Seifensieden
Der Ruf des HorizontsWährend Lian wieder einmal auf Walfang ist, versucht seine Frau Sventje auf der Ostfrieseninsel Borkum, sich und ihre Kinder mit Seifensieden und Kräuteranbau über die Runden zu bringen. Aber obwohl der ...
Während Lian wieder einmal auf Walfang ist, versucht seine Frau Sventje auf der Ostfrieseninsel Borkum, sich und ihre Kinder mit Seifensieden und Kräuteranbau über die Runden zu bringen. Aber obwohl der Glaube an Hexen und Teufelszeug im Jahre 1870 eigentlich schon überholt sein sollte, finden sich missgünstige Nachbarn, die darin Frevel und Gotteslästerei sehen und gegen Sventje hetzen. Zu allem Unheil bricht auch noch ein Krieg aus und ein Geheimnis rund um den Gutsherrn Valentin von Halversberg drängt ans Licht.
Ein wunderbares Wiedersehen mit liebgewonnen Figuren auf Borkum beschert uns Jaane Janssen mit diesem zweiten Teil der Ostfriesland-Saga. Leider das Leben seit damals nicht einfacher geworden, immer noch sorgen viele Frauen allein für ihre Kinder, während die Männer gen Grönland reisen, um Wale zu erlegen und Tran auszukochen, was eine der wenigen Einkommensquellen hier darstellt. Mit viel Geschick verbindet die Autorin eine fiktive, aber durchaus realistische Handlung mit der Geschichte Borkums, die sie genauestens recherchiert hat und somit ein überaus glaubwürdiges Abbild der damaligen Zeit zu erschaffen vermag. Armut und Not, die Angst um den Ehemann herrschen auf der Insel, Einsamkeit und Sehnsucht nach Daheim am Meer. Die Liebe zwischen Sventje und Lian hält beide aufrecht, auch wenn sie so oft voneinander getrennt sind und allein mit ihren Schicksalsschlägen zurechtkommen müssen. Und immer wieder taucht Valentin auf, dessen Rolle erst noch geklärt werden muss.
Gebannt verfolgt man Kapitel um Kapitel, die durch stete Perspektivwechsel abwechslungsreich gestaltet sind und höchst lebendig den Alltag auf der Insel, auf hoher See oder am Gutshof beschreiben. Durch Janssens ruhige und einfühlsame Erzählweise hat man nicht nur eindrucksvolle Bilder vor Augen, sondern verspürt auch eine ganze Fülle an Emotionen, welche Sventje, Lian, Valentin oder die Kinder beuteln, denn da geht es von echter Freude über einfache, aber von Herzen kommende Geburtstagsgeschenke bis hin zu blanker Angst während der Plünderungen oder der Jagd auf eine vermeintliche Hexe. Flott vergeht die Zeit mit großartigen Figuren, mit denen man so richtig mitfiebern kann, kaum ist eine Herausforderung bewältigt, wartet schon die nächste Aufregung um die Ecke. Selbst wenn die Zukunft von Sventje und Lian nicht auf Borkum liegen sollte, so würde ich mich gerne mit ihnen auf die Reise zum Ende des Horizonts begeben.
Der Ruf des Horizonts – eine wunderbare Fortsetzung nach „Die Spur der Sehnsucht“ und hoffentlich nicht das Ende einer lebendigen und abwechslungsreichen Saga, deren historische Grundlagen bestens recherchiert sind. Mir sind alle – vielleicht mit Ausnahme des nicht immer perfekt verständlichen, da meist im Friesischen daherbrummelnden Baders – schon sehr ans Herz gewachsen, weshalb ich mich sehr über einen weiteren Band freuen würde. Leseempfehlung!