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Veröffentlicht am 04.06.2017

Zeitdokument der 70er

Die verlorene Ehre der Katharina Blum
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Die Springerpresse, an erster Stelle die BILD-Zeitung, war eines der ärgsten Feindbilder der 68er-Generation. Sie machten die BILD verantwortlich für die Gewalt im Land, insbesondere für das Attentat auf ...

Die Springerpresse, an erster Stelle die BILD-Zeitung, war eines der ärgsten Feindbilder der 68er-Generation. Sie machten die BILD verantwortlich für die Gewalt im Land, insbesondere für das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Auch Heinrich Böll sah sich als Opfer einer Rufmord- und Hetzkampagne der BILD, die ihn nach einer Stellungnahme über Ulrike Meinhof als Sympathisanten der RAF hinstellte. Auf die Berichterstattung der BILD-Zeitung reagiert Böll mit seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Katharina Blum ist 27 Jahre alt, gutaussehend und arbeitet als Haushälterin, nebenbei hilft sie bei Empfängen und Festlichkeiten aus. Weil sie sehr sparsam lebt, kann sich Katharina mittlerweile eine Eigentumswohnung und ein Auto leisten. Diese bescheidene, unbescholtene Frau gerät nun in den Mittelpunkt der Sensationsmache einer großen Boulevardzeitung: Auf einer Faschingsparty verliebt sie sich in einen jungen Mann, der polizeilich gesucht wird. Sie verbringt mit ihm die Nacht und verhilft ihm zur Flucht. Ab da ist ihr ein Journalist der Zeitung auf den Fersen. Ihr Leben wird ausgeschlachtet, Aussagen von Nachbarn, Verwandten und Freunden werden verdreht, vage Annahmen ins unermessliche aufgeblassen. In Katharinas Leben ist nichts mehr wie zuvor und eines Tages eskaliert die Situation.

Böll zeigt in seiner kurzen Erzählung recht deutlich, wie eine moderne Hexenjagd aussehen kann und dass Medien dabei oft keine geringe Rolle spielen. Allerdings klagt Böll nicht nur die Sensationsgier der Boulevardpresse an, sondern auch die Menschen, die diese Medien konsumieren, ihnen Glauben schenken und diese dadurch auch finanzieren. Natürlich könnte Bölls Medienkritik auch noch in heutiger Zeit aktuell sein. Dennoch muss man die Erzählung wohl als Dokument ihrer Zeit sehen und verstehen. Sonst scheint die Geschichte zu übertrieben und drastisch. Nicht ganz so überzeugt hat mich letzten Endes der Erzählstil: Die Ereignisse werden sehr distanziert, als eine Art Protokoll wiedergegeben – dabei arbeitet Böll mit sehr viel indirekter Rede. Das macht die Geschichte extrem trocken und nüchtern.

Summa summarum ist „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ein gutes Zeitdokument der 70er Jahre in der BRD – große Unterhaltung darf man aber nicht erwarten.

Veröffentlicht am 04.06.2017

Spannend und vielschichtig

Die letzte Spur
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Spannend, vielschichtig, unterhaltsam: Mit ihrem Roman „Die letzte Spur“ hat Charlotte Link wieder einmal bewiesen, dass sie zu Recht eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart ist. Im ...

Spannend, vielschichtig, unterhaltsam: Mit ihrem Roman „Die letzte Spur“ hat Charlotte Link wieder einmal bewiesen, dass sie zu Recht eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart ist. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Journalistin Rosanna Hamilton, die zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Stiefsohn auf Gibraltar lebt. In ihrer Ehe kriselt es gerade, da kommt es für Rosanna gerade Recht, dass sie von ihrem ehemaligen Chef in London eine Reportage angeboten bekommt: Sie soll eine Serie über verschwundene Personen schreiben. Für Rosanna ist der Auftrag gleich doppelt spannend, denn sie soll auch über eine ehemalige Bekannte berichten, die auf dem Weg zu Rosannas Hochzeit vor fünf Jahren spurlos verschwand. Doch als die Journalistin immer tiefer in den Fall eintaucht, löst sie eine riesige Kettenreaktion aus, die das Leben vieler anderer Menschen aus der Bahn wirft. Charlotte Links Schreibstil ist wie immer sehr leichtfüßig und vereinnahmend, aber trotzdem auch elegant. Wie in fast allen ihren Geschichten hat sie auch bei „Die letze Spur“ wieder verschiedene Handlungsstränge entworfen, die sie sehr geschickt und vor allem nachvollziehbar miteinander verflechtet. Und genau diese Authentizität, dieses Realistische ist es, was ich so an Charlotte Links Geschichten schätze: Wirklich nichts ist an den Haaren herbeigezogen. Bis zum Schluss ist jede Handlung, jede Wendung absolut glaubwürdig. Sehr gelungen ist Link auch wieder die Charakterisierung ihrer Protagonisten. Sie sind so echt und werden mit so einer psychologischen Detailliertheit beschrieben, dass man jede ihrer Emotionen sofort nachempfinden kann. Ein toller Spannungsroman.

Veröffentlicht am 04.06.2017

Zwischen Kochbuch und Globalisierungsroman

Der Koch
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Vordergründig ein Buch über exotische Kochkunst (sogar mit Rezeptteil im Anhang), hintergründig ein politischer Globalisierungsroman: In seinem Roman „Der Koch“ versucht Suter einen interessanten Mix und ...

Vordergründig ein Buch über exotische Kochkunst (sogar mit Rezeptteil im Anhang), hintergründig ein politischer Globalisierungsroman: In seinem Roman „Der Koch“ versucht Suter einen interessanten Mix und verzettelt sich dabei etwas.

Die Geschichte spielt von 2008 bis 2009 in Zürich und greift sowohl die Eurokrise als auch den Bürgerkrieg in Sri Lanka auf. Held der Geschichte ist Maravan, Asylbewerber aus Sri Lanka. Ziemlich unterfordert und weit unter seinem Niveau arbeitet er im Züricher Gourmetrestaurant „Chez Huwyler“ als einfache Küchenhilfe – in Wirklichkeit ist er ein leidenschaftlicher Koch mit nahezu magischen Kochkünsten. Als Maravan gefeuert wird, überredet ihn seine ehemalige Kollegin Andrea zu einer besonderen Geschäftsidee: ein Catering für exotisch-erotische Liebes-Menüs. Bald floriert das Geschäft und zu Maravans Kunden zählen mitunter die größten Wirtschaftsbosse des Landes. Doch dann entdeckt Maravan, dass darunter auch ein Waffenhändler ist, der über Umwege ausgediente Panzer ins Krisengebiet nach Sri Lanka liefert und somit indirekt Maravans Familie bedroht.

Richtig gut gefallen hat mir wieder einmal Suters Sprache: Präzise, ohne Schnörkel und trotzdem auch elegant und sehr fesselnd. Auch seine Charaktere sind wieder sehr interessant und feinfühlig gezeichnet. Besonders gut gelungen sind Suter seine Kochszenen: Wenn Maravan in seiner Küche zaubert, riecht man regelrecht die exotischen Gewürze und schmeckt die außergewöhnlichen Speisen. Problematisch an diesem Roman ist, dass Suter versucht hat so ziemlich alle tagespolitisch aktuellen Themen aus den Jahren 2008 und 2009 unterzubringen. Und so geht es in dem Buch nicht nur um ayurvedische Molekularküche und die Sinnlichkeit des Essens, sondern auch um Asylpolitik, Weltwirtschaftskrise, den Bürgerkrieg in Sri Lanka, Waffenhandel, die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten und sogar noch um die Schweinegrippe. Eine Liebegeschichte gibt es auch noch. Ganz klar, dass Suter all diese Themen nur sehr oberflächlich anschneiden kann und letztendlich keinem davon richtig gerecht wird. Die vielen unterschiedlichen Themen haben dann auch zur Folge, dass die Konstruktion der Geschichte nicht ganz so rund ist, wie man das von Suter gewohnt ist.

Fazit: ein unterhaltsamer, kurzweiliger Roman mit einem interessanten Thema - aber bei weitem nicht der beste Suter.

Veröffentlicht am 04.06.2017

Franz Eberhofer muss nach München

Sauerkrautkoma
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„Sauerkrautkoma“ ist der fünfte Teil der bayerischen Provinzkrimireihe um den etwas kauzigen Dorfpolizisten Franz Eberhofer. Wie die Bände zuvor hat mich auch dieser Teil wieder aufs Beste unterhalten. ...

„Sauerkrautkoma“ ist der fünfte Teil der bayerischen Provinzkrimireihe um den etwas kauzigen Dorfpolizisten Franz Eberhofer. Wie die Bände zuvor hat mich auch dieser Teil wieder aufs Beste unterhalten. Diesmal ist Franz arg im Stress: Er wird zwangsbefördert und wieder zurück nach München versetzt. Daheim drängen ihn seine Freunde und Familie endlich seiner Susi einen Heiratsantrag zu machen und dann muss er auch noch einen Mordfall an einem jungen Mädchen aufklären. Wie in den anderen Teilen auch, wird die Geschichte wieder aus der Sicht von Franz erzählt und das mit einem sehr trockenen, derben, schwarzen bayerischen Humor. Der Kriminalfall hat mir diesmal zwar wieder besser gefallen, ist aber – wie in solchen Büchern üblich – eher Nebensache. Im Vordergrund stehen vielmehr die fast schon kultigen, unverwechselbaren Charaktere und das Leben in der Provinz. Diesmal ging es speziell viel um die Beziehung von Franz und Susi. Mir gefällt die Krimireihe nach wie vor sehr gut und ich kann sie nur weiterempfehlen.

Veröffentlicht am 04.06.2017

Wenn Musik verboten wird

Das Lied meiner Schwester
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Die Kunst ist frei – ein Ausspruch, der heute – zumindest in Deutschland und Europa – als so selbstverständlich hingenommen wird. Dass das nicht immer so war, zeigt ein Blick zurück in die Geschichte: ...

Die Kunst ist frei – ein Ausspruch, der heute – zumindest in Deutschland und Europa – als so selbstverständlich hingenommen wird. Dass das nicht immer so war, zeigt ein Blick zurück in die Geschichte: Als die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren an die Macht kamen, begannen sie nach und nach Kunst, die sie als „entartet“ ansahen, zu verbieten. Das betraf nicht nur Bilder oder Bücher, sondern auch Musik: Schlager und Operetten jüdischer Musiker, Swing und Jazz, Werke politischer Komponisten – das Spektrum „entarteter“ Musik war riesig. Wie stark die Musik- und Kunstszene von den Nationalsozialisten beeinflusst wurde und was diese Einschnitte für Musiker in der damaligen Zeit bedeuteten, beleuchtet Gina Mayer in ihrem Roman „Das Lied meiner Schwester“.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die zwei ungleichen Schwestern Anna und Orlanda. Anna, die Ältere, Vernünftige, geht in ihrem Beruf als Krankenschwester auf, hat sich aber auch der Kirchenmusik verschrieben und spielt am Sonntag Orgel in der Kirche. Orlanda, die Sprunghafte, Emotionale, Leidenschaftliche, ist ausgebildete Operettensängerin. Bald entdeckt sie ihre Liebe zu Jazz und Swing und taucht tief in die Swing-Szene ein. Als die Nazis die Macht ergreifen, bekommen das sowohl die beiden Schwestern als auch deren Freunde zu spüren und jeder von ihnen wird auf eine andere Art und Weise in der Ausübung seiner Kunst eingeschränkt. Als die Situation immer schlimmer wird, gehen Anna und Orlanda in den Widerstand.

Gina Mayer hat sich sehr um Authenzität bemüht und man merkt, dass sie sehr gut recherchiert hat. Man erfährt einiges über die Musikszene der 1930er und -40er Jahre. Auch die Rolle der Evangelischen Kirche während des Dritten Reichs ist Bestandteil der Geschichte. Der Schreibstil ist sehr angehem, lebendig und emotional. Mayer gelingt es sehr gut, die Atmosphäre der damaligen Zeit zu transportieren: Die Angst vor Strafen, wenn man sich nicht regimetreu verhält. Die bodenlose Ungerechtigkeit jüdischen Künstlern gegenüber, die plötzlich nicht mehr auftreten durften. Die innere Verzweiflung der Musiker, weil sie ihre Kunst nicht mehr richtig frei ausüben können. Während sich Orlanda und Anna zur Wehr setzen, zerbrechen einige ihrer Freunde an der Situation.

Nicht ganz so perfekt gelungen sind Mayer allerdings ihre Charaktere beziehungweise deren Entwicklung: Vor allem Orlanda handelt zum Teil sehr unglaubwürdig. Auch ihr Ehemann Leopold lässt sich am Ende zu einer Handlung hinreißen, die nicht wirklich nachvollziehbar ist. Ein paar andere Figuren wirken wie Prototypen. Etwas lieblos und dahingeklatscht fand ich auch die Rahmenhandlung, die allerdings nur ein paar Seiten einnimmt.

Trotz dieser Schwächen ist "Das Lied meiner Schwester" aber im Großen und Ganzen ein interessanter historischer Roman, der mal eine etwas andere Seite des Nationalsozialismus behandelt, als andere Romane. Eine traurige, düstere Geschichte, die ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann.