Profilbild von Leselaunen

Leselaunen

Lesejury Profi
offline

Leselaunen ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Leselaunen über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.11.2019

Von den Herausforderungen der Adoleszenz

Alles, was ich weiß über die Liebe
0

Der Roman "Alles, was ich weiß über die Liebe" ist eine Autobiografie der britischen Journalistin Dolly Alderton. Darin schildert diese ihre Erfahrungen mit schlechten Dates, wilden Partyexzessen, Therapiestunden ...

Der Roman "Alles, was ich weiß über die Liebe" ist eine Autobiografie der britischen Journalistin Dolly Alderton. Darin schildert diese ihre Erfahrungen mit schlechten Dates, wilden Partyexzessen, Therapiestunden und der Bedeutung von Freundschaften. Das Buch erschien im Februar 2019 im Verlag Kiepenheuer und Witsch.

Aufgrund des großen Erfolgs des Buches, welches immerhin den National Book Award gewann, hatte ich große Erwartungen an den Inhalt. Den Beginn habe ich als verwirrend und wenig aufklärend empfunden, den Inhalt eher dünn und wenig erkenntnisreich. Alles, was ich weiß über die Liebe war keinesfalls sofort ein Wohlfühlbuch für mich. Hauptsächlich geht es in den ersten Kapiteln um den hohen Alkoholkonsum der Protagonistin, mit welchem sie offensichtlich ihre Verletzlichkeit und nagenden Selbstzweifel wegzuspülen versucht, kurz gesagt: sie durchlebt eine Identitätskrise, wie er in der Adoleszenz nicht unüblich ist.

Der Erzählstil ist nicht aussergewöhnlich, dennoch gelingt es Alderton mit ihrem ehrlichen, humorvollen und ganz eigenen Stil sicher besonders junge Leser anzusprechen, da diese sich mit den Erfahrungen der Autorin identifizieren können und sich verstanden fühlen. Die Wichtigkeit von Freundschaft, die Suche nach sich selbst und der großen Liebe machen einen Großteil des Inhaltes aus. Das gewisse Etwas hat für meinen persönlichen Geschmack leider gefehlt. Zwischenzeitlich gab es jedoch starke Momente, in denen das Schreibtalent Aldertons aufblitzen konnte.

Die Trauererfahrung durch den Tod ihrer guten Bekannten und Schwester ihrer besten Freundin Farly sowie die Trennung des langjährigen Partners von eben dieser werden berührend und nahegehend geschildert, sodass es einem als Leser, unabhängig welchen Alters, unweigerlich ans Herz gehen muss. Insgesamt fehlte es mir jedoch an Tiefgründigkeit und Lebensweisheit.

Veröffentlicht am 30.10.2019

Ein (fast) guter Thriller

Der Revolver
0

Der Revolver ist ein Roman des japanischen Schriftstellers Fuminori Nakamura. Darin thematisiert dieser die Faszination eines Studenten für einen Revolver und die Folgen daraus. Die Geschichte erschien ...

Der Revolver ist ein Roman des japanischen Schriftstellers Fuminori Nakamura. Darin thematisiert dieser die Faszination eines Studenten für einen Revolver und die Folgen daraus. Die Geschichte erschien erstmals 2002. Der Diogenes-Verlag veröffentlichte den Roman im Herbst 2019 in Neuauflage.

Ein verregneter Tag in Tokio. Der junge Nashikawa ist unterwegs, als er eine männliche Leiche mitten in den Straßen der japanischen Hauptstadt entdeckt. Neben dem Toten: ein Revolver. Der Student nimmt die vermeintliche Tatwaffe an sich und nach weniger Zeit ist er nahezu besessen von dem Revolver. Jeder seiner Gedanken kreist nur noch um das seltene Fundstück und sein Leben findet ohne diese Obsession gar nicht mehr statt. Das Fatale: im Lauf befinden sich noch immer vier Kugeln.

Als kleiner Junge adoptiert, führt Nashikawa ein eher unscheinbares Leben. Er absolviert sein Studium an der Universität Tokio und trifft sich hin und wieder mit einem Bekannten, deren Anwesenheit ihn aber eher langweilt. Er unterhält eine bedeutungslose Affäre zu einer Frau und trifft sich mit einer anderen, die er auf Dauer immer mehr zu mögen scheint. Wirklich intensiv aber sind seine Kontakte nicht.

Die Gedanken an den Revolver und was er mit diesem anrichten könne, lösen in Nashikawa einen ungeheuren Reiz aus. Bald dreht sich alles ausschließlich um die Waffe. Er fühlt sich, seit diese in seinem Besitz ist, lebendig und so, als hätte sie seinem Leben einen Sinn gegeben. Seine Introvertiertheit wandelt sich schnell in Kontaktfreudigkeit und so trifft er sich immer häufiger mit seiner sexuellen Bekanntschaft und beginnt, Grenzen auszutesten. Langsam aber sicher beherrscht ihn das Gefühl, den Revolver benutzen und die Kugeln abfeuern zu müssen. Dafür hat er auch schon ein potenzielles Opfer auserkoren.

Der Klappentext und zuvor gelesene Meinungen zum Buch haben mich neugierig gemacht. Die ersten Seiten konnten mich fesseln und Spannung aufbauen. Im weiteren Verlauf der Handlung aber, fühlte ich mich nicht mehr gut unterhalten. Die Obsession Nashikawas für den Revolver gleiten für mich zu sehr ins Absurde ab, zumal dieser sich zuvor nie für Waffen begeistern konnte, ja gar keine Berührungspunkte mit diesen hatte. Somit ist die Geschichte aus meiner Sicht wenig gelungen, auch wenn es das Ende noch einmal in sich hat.

Eine sehr interessante Idee, besetzt mit einem interessanten Protagonisten, der die anfänglich wenig aufregende Atmosphäre durch seine Obsession in einen Thriller abgleiten lässt. Mögliche Hintergründe oder realistische Erklärungen bleiben aber aus, sodass bei mir vor allem Verwirrung blieb.

Veröffentlicht am 27.10.2019

Zwischen Baden und Lothringen

Seltene Affären
0

Seltene Affären ist ein Buch von Thommie Bayer aus dem Jahr 2016, veröffentlicht im Piper-Verlag. Der Protagonist Peter Voosen führt ein Feinschmecker-Restaurant im französischen Lothringen. Er schreibt ...

Seltene Affären ist ein Buch von Thommie Bayer aus dem Jahr 2016, veröffentlicht im Piper-Verlag. Der Protagonist Peter Voosen führt ein Feinschmecker-Restaurant im französischen Lothringen. Er schreibt Kurzgeschichten für seinen Bruder und ist seit Jahren in dessen Frau verliebt.

Peter Voosen ist 62 Jahre alt und führt montags bis donnerstags ein gut laufendes Restaurant in Lothringen. Danach beginnt sein Privatleben in Südbaden. In seiner Wohnung, in welcher er allein lebt, schreibt er Kurzgeschichten für seinen Bruder Paul Berens, der Autor ist. Dabei hilft er diesem oft aus der Patsche, weil dieser mit seiner Schriftsteller-Karriere bereits am Limit ist.

Paul hat vor vielen Jahren seine Jugendliebe Anne geheiratet, in die auch Peter seit damals verliebt ist. Anne war die einzige Frau, für die Peter jemals mehr empfunden hat, mit der er sich mehr vorstellen konnte. Seit jeher führt er ein Single-Leben mit unbedeutenden Affären. Peter möchte nun aber mit seinem Leben, das in der Vergangenheit stattfindet abschließen, und seinen inneren Konflikt lösen.
haben könnte.“

Da er den Großteil der Woche in Frankreich ist, unterhält Peter eine Putzfrau, die er nie zu Gesicht bekommt. Dennoch schätzt er sie für ihre Genauigkeit und ihre Liebe zum Detail. Einmal hat er sie von hinten gesehen und besonders ihren Hintern für attraktiv befunden. Mehr weiß Peter nicht von der Frau, die sein Haus in Ordnung hält und seine Schokolade aus dem Kühlschrank isst. Er gibt ihr den Namen Chiara und beginnt, ihr in seinen Träumen zu begegnen, sodass die Unbekannte, wenn auch nur in seinen Gedanken, bald fester Bestandteil seines Alltags ist.

Der Schreibstil Bayers gefiel mir durchweg gut, die Kapitel sind angenehm lang. Die Handlungsweise des Protagonisten fand ich nicht immer nachvollziehbar. Er liebt seinen Bruder aufrichtig, hilft diesem aus so manchem Schlamassel und gönnt ihm die Frau, die er selbst liebt. Diese Aufopferung ist trotz Geschwisterliebe in der Form schon beachtlich. Der Verzicht auf das eigene Glück zugunsten seines Bruders, ist für Peter zur Normalität geworden. Er selbst hatte schließlich auch seine Momente mit Anne.

Eine unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, die so manche Frage aufwirft, mich aber nicht nachhaltig beschäftigen konnte.

Veröffentlicht am 27.10.2019

Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts erzählt

Der Beginn
0

Carl Frode Tillers Roman Der Beginn erschien 2019 im btb-Verlag. Der norwegische Autor schreibt über einen Mann, der nach einem Suizidversuch im Sterben liegt und sein Leben noch einmal Revue passieren ...

Carl Frode Tillers Roman Der Beginn erschien 2019 im btb-Verlag. Der norwegische Autor schreibt über einen Mann, der nach einem Suizidversuch im Sterben liegt und sein Leben noch einmal Revue passieren lässt.

„Das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden“, das wusste schon Søren Kierkegaard. Das war wohl auch die Intention des Autoren, als er die Idee für Der Beginn hatte. Er erzählt das Leben seines Protagonisten rückwärts, sodass der Leser nach und nach versteht, wie es zur aktuellen Ausgangslage, dem Versuch der Selbsttötung, kommen konnte. Hierbei bedient sich der Schriftsteller vieler Metaphern.

Terje liegt nach einem Selbstmordversuch im Sterben. Gefangen in diesem Zustand, zieht sein Leben noch einmal gedanklich an ihm vorbei. Terje versucht Antworten auf viele drängende Fragen zu finden und durchläuft dabei schmerzhafte und traumatische Erinnerungen. Verlust- und Versagensängste begleiteten ihn sein Leben lang. Die Mutter litt unter Depressionen, war alkoholsüchtig und suchte stets Halt bei ihrem Sohn, statt ihm eine Stütze zu sein. Der Vater verließ die Familie für eine andere Frau und die Schwester scheint im Laufe der Jahre die gleiche Krankheit zu entwickeln, wie die gemeinsame Mutter.


Terje ist verheiratet mit Turid. Die Ehe kriselt seit einiger Zeit und beide geraten immer wieder aneinander. Seine Tochter Marit liebt Terje tief und innig. Sie leiden zu sehen, ist für ihn sehr schmerzhaft. In seiner beruflichen Tätigkeit als Klimaforscher, geht Terje regelrecht auf. Die Gesellschaft zu seinen Kollegen sucht er allerdings nicht, geht diesen viel mehr bewusst aus dem Weg, wodurch er keine Kontakte innerhalb der Firma pflegt.

Die Lebensabschnitte vom Erwachsenen, über die Zeit der Adoleszenz, bis hin ins Kleinkindalter sind in Terjes Fall sehr prägend und machen als Leser unweigerlich betroffen. Der Erzählstil ist flüssig und wird sehr bildhaft dargestellt. Eine möglicherweise genetische Veranlagung psychischer Erkrankungen ist in der Familie sichtbar. Bereits Terjes Großmutter litt unter schweren Depressionen und gab dieses Anfälligkeit an Tochter und beide Enkel weiter. Denn schließlich scheitert auch Terje letztlich am Leben selbst.

Dass die Kapitel rückwärts erzählt werden, macht Der Beginn außergewöhnlich. Terje selbst wurde mir leider nie ganz sympathisch. Viele seiner Handlungen waren für mich nicht nachvollziehbar und oft nervte mich seine sehr negative Einstellung sich und vor allem anderen gegenüber. Gleichzeitig ist dieser Umstand für die Handlung nachvollziehbarer Weise gewollt. Für mich war dieser Roman eine ganz neue Erfahrung. Wenngleich ich die Art der Erzählweise interessant fand, wäre es für mich viel einfacher gewesen, die Geschichte in korrekter Reihenfolge zu lesen. Keins schlechtes Buch, aber eines, für das man in der Stimmung sein muss.

Veröffentlicht am 27.10.2019

Amüsante Zeitreise

Alles richtig gemacht
0

Alles richtig gemacht ist ein Roman des Autoren Gregor Sander. Erschienen ist das Buch 2019 im Penguin-Verlag. Sander erzählt von einer Männer-Freundschaft, die in der damaligen DDR beginnt, die aufregende ...

Alles richtig gemacht ist ein Roman des Autoren Gregor Sander. Erschienen ist das Buch 2019 im Penguin-Verlag. Sander erzählt von einer Männer-Freundschaft, die in der damaligen DDR beginnt, die aufregende Zeit der Wiedervereinigung durchlebt und irgendwann für einige Zeit zum Stillstand kommt, bis beide wieder aufeinander treffen.

Thomas und Daniel stammen ursprünglich aus Rostock. Nach der Wende verschlägt es beide nach Berlin, wo sie auch in einer gemeinsamen Wohnung leben. Immer wieder aber trennen sich die Wege beider Männer, bis sie sich dann doch wieder kreuzen. Erzählt wird die Geschichte aus Thomas´Sicht. Geschichtliche Ereignisse wie der Terroranschlag 2001 auf das World Trade Center, der G8-Gipfel 2008 in Heiligendamm oder die Aufmärsche der rechten Szene in den Neunziger Jahren, helfen dem Leser sich zeitlich zu orientieren.

Sander beschreibt die Zeiten des Wandels sowohl im historischen, als auch auf seine Protagonisten übertragenen Sinn. Das Ende der DDR ist nah, als Thomas und Daniel sich kennen lernen. Handlungsorte und Lebensgefühl werden durch Sander realistisch und nachvollziehbar vermittelt. Die tiefe Freundschaft seiner Figuren arbeitet der Autor detailreich aus, sodass der Leser einen Eindruck der Intensität bekommt.

Der Fall der Mauer und die damit einhergehenden Veränderungen schildert Sander sachlich und informativ. Für die Handlung selbst und um die Figuren im Ganzen zu begreifen, ist dieser geschichtliche Aspekt nicht ganz unrelevant. Die humorvolle Erzählweise des Autoren macht es leicht, das Buch zu lesen, auch weil sich Sander nicht an Belanglosigkeiten aufhält. Die Figuren blieben für mich bis zum Ende leider zu sehr im Dunkeln. So hätte ich z.B. gern mehr über die aktuellen Umstände von Thomas´Beziehung erfahren und gewusst, was genau in Daniel´s Vergangenheit passiert ist.

Den leichten Schreibstil, der viel Amüsanz birgt, ist sehr gelungen. Das stimmungsvolle und aus meiner Sicht sehr passende Cover, ein echter Hingucker. Ich mag den historischen Hintergrund, der in der Geschichte eine tragende Rolle spielt und auch als Berlinerin fand ich es durchaus spannend, mir die eigene Stadt in anderen Zeiten vorzustellen und viele bekannte Orte literarisch wieder zu entdecken. Leider blieb für mich am Ende vieles offen, was möglicherweise beabsichtigt war, mich aber zu neugierig zurück ließ.