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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.01.2018

Ein Bild von Mann?

Keine Reue
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Uwe Rösker ist ein Bild von einem Bürgermeister. Allseits beliebt im kleinen Ort, hat er für jedes Anliegen Zeit und für jeden Bürger ein nettes Wort. Aber warum wurde diesem geschätzten Lokalpolitiker ...

Uwe Rösker ist ein Bild von einem Bürgermeister. Allseits beliebt im kleinen Ort, hat er für jedes Anliegen Zeit und für jeden Bürger ein nettes Wort. Aber warum wurde diesem geschätzten Lokalpolitiker das Gesicht weggeschossen, wer hatte einen solchen Hass auf ihn?

Oder ist das Bild des Mannes nur Fassade gewesen? Zu diesem Schluss kommt die grade zur Hauptkommissarin aufgestiegene Heide Rose, als sie am Neujahrstag ihren ersten eigenständig zu bearbeitenden Mordfall übertragen bekommt.
Zusammen mit dem ebenfalls ganz neuen Kollegen Peter Grahne beginnt sie zu ermitteln.


Ein neues, interessantes Ermittlerpaar betritt die Bühne. Rose ist eine patente junge Ermittlerin, erfreulicherweise ohne die üblichen privaten Probleme und Grahne ein intelligenter Mann, der nach einer Ausbildung zum Psychiater den Weg zur Polizei gefunden hat. Ein ideales Gespann, das gut harmoniert und mich als Leserin sofort mitnimmt in die Spurensuche. Das öffentliche Bild Röskers unterscheidet sich schon sehr bald von der realen Person und nach und nach erfahren die Kommissare was hinter dem schönen Schein steckt.


Es gibt eine Menge Gründe Rösker nicht zu mögen und die besten hätte die Witwe. Aber ganz so einfach wird die Ermittlung nicht.
Wer solide und realistisch aufgebaute Krimis schätzt, die spannend und abwechslungsreich erzählt werden, ist bei Andrea Wendelns Erstlingsroman gut aufgehoben. Es macht Spaß der Arbeit der Kommissare zu folgen, mit zu ermitteln und zu rätseln. Ein gekonnt aufgebauter Spannungsbogen und eine Vielzahl von Spuren bringen Tempo in die Handlung. Die Protagonisten haben mir in ihrer Charakterisierung ebenfalls gut gefallen.
Von diesem Ermittlerduo würde ich gern noch mehr lesen.


Veröffentlicht am 08.01.2018

Herzensbriefe

Liebe M. Du bringst mein Herz zum Überlaufen
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Matilda ist ein wenig harmoniesüchtig, als Kind musste sie die endlosen, lautstarken Streitereien ihrer Eltern aushalten und nun als junge Frau hat sie sich ihre eigene sichere Welt geschaffen. Eine kleine ...

Matilda ist ein wenig harmoniesüchtig, als Kind musste sie die endlosen, lautstarken Streitereien ihrer Eltern aushalten und nun als junge Frau hat sie sich ihre eigene sichere Welt geschaffen. Eine kleine Mansardenwohnung, kuschelig und gemütlich und eine Stelle beim Amt für unzustellbare Post, allein in einem kleinen Büro, geben ihrem Alltag die Struktur die sie sucht. Aber dann geschehen gleich zwei Dinge, die Matilda aus ihrer selbst geschaffenen Komfortzone reißen: Ein älterer Nachbar braucht nach einen Unfall Hilfe – die sie gern und uneigennützig gewährt – und sie findet zufällig im Amt hinter einem Regal einen Brief, der dort schon Jahrzehnte schlummerte. Der Inhalt ist so anrührend, dass Matilda alles daran setzen will, auch nach so langer Zeit noch den Empfänger noch zu ermitteln. Knut, der Nachbar, weltoffen und aktiv in vielen Netzwerken hilft ihr dabei und so ganz allmählich begreift Matilda, wieviel Glück es bringen kann, wenn man Glück verschenkt.

Natürlich weisen Cover, Titel und Farbe schon auf den Inhalt des Buches. Die Leserin weiß also gleich, was sie erwarten darf. Aber trotzdem birgt die Geschichte noch manche Überraschung. Der Roman ist einfach warmherzig und anrührend geschrieben, dabei wird die Kitschgrenze nicht überschritten. Es ist eine Welt, in die man sich träumen möchte und mit Sympathie verfolgt man das Aufblühen der Heldin Matilda, die sich nicht nur ihre Lebensfreude zurückerobert.

Ich mochte den leichten, aber nie seichten Stil der Autorin. Ich bin für Stunden in das Buch eingetaucht, habe die grauen, feuchten Wintertage vergessen und mit Spannung die Spurensuche Matildas verfolgt. Ich hatte übrigens ständig die Schauspielerin Audrey Tautou in ihrer Rolle als Amélie vor Augen, so wesensverwandt fand ich die beiden Figuren. Ein wenig scheu, aber mit einem großen Herzen.
Ein wirklich schönes und anrührendes Buch, das ich mit Vergnügen gelesen habe.

Veröffentlicht am 02.01.2018

Totenberg

Auf dem Totenberg
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Ein Leichenfund am Totenberg gibt den Kommissaren Leitner und Heuward Rätsel auf. Die Knochen sind verstreut, Tierfrass und lange Liegezeit haben fast alle Spuren vernichtet. War es Mord, war es ein Suizid ...

Ein Leichenfund am Totenberg gibt den Kommissaren Leitner und Heuward Rätsel auf. Die Knochen sind verstreut, Tierfrass und lange Liegezeit haben fast alle Spuren vernichtet. War es Mord, war es ein Suizid – es bleiben viele Fragen offen, als der Fall zu den Akten gelegt werden los.
Aber Leitner hat so ein seltsames Gefühl und das kommt sicher nicht von seinen quälenden Magenschmerzen.
Zwei Handlungsstränge, die 12 Jahre auseinanderliegen, wechseln sich ab und ich habe lange gebraucht, bis ich sie zusammenführen konnte. Das ist ein Verdienst des ideenreichen Plots, den sich der Autor ausgedacht hat. Die Wendungen sind genial konstruiert und im Lauf der Handlung näherte ich mich immer mehr den Protagonisten an. Ihre Charakterisierung ist vielschichtig und auch deshalb konnte ich mich an manchen Figuren reiben. So hat sich manche anfängliche Sympathie in Abneigung gewandelt und davon ist auch ein Opfer nicht ausgenommen. Wenn mich Protagonisten so beschäftigen, ist das für mich auch immer Zeichen, dass mich der Autor gepackt hat.
Der Krimi legt ein hohes Tempo vor und vom Prolog an bis aktionsgeladenen Ende, hatte ich Mühe mich von den Seiten loszureißen, was sicher auch an den geschickten Zeitwechseln und der raffiniert aufgebauten Handlung lag. Sehr gut hat mir auch die detailreiche Spurensuche gefallen, wie bei einem Puzzle ergänzten sich die einzelnen Hinweise.
Das Buch ist ein Debüt und das hat mich wirklich überrascht. Es ist so schlüssig komponiert und spannend erzählt, ohne Brüche oder ohne Längen, wie ich es bei einem Erstling nicht erwartet hätte.

Veröffentlicht am 29.12.2017

Kostbare Erinnerung

Das Leuchten der Erinnerung
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Noch einmal brechen brechen Ella und John zu einer großen Reise auf. Quer durch die Vereinigten Staaten bis nach Disneyland. Ella ist zu müde um weitere sinnlose Therapien und Quälereien über sich ergehen ...

Noch einmal brechen brechen Ella und John zu einer großen Reise auf. Quer durch die Vereinigten Staaten bis nach Disneyland. Ella ist zu müde um weitere sinnlose Therapien und Quälereien über sich ergehen zu lassen. Sie spürt, dass der Krebs in ihrem Körper bereits die Oberhand gewonnen hat und John verliert sich seit Jahren immer tiefer in seiner Alzheimer Erkrankung. Die Reise an Orte der gemeinsamen Familienausflüge soll noch einmal die Erinnerung an ihre glückliche Ehe heraufbeschwören. Auch wenn die Kinder diesem Unterfangen sehr skeptisch gegenüber stehen, Ella und John lassen sich nicht aufhalten.
Im alten Wohnmobil begleite ich die Beiden entlang der berühmten Route 66. Es ist nur noch der berühmte Name, die Orte haben sich längst aufgegeben. Die schnellen Highways sind jetzt die erste Wahl der Autofahrer und überall finden Ella und John Verfall, so sehr sich auch die Kleinstädtchen dagegen stemmen möchten. So, wie auch ihre Körper sich dem Kampf gegen Krankheit und Alter stellen, auch wenn Ella weiß, dass dieser Kampf verloren ist.
Diese Reise führt Ella tief zurück in die Vergangenheit und wenn John immer wieder Momente der Klarheit und der Erinnerung hat, spürt sie auch seine tiefe Verbundenheit und Liebe.
Die Kapitel des Buches sind wie die Bundesstaaten der Reise angeordnet, so dass ich mit auf Reisen gehen konnte. Die Begegnungen am Rande, mal anrührend, mal eher abenteuerlich und sogar gefährlich, bringen Tempo in diese Geschichte. Ein – in aller Traurigkeit – auch wunderschönes, lebensbejahendes Buch, das mir sehr zu Herzen ging. Es hat mir nicht nur von Sprache und Stil gefallen, es hat mir auch etwas Besonderes aufgezeigt: Mut, Loyalität und Mitgefühl haben diese Ehe geformt und das Band wird bis zum letzten Tag halten.

Veröffentlicht am 18.12.2017

Meisterköche

Zu viele Köche
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Nero Wolfe, der ebenso beleibte, wie berühmte Detektiv ist als Ehrengast nach West-Virginia eingeladen. Die namhaftesten Küchenchefs, die „Les Quince Maitres“ treffen sich dort in einem Luxus Resort um ...

Nero Wolfe, der ebenso beleibte, wie berühmte Detektiv ist als Ehrengast nach West-Virginia eingeladen. Die namhaftesten Küchenchefs, die „Les Quince Maitres“ treffen sich dort in einem Luxus Resort um neue Mitglieder zu wählen und sich in ihrer Kunst zu übertreffen. Wolfe soll als Ehrengast eine Rede halten und das Lob der amerikanischen Kochkunst singen. Doch der Aufenthalt wird alles andere als angenehm, die Köche sind einander in herzlicher Abneigung verbunden, Neid, Konkurrenz, Eifersucht – alles spielt eine Rolle. Als beim ersten gemeinsamen Dinner, Phillip Laszio erstochen wird, ist Wolfe gefordert. Denn die der örtliche Sheriff ist ein dummer Rassist und der ermittelnde Staatsanwalt einfach zu unerfahren um all die Ränke zu durchschauen.

Die ganze Geschichte wird von Archie Godwins erzählt, Nero Wolfes Sekretär und Mädchen für alles. Archie ist von seiner Intelligenz sehr überzeugt, das lässt er in seine Erzählung auch gerne einfließen, muss aber immer wieder erkennen, dass er von Wolfe ausgebremst wird.

Das Buch ist bereits in den 30iger Jahren erschienen und da das Resort sehr viele afroamerikanische Bedienstete beschäftigte, merkt man das auch am Jargon, so zum Beispiel spricht der Sheriff grundsätzlich von „Niggern“ und will sie alle an ihren Platz verweisen, egal welche Ausbildung und welchen Beruf sie haben. Wolfe dagegen ist da sehr viel differenzierter wenn er z. B. eine Zeugenaussage erbittet, die sich eventuell gegen einen schwarzen Kollegen richtet, appelliert er an ihre Rechte und Pflichten als gleichberechtigte Bürger: „ Aber dieser Mörder war ein Schwarzer, und Sie sind auch schwarz. Ich gestehe, das macht die Sache verzwickt. Die Vereinbarungen der menschlichen Gesellschaft umfassen nicht nur den Schutz davor, getötet zu werden, sondern Tausende anderer Dinge, und es trifft mit Sicherheit zu, dass in Amerika – von anderen Kontinenten ganz zu schweigen – die Weißen die Schwarzen von einigen der Vorzüge dieser Vereinbarungen ausgeschlossen haben. Es heißt, manchmal sei dieser Ausschluss sogar auf Mord ausgedehnt worden - dass es Gegenden gibt, in denen ein weißer Mann einen schwarzen töten kann und, wenn nicht mit Straffreiheit, so doch mit großer Wahrscheinlichkeit damit rechnen kann, der Strafe zu entgehen, die das Verbrechen im Rahmen der Vereinbarung vorsieht.“

Viel hat sich nicht geändert in den Jahrzehnten danach!
In diesem Kontext fand ich es für mich sogar sinnvoll, dass ich das Nachwort gleich zu Anfang gelesen habe. Viele der Feinheiten und Anspielungen, die Rex Stout Nero Wolfe in den Mund legt, wären mir sonst entgangen.

Wie immer lässt der Autor seinen Detektiv die verzwickten Vorgänge allein mit der Hilfe seines Intellekts lösen, was Archie dann doch immer wieder ärgert. Eine stilistische Eigenheit Stouts ist es auch, das gegen Ende des Falles Nero Wolfe seine Erkenntnisse vor den versammelten Beteiligten, einschließlich Staatsanwaltschaft und Polizei zusammenfasst und den Mörder präsentiert, womit er nicht nur Archie Goodwin, sondern auch die Leser überrascht.

Rex Stouts Krimis gehören zu den Klassikern des Genres und ich freue mich, dass Klett Cotta sie nun in dieser sorgfältigen Ausstattung wieder verlegt.