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Veröffentlicht am 14.02.2017

Achtung: Provence-Krimi – und (trotzdem!) gut…

Mörderischer Mistral
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Und noch ein Provence-Krimi (und trotzdem gut …bei mir gelandet als Verlagsgoodie oder Sonderangebot ohne groß darüber nachzudenken. Warum ich das erwähne? Die Dinger gibt es inflationär, meist geschrieben ...

Und noch ein Provence-Krimi (und trotzdem gut …bei mir gelandet als Verlagsgoodie oder Sonderangebot ohne groß darüber nachzudenken. Warum ich das erwähne? Die Dinger gibt es inflationär, meist geschrieben von Deutschen und von mir damit kommentiert, ob es denn auch Franzosen gebe, die in ihrem Land Krimis verkaufen, die in der Pfalz spielen?!

O.k., also der Autor ist Deutscher, verheiratet mit einer Frau aus der Provence (na dann!) und lebt dort seit ein paar Jahren. Vorher hat er mal in Hamburg gelebt und historische Krimis mit Lokalisierung in Hamburg geschrieben und aus seiner Zeit in Köln stammen – richtig! Irgendwie kann ich damit besser umgehen als mit dem Gefühl einer reinen Modeerscheinung, der Krimi ist dazu noch richtig gut, klassischer Krimi, keine extra Brutalitätsorgie, klassische Fußarbeit (o.k., meist fahren die mit diversen Klapperkisten).

In den Rückblenden zu Beginn des Buches arbeitet Capitaine Roger Blanc noch als erfolgreicher Korruptionsermittler in Paris – da ist er wohl etwas zu erfolgreich und wird von einem Staatssekretär im Innenministerium als „Belohnung“ in die Provence versetzt, er habe da ja ein ererbtes Häuschen. S. 19 „Auch Ihre Gattin wird sich sicher über die Versetzung in die Provence freuen.“ Nun gilt im zentralistischen Frankreich so eine Versetzung eher als Abstellgleis und woher auch immer der Staatssekretär seine Informationen hat – der Gattin ist das alles recht (oder auch recht egal), da nur für ihn überraschend ihr Ehemann bei ihr nicht mehr eine so große Rolle spielt.

Roger landet also in einer heruntergekommenen ehemaligen Ölmühle, bekommt als Vorgesetzten einen Karriere-Cop, der nicht anecken möchte, und einen Partner, der anderen als Unglücksbringer gilt und neben dem wohl Tnspektor Columbo wie eine Mode-Ikone wirken würde. Gleich sein erster Auftrag soll nur einem vermuteten weiteren Opfer von Marseiller Drogenkriegen gelten, mit reiner Fallaufnahme und Weitergabe an die Großstadt-Kollegen – doch der vermeintliche Routinefall führt in die enge Verzahnung des Midi von Gefälligkeiten und Gegengefälligkeiten. Dann gibt es eine zweite Leiche – und erst zwei Kaffeebecher bieten eine Spur.

Der Krimi ist gut geschrieben, lässt sich flott lesen – einzig zwischen den geführten Spekulationen bis zur tatsächlichen Auflösung verlor ich kurzzeitig etwas die Übersicht, was die amüsanten Charaktere aber gut wettmachten. Ach, und unter http://www.fr-online.de/panorama/frankreich-kunstschaetze-spurlos-verschwunden,1472782,34153676.html
findet man für einen Vorgang im Buch den leider realen und für mich ziemlich haarsträubenden Hintergrund, ich hatte dazu irgendwann einmal eine Dokumentation gesehen (keine Sorge, der Link spoilert hier nichts).

Veröffentlicht am 12.02.2017

Brauch oder Bruch

Y
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(Titel nach S. 244)

Die Handlung beginnt damit, dass wir von einer Vater-Sohn-Beziehung aus Sicht des Vaters als durchgängiger Ich-Erzähler lesen – Benji ist vierzehn, pubertierend, die Eltern schwanken ...

(Titel nach S. 244)

Die Handlung beginnt damit, dass wir von einer Vater-Sohn-Beziehung aus Sicht des Vaters als durchgängiger Ich-Erzähler lesen – Benji ist vierzehn, pubertierend, die Eltern schwanken zwischen Laissez-faire und Regeln, der Sohn schwankt dazwischen, den Vater als peinlich zu empfinden, wie ein Kind vom Vater die Lösung aller Problem zu erwarten, zu trotzen oder sich zu entziehen. Dann wechselt der Fokus (wirklich?) über einen Freund Benjis namens Leka (für „Alexander“), der sich für einige Tage einquartiert, dann verschwindet. Der Vater Benjis begegnet Lekas Vater, Jakob – und macht sich mit Benji auf die Suche. Benjis Mutter ist die Albanerin Arjeta, ursprünglich mit ihrer Familie während des Jugoslawien-Konfliktes nach Deutschland geflüchtet, jetzt wieder wohnhaft in Kosova, das wir meist als Kosovo kennen. Es empfiehlt sich (ganz kurze) Recherche: Kosova hat sich unabhängig erklärt, Serbien versteht das Gebiet weiterhin als Teilregion. Die Bewohner sind zum großen Teil Albaner, natürlich mit regionalen Unterschieden.

Jan Böttcher schreibt über Zerrissenheit und Zugehörigkeit, über Fremde – über das Suchen?

Die Beziehung zwischen Jakob und Arjeta war von Anfang an nicht geprägt von großer Zukunfts-Hoffnung. Arjetas Leben ist in Deutschland das der Fremden, mit einem Vater, der mehr in der Wahrnehmung des fernen Krieges lebt. Wieder in der Heimat, läuft Arjeta durch die Straßen: „Ihre Kindheit suchte sie und wurde das Gefühl nicht los, dass die Kindheit bis gestern gewartet hatte, aber heute nicht mehr.“ S. 60 Der Ich-Erzähler- Vater von Benji ist Schriftsteller – hier wird eindeutig mit dem Leser aus Autorensicht gespielt, ab S. 47 wird der Leser sogar in unregelmäßigen Abständen direkt angesprochen:
„Bitte nicht, rief der Schriftsteller hinter ihm.
Ich verwahre die Briefe für dich, rief er.“ Anders als bei einigen anderen Büchern wird hier für mich keine künstliche Distanz aufgebaut, ich empfinde eher ein Gefühl von Authentizität, von Autobiographie-Haftigkeit.

Man liest vom Scheitern von Beziehungen, im Kleinen wie im Großen, bei den politischen Provisorien im Kosovo. Böttchers Personal wirkt realistisch – so sein möchte man als Leser trotzdem nicht. Alle handeln wie die Fliege, die dauernd gegen die Glasscheibe fliegt, nur wissen sie im Gegensatz zum Insekt meistens, dass dort kein Durchkommen ist. Jakob schickt dem Vater von Benji ein von ihm geschriebenes Computerspiel, bei dem man wählen kann zwischen dem Weg nach Norden, ohne Hindernisse und ohne Spielhandlung, oder dem Weg nach Süden – mit Spielaktion, aber einem zwingenden Tod der Spielfigur nach exakt je 5 Minuten. „Ja, Jakob hatte mir zeigen wollen, dass man auf dem nördlichen Korridor entlanggehen konnte, aber dass man dann alles verpasste, was Spielen wie Leben ausmachte. Denn erst zwischen Hindernissen begannen wir, an unsere bisherigen Wege zu denken, an Neugier und Ängste, Liebe und Kummer, wir dachten an die Wände, vor die wir gelaufen, und an die Menschen, denen wir noch rechtzeitig ausgewichen waren.“ S. 240

Jan Böttcher hat mit „Y“ so ein Buch geschrieben, das mehrere Bücher in einem ist. Dabei wechselt der Fokus zwischen tragischer Liebesgeschichte, Entwicklungsroman(en) und Einblick in den Kosovo, wobei mir die Haupthandlung das Thema Vater-Sohn-Konflikt/Familiengeschichte(n) zu sein scheint, man bemerkt das nur nicht sofort, weil nach dem Beginn mit Benji und seinem Vater die Handlung dann vermeintlich zu einer anderen (dem Liebesroman) wechselt. Sprachlich war ich angetan vom Buch, das sich zügig lesen lässt, häufig, aber nicht zu oft, bildhaft ist und auch ausreichend Denkansätze bietet; mich störte jedoch dieser mir nicht ausreichend klar erkennbare Fokus, wobei dieses Gefühl erst ab Teil II das erste Mal auftauchte (vorher wähnte ich mich in der Liebesgeschichte mit Fokus auf Jakob), dann wieder abflachte (mit der Konzentration auf die Sicht von Arjeta und die Gegenwart der vierzehnjährigen Söhne – ah, die andere Seite!), sich dann noch verstärkte - mit dem, mit Verlaub, Lamentieren des Autors über die Defizite seines eigenen Heranwachsens. Allerdings ist es für mich ein wenig „zu viel“ in einem Buch. Der Ich-Erzähler meckert über das Elternhaus in seinem Kleinbürgertüm, seiner Selbstgenügsamkeit, Sättigung und Selbstzufriedenheit; ohne Offenheit gegenüber der Fremde und den Fremden mangels Erfahrung. Er kontrastiert hier seine eigene Familiengeschichte mit der Realität der Kosovaren: „Was meine Großeltern hatten erleben dürfen, war der Wiederaufbau ganzer Industrien gewesen, eine Zeit, in der jede antidemokratische Regung von den Amerikanern rigide unterbunden wurde, einfach weil sie ein Interesse daran hatten, eine stabile Demokratie im Zentrum Europas zu schaffen.
Kosova 1999 war dagegen realpolitisch nicht mehr als ein Militärstützpunkt gewesen….“ S. 237

Zum Nachsinnen gefielen mir in diesem Zusammenhang die Parallelen zwischen Computerspiel und Leben, ebenso die Gedanken über das „Provisorium“ und den Bezug zum Romantitel, wobei es zwischenzeitig sogar zu einem inneren Frieden beim Vater Benjis kommt , als der seinen Sohn fragt:
„Empfindest du einen großen Unterschied zwischen Lekas Zuhause und unserem Zuhause?“
„Nein“
„Dachte ich mir“
„Ist das schlimm?“
„Alles andere als schlimm.“

In gewisser Weise empfand ich „Y“ als eine Art Antithese zu „Vom Ende der Einsamkeit“, weil die Hauptpersonen nach der Erfüllung in den Beziehungen suchen, sie hier aber von dem Gegenteil ausgeht, von der Fremde:
„Ich versuche ständig, mit der Fremde warm zu werden.
So, wie ich nicht anders kann, als mit der Wärme zu fremdeln.“ S. 246
diese letztendlich aber überall findet „Es gibt nämlich gar kein Defizit an Fremde. …. Weil Fremde immer schon da ist.“ S. 247
Wells Personal hofft immer auf ein halb volles Glas – Böttchers Figuren reiben sich an einem Glas, das einfach immer halb leer sein MUSS.

Veröffentlicht am 12.02.2017

Vom Denken wie die schlimmsten Täter – ohne jegliche Grenzen und Moral

Ewig wartet die Dunkelheit
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Profilerin Andrea Thornton plant – eigentlich – ein paar schöne private Tage: ihre Freundin Sarah aus Studienzeiten will mit ihrem Freund Robert von Schottland her die kleine Familie von Andrea besuchen ...

Profilerin Andrea Thornton plant – eigentlich – ein paar schöne private Tage: ihre Freundin Sarah aus Studienzeiten will mit ihrem Freund Robert von Schottland her die kleine Familie von Andrea besuchen kommen, bei Andrea, deren Mann Greg und der kleinen Tochter Julie in Norwich wohnen. Doch aus der fröhlichen Abholung am Flughafen wird schnell ein schreckliches Erlebnis, als in der Nähe der fünf Personen eine Explosion stattfindet. Am schlimmsten trifft es Robert und Sarah – während Robert schwere Verletzungen im Bauchraum davonträgt, erleidet Sarah Kopfverletzungen, die zu einer Amnesie führen.

Für Andreas beste Freundin Sarah ist es nur schwer zu verkraften, dass ihr nach dem Aufwachen im Krankenhaus die beiden letzten Jahre fehlen. Ihr Patenkind Julie ist kein Krabbelkind mehr, sie ist umgezogen nach Schottland, hat dort einen neuen Job und – Robert. An ihren Lebensgefährten kann sie sich überhaupt nicht mehr erinnern, dafür umso mehr noch an Andreas Polizisten-Kollegen Christopher, für den sie damals sehr geschwärmt hatte. Als klar wird, dass auch Christopher mehr für Sarah empfindet, wird ein weiterer Anschlag auf Robert verübt – und Christopher war bei ihm im Krankenzimmer gewesen. Jetzt wird er von der internen Ermittlung gesucht.

Eigentlich will Andrea nur Christophers guten Ruf wiederherstellen und reist nach Schottland, um in den dortigen Lebensumständen von Sarah und Robert nach Spuren zu suchen. Eigentlich nutzt Andrea die Ermittlungen in drei bestialischen Mordfällen in Schottland nur als Vorwand, um selbst dorthin reisen zu können – da fehlen einem Opfer die Augen, einem anderen hingegen die Zunge. Dabei merkt sie, dass sie dafür nicht denken darf, wie ein normaler Mensch, sondern die normalen Grenzen von Moral zumindest gedanklich hinter sich lassen muss. Und eigentlich…sollte das jeder selbst lesen, ab hier!

Mir gefiel, dass mit den Ermittlungen um SEA-105 ein kaum bekanntes Thema in den Fokus rückt – allerdings kann ich mir zum Beispiel weniger vorstellen, dass man zu jemandem wie McAllister überhaupt ohne Anwälte vordringen kann, hier hätte ich mir das ganze etwas stärker ausgearbeitet gewünscht (das wirkt jetzt kryptisch, würde aber sonst zu viel verraten). Insgesamt aber wurde ich sehr solide unterhalten!

Veröffentlicht am 04.02.2017

„Die große Liebe meines Lebens“

So, wie die Hoffnung lebt
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„Die große Liebe meines Lebens“ ist ein Filmklassiker, dazu später.
„So wie die Hoffnung lebt“ ist so ein Buch, das Frau berührt verschlingt. Das Buch trifft vordergründig nicht ganz mein Genre, aber mich ...

„Die große Liebe meines Lebens“ ist ein Filmklassiker, dazu später.
„So wie die Hoffnung lebt“ ist so ein Buch, das Frau berührt verschlingt. Das Buch trifft vordergründig nicht ganz mein Genre, aber mich hatte die Leseprobe sehr angesprochen – die beiden Kinder, die beide keine Familien mehr haben und einem sehr liebevollen Kinderheim aufeinander treffen. Ich empfehle wirklich, diesen Anfang anzulesen als Leseprobe, der so zart und anrührend und gleichzeitig immer wieder so humorvoll ist. Gelegentlich gibt es da tatsächlich Bücher von diesem Genre „Frauenroman“, die auch mich finden, höchstens ein oder zwei im Jahr neben einer Unzahl anderer.

Das jüngere Mädchen Katie ist 11 und hat die ganze Familie verloren durch das, was in den Nachrichten oft bezeichnet wird als „Familientragödie“, und ist darüber verstummt. Der dreizehnjährige Junge Jonah ist ebenfalls allein auf der Welt, nur mit einer Narbe nach einem langen Krankenhausaufenthalt und einem schrecklichen Unglück. Auch die anderen Charaktere, die anderen Kinder, die Betreuer werden gut vorstellbar geschildert – vor allem der lebhafte Milow, Jonahs bald bester Freund und Zimmergenosse. So intensiv die Autorin Susanna Ernst diesen Anfang schildert, so gibt es doch einige wenige Andeutungen, dass dieses liebevolle Zusammenleben im Kinderheim, in dem aus Neugier zwischen Katie und Jonah bald enge Freundschaft und später erste große Verliebtheit wird, einer wenig positiven Zukunft entgegensieht.

Und genau hier, so ab der Hälfte des Buches landete ich von einem Buch, das ich sehr genoss, zumindest zu Teilen in einem Genre, das nicht so ganz meins ist. Der Roman wechselt praktisch das Genre – aus zarter „Coming-of-Age“ Geschichte wird etwas überdeutlich Romanze. Der Grund, aus dem Jonah nicht rechtzeitig da war – nun, da komme ich wieder zu dem Filmklassiker „Die große Liebe meines Lebens“, dem wunderbaren Film mit Cary Grant und Deborah Kerr, dessen Grundtenor bei der Verspätung doch reichlich zitiert wird (ja, im „klassischen“ Kino ist für mich das große Schmachten völlig in Ordnung, hier war es mir etwas zu viel). Und dazu ist dieser Klassiker immer präsent in einem Film mit Meg Ryan und Tom Hanks namens „Schlaflos in…“ ja, Bingo, Seattle, wohin Jonah dann… nun, dafür sollte man doch vielleicht das Buch lesen.

Das Buch ist zweifelsohne gut geschrieben, fesselnd und leicht lesbar – aber von mir aus hätte es eher in der federleichten Art mit hintergründiger Melancholie und großer Wärme weitergehen können, wie sie der ersten Buchhälfte innewohnte. Der Switch, den ich hier bemängele, dauert jedoch dann nur gute fünfzig Seiten – dann hatte mich die Autorin tatsächlich wieder halbwegs eingefangen, wobei sie dann noch zu einem Mix zwischen Gothical und Krimi wechselte. Fazit: kein Buch, wenn man eine gewisse Gefühligkeit auch nicht in Anteilen erträgt – wobei es wirklich richtig gut geschriebene Gefühligkeit ist - und ich kenne definitiv verdammt viele alte Schinken.

Oh, natürlich, mein üblicher Tipp:
Folgefilm: natürlich „Die Liebe meines Lebens“, aber unbedingt zuerst „Schlaflos in Seattle“ – bitte hier immer den aktuellen zuerst sehen, der kein Remake ist, aber den älteren zitiert, nur so erschließt sich das.
Folgebuch: Torey L.Hayden. „Jadie“ (alternativ Sheila). Ich denke mal, das ist das Buch, das Jonah anfangs unter der Bettdecke liest, weil es ihm Ruby empfohlen hat. Das Buch ist wundervoll.

Veröffentlicht am 11.02.2017

„Wenn man sich nicht mit dem Gepäck beschäftigt…“

Glücksmädchen
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„Wenn man sich nicht mit dem Gepäck beschäftigt…“ Zitat von S. 264

„ gehörte zu den schlimmsten Worten, die sie kannte. Auf einer Ebene mit Opfer, jemandem, der keinen Einfluss auf seine Lage hatte.“ ...

„Wenn man sich nicht mit dem Gepäck beschäftigt…“ Zitat von S. 264

gehörte zu den schlimmsten Worten, die sie kannte. Auf einer Ebene mit Opfer, jemandem, der keinen Einfluss auf seine Lage hatte.“ S. 246
Ellen, Kriminalreporterin eines Stockholmer TV-Senders, weiß, wovon sie spricht. Seit ihrem achten Lebensjahr ist die übrig gebliebene Zwillingsschwester – Elsa starb damals, sie „verschwand“, wie ihre Mutter sagt. Die Familie zerbrach darüber, auch Ellen leidet bis heute. Diesmal – kein „beschädigter Ermittler“ im engeren Sinne, aber eine „beschädigte Kriminalreporterin“ – die ermittelt.

Ellen kann nicht anders – sie fühlt sich zuständig. Und wirklich ist es zu Beginn auch sie, die die Suche nach der verschwundenen Lycke trägt, ein achtjähriges Mädchen, wie ihr eineiiger Zwilling damals, wie sie damals. Die Variation des Themas Trauma ist hierbei allerdings etwas weiter gesetzt, was für mich positiv kann; als gängige Ausgangslage habe ich mich ja damit abgefunden/daran gewöhnt. Insgesamt behält die Handlung dadurch durchgehend einen sehr passend düsteren Charakter.

Konnte die zweite Frau von Lyckes Vater wirklich so eifersüchtig auf das kleine Mädchen sein? Wo war Lyckes Mutter? Zu wem hält der Vater? Gab es Zeugen? Ellen erkennt bei ihrer fieberhaften Arbeit: „Diesen Blick kannte sie aus ihrer Familie – deshalb erzählte sie nie, was passiert war, als sie acht Jahre alt war.“ S. 198 Gleichzeitig scheint Ellen im Handlungsfortschritt ein Opfer von Cybermobbing zu werden.

„Glücksmädchen“ heißt im Original „Lycke“ – „Lycka“ bedeutet auf Schwedisch „Glück“, daher wohl der deutsche Titel ohne für mich nachvollziehbaren Zusammenhang zum Krimi (der eher KEIN THRILLER ist) – aber das nebenbei. Das Debüt ist solide geschrieben, das Ermittlertrauma werte ich inzwischen eher als eine Art „running gag“. Die Auflösung kam für mich überraschend und ist nach meiner Wertung sehr positiv einmal etwas abseits vom Üblichen. Der beste schwule Freund, der als Visagist arbeitet, ist ein wenig klischeehaft, aber nicht unrealistisch und war irgendwann meine Lieblingsfigur. Auch ungewöhnlich, wie mit krimitypischen Hinweisen umgegangen wird, zum Beispiel „Sie sah sich um und erinnerte sich plötzlich an die Mail.
Sie musste sie löschen.“ S. 68f – die Auflösungen in diesem Text folgen oft so gar keinem gängigen Muster, wann immer ich die Hinweise schon für durchschaubar hielt.

Auch wenn es um ein kleines Mädchen geht – es gibt keine übermäßige Gewaltdarstellung.