weite Strecken des 368 Seiten starken "Das Haus des Exorzisten" ziemlich gut. Roberts, der mit seiner Frau Amy, seinem Stiefsohn Keagan und seinen beiden leiblichen Kindern Cora und Jack mittlerweile in South Carolina lebt, baut seinen Spannungsbogen gezielt und nachhaltig auf. Locker, natürlich und lebensbejahend hegt er einen einfachen, zugänglichen und einnehmenden Schreibstil. Mit Leichtigkeit verwebt er Emotionen, Gefühle, Geräusche und Landschaftsbilder zu einer vibrierenden Atmosphäre aus okkulter und obsessiver Spannung. Die Schockmomente und Gewaltdarstellungen sind nicht ohne und teilweise explizit dargestellt. Bei der Logik hapert es hier und da noch ein wenig, aber das kittet Nick Roberts eigentlich recht gut, wenn auch nicht immer ganz glaubwürdig oder chronologisch. Auch der Kontext ist ein wenig holprig und nicht immer ganz schlüssig. "Das Haus des Exorzisten" lebt phasenweise von dem Unausgesprochenen, dem Unerklärlichen, Übernatürlichen und Paranormalen, das sich in der Gedankenwelt des Lesers vergeistigt. Die Hills verhalten sich in der weiteren Folge immer irrationaler. Wie ferngesteuert tauchen sie immer tiefer in eine Spirale aus Erscheinungen, Täuschung, Fehleinschätzung, Verwirrung, Selbstzweifeln und Wesensveränderungen. Dabei lösen sich ihre Erinnerungen allmählich in nebulöse Gedankenschwaden auf. Spätestens jetzt nimmt die Geschichte ordentlich Fahrt auf und es entsteht eine regelrecht gehetzte Atmosphäre. Der aufstrebende Horror-Autor Nick Roberts hat hierbei ein paar, dem Genre mächtig einheizende Ideen in seinem diabolischen Werk verbraten, die er ab und an mit subtilem, schwarzem Humor unterfüttert. Der deftige, übernatürliche Horror-Thriller "Das Haus des Exorzisten" wurde 2022 erstmals im amerikanischen Original verlegt. Es ist ein düsteres, durchaus als kurzweilig zu bezeichnendes Werk über Besessenheit, Obsession, Okkultismus, Dämonen und schwarze Magie, das Freunden von amerikanischen Spuk- und Haunted-House-Horror-Thrillern definitiv gut reinlaufen dürfte. Ein Wiedersehen mit Merle Blatty und den Hills verspricht Band 2 "The Exorcist's House: Genesis", der 2024 in Amerika erschienen ist. Ob und wann der 2. Teil hierzulande veröffentlicht wird, ist mir jedoch nicht bekannt.

(Janko)

https://www.nickrobertsauthor.com
https://www.facebook.com/SpookyWV/" target="_blank">https://www.facebook.com/SpookyWV/
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Brutalität/Gewalt: 63/100
Spannung: 82/100
Action: 66/100
Unterhaltung: 84/100
Anspruch: 22/100
Atmosphäre: 61/100
Emotion: 52/100
Humor: 10/100
Sex/Obszönität: 06/100

LACK OF LIES - Wertung: 83/100

LACK OF LIES - Altersempfehlung: ab 16 Jahren (aufgrund der Thematik und der Gewaltdarstellungen)

Nick Roberts - Das Haus des Exorzisten
Festa Verlag
Horror
Horror & Thriller - Band 198
ISBN: 978-3-98676-191-2
368 Seiten
Paperback in der Festa-Lederoptik mit Umschlagklappen
Originaltitel: The Exorcist's House (2022)
Aus dem Amerikanischen von Sylvia Pranga
Erscheinungstermin: vsl. 29.01.2025
EUR 16,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-98676-192-9
Erscheinungstermin: 09.01.2025
EUR 5,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Das Haus des Exorzisten" beim Festa Verlag: https://www.festa-verlag.de/das-haus-des-exorzisten.html

Leseprobe: https://www.festa-verlag.de/mpattachment/file/download/id/761/

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Veröffentlicht am 29.11.2024

Michael McDowell - Die Elementare - Eine Geistergeschichte

Die Elementare
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Michael McDowell - Die Elementare - Eine Geistergeschichte
(Festa Verlag)

- spannungsvolle Geistergeschichte vom Meister des Southern Gothic Horror -

"Die Elementare - Eine Geistergeschichte" ist ein ...

Michael McDowell - Die Elementare - Eine Geistergeschichte
(Festa Verlag)

- spannungsvolle Geistergeschichte vom Meister des Southern Gothic Horror -

"Die Elementare - Eine Geistergeschichte" ist ein interessanter Titel, welcher in der ersten Auflage im Festa Verlag als gebundene Ausgabe lange Zeit vergriffen und nur noch zu exorbitanten Preisen bei den einschlägigen Verkaufsplattformen zu haben war. Wenn ich mich recht entsinne, wurden dort schon mal Preise von 100 bis 200 Euro aufgerufen. Vielleicht hat sich der Festa Verlag deswegen dazu entschieden, "Die Elementare" noch mal in der Taschenbuchausgabe neu aufzulegen, um dieser irrsinnigen (Preis-)Entwicklung entgegenzuwirken und das Werk einem breiteren Publikum vorstellen zu können. Eventuell war es aber auch der immer wiederkehrenden hohen Nachfrage geschuldet?!?

Mobile, Alabama, Anfang der 1980er Jahre. Nachdem die Matriarchin Marian Savage zu Grabe getragen wurde, wollen die Familien Savage und McCray für eine unbestimmte Zeit Ruhe und Entspannung auf dem Familienanwesen Beldame, an der Golfküste Alabamas finden. Der 29 Jahre alte Dauphin Savage, der Sohn der Verstorbenen, seine Ehefrau Leigh, Leighs Mutter Big Barbara McCray, die gleichzeitig auch die beste Freundin von Marian war, ihr Sohn Luker, seine Tochter India, sowie Marians langjährige Hausangestellte Odessa. Die drei, etwas in die Jahre gekommenen Villen im viktorianischen Baustil, wurden von Dauphins Ururgroßvater erbaut. Um die begüterte Familie Savage, sowie deren Familiensitz, der bei Hochwasser schon mal vom Festland abgeschnitten wird, ranken sich geheimnisvolle Geschichten. Geschichten um seltsame Bestattungsrituale, mysteriöse Unfälle, Totgeburten, im Kindbett verstorbene Frauen und eine dicke Frau in langem Kleid, welche die kaum zu bändigende Neugier Marian Savages 13-jähriger Enkelin India McCray wecken. Das dritte Haus auf Beldame, das über die Jahre immer mehr von einer Düne aus feinstem, weißem Sand bedeckt wurde, ist schon seit Dekaden nicht mehr bewohnt. Etwas Unheilvolles geht von diesem Haus aus und gerade diese sonderbaren, unheimlichen und übernatürlichen Vorkommnisse, die dieses Haus umgeben, üben eine unheimlich anziehende bis todbringende Faszination auf den Teenager aus. Wie alle anderen beschleicht auch India eine gewisse Furcht vor dem dritten Haus, in dem sich Täuschung und Bosheit verbirgt, die das junge Mädchen um jeden Preis besiegen will.

Dem Southern Gothic Horror Roman "Die Elementare" von Michael McEachern McDowell, welcher 1981 erstmals im amerikanischen Original erschien, merkt man die etwas über vier Dekaden, die er indes auf dem Buckel hat, so gut wie gar nicht an. Dies mag der modern gehaltenen, deutschen Übersetzung von Patrick Baumann geschuldet sein, die sich flüssig und cozy liest. McDowell führt bereits im Prolog seiner anschaulichen und von einer erhabenen, heimeligen, gleichwohl leicht mulmigen Stimmung getragenen Geistergeschichte, ein üppiges Personal ein. Seine unterhaltsamen, leicht zur Exzentrik neigenden Charaktere, sind größtenteils sympathisch gezeichnet, führen beschwingte, humorvolle Konversationen und verhalten sich lebensnah. Der Drehbuch-, Krimi-, Komödien- und Horror-Autor McDowell setzt unheimliche, spannungsgeladene Cliffhanger an die Enden seiner Kapitel, die seine Leserschaft an seinen Seiten kleben lassen, wie ein Neugeborenes an den Brüsten seiner Mutter. Sein unaufgeregter Southern Gothic Horror bedient zwar durchaus altbekannte Klischees, setzt sich aber durch sein leicht okkultes, verstörendes und hinterlistiges Ambiente deutlich vom damaligen Einheitsbrei ab. "Die Elementare" geht runter wie Öl, nimmt allerdings erst im letzten Drittel so richtig Fahrt auf, was mir persönlich vom Tempo her etwas zu lahm und von der Fülle her doch ein wenig zu ausschweifend ist. Der Meister des Southern Gothic Horror der 1950 in Enterprise, Alabama das Licht der Welt erblickte, verfasste mehr als 30 Romane. Er infizierte sich 1994 mit dem HIV-Virus und verstarb fünf Jahre später, im Jahre 1999 in Boston, Massachusetts.

(Janko)

Brutalität/Gewalt: 20/100
Spannung: 65/100
Action: 37/100
Unterhaltung: 78/100
Anspruch: 33/100
Atmosphäre: 65/100
Emotion: 35/100
Humor: 14/100
Sex/Obszönität: 07/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 78/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 14 Jahren (aufgrund der nicht allzu schockierenden Horrorelemente und Gewaltdarstellungen)

Michael McDowell - Die Elementare - Eine Geistergeschichte
Festa Verlag
Geisterhausgeschichte
ISBN: 978-3-98676-162-2
416 Seiten
Paperback in der Festa-Lederoptik mit Umschlagklappen
Originaltitel: The Elementals (1981)
Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann
Erscheinungstermin: 05.11.2024
EUR 16,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-98676-163-9
Erscheinungstermin: 10.10.2024
EUR 7,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Die Elementare - Eine Geistergeschichte" beim Festa Verlag: https://www.festa-verlag.de/die-elementare-eine-geistergeschichte.html

Leseprobe: https://www.festa-verlag.de/mpattachment/file/download/id/746/

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