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Veröffentlicht am 07.09.2021

Ein Mann wie ein Dinosaurier

Barbara stirbt nicht
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Ach Walter, möchte ich unwillkürlich ausrufen, als er am frühen Morgen aufwacht und den vertrauten Kaffeeduft vermisst. Wo ist Barbara? Die sich doch immer um alles gekümmert hat, den Haushalt gestemmt, ...

Ach Walter, möchte ich unwillkürlich ausrufen, als er am frühen Morgen aufwacht und den vertrauten Kaffeeduft vermisst. Wo ist Barbara? Die sich doch immer um alles gekümmert hat, den Haushalt gestemmt, die Kinder großgezogen und vor allem Walter jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hat.

Barbara liegt im Bad, sie ist gestürzt, kann sich kaum noch bewegen. Walter schafft sie wieder ins Bett und überdenkt nun seine Lage. Wie war das mit dem Kaffee, wo ist das Pulver, wieviel Wasser braucht er und vieles mehr. Und Barbara will einfach nicht mehr aufstehen.

Die Kinder machen sich Sorgen, unausgesprochen klingt auch immer ein Vorwurf an Walter mit.

Walter ist ein Dinosaurier, eine Gattung Mann, die man ausgestorben glaubte, von denen es sicher noch einige Exemplare gibt. Eine Ehe, die mehr als ein halbes Jahrhundert andauerte und von der Walter überzeugt ist, dass es das Beste war, was seiner Frau passieren konnte. War er nicht großzügig, als er sie heiratete, als sie schwanger wurde, obwohl seine Mutter nichts von Frauen aus dem Osten hielt. Den Akzent und die Neigung seltsame Dinge zu kochen hat er ihr abgewöhnt, aber hat er sich einmal gefragt ob Barbara glücklich war?

Walter erfindet sich neu, ganz langsam zwar, aber nun lernt er seine Frau aus einer neuen Perspektive kennen. Erstaunt stellt er fest, was für Anker, ein Halt sie für ihn war und nun will er das für sie sein.

Ein tolles Buch, bitterböse in weiten Teilen, wird Walter aber nicht nur an den Pranger gestellt. Die Autorin berichtet und überlässt mir die Deutung. Aus vielen kleinen Rückblicken und Gedanken Walters ersteht das Bild dieser Ehe. Das hat mir sehr gut gefallen. Die Wandlung eines nicht sehr empathischen Mannes ist sehr schön ausgefallen. Alina Bronsky kann die Menschen in all ihren Facetten sehr wahrhaft beschreiben und stellt damit für den Leser eine Nähe zu den Protagonisten her.

Ich war von „Barbara stirbt nicht“ restlos begeistert und konnte das Buch nicht aus der Hand legen.

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Veröffentlicht am 01.09.2021

Ein Highlight

Träume und Kulissen
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Bibliomariein ein paar Sekunden
Sommer 1936 in Split. In der Stadt brodelt es. Ein Vielvölkergemisch hat sich an der Adria eingefunden. Juden versuchen von hier die Flucht aus Europa. Es wimmelt von revolutionären ...


Bibliomariein ein paar Sekunden
Sommer 1936 in Split. In der Stadt brodelt es. Ein Vielvölkergemisch hat sich an der Adria eingefunden. Juden versuchen von hier die Flucht aus Europa. Es wimmelt von revolutionären Splittergruppen. Die einen halten zum Duce, die anderen trauern der Habsburger Monarchie nach und Kommunisten wollen einen Staat nach russischem Vorbild bilden. Es tummeln sich auch eine Menge deutscher „Filmani“ in der Stadt, die die Adriakulisse für deutsche Filme nutzen.

In dieser aufgeheizten Atmosphäre findet ein Fischer einen gut gekleideten Toten inmitten seiner Netze liegen. Als er bei der Polizei den Fund melden will, wird er gleich wegen Mordes verhaftet. Kommissar Bulat hält nichts von diesen voreiligen Schlüssen, steckt aber inmitten der diversen Machtkämpfe. So sucht er auf seine eigene, stille Art nach dem Täter. Bulats Ermittlungen scheinen sich im Kreis zu bewegen, er geht vielen Spuren nach und endet doch immer ein Sackgasse.

Die Handlung ist in einer Sommerwoche angesiedelt, aber ich hatte beim Lesen das Gefühl, Zeuge einer Zeitenwende zu sein. Die leichte, mediterrane Atmosphäre wandelt sich merklich. Man spürt die instabile politische Lage in Europa und vielleicht schon die ersten Vorahnungen eines neuen Kriegs.

Die Autorin, eine gebürtige Kroatin, ist Literaturwissenschaftlerin und ihr Roman ist die perfekte Mischung aus Landes- und Geschichtskenntnis und einer farbigen, bildreichen Sprache. Man muss schon sehr genau lesen, um alle Zwischentöne des komplexen Kriminalromans zu erfassen und die Vielzahl an Personal erfordert ebenfalls Aufmerksamkeit.

Dabei ist der Krimi – der eigentlich mehr Gesellschaftsroman ist, mit einer mediterranen Leichtigkeit geschrieben und sehr atmosphärisch. Man fühlt sich in die heißen Sommernächte versetzt, kann sich Gerüche und Geräusche geradezu ausmalen.

Ein wirklich ausgezeichneter Roman, der mich überrascht und überzeugt hat.

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Veröffentlicht am 30.08.2021

Es ist nie zu spät

Das geheime Leben des Albert Entwistle
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Wenn man sich sein halbes Leben lang verstecken muss, kann das nicht ohne Auswirkungen auf die Seele bleiben. Der Postbote Albert spürt das in den Monaten vor seiner Pensionierung immer stärker. Andere ...

Wenn man sich sein halbes Leben lang verstecken muss, kann das nicht ohne Auswirkungen auf die Seele bleiben. Der Postbote Albert spürt das in den Monaten vor seiner Pensionierung immer stärker. Andere Menschen hat er immer gemieden, er ist ein Einzelgänger, unnahbar und wortkarg.

Aber das war nicht immer so. Als junger Mann begegnete Albert seiner großen Liebe. Aber das war zu einer Zeit, als Homosexualität als abartig und schmutzig galt. Alberts Vater machte in seinen Beruf als Polizist besonders gern Jagd auf Schwule und als er seinen Sohn mit George ertappte, stellte er ihn vor eine grausame Wahl. Albert bleibt nur die Erinnerung an George.

Als Alberts Katze Gracie stirbt und damit das einzige Wesen, das ihm nahe steht, beginnt er seine Situation mit anderen Augen zu sehen und er macht zum ersten Mal einen Schritt aus seiner Isolation. Er merkt erstaunt, dass er seinen Mitmenschen nicht gleichgültig ist und wie einfach es sein kann, am Leben teilzunehmen.

Die englische Kleinstadt-Atmosphäre fand ich sehr gut getroffen, überhaupt hatte ich bei vielen Beschreibungen gleich das Kopfkino parat, weil mich der Roman von Matt Caine an die britischen Sozialkomödien erinnert. Warmherzig wird die Welt der kleinen Leute dargestellt, die sich nicht unterkriegen lassen. Der Ton ist leise und anrührend und natürlich wächst Albert dem Leser ans Herz. Wenn es gar zu märchenhaft wird – im realen Leben geht es natürlich rauer zu – findet der Autor immer wieder eine Wendung, die verhindert, dass es kitschig wird.

Alberts schüchtern verhaltenes Coming Out hat mich sehr berührt und als er erkennt, dass er kein Außenseiter mehr ist, dass sich die Welt in den letzten 50 Jahren doch verändert hat, musste ich tatsächlich ein-zweimal schniefen.

Eine sehr schöne Geschichte, die viel Warmherzigkeit ausstrahlt.

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Veröffentlicht am 23.08.2021

Faszinierender Kriminalroman

Mord im Wendland
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Zwei Gelegenheitsgauner wollen mit dem illegalen Abschuss eines Wolfs sich ein Zubrot verdienen, das geht aber gründlich schief und als sie sich verlaufen und verstecktes Auto nicht wiederfinden, stoßen ...

Zwei Gelegenheitsgauner wollen mit dem illegalen Abschuss eines Wolfs sich ein Zubrot verdienen, das geht aber gründlich schief und als sie sich verlaufen und verstecktes Auto nicht wiederfinden, stoßen sie auf ein kleines, heruntergekommenes Gehöft mitten im Wald. Ein Licht lockt sie an und als sie durch die offen stehende Tür sehen, finden sie zwei Tote. Schockiert wollen sie sich aus dem Staub machen und werden unterwegs von der Polizistin Sabine Langkafel aufgegriffen. Als sie von ihrem Fund erzählen, ahnt Sabine noch nicht, was das für Auswirkungen auf sie und ihren Vater haben wird.

Sabine Langkafel bekommt natürlich bei der Dimension des Verbrechens Beamte von LKA vorgesetzt, Melanie Gierke lässt sie jeden Moment spüren, dass eine Landpolizistin für sie keine gleichwertige Kollegin darstellt, so geht Sabine eben eigenmächtig einigen Spuren nach.

Seit Jahrzehnten ist das Wendland geprägt vom Widerstand gegen die Atomenergie. Die Freie Republik Wendland hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens viele Aussteiger angelockt. Einige sind wohl geblieben. Ein Gruppe Bhagwan Anhänger hat sich auf dem Hof eingerichtet, über Jahrzehnte fast vollkommen vergessen von den Bewohnern der kleinen Gemeinde Gartow.

Der Krimi von Klaas Kroon war wie eine Zeitreise für mich. Das fand ich besonders stimmungsvoll und hatte viele Erinnerungen geweckt. Manches kommt mir heute fast lachhaft vor, so ich erinnere mich noch gut an die orange gekleideten Sannyasins in den Städten.

Sabine Langkafel ist als Hauptfigur eine echte Sympathieträgerin. Unbeirrt in ihren Ermittlungen, dabei immer empathisch, authentisch und kollegial. Sie hat in diesem Buch ihren ersten Auftritt und ich finde, sie hat Potential für weitere Folgen.

Der Plot ist nicht nur spannend, er ist auch vielschichtig und gesellschaftskritisch. Das alles ergibt einen Kriminalroman, der mich von der ersten Seite an begeistert und r mich noch lange beschäftigt hat. Das erlebe ich bei einem Krimi nicht so oft.

Meine uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.08.2021

Neuer Fall für Loretta

Ein Männlein liegt im Walde
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Loretta Luchs hat ein Gespür für Mord! Aber dieses Mal hätte sie gern darauf verzichtet, denn ihr Partner Dennis soll der Täter sein. Die Beweislage ist eindeutig und Dennis‘ Erklärungen wirken unwahrscheinlich.

Alles ...

Loretta Luchs hat ein Gespür für Mord! Aber dieses Mal hätte sie gern darauf verzichtet, denn ihr Partner Dennis soll der Täter sein. Die Beweislage ist eindeutig und Dennis‘ Erklärungen wirken unwahrscheinlich.

Alles begann an dem Tag, als plötzlich die kesse Miri vor der Türe stand und Dennis verkündete, dass sie seine Tochter ist. Tatsächlich hatte er in seinen wilden Zeiten auf Ibiza ein Verhältnis mit Angie, der Mutter. Aber er war nicht der Einzige, es war die Zeit der späten Hippies und der freien Liebe.

Aber nun muss Loretta all ihre Fähigkeiten und die Hilfe ihrer Freunde in Anspruch nehmen um Dennis Unschuld zu beweisen.

Auch der 14. Fall des Ruhrpott-Girls Loretta ist wieder überraschend. Der Ideenreichtum der Autorin Lotte Minck scheint unerschöpflich. Ihre Krimis überzeugen durch ihren Wortwitz und die liebevoll ausgedachten Figuren, die den Stammlesern schon lange ans Herz gewachsen sind. Aber auch Neueinsteiger werden sicher sofort begeistert sein, denn alle Fälle sind in sich geschlossen und erfordern kein Vorwissen. Höchstens wird die Lust auf weitere Abenteuer von Loretta geweckt.

Besonders gefiel mir, dass in diesem Band die guten Freunde Okko und Doris wieder einen längeren Auftritt hatten. Ich hatte sie in den letzten Folgen schon ein wenig vermisst.

Frau Minck schafft es mit ihrer Mischung und dem Tempo der Ereignisse die Spannung ihrer „Krimödie“ bis zum Schluss zu halten.

Ein besonderes Augenmerk sollte man auf das Cover legen. Der Künstler Ommo Wille hat es wieder mit einem Blick auf die Details gezeichnet und es gehört bei mir schon zur Tradition zuerst lange das Bild zu betrachten um vielleicht einen kleinen versteckten Hinweis zu finden.

Nach einem Band mit Loretta beginnt schon das Warten auf das neue Buch.

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