Cover-Bild Jesolo
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9,99
inkl. MwSt
  • Verlag: Blessing
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Erzählende Literatur
  • Ersterscheinung: 04.03.2019
  • ISBN: 9783641238766
Tanja Raich

Jesolo

Roman
Kinder sind kein Thema für Andrea. Sie hat einen Job, der okay ist. Sie führt seit vielen Jahren eine Beziehung mit Georg, die okay ist. Andrea will sich nicht festlegen, Georg will ein Fundament für ein gemeinsames Leben - ein Dilemma. Als sie aus dem jährlichen Urlaub in Jesolo zurückkommen, ändert sich alles – Andrea ist schwanger. Hin- und hergerissen entscheidet sie sich für das Kind – und geht damit einen Kompromiss nach dem anderen ein: Sie nimmt einen Kredit auf, obwohl sie nie Schulden haben wollte; sie zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern, obwohl sie nie mit ihnen zusammenleben wollte. Von allen Seiten prasseln Ratschläge auf Andrea nieder, und sie wird in eine Mutterrolle gedrängt, mit der sie sich nicht identifizieren kann.

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.02.2020

Sprachlich brilliantes + absolut nicht rosarotes Buch über eine Schwangerschaft

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Gelegentlich darf man von einem Buch den Klappentext lesen, so bei diesem. Es steht genau das darin, was passiert, nicht mehr, nicht weniger. Aber wie es dann im Buch steht, das ist die Kunst.

Urlaub ...

Gelegentlich darf man von einem Buch den Klappentext lesen, so bei diesem. Es steht genau das darin, was passiert, nicht mehr, nicht weniger. Aber wie es dann im Buch steht, das ist die Kunst.

Urlaub in Jesolo. Sie liest Dostojewski, er heißt Georg 35, und es ist o.k., auch wenn es letztes Jahr besser war. Seit Weihnachten trägt sie seinen Ring, aber es ist kein Verlobungsring, darauf wird Wert gelegt. Er will, dass sie zu ihm zieht. Sie hat das Gefühl, dass man sich zu gut kennt. „Jetzt bist du in die Speisekarte vertieft. Du wirst ein großes Bier und eine Diavola bestellen, wie immer. Zuerst musst du dir aber die gesamte Karte ansehen und minutenlang überlegen, was du nehmen könntest. … Ich würde dir gerne sagen, dass es nicht darum geht, ein Theater zu machen oder nicht, sondern darum, dass wir stundenlang laufen müssen, obwohl gleich neben dem Hotel ein Restaurant wäre, das genauso nett und genauso gut wie dieses hier ist. Aber ich sage es nicht, weil ich mir einen schönen Abend mit dir wünsche.“

Autorin Tanja Raich hat es auf den ersten Seiten geschafft, dass ich mich ertappt fühlt, wenn auch in meinem Leben mit etwas geteilten Rollen. Diese Dialoge sind so herrlich aus dem Leben. Überhaupt, sprachlich ist das klasse, ich liebe besonders diese Listen, mit dem Wirbel und Kopfkino oder Aussagen, die da auf die Hauptfigur hereinprasseln: „Ihre Fragen steuern zuerst zaghaft, dann immer bestimmter auf uns zu. Seit wann. Warum erfahren wir das erst jetzt. Ist es gesund. Ist es ein Mädchen. Man sieht ja noch gar nichts. Wann ist der nächste Kontrolltermin. Wer ist dein Frauenarzt. Wann zieht ihr ein. Wann renovieren wir. Wann gehst du in Mutterschutz. Wie lange bleibst du zu Hause. Wann kaufen wir die Einrichtung. Wohin soll das Kinderzimmer. Braucht ihr ein zweites Auto. Habt ihr schon einen Namen. Warum isst du so wenig.“

Aus der kleinen Reibung wird nach der Heimkehr ein großer Streit. Sie will mit ihm reden, er ist nicht da. Danach entdeckt sie, schwanger zu sein. Sie hadert, lange, erzählt ihm erst nichts, dann reden sie doch und sind wieder ein Paar, glücklich wie lange nicht. Bald jedoch beginnt, ja was? Der Alltag? Die Umsetzung von Georgs Wünschen? Die Einordnung von Andi in die Realität – oder die Selbstaufgabe, oder von beidem etwas?

Ich war sehr angetan von diesem Buch, das einmal nicht alles rosarot darstellt oder alternativ als Glück unterbrochen von einem kleinen Drama, das mal so eben gelöst wird, oder als Drama, das zwingend zum Glück führt. Die Ich-Erzählerin hadert lange und immer wieder, mit der Beziehung, mit der Schwangerschaft, mit dem, was danach kommen soll. Währenddessen erzählen ihr wirklich alle, dass Kinder immer nur ein großes Glück sind. Kein Platz für Wochenbettdepressionen oder einfach andere Lebenskonzepte, nicht einmal für geteilte Elternzeit. Dass die Frau Andi heißt, Andrea, erfährt man erst sehr spät. Ich denke, dass passt, für mich verschwand sie irgendwann als eigenständige Persönlichkeit.

Sie hatte nie vor, bei den Schwiegereltern zu wohnen, nie vor, so zu werden. Doch es kommt anders. Georg übernimmt den Hausbau mit seinem Vater, die Schwiegermutter plant, welche Möbel in der Wohnung stehen sollen, das Geld kommt von den Schwiegereltern und einem plötzlich viel höheren Kredit als je geplant. Und bei der Heimkehr von der Arbeit putzt Schwiegermama im Bad, ist ja alles gut gemeint (also gut gemeint als Gegenteil zu gut?). Und sie wird doch natürlich ein paar Jahre daheim bleiben, das ist gut für die Kinder. Kinder? Noch ist sie schwanger mit dem ersten.

Früh kommt bei mir Beklemmung auf. Was bilden die Menschen sich ein mit ihren Einmischungen? Da gibt es Tipps zu allem möglichen, jeder weiß es besser. Das ist leider sehr realistisch. Ab irgendeinem Zeitpunkt mutiert mir das ganze aber zu sehr zu einer Art „Stepford Wives“. Nie setzt sich Andi für sich selbst ein. Als die Frau von Georgs Bruder „endlich“ schwanger ist, erteilt Andi die Ratschläge. Und was kommt nach dem Ende des Buchs? Wird sie so wirklich dauerhaft glücklich sein? Ja, es gibt ausreichend Menschen, die das genau so wollen. Die wollten das aber meist schon vorher. Welchen Freiraum gibt es für sie? Für mich hinterlässt das Ende ein ungutes Gefühl, ich bin mir nicht sicher, ob das zum Buch passt oder gerade nicht.
5 Sterne.

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Veröffentlicht am 11.01.2020

Wie wird eine Mutter geformt?

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Andrea will keine Kinder, will in der Stadt leben und arbeitet gerne. Und dann ist sie plötzlich schwanger und zieht auf eine Baustelle im Haus ihrer Schwiegereltern mit einem Mann, den sie nicht liebt.

"Jesolo" ...

Andrea will keine Kinder, will in der Stadt leben und arbeitet gerne. Und dann ist sie plötzlich schwanger und zieht auf eine Baustelle im Haus ihrer Schwiegereltern mit einem Mann, den sie nicht liebt.

"Jesolo" liest sich nicht angenehm. Andrea verhält sich frustrierend passiv, treibt dahin, macht im Kopf Listen, dekliniert das ABC der Mutterschaft durch und träumt immer wieder von Wasser und Ohnmacht. Scheinbar wird sie, sobald sie schwanger ist, zum Spielball der Anderen, wird geformt und beeinflusst. Und kann sich nur mit unterschwellig aggressiven Aktionen wehren.

Ich habe selbst keine Kinder, habe aber oft davon gelesen, welchen Einfluss der Partner, Familie, Nachbarn, gesellschaftliche Vorstellungen auf eine Mutter nehmen.

Die Autorin Tanja Raich stellt dies so dar, als sei es unabwendbar. Als werde die Frau schwanger zum Objekt, zur Trägerin eines neuen Lebens, die von Hormonen vernebelt, stumm bleibe.

Aber Andrea ist auch bereits vor der Schwangerschaft unentschieden, hat keinen konkreten Plan für ihre Zukunft, ist mit Georg nicht glücklich. Sie weiß nur, dass sie keine Kinder will, nicht aufs Dorf ziehen will, weiter arbeiten will.

Warum zur Hölle bekommt sie dann das Kind? Die Autorin verrät es nicht.

Ich vermute, die Autorin übergeht dies aus erzählerischen Gründen, um zu verdeutlichen, welche Konsequenzen eine Schwangerschaft haben kann. Aber diese Konsequenzen warten auch auf eine Frau, die sich auf ihr Kind freut. Es kann zu großer Frustration führen, wenn die Frau zwar glückliche Mutter ist, aber nicht von ihrem Mann unterstützt wird, wenn sie aus dem Beruf ausscheidet und nicht weiss, ob die Stelle bei ihrer Rückkehr noch da ist, wenn die Anderen alles besser wissen und sich einmischen.

Ein Kind zu haben, berührt die Partnerschaft, den Beruf, die Unabhängigkeit, das Bild bei Verwandten und Nachbarn. Kindergärtenplätze, Gesetze zum Arbeitsschutz und finanzieller Unterstützung sowie zum Schwangerschaftsabbruch werden relevant.

Frauen müssen sich über ihre Wünsche klar sein, sie äußern und sich mit ihrem Partner einigen. Tut man dies nicht, kann es laufen wie in diesem Roman.

Ein sehr wichtiges Thema!

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Veröffentlicht am 30.12.2019

4,5*: Kinder bedeuten Verzicht – aber nur für Frauen! Ehrlich, beklemmend – und leider (!) sehr nah an der Realität!

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Achtung: Die Rezension enthält Spoiler!

Inhalt

Georg und Andrea sind seit ihrer Jugend ein Paar. Ihr alljährlicher Urlaub im immer gleichen Hotel in Jesolo, Italien, steht für ihre Beziehung, die sich ...

Achtung: Die Rezension enthält Spoiler!

Inhalt

Georg und Andrea sind seit ihrer Jugend ein Paar. Ihr alljährlicher Urlaub im immer gleichen Hotel in Jesolo, Italien, steht für ihre Beziehung, die sich seit Jahren nicht wirklich verändert hat. Andrea ist zwar nicht glücklich, aber sie findet ihr Leben, ihren Freund, ihren Job okay. Jedoch gibt es eine Sache, die immer mehr zum Problem wird: Andrea will ihre Freiheit, sich nicht festlegen, reisen, sich alles offen halten – ihr Freund hingegen möchte die Wohnung im ersten Stock des Elternhauses ausbauen, sesshaft werden und sehnt sich nach Kindern und Familie. Seit Jahren versucht er Andrea zu überreden, endlich bei ihm einzuziehen, doch sie weigert sich – bis sie ungeplant schwanger wird. Für Andrea beginnt eine Zeit voller Kompromisse, voller gut gemeinter Ratschläge und Übergriffe von allen Seiten…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: Blessing
Seitenzahl: 224
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis lang
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere im Buch verletzt, getötet oder gequält (es kommen keine vor). Fleisch wird allerdings von den Figuren gegessen.

Warum dieses Buch?

„Jesolo“ war für den Österreichischen Buchpreis 2019 in der Kategorie „Debüt“ nominiert. Doch nicht nur diese Tatsache, sondern auch die Empfehlung der feministischen Autorin Angela Lehner (ihr Buch „Vater unser“ war eines meiner absoluten Lesehighlights dieses Jahr!) und der Klappentext weckten in mir sofort den Wunsch, dieses Buch zu lesen!

Meine Meinung

Einstieg (+)

Ich hatte keine Probleme, in die Geschichte zu finden. Der einfache Schreibstil und die treffenden, ehrlichen Beschreibungen des Urlaubs haben mir den Einstieg leicht gemacht und mich sofort überzeugt.

Schreibstil (+)

Tanja Raich hat schreibt sehr klar, parataktisch, schnörkellos und einfach. Ihre gnadenlose Ehrlichkeit und nüchterne, beobachtende Erzählweise, die oft ohne Wertungen auskommt, fand ich großartig, weil dadurch die Beklemmung beim Lesen nur stärker wird und die Ungerechtigkeiten noch deutlicher hervortreten. Obwohl nur wenige Adjektive verwendet werden, haben mir diese niemals gefehlt, da das Buch trotzdem sehr anschaulich ist. Trotz der einfachen Sprache ist die Erzählweise nicht oberflächlich, sondern geht in die Tiefe, präsentiert zahlreiche Weisheiten und Wahrheiten, wunderbare, poetische Beschreibungen, und unzählige einprägsame Zitate, die den Nagel auf den Kopf treffen.

Obwohl die meist kurzen und einfachen Hauptsätze die innerliche Ruhelosigkeit, die durcheinandergeratenden Emotionen und die innere Zerrissenheit der Protagonistin sehr eindrucksvoll veranschaulichen, war die Lektüre durch den oft abgehackt wirkenden Stil, durch den teilweise kein richtiger Lesefluss aufkommen konnte, dennoch nicht immer leicht und ein Genuss. Doch je weiter die Lektüre hinter mir liegt, desto mehr schätze ich das Buch und seine Langzeitwirkung!

„Dieser erwachsene Mann, der gefallen will, der alles richtig machen will, der Verantwortung übernehmen will, hat sich über dich gelegt und nach und nach deine Persönlichkeit aufgefressen. Selbst mir ist es nicht aufgefallen, weil er langsam vorgegangen ist und sich an deinem Körper entlanggearbeitet hat, Stück für Stück.“ E-Book, Position 377

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (♥)

„Das, was du vorher warst, zählt nicht mehr. Wie es dir geht, zählt nicht mehr. Das, was zählt, ist dein Kind. […] Für dich ändert sich alles, aber für deinen Mann ändert sich wenig. Er arbeitet und schläft genauso wie vorher, und abends kommt er nach Hause und fragt: Was hast du den ganzen Tag gemacht?“ E-Book, Position 1385

„Jesolo“ ist ein wichtiges Buch, das zur richtigen Zeit erschienen ist und all jene, die behaupten, dass wir den Feminismus doch gar nicht mehr brauchen, weil wir die Gleichstellung von Mann und Frau ja schon längst erreicht haben, Lügen straft. Was im Roman beschrieben wird, ist beklemmend, frustrierend, macht wütend. Vor allem, weil es die Realität wiederspiegelt. Noch immer sind es (hauptsächlich, es gibt natürlich auch Ausnahmen) die Frauen, deren Leben sich nicht nur während, sondern auch nach der Schwangerschaft grundlegend verändert. Noch immer sind sie es, von denen wie selbstverständlich angenommen wird, dass sie zu Hause bleiben oder Teilzeit arbeiten, Karriereknicks und Altersarmut in Kauf nehmen, ihr Leben komplett umstellen. Ich nenne das „ungerecht“, aber viele Leute und die Gesellschaft nennen das leider immer noch „normal“.

Eine schwangere Frau scheint ihre Freiheit und Selbstbestimmung bis zu einem gewissen Grad aufgeben zu müssen: Alle reden auf sie ein, mischen sich ein, geben unerwünscht Ratschläge bezüglich Geburtsart, Stillen, Erziehung. Am Beginn verspricht Andis Freund noch, dass die im gleichen Haus wohnenden Schwiegereltern sich nicht einmischen werden, am Schluss des Buches betritt die Mutter schon mit ihrem Schlüssel die Wohnung und putzt dort unaufgefordert, will bei der Einrichtung mitbestimmen, drängt Andi in Richtung Hausfrau und Teilzeitkraft. Je weiter Andis Bauch wächst, desto mehr schrumpfen ihre Welt, Freiheit und Selbstbestimmung. Sie hat Angst (wie so viele) zu einer Frau ohne Namen zu werden, einer Frau, die von allen nur noch „Mama“ genannt wird, sogar vom eigenen Ehemann.

Eine andere Anekdote aus dem Buch: Bei Andis Arbeitsplatz kommt eine Kollegin aus der Karenz zurück. Ihre ehemalige Stelle als Teamleiterin wurde aber neu besetzt. Kein Problem, meint der Chef, sie kann ja weit unter ihren Qualifikationen im Sekretariat aushelfen, was ist schon dabei? Ja, was ist schon dabei, dass Frauen noch immer diejenigen sind, die die negativen Konsequenzen der Familienplanung tragen müssen? Solange sich nichts an der gegenwärtigen Situation ändert, solange Frauen weiterhin nur offiziell gleichgestellt sind, solange die Gesellschaft ihren Platz als Mütter zu Hause vor dem Herd sieht, braucht sich niemand zu wundern, wenn die Geburtenrate weiter sinkt! Warum sollen ständig nur wir verzichten und „zurückstecken“, während der Partner Stufe um Stufe die Karriereleiter hinaufklettert und sich selbst verwirklicht?

Trotzdem wird man als Frau immer noch zu Kindern gedrängt und sogar angefeindet, wenn man (wie ich) nicht vorhat, Kinder in die Welt zu setzen und Mutter zu werden. Mir wurde gesagt, dass das nicht normal sei, dass mein Leben keinen Sinn hätte. Männer haben mir mitgeteilt, dass sie finden, dass Frauen Kinder bekommen müssen, weil sie sonst im Alter „bitter“ werden (was immer das heißen soll). Mir wurde erklärt, dass diese „faulen“ und „wehleidigen“ Schwangeren, die sich einen Kaiserschnitt wünschen, weil sie z. B. Gewalt bei der Geburt (ein Thema, die immer noch schöngeredet und totgeschwiegen wird) vermeiden wollen, sich diesen Luxus doch bitte selbst bezahlen sollen. Freundinnen haben mir erzählt, dass ihnen Schmerzmittel während oder nach der Geburt verweigert wurden, dass es sofort vorbei war mit der gerechten Aufteilung der Hausarbeit und Pflegearbeit, dass sie sofort in traditionelle Rollenbilder gerutscht sind, als Kinder da waren. Es läuft beim Thema Familie immer noch so unglaublich viel falsch! Dieses Buch und auch persönliche Erfahrungen machen deutlich: Bis zur wahren Gleichstellung von Mann und Frau ist es noch ein weiter Weg!

„Jesolo“ ist ein ruhiger Roman ohne viel Handlung, das mich beim Lesen runtergezogen und Beklemmung in mir ausgelöst hat. Wer vielleicht sowieso gerade psychisch labil ist, sollte sich diesem Büchlein mit Vorsicht nähern, allen anderen (besonders Frauen und Männern, die über die Familienplanung nachdenken) sei es aber absolut ans Herz gelegt! Themen wie persönliche Freiheit, gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge, veraltete Rollenbilder, scheinbare Gleichstellung, Selbstbestimmung und die Engstirnigkeit auf dem Land werden tiefgründig, ehrlich und eindrucksvoll behandelt. Es ist ein Buch, das beim Lesen wehtut und wütend macht, das einen aber auch zum Nachdenken anregt und lange in Erinnerung bleibt. Die Geschichte endet mit einem absolut passenden, poetischen Finale voller Ungewissheit, mit der sowohl die LeserInnen als auch Andi alleine gelassen werden.

Kleinere Kritikpunkte: Gestört haben mich die vielen Anzeigeprobleme des E-Books auf dem Kindle (manchmal endeten Sätze irgendwo und ihr Anfang war erst zwei Seiten später auffindbar etc.). Auch sehr negativ aufgefallen ist mir, dass aus irgendeinem Grund auf Anführungszeichen verzichtet wurde. Von diesem Stilmittel halte ich nichts, weil dadurch die Lektüre künstlich erschwert wird. Meiner Meinung nach will der Text dadurch anspruchsvoller wirken, als er ist. Teilweise war nicht einmal sofort erkennbar, ob jemand etwas sagt oder denkt oder wer was sagt, was ich unheimlich mühsam und nervig fand.

Protagonistin & Figuren (♥)

„Mein Leben liegt in Trümmern. Und ich wandle dazwischen umher wie eine Schiffbrüchige.“ E-Book, Position 543

Auf den ersten Seiten stand ich der Protagonistin noch etwas zwiespältig gegenüber. Teilweise wirkt sie etwas undankbar, launenhaft. Man fragt sich unweigerlich, warum sie nicht glücklich ist. Immerhin hat sie doch einen Freund, der zu ihr steht, der es ernst meint und bereit für den nächsten Schritt ist – etwas, das sich in Andreas Alter viele Frauen vermutlich sehr wünschen. Doch schnell nähert man sich dieser innerlich zerrissenen, unentschlossenen und zunehmend unglücklichen Figur mit Hang zur Melancholie an, deren Freiheit ihr mit jedem Kompromiss weiter genommen wird und die immer weiter in eine Rolle rutscht, die sie niemals haben wollte. Am Ende des Buches hatte ich einfach nur Mitleid mit ihr – sie war mir schon längst ans Herz gewachsen. Ich fühlte Solidarität mit ihr und wollte sie von den übergriffigen Menschen in ihrem Umfeld schützen. Eine bessere Protagonistin als die passive Andi hätte dieses Buch meiner Meinung nach nicht haben können.

Auch die anderen Figuren wirken sehr authentisch, dreidimensional und liebevoll ausgearbeitet. Besonders gut gelungen sind meiner Meinung nach die übergriffige Schwiegermutter und Andis Freund Georg.

Spannung & Atmosphäre (♥)

Meiner Meinung nach waren die unheimlichen, abtraumhaften, oftmals gewalttätigen (Tag-)Träume von Andi (die vermutlich ihr Ventil sind, um mit dem Druck und der „Enge“ ihres neuen Lebens umzugehen) und die kafkaesken Beschreibungen im Buch eine seiner größten Stärken. Ich fand die beklemmende, deprimierende und düstere Atmosphäre sehr intensiv und gut gelungen!

Was die Spannung betrifft, war ich zwar immer neugierig, wie es weitergeht, jedoch gab es im Mittelteil einen Durchhänger, der sich für mich beim Lesen etwas zäh angefühlt hat. Gegen Ende stieg die Spannung aber noch einmal an.

Feministischer Blickwinkel (♥)

Das Wichtigste habe ich schon beim Unterpunkt „Inhalt“ gesagt. Abschließend möchte ich nur noch hervorheben, dass das Buch den Bechdel-Test besteht und dass Tanja Raich ein sehr wichtiges Werk geschaffen hat, das manchen Menschen sicherlich die Augen öffnen wird! Schön, dass der Roman für den Buchpreis nominiert wurde und dadurch viel Aufmerksamkeit erhalten hat!

Mein Fazit

„Jesolo“ bietet einen schonungslos ehrlichen Blick auf unsere Gesellschaft und die nur scheinbare Gleichstellung, die wir bisher erreicht haben. Tanja Raichs Schreibstil ist klar, einfach und schnörkellos. Durch ihre nüchterne, beobachtende Erzählweise treten die Ungerechtigkeiten nur noch deutlicher hervor. Obwohl durch den etwas abgehackten Stil bei mir teilweise kein richtiger Lesefluss entstehen konnte, mochte ich die Sprache, die poetischen Beschreibungen und die treffenden Zitate sehr! Und obwohl ich der passiven Protagonistin am Beginn noch etwas zwiespältig gegenüberstand, wuchs mir die innerlich zerrissene und melancholische Figur mit jeder Seite mehr ans Herz. Auch die anderen Personen wirken sehr authentisch und liebevoll ausgearbeitet. Meiner Meinung nach stellen die abtraumhaften (Tag-)Träume von Andi und die kafkaesken, beklemmenden und düsteren Beschreibungen eine der größten Stärken des Buches dar. Was die Spannung betrifft, gab es lediglich im Mittelteil einen Durchhänger, der sich für mich beim Lesen etwas zäh angefühlt hat. „Jesolo“ ist ein wichtiges und tiefgründiges Buch voller Ungerechtigkeiten und Übergriffe, das zur richtigen Zeit erschienen ist und all jene, die behaupten, dass wir den Feminismus doch gar nicht mehr brauchen, weil wir die Gleichstellung von Mann und Frau ja schon längst erreicht haben, Lügen straft. Noch immer sind es die Frauen, deren Leben sich nach der Schwangerschaft grundlegend verändert. Noch immer sind sie es, von denen wie selbstverständlich angenommen wird, dass sie zu Hause bleiben oder Teilzeit arbeiten, verzichten und zurückstecken, Karriereknicks und Altersarmut in Kauf nehmen, ihr Leben komplett umstellen. Es läuft beim Thema Familie immer noch so unglaublich viel falsch! Dieses Buch macht deutlich: Bis zur wahren Gleichstellung von Mann und Frau ist es noch ein weiter Weg! Mit „Jesolo“ hat Tanaj Raich einen Roman geschaffen, der beim Lesen wehtut, deprimiert und wütend macht, der einen aber auch zum Nachdenken anregt und lange in Erinnerung bleibt. Manchen Menschen wird er hoffentlich die Augen öffnen. Schön, dass er für den Buchpreis nominiert wurde und dadurch viel Aufmerksamkeit erhalten hat! Auch von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Bewertung

Idee: 5 Sterne ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Sterne ♥
Umsetzung: 4,5 Sterne
Worldbuilding: 4 Sterne
Einstieg: 4 Sterne
Schreibstil: 4 Sterne
Protagonistin: 5 Sterne ♥
Nebenfiguren: 5 Sterne ♥
Spannung: 3,5 Sterne
Atmosphäre: 5 Sterne ♥
Ende / Auflösung: 5 Sterne ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Sterne ♥
Feministischer Blickwinkel: ♥

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir viereinhalb überzeugte Lilien und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 23.07.2020

Ernüchternd

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Jesolo von Tanja Raich war eines der ersten Bücher die ich seit der Ausgangssperre gelesen haben. Ich hatte schon sehr viel davon gehört und nun endlich die Zeit gefunden es zu lesen. 📙

Andrea wird nach ...

Jesolo von Tanja Raich war eines der ersten Bücher die ich seit der Ausgangssperre gelesen haben. Ich hatte schon sehr viel davon gehört und nun endlich die Zeit gefunden es zu lesen. 📙

Andrea wird nach dem Urlaub plötzlich und ungeplant schwanger. Das Buch begleitet sie in den Monaten der Schwangerschaft und zeigt wie sie den Umbau der Wohnung, ihren Freund und seine Eltern sieht.

Was mich von Anfang an überzeugt hat war weniger das Thema sondern der Schreibstil. Die Autorin hat es mit einer fesselnden Schreibweise geschafft, Spannung in dieses Thema zu bringen. Leider waren die Gedankengänge der Hauptcharakterin nicht immer nachvollziehbar. Man versteht nicht immer ob gewisse Beschreibungen wirklich geschehen oder ob Andrea nur träumt. Auch waren einige Ausführungen überflüssig.

Wenn ihr mal was Neues sucht oder das etwas andere Buch, dann seit ihr hier genau richtig.

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Veröffentlicht am 09.09.2019

Ein Haus, 2 Autos, 1 Kind

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Der Roman Jesolo von Tanja Raich ist nominiert für das Shortlist-Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises. Der Roman erzählt von der schwierigen Beziehung eines Paares, die nach einem gemeinsamen Urlaub ...

Der Roman Jesolo von Tanja Raich ist nominiert für das Shortlist-Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises. Der Roman erzählt von der schwierigen Beziehung eines Paares, die nach einem gemeinsamen Urlaub in Jesolo in eine Krise geraten.
Andrea und Georg sind langjährig zusammen. Er möchte, dass sie zusammenziehen, sie beharrt auf ihrer Unabhängigkeit. Erst als sie Schwanger wird, fühlt sie sich gezwungen, die Konventionen zu erfüllen, begleitet von einem Gefühl der Ohnmacht.

Die Handlung wird konsequent aus der Sicht von Andrea erzählt, die sich von den Erwartungen wie erdrückt fühlt.

Sprachlich bleibt der Roman für mich zwiespältig. Die Sätze sind kurz, auf Dauer war dieser Stil nicht nach meinem Geschmack. Aber es gelingt ein Einblick in das Innenleben und den Emotionen einer Frau, die zwischen inneren Ansprüchen und äußeren Anforderungen resigniert.