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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.12.2018

Von Yoko Ogawa gibt es deutlich Besseres

Zärtliche Klagen
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Dies ist einer der älteren Romane der Autorin - und leider keiner der Besseren. Es geht um eine sich sanft entwickelnde Dreiecksbeziehung, in der jeder der Drei eine große Last der Vergangenheit zu tragen ...

Dies ist einer der älteren Romane der Autorin - und leider keiner der Besseren. Es geht um eine sich sanft entwickelnde Dreiecksbeziehung, in der jeder der Drei eine große Last der Vergangenheit zu tragen hat. Die Ich-Erzählerin Ruriko hat endlich ihren seit Jahren untreuen und auch gewalttätigen Ehemann verlassen und sucht Unterschlupf in einer einsamen Gegend, wo das Landhaus ihrer Familie steht. Dort trifft sie auf Nitta und Kaoru, die in einem Nachbarhaus Cembalos bauen. Die Drei freunden sich an und Ruriko verliebt sich in Nitta. Trotz der Affäre, die die Beiden beginnen, besteht weiterhin eine besondere und enge Beziehung zwischen Nitta und Kaoru, die Ruriko keine Ruhe lässt.
Auch in diesem Buch kommt die so typisch poetische Sprache der Autorin deutlich zum Vorschein, doch allein dadurch entsteht leider noch kein guter Roman. Bedauerlicherweise sind die Figuren dieser Geschichte derart widersprüchlich und zum Teil auch oberflächlich dargestellt, dass ich immer wieder die Lust verloren habe, weiterzulesen. Insbesondere Ruriko, die die Hauptfigur darstellt, legt ein solch törichtes Verhalten an den Tag, dass ich nur noch den Kopf schütteln konnte. Natürlich kann eine Frau um die Vierzig, die frisch verliebt ist, sich verhalten wie ein Teenager, doch ihre Reaktionen sind selbst für eine Jugendliche kaum nachzuvollziehen. Oder weshalb sie sich immer wieder von ihrem Mann schlagen ließ ohne sich zu wehren - es gibt keine Erklärungen, weshalb sie es erduldete.
Die anderen Figuren, insbesondere Nitta und Kaoru, werden trotz ihrer Bedeutung für die Geschichte nur oberflächlich dargestellt. Ich habe leider noch immer nicht verstanden, was die Ursachen für Nittas Flucht waren oder was Kaoru bei Nitta hielt. Und nein, ich muss in einem Buch nicht alles verstehen, aber zumindest möchte ich die Hauptfiguren besser kennenlernen, was mir hier bedauerlicherweise nicht gelungen ist.
Schade, von diesem Buch hatte ich mir mehr versprochen.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Depressive Selbstreflexion ohne Ende

Niemand verschwindet einfach so
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"Sie haben ihren Bachelor am Barnard College gemacht. Sie waren fünf Jahre als Autorin bei CBS angestellt. Sie haben vor sechs Jahren Charles Riley geheiratet ... Sie haben keine Schulden. Sie haben Ihre ...

"Sie haben ihren Bachelor am Barnard College gemacht. Sie waren fünf Jahre als Autorin bei CBS angestellt. Sie haben vor sechs Jahren Charles Riley geheiratet ... Sie haben keine Schulden. Sie haben Ihre Steuererklärung immer rechtzeitig eingereicht. Sie haben keine verschreibungspfllichtigen Medikamente genommen, bevor Sie die Staaten verließen. Sie wohnten an der Upper West Side von Manhattan, in einem Haus, das der Columbia Universität gehört, wo Ihr Mann vor einem Jahr eine Festanstellung als Assistenzprofessor an der mathematischen Fakultät bekommen hat." Das ist das Leben von Elyria, die eines Tages ohne Ankündigung nach Neuseeland fliegt ohne jemanden zu informieren. Es ist ihr selbst nicht richtig klar, was der Grund für diesen Entschluss war, doch es muss etwas mit diesem Biest in ihr zu tun haben: " Natürlich würdest du (der Ehemann) sagen: 'Das stimmt nicht, du bist kein wildes Biest' und würdest mich zu trösten versuchen: 'Wir haben alle etwas Dunkles in uns', würdest du sagen; aber ich weiß, dass meine Dunkelheit dunkler ist und dass sich eine Horde tollwütiger wilder Biester darin verbirgt, ich bin nicht wie du, Ehemann, in meiner Dunkelheit gibt es keinen Lichtschalter, meine Dunkelheit ist eine Savanne in mondloser, sternloser Nacht, und alle meine wilden Biester rennen in vollem Tempo blind drauflos, aber das könnte ich beim besten Willen nicht zu dir sagen, denn wir haben im Grunde jahrelang nicht miteinander gesprochen, und deshalb habe ich eine Distanz aus Raum und Zeit zwischen uns geschaffen, damit unser Schweigen einen Sinn ergibt." Was dieses bzw. diese wilden Biester genau ausmacht, ist nur andeutungsweise zu erahnen, ebenso wie die Ursache für deren Existenz. Unverkennbar hängt es mit ihrer Familie zusammen, dem Tod ihrer Schwester und dem Alkoholismus ihrer Mutter, doch nichts wird so erzählt, dass man eindeutig Ursache und Wirkung erkennen könnte. Alles, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart befinden sich in einer Art schwebender Zustand und sobald jemand versucht, Elyria in die Gegenwart zu bringen, ergreift sie die Flucht und zieht weiter.
Ja, Catherine Lacey kann schreiben, sie bringt beeindruckende Bilder und Vergleiche in endlos langen Sätzen (teilweise über eine Seite) zu Papier, die allerdings immer nur um ein Thema kreisen: Elyria und die Suche nach ihrem Ich, ihren Gefühlen. Bei jedem äußeren Eindruck von außen entstehen Gedanken, die vom Hölzchen auf's Stöckchen kommen: "Ich lief ... hinter einem großen, kompaktem Mann her, der ausschritt, als wäre er der Präsident eines Landes namens Leben, und mir war, als wäre ich in Sicherheit, wenn ich irgendwie mit ihm zusammenhinge, also folgte ich ihm, ..., folgte ihm wie Entenjungen allem folgen, was sie anführt, egal, ob es ein Alligator, eine kleine Ziege oder eine elektrische Spielzeugkatze ist." Leider gibt es bei Elyria keine Entwicklung, weder zum Guten noch zum Schlechten, und so entspricht das Lesen größtenteils dem Folgen der recht wirren und depressiven Gedanken der Protagonistin. Was ich sehr bedauerlich finde, denn irgendwann las ich nur noch quer, was aber dazu führt, dass man wirklich gute Sätze nicht immer wahrnimmt (was ich beim nochmaligen Durchblättern feststellte - das ist auch das Gute am Rezensionen schreiben ).
Eine Autorin mit Potential, aber dieses Buch muss man nicht gelesen haben.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Toller Plot und klasse Setting machen noch kein gutes Buch

Aquila
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Eine junge Frau erwacht eingesperrt in ihrer WG-Wohnung, zwei volle Tage fehlen in ihrer Erinnerung und im Bad liegt ein zerrissenes, blutiges Männer-T-Shirt. Kein schlechter Beginn für einen spannenden ...

Eine junge Frau erwacht eingesperrt in ihrer WG-Wohnung, zwei volle Tage fehlen in ihrer Erinnerung und im Bad liegt ein zerrissenes, blutiges Männer-T-Shirt. Kein schlechter Beginn für einen spannenden Krimithriller, der dazu noch vor dem Hintergrund der schönen Stadt Siena spielt, die mit jeder Menge schmaler Gassen und geheimer Gänge aufwarten kann. Doch leider leider werden die Möglichkeiten nicht genutzt, die sich aus diesen Grundlagen entwickeln lassen könnten.
Die Hauptfigur Nika, 19 Jahre jung und eine deutsche Austauschstudentin, die kaum der italienischen Sprache mächtig ist, widmet sich statt der aktiven Suche nach den Hintergründen ihrer Teilamnesie mehr ihren eigenen Befindlichkeiten: ängstlich, furchtsam und voller Heimweh. Irgendwann ging es mir wirklich auf die Nerven, immer wieder davon zu lesen, wie ihr die fehlenden Erinnerungen zu schaffen machen. Spätestens beim dritten Mal haben es wohl Alle verstanden, wie schlimm sie dran ist, da bin ich mir sicher. Keine Frage, die Geschichte ist grundsätzlich spanned. Aber da Nika sich nur mit vielen Mühen aufraffen kann, etwas zu unternehmen und stattdessen lieber ihr Schicksal beklagt, zieht sich das Ganze recht zäh dahin. Die anfänglich entdeckten Details, von denen es bedauerlicherweise viel zu wenige gibt, die zur Spannung und sicherlich auch zur Lösung beitragen sollen, erfüllen ihren Zweck, doch auch nicht mehr. Und was man über deren Hintergründe erfährt (die grausamen Zeichnungen, die spezielle Münze ...), ist viel zu dürftig; hier hätte sicherlich Vieles ausgeschmückt werden können.
Dennoch: Die Geschichte blieb immer noch spannend, wobei ich mich aber dabei erwischte, teilweise quer zu lesen - noch mehr Selbstmitleid konnte ich einfach nicht mehr ertragen Doch dann wurde es zum Ende hin nochmal packend, bis - die Auflösung kam. Schon der erste Teil hörte sich mehr nach einer Splatterparodie an, wäre aber wohl noch gerade so gegangen, doch der tatsächliche Schluss: Um Himmels Willen, liebe Frau Poznanski, was war denn da mit Ihnen los? War Ihnen Alles egal? Glaubwürdigkeit hin oder her?
Dass überdies noch eine Liebesromanze miteingebaut werden musste, fand ich völlig unnötig, aber Schwamm drüber. Doch so ein Ende, das hätte nun wirklich nicht sein müssen.
Ich bin mir sicher, es gibt richtig gute Bücher von Ursula Poznanski - 'Aquila' gehört jedoch nicht dazu!

Veröffentlicht am 12.05.2017

Dshamilja in einer miserablen Neuübersetzung

Dshamilja
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Dshamilja ist eine wunderbare Geschichte, die ich vor einigen Jahren während meiner Reise durch Kirgisistan mit Begeisterung gelesen habe. Sie erzählt von der Liebe zweier Menschen, die eigentlich nicht ...

Dshamilja ist eine wunderbare Geschichte, die ich vor einigen Jahren während meiner Reise durch Kirgisistan mit Begeisterung gelesen habe. Sie erzählt von der Liebe zweier Menschen, die eigentlich nicht sein durfte, aber noch mehr von der Liebe zu Kirgisistan, zum Leben an sich. Obwohl oder vielleicht gerade weil die Beschreibungen sehr poetisch sind, hatte ich während des Lesens ständige Aha-Erlebnisse. Die Menschen, die Pferde in den Luzernenfeldern, die Berge, die Weite, die Steppe - durch Aitmatows Darstellungen erblickte ich schon Alles in meiner Vorstellung, bevor ich die Gegend mit meinen eigenen Augen betrachtete, um Alles bestätigt zu finden. Ja, ich weiß, das hört sich jetzt superkitschig an, aber so war es.
Als ich dann die neue Ausgabe des Insel-Verlages mit der wirklich schönen Covergestaltung und neuer Übersetzung entdeckt habe, war klar: Dieses schmale Büchlein muss ich haben. Gesagt, getan - und das Cover hat mich nicht enttäuscht. Die Zeichnungen, viele in schwarz-weiß oder in diversen Rottönen coloriert, passen wunderbar zu dieser gefühlvollen Geschichte. Was mich jedoch völlig ernüchtert hat, ist die meiner Ansicht nach misslungene Übersetzung.
Ich habe das Buch ebenfalls in der Ausgabe mit Hartmut Herboth als Verantwortlichem. Und auch wenn Manches darin durchaus etwas angestaubt klingen mag (immerhin ist sie mindestens 30 Jahre alt) - die Atmosphäre, die Stimmung hat er überzeugend ins Deutsche übertragen. Denn genau so ist es: die Menschen und das Land. Aus Interesse habe ich die beiden Fassungen dann parallel gelesen und bin schlicht entsetzt, was aus Dshamilja gemacht wurde. Um eines klarzustellen: Nein, ich kann kein Russisch. Aber die neue Fassung enthält ausser schlechtem Deutsch ebenso sachliche Fehler, die auch ohne Russisch-Kenntnisse festzustellen sind. Beispielsweise trägt in der neuen Fassung die Mutter des Erzählers einen Turban (S. 14), in der alten ein Kopftuch. Fakt ist, dass in Kirgisistan die Frauen Kopftuch und keinen Turban tragen. Oder die Beschreibung "… glühte die müde Junisonne wie die runde Öffnung eines Backofens …" (S. 28), wo bei Herboth statt Backofen Tandyr steht, ein neben dem Haus in die Erde gebauter Ofen mit runder Öffnung, in dem Fladen gebacken werden. Darüber verfügt in Kirgisistan praktisch jedes Haus, während Backöfen (insbesondere in der Zeit, in der die Geschichte spielt), Mangelware sind. Auch die Ausdrucksweise ist in der neuen Ausgabe stellenweise sehr gewöhnungsbedürftig: Auf Seite 27 "…; es lohnte nicht, mit ihm anzubinden.", hingegen in der alten Fassung "Sie wusste, dass es nicht lohnte, mit ihm Streit anzufangen, …", was auch im Zusammenhang gelesen wesentlich besser klingt. Oder Seite 7 (neu) "… damals noch Buben von fünfzehn, sechzehn Jahren .." gegenüber "Wir Halbwüchsigen, etwa fünfzehn Jahre alt…". Ich möchte die Fünfzehnjährigen sehen, die sich noch Buben nennen lassen
Dinge dieser Art ziehen sich durch den gesamten Text hindurch und viel von der Poesie dieser Geschichte ist einfach verloren gegangen. So schön ich die Illustrationen auch finde, ich werde das Buch verkaufen und dafür die alte Ausgabe behalten. Denn letztendlich ist es der Text, der Dshamilja ausmacht.
PS: Und um Bücher dieser Übersetzerin werde ich zukünftig einen riesigen Bogen machen.

Veröffentlicht am 05.05.2017

Ein toller Titel macht noch lange kein gutes Buch

Weshalb die Herren Seesterne tragen
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Der Titel dieses schmalen Büchleins fiel mir gleich ins Auge: Ja weshalb tragen denn die Herren Seesterne? Wenn es dazu noch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, dann muss sich die Lektüre ...

Der Titel dieses schmalen Büchleins fiel mir gleich ins Auge: Ja weshalb tragen denn die Herren Seesterne? Wenn es dazu noch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, dann muss sich die Lektüre doch lohnen, oder ?
Um es kurz zu machen: eher nicht. Die Hauptfigur ist Karl, ein pensionierter Lehrer, der im Gegensatz zu seiner Ehefrau Margit nicht so recht etwas mit sich anzufangen weiß. Er möchte die Welt verstehen, die Menschen, "... woher diese Unzufriedenheit kommt, diese Angst, die manche in die falsche Richtung treibt." Auf der Grundlage des Fragebogens zum bhutanischen Bruttonationalglück will er seine eigene Befragung starten und fährt los, ohne Margit zu informieren. In einem kleinen Dorf quartiert er sich in einem Gasthof ein und versucht, sein Projekt umzusetzen. Doch es geht nur stockend voran...
Der Aufbau der Geschichte ist anders als meine Zusammenfassung es hier vermutlich suggeriert. Es wird konsequent Alles aus Karls Sicht berichtet und zwar nicht chronologisch, sondern mit Sprüngen in diverse Vergangenheiten. Zu Beginn ist Karl bereits wieder auf der Rückreise, auf der er sich das Geschehene nochmals durch den Kopf gehen lässt. Dabei springt er in seinen Erinnerungen auch in Zeiten davor, sodass man Margit und ihren Sohn Helmut kennenlernt (ohne ihnen im Buch als realistische Figuren zu begegnen), seine Nachbarn daheim, aber auch eine Jugendliebe.
Eine richtige Geschichte ist es eher nicht, denn der Aufenthalt im Dorf plätschert so dahin und die weiteren Erinnerungen sind eher Stückwerk. Auf mich wirkte es wie die Darstellung eines furchtsamen Mannes, der versucht zu erfahren, wie man glücklich, besser: zufrieden leben kann. Denn auch wenn er seine Frau Margit offensichtlich liebt, machte er auf mich während der ganzen Lektüre weder einen glücklichen noch zufriedenen Eindruck. Zwar ist es deutlich, dass sie die Dominante in der Ehe ist, es wird aber nie explizit dargestellt und Karl scheint nicht darunter zu leiden (oder wenn, dann nur still und leise). Vielmehr hatte ich das Gefühl, als hätte er stets Angst, seine Frau zu verärgern oder zu verlieren, ohne dass es dafür einen konkreten Hinweis gibt.
Die Autorin versteht es durchaus, eine Atmosphäre aufzubauen und schöne Sätze zu schreiben ("Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die so gut ist, dass keine Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tod aufgespart werden müssen."), doch sie alleine machen ein Buch noch nicht lesenswert. Es fehlt einfach eine Geschichte, ein Ansatz, an dem sich die eigene Phantasie entlanghangeln könnte. Karl, sein Umfeld und auch sein Projekt bleiben derart farblos, dass ich vermute, dass ich Alles beim nächsten Buch schon wieder vergessen haben werde.
Und weshalb tragen die Herren nun Seesterne? Hm, tja, ich befürchte, ich weiß es schon nicht mehr so genau. War auch nicht so wichtig.