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Veröffentlicht am 25.07.2020

Bewegende Geschichte

Letzte Spur Berlin
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„...Ertränke dein Herz nicht in Trauer. Manchmal ist es einfach besser, nicht zu wissen, was die Zukunft für einen bereit hält. Wenn Allah will, dann werden wir uns wiedersehen...“

Mit diesen Worten schickt ...

„...Ertränke dein Herz nicht in Trauer. Manchmal ist es einfach besser, nicht zu wissen, was die Zukunft für einen bereit hält. Wenn Allah will, dann werden wir uns wiedersehen...“

Mit diesen Worten schickt im Iran eine Mutter ihren Sohn Mehdi 1959 in die Ferne. Es ist die einzige Möglichkeit, sein Leben zu retten. Was war dem vorausgegangen?
Nach dem Tode des Vaters schließt sich Mehdi immer mehr seinem Freund Amin an. Der nimmt ihn zu Veranstaltungen der Tudeh – Partei mit. Das aber ist im damaligen Iran lebensgefährlich.
Der Autor hat akribisch die Vergangenheit seines Vaters Mehdi recherchiert, der 1959 in die BRD kam und im August 1988 nach dem Grenzübertritt an der Bornholmer Straße spurlos verschwunden ist.
Der Schriftstil ist abwechslungsreich. Im ersten Teil wird die Kindheit bis zur Flucht erzählt. Danach folgt ein Zeitsprung von ca. 20 Jahren, bevor das Leben in der BRD geschildert wird.
Auffallend sind ab und an Sätze, die die blumige Sprache bedienen, wie sie in orientalischen Märchen üblich ist. Sie geben der Geschichte ein besonderes Flair. Dazu gehört der folgende Satz von Amin:

„...Wer würde sich schon an zwei kleine Sandkörner aus der Wüste der Hoffnungslosigkeit erinnern?...“

Hier wird mit wenigen bildhaften Ausdrücken das Leben beschrieben, sowie es Amin empfindet. Iran ist ein Land, wo großer Reichtum auf bittere Armut trifft. Nach dem Tode des Vaters fällt es Mehdis Familie schwer, den Lebensstandard zu halten. Für mich gehörten sie vorher zur Mittelschicht.
Schon hier deutet sich an, was sich später wiederholt. Mehdi lässt sich leicht verführen. Er ordnet sich unter. Amin ist ein Schlitzohr. Er weiß, wie man gekonnt durchs Leben kommt.
Wie so oft sind es die Mütter, die die Opfer bringen. Mehdis ältere Bruder verpflichtet sich bei der Armee. Seine Mutter ist alles andere als glücklich, doch damit wird die Familie unterhalten. Und dann muss Mehdi gehen. Selbst die besten Beziehungen helfen nun nicht mehr. Wenn er bleibt, ist er der gefundene Sündenbock.
Mit der Flucht beginnt Mehdi, Tagebuch zu führen. Ausschnitte daraus zeigen ein zerrissenes Leben, das sich in der BRD fortsetzt. 1980 verdient sich Mehdi seinen Unterhalt mit Autodiebstählen und deren Transport gen Osten. Ob er sich noch ab und zu an die letzten Worte seines Vaters erinnert?

„...Versprich mir, dass du in Zukunft niemals arm werden wirst und versuche immer ehrlich zu dir selbst und zu deinen Mitmenschen zu sein...“

Hatte er je die Chance dazu? Vermutlich haben acht Jahre als Flüchtling ohne Arbeitserlaubnis tiefe Spuren hinterlassen. Wie Mehdi ins kriminelle Milieu abrutschte, bleibt unerwähnt. Das es solange gut ging, ist fast ein Wunder. 1980 bekommt er einen neuen Partner. Ali erinnert mich in gewisser Weise an Amin. Er hat ein Auge für Gefahren. Er plant akribisch voraus und mag spontane Entscheidungen gar nicht. Mehdi geht alles eher naiv und unbekümmert an.
In diesem Teil wird die Sprache härter. Das ist dem Geschehen geschuldet. Wer sich auf illegale Wege begibt, redet nicht lange um den heißen Brei herum.
Der stilistische Höhepunkt ist für mich das Gespräch mit einer alten Dame im Seniorenheim, wo Mehdi Sozialstunden ableisten musste. Sie spricht unter anderen über die Liebe und den Sinn des Lebens. Ob sie der Auslöser war für das, was später geschah? Wer weiß! Der folgende Satz von ihr macht nachdenklich:

„...Dabei weiß ich eigentlich gar nicht, warum alle so viel Furcht vor dem Ende des Lebens haben. Etwas, das unausweichlich und absolut ist, muss doch nicht zwangsläufig schlecht sein...“

Auf den letzten Seiten erläutert der Autor, wie es zum Entstehen des Buches kam. Gleichzeitig ist die Trauer eines Sohnes über den Verlust des Vaters in jeder Zeile spürbar. Die letzten Nachrichten kamen aus der Türkei. Doch sind sie wahr?
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Ein persönliches Schicksal wirkt ganz anders als die Erfindung eines Autors. Natürlich lässt die Geschichte Fragen offen. Das ist dann so.

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Veröffentlicht am 22.07.2020

Cadis Mut

Ein verzehrendes Geheimnis
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„...Ich kenne im ganzen Tal keine Menschenseele, die nicht traurig und beladen ist...“

Diese Worte sagt Bletsung, die einsam in einer Hütte im Wald lebt, zu der 10jährigen Cadi. Noch ahnt Cadi nicht, ...

„...Ich kenne im ganzen Tal keine Menschenseele, die nicht traurig und beladen ist...“

Diese Worte sagt Bletsung, die einsam in einer Hütte im Wald lebt, zu der 10jährigen Cadi. Noch ahnt Cadi nicht, dass kurze Zeit später die Ursache dafür klar wird, weil alle Geheimnisse offengelegt werden.
Die Geschichte spielt ca. 1850 in den Appalachen. Für Cadi kommt der Wendepunkt ihres Lebens mit dem Tode ihrer Großmutter. Entgegen aller Warnungen schaut sie bei der Beerdigung von Oma Forbis den Sühnemann in die Augen. Er hat die Aufgabe, der Toten die Sünden zu nehmen. Die Tradition haben die Einwohner aus ihrer Heimat Schottland mitgebracht.
Cadi macht sich auf die Suche nach dem Sühnemann. Sie ist niedergedrückt von einer Schuld, die ich als Leser erst später erfahre. Sie möchte davon befreit werden.
Die Autorin hat ein ein fesselndes und tiefgründiges Buch geschrieben. Es geht um Schuld un Vergebung, um Aberglaube und wahren Glauben, um Betrug und Machtgier. Und es geht um die Vergangenheit, um Geschehnisse bei der Ankunft der Schotten im Tal.
Der Schriftstil ist abwechslungsreich. Er passt sich gekonnt dem Geschehen an. Sehr gut herausgearbeitet wird Cadis seelische Not. Der einzige, der sich in der Familie normal zu ihr verhält, ist ihr Bruder Iwan. Die Eltern ignorieren sie.

„...Es war Oma, die mir verborgene Pfade und verwunschenen Plätzchen zeigte […] Für sie stöberte ich in unseren hohen Bergen herum, sammelte liebe Erinnerungen. Und es half mir, von zu Hause wegzukommen, weg von Mamas Kummer und verschlossenen Herzen...“

In einer kritischen Situation gesellt sich an Cadis Seite ein kleines Mädchen, das sich Lilybet nennt. Es ist für andere unsichtbar und hilft Cadi, wichtige Entscheidungen zu treffen.
Brogan Kai ist der Herrscher im Tal. Was er sagt, hat zu geschehen. Cadis Suche nach dem Sühnemann ist Widerstand gegen Brogan. Einer aber hilft Cadi. Das ist Fagan, Brogans jüngster Sohn.
Dann aber erscheint ein Gottesmann im Tal. Er will die Menschen zu Jesus führen. Wieder ist es Brogan, der ihm das Predigen verbietet und alle warnt, zu ihm zu gehen. Cadi und Fagan haben den Mut sich zu widersetzen. Dabei kommen Cadi Worte ihrer Großmutter in den Sinn:

„...Adler fliegen höher, wenn ein Sturm kommt. Steife Winde machen die Bäume stark...“

Cadi und Fagan wissen nicht, wie weit Brogan zu gehen bereit ist. Und sie ahnen nicht, dass sie in ein Wespennest stechen, dass bisher geschickt verborgen war. Es gilt, ein Geflecht aus Lügen zu zerreißen.

„...Der Himmel hängt nicht voller Geigen, Cadi. Man muss nehmen, was das Leben einen gibt, und das Beste daraus machen...“

Im Gegensatz zu der inneren Qual in vielen Menschenherzen im Ort wird die Landschaft wunderbar beruhigend.

„...Ich fand die Quelle und trank aus meinen Händen. Um mich herum sangen die Vögel. Es war ein Ort des Friedens, und ich ruhte mich eine Weile aus...“

Cadi und Fagan tragen die Botschaft der Vergebung, die ihnen der Gottesmann vermittelt hat, weiter. Es ist der Anfang von etwas Neuem im Tal. Plötzlich finden auch andere den Mut, die Vergangenheit zu bekennen und dann hinter sich zu lassen.
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Sie zeigt, welche Macht der Glaube hat und dass er alte Wunden heilen kann.

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Veröffentlicht am 19.07.2020

Schöne Lovestory

Der falsche Lord für die Lady
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„...Als er auf der Suche nach seinem alten Leben nach London zurückgekehrt war, war er sich bewusst gewesen, dass er sich den Manipulationen des Earls wieder würde fügen müssen. Er war bereit gewesen, ...

„...Als er auf der Suche nach seinem alten Leben nach London zurückgekehrt war, war er sich bewusst gewesen, dass er sich den Manipulationen des Earls wieder würde fügen müssen. Er war bereit gewesen, diesen Preis zu zahlen...“

Wir schreiben das Jahr 1765. Nach einer herben persönlichen Enttäuschung war Anthony, jüngerer Sohn von Earl Stourton, aus Paris zurückgekommen. Momentan amüsiert er sich in Boxclubs und lässt sich volllaufen. Doch sein Vater hat schon gekonnt die Strippen gezogen. Der Earl hat eine Braut für seinen verwitweten älteren Sohn Greg ins Auge gefasst und Anthony soll sich tunlichst derweilen um diese kümmern, bis bei Greg die Trauerzeit abgelaufen ist.
Lady Fiona wurde von ihrem Vater sehr frei erzogen. Er hat ihr Fähigkeiten vermittelt, die sonst nur den Männern zugute kommen. Doch nach dem plötzlichen Tod des Vaters verfrachtet sie der Earl, ihr einziger männlicher Verwandter, zusammen mit seiner Frau auf einen Landsitz. Die Countess will sie nicht nur zur perfekten Lady erziehen, sondern sie auch nach dem Bild ihrer verstorbenen Tochter formen.
Die Autorin hat einen spannenden historischen Liebesroman geschrieben. Der leichte Schriftstil macht das Lesen zum Vergnügen.
Der Earl regiert seine Familie mit harter Hand. Lob scheint in seinem Wortschatz nicht vorzukommen. Menschen sind Schachfigur, die sich seinen Zügen zu fügen haben. Noch ahnt er nicht, dass es der Countess nicht gelungen ist, Fionas freien Willen zu brechen. Auch nach vier Jahren unter ihrer Fuchtel weiß die jetzt 21jährige Fiona, was sie will.
Das erste Zusammentreffen von Fiona und Anthony passiert, als keiner von beiden ahnt, wer der andere ist. Damit können die durch den Earl beidseitig vermittelten Vorurteile schon mal keine Rolle spielen. Das zarte Pflänzchen Interesse und Zuneigung ist gesät.
Natürlich gibt es dann in der Geschichte ein ständiges Auf und Ab. Anthony traut seinen Gefühlen nicht. Daran ist zum einen seinen Vergangenheit, zum anderen aber auch sein Handicap schuld. Er stottert. Im Gespräch mit seinem Vater geht das so weit, dass er kein Wort herausbringt. Sein Selbstbewusstsein wurde durch den Vater außerdem systematisch zerstört.
Dann wagt es Anthony endlich, dem Vater die Meinung zu sagen. Der schmeißt ihn aus dem Haus. Anthony resümiert:

„...Sein ganzes Leben hatte er sich gewünscht, auf irgendeine Art gut genug zu sein, in den Augen seines Vaters in irgendwas zu bestehen und es wert zu sein, dass er ihn Sohn nannte. […] Anthony wurde nach und nach bewusst, dass der Earl ihn schon immer hatte los werden wollen...“

Bei seinen Onkel in Paris hatte Anthony gelernt, sein Leben in eigene Hände zu nehmen. Er war sich nicht zu schade zum Arbeiten. Das sollte ihn jetzt neuen Mut geben.
Auch Fiona verstößt gegen die Konventionen der feinen Gesellschaft. Glücklicherweise hat sie noch eine Tante, die ihr hilfreich zur Seite steht.
Sehr deutlich werden die Motive des Earls für sein Tun und Handeln. Es geht ihm um Geld – und nur um Geld.
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Sie gibt einen Einblick in die Verlogenheit und Scheinheiligkeit der feinen Gesellschaft.

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Veröffentlicht am 16.07.2020

Die Erweckungsbewegung in England

Stürme der Liebe
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„...Wenn du einen Ehemann finden willst, musst du so gut wie möglich aussehen...“

Diese Worte ihres Vaters hört die 17jährige Caroline, als sie sich zu ihrem ersten Ball in London begibt. Wir schreiben ...

„...Wenn du einen Ehemann finden willst, musst du so gut wie möglich aussehen...“

Diese Worte ihres Vaters hört die 17jährige Caroline, als sie sich zu ihrem ersten Ball in London begibt. Wir schreiben das Jahr 1731. Auf dem Ball lernt Caroline die Brüder George und Andrew Wakefield kennen. George als der Ältere führt das väterliche Gut, Andrew wird in Oxford studieren.
Auf dem Gut lebt auch Hope, die Tante der jungen Männer. Sie bittet Andrew, sich um die Verwandten in Wales zu kümmern. Dort trifft er Dorcas und Gareth Morgan. Ihr Leben ist schwierig, denn der Bergbau, in dem Gareth gearbeitet hat, ist im Niedergang. Andrew nimmt sie mit in seine Heimat und gibt ihnen eine Perspektive.
Der Autor hat erneut einen spannenden historischen Roman rund um die Familie Wakefield geschrieben.
Die Geschichte lässt sich flott lesen. Schon der Ball verspricht eine interessante Konstellation. Andrew ist der Attraktivere und der Intelligentere der beiden Brüder. Allerdings weist eine der Damen auf der Veranstaltung darauf hin, was in ihren Kreisen wirklich zählt:

„...Kein Mann, der dreißigtausend Pfund im Jahr wert ist, hat es nötig, intelligent auszusehen...“

In Oxford schließt sich Andrew den Club der Heiligen an. Ihr Leiter ist John Wesley. Er ist ein begnadeter Prediger, aber ein schlechter Menschenkenner. Vor allem Frauen können ihn geschickt täuschen. Das sollte später zu schwierigen Situationen für ihn führen.
Einen breiten Raum nimmt im Roman die Erweckungsbewegung ein. Von der etablierten Kirche wird sie anfangs mit Argusaugen betrachtet und sehr schnell abgelehnt.
Interessant fand ich den Einfluss der Böhmischen Brüder um Ludwig Graf von Zinzendorf auf die Entwicklung in England. Allerdings gab es gravierende Unterschiede. Selbst Wesley bewundert deren erstaunliche Gelassenheit selbst in lebensgefährlichen Situationen. Zu Andrew sagt einer von ihnen in Bezug auf Wesley:

„...Ja, er kennt die Bibel. Aber ich denke, es ist besser den Gott zu kennen, der die Bibel schrieb...“

Andrew entschließt sich nach einer bitteren persönlichen Enttäuschung, Wesley nach Amerika zu folgen. Doch was sie erwartet haben, finden sie dort nicht. Fehlentscheidungen Wesleys zwingen sie zur Rückkehr. Ihre Wege trennen sich.
Andrew entscheidet sich für den Dienst in der Kirche von England. Er muss durch ein tiefes Tal, bis er endlich seine Bestimmung in privater und beruflicher Hinsicht gefunden hat.

„...Es gibt zwei Arten von Stürmen. Einer ist der physische Sturm, der zum Tode führen kann, aber der andere ist der Sturm in der Seele eines Menschen, und der ist schlimmer als alles andere!...“

Noch eine zweite historische Persönlichkeit spielt in der Geschichte eine besondere Rolle. Dies ist George Whitefield, der das Feuer der Erweckung nach Amerika trägt.
Es wird deutlich, dass die Entstehung und Entwicklung der Methodistischen Kirche kein geradliniger Weg war. Einerseits gibt es Widersprüche zwischen ihren Vertretern, andererseits braucht selbst Wesley lange, bis er zum Kern seines Glaubens vorgestoßen ist.
Je größer die Bewegung, desto größer die Widerstände. Predigten wurden gestört und es gab persönliche Angriffe. Doch große Teile des einfachen Volkes fühlten sich das erste Mal wirklich ergriffen und angesprochen.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen.

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Veröffentlicht am 14.07.2020

Spannender Nachkriegskrimi

Der Schieber
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„...Der Zünder ist draußen. Jetzt ist die Bombe nur noch ein großes Stahlrohr mit in paar Chemikalien drin. Nicht direkt ungefährlich...“

Hamburg im Jahre 1947. Oberinspektor Frank Stave und die Mordkommission ...

„...Der Zünder ist draußen. Jetzt ist die Bombe nur noch ein großes Stahlrohr mit in paar Chemikalien drin. Nicht direkt ungefährlich...“

Hamburg im Jahre 1947. Oberinspektor Frank Stave und die Mordkommission stehen in einer Halle der einstigen Werft von Blohm & Voss. Dort liegt auf einer Bombe ein toter Junge. Zuerst gilt es, die Bombe zu entschärfen. Dazu ist Millimeterarbeit erforderlich. Das Vorgehen und die Gefahren werden detailliert beschrieben.
Der Autor hat einen spannenden historischen Krimi geschrieben.
Der Schriftstil lässt sich flott lesen. Sehr anschaulich werden die Zerstörung in Hamburg wiedergegeben.
Die Ermittlungen erweisen sich als schwierig. Der Tote war sehr umtriebig. Er hatte seine Eltern verloren und lebte bei seiner Tante und deren Lebensgefährten. Meist aber war er unterwegs.
Bei seinen Ermittlungen stößt Frank Stave immer wieder auf Kindergruppen. Zum einen sind das die sogenannten Kohlenklauer, zum anderen die Wolfskinder. Letztere stammen aus dem Osten und haben sich auf abenteuerlichen Wegen bis Hamburg durchgeschlagen. Es gibt für all die Gruppen nur ein Ziel: dem Hunger und der Kälte zu entfliehen. Dazu wird gekonnt das eigene Revier abgesteckt. Welche Rolle aber spielte der Tote? Hat er sich hier Feinde gemacht?
Hinzu kommt, dass die Arbeiter von Blohm & Voss wütend auf die Engländer sind, weil sie der Zerlegung ihrer Werft zusehen müssen. Dabei gehen auch ihre Arbeitsplätze den Bach runter. Die englischen Besatzer wissen, dass sie vorsichtig agieren müssen. Trotzdem ist eine Zusammenarbeit von Frank Stave mit einem englischen Offiziellen möglich. Eine offene Frage ist, ob der Fundort des Toten eine Bedeutung hat. Wurde der Junge bewusst dort abgelegt?
Spannend fand ich die Gespräche zwischen dem Kommissar und dem Engländer. Sie zeigen, wie brisant die politische Lage war.

„...“Stalin ist ihr Verbündeter“, erinnert ihn Stave mit sanfter Bosheit. „War, solange Hitler noch sein Unwesen trieb. Nun sind wir nicht mehr glücklich mit Uncle Joe in Moskau. […] Und die Deutschen, die wir gestern noch mit Bomben zugeschüttet haben, würden wir nun lieber auf unserer Seite stehen haben, als auf der Moskaus.“...“

Frank Stave besucht ein Kinderheim, um mit den Insassen zu sprechen, weil viele von ihnen erst auf der Straße gelebt haben. Auch im Krankenhaus stellt er Ermittlungen an. Dort bekommt er sarkastisch gesagt:

„...Ich bin Tbc – Spezialist. Seit zwei Jahren haben sich meine Studienbedingen dramatisch verbessert. Meine Behandlungsmöglichkeiten sind allerdings ebenso dramatisch zurückgegangen...“

Am Ende zeigt sich, dass das Motiv für den Mord viel profaner war. Nicht Hunger oder Neid, nein, die Gier nach Wohlstand und Neuanfang waren die Grundlage dafür.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Dabei ist der Kriminalfall nur eine Seite. Mehr beeindruckt war ich von der realistischen und vielseitigen Beschreibung der Zustände im Jahre 1947.

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