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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.06.2025

Tod und Leben – so nah beieinander

Von hier aus weiter
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Ein Roman, der mich mit seiner leisen Kraft tief berührt hat – weil er sich traut, vom Tod zu erzählen, ohne ins Dramatische abzurutschen, und vom Leben, ohne es zu beschönigen.
Im Zentrum steht Marlene, ...

Ein Roman, der mich mit seiner leisen Kraft tief berührt hat – weil er sich traut, vom Tod zu erzählen, ohne ins Dramatische abzurutschen, und vom Leben, ohne es zu beschönigen.
Im Zentrum steht Marlene, eine pensionierte Lehrerin, die nach dem Suizid ihres langjährigen Partners Rolf völlig aus der Bahn geworfen wird. Doch statt der erwartbaren Trauer begegnet uns eine Frau, die wütend ist – enttäuscht, zurückgelassen, in ihrer Selbstbestimmung verletzt. Susann Pásztor gelingt es, diese vielschichtige Emotion in eine literarische Form zu bringen, die weder pathetisch noch distanziert wirkt. Die Sprache ist klar, pointiert und mit trockenem Humor durchzogen – oft lakonisch, manchmal scharf, aber nie gefühllos.
Was ich besonders mochte: Die Figuren sind nicht einfach "sympathisch", sondern glaubwürdig. Marlene, Jack, Isa – sie alle tragen ihre Widersprüche mit sich, und genau dadurch wachsen sie einem ans Herz. Jack, der ehemalige Schüler mit den Kochkünsten und den eigenen inneren Baustellen, wird nie zur bloßen Trostfigur. Und auch die Ärztin Isa, still, umsichtig und warmherzig, ist mehr als nur Beiwerk.
Die Handlung wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – eine langsame Annäherung an das Leben, unterbrochen von einem Roadtrip Richtung Wien. Doch gerade in dieser entschleunigten Erzählweise liegt die Kraft des Romans: Er nimmt sich Zeit für die Zwischentöne, für Gesten, Blicke, innere Monologe. Dass Susann Pásztor selbst als Sterbebegleiterin arbeitet, spürt man auf jeder Seite: Ihre Beobachtungen sind präzise, ihr Ton ist respektvoll, aber nicht sentimental.
Formal überzeugt der Roman durch die kunstvolle Verbindung von Gegenwart und Rückblenden, durch die feine Symbolik (das leere Haus, das sich wieder füllt) und durch seine dichte Atmosphäre. Einzelne Szenen – wie eine grotesk-komische Toilettenszene auf der Trauerfeier oder ein unerklärliche Rosenstrauß – bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Skurrilität und Tiefe. Gefällt mir gut. Nicht alles wird aufgelöst, aber genau das lässt Raum für eigene Deutungen.
Für mich war Von hier aus weiter ein Buch, das tröstet, ohne zu belehren. Es zeigt, dass es manchmal keine großen Antworten braucht – sondern nur ein paar unerwartete Begegnungen, gutes Essen und die Erlaubnis, weiterzumachen.
Fazit: Ein kluger, warmherziger Roman über Verlust, Zorn, Freundschaft und zweite Chancen – geschrieben mit Feingefühl, Witz und literarischer Leichtigkeit. Klare Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.06.2025

Zwischen Elbe, Erinnerungen und Tattoos

Flusslinien
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Katharina Hagena hat mit Flusslinien einen stillen, eindringlichen Generationenroman geschrieben, der Erinnerungen, Verluste und Neuanfänge auf poetische Weise miteinander verwebt. Im Zentrum stehen drei ...

Katharina Hagena hat mit Flusslinien einen stillen, eindringlichen Generationenroman geschrieben, der Erinnerungen, Verluste und Neuanfänge auf poetische Weise miteinander verwebt. Im Zentrum stehen drei Figuren, deren Leben auf unterschiedliche Weise von Vergangenheit und Gegenwart geprägt ist: die 102-jährige Margrit, ihre Enkelin Luzie und der junge Fahrer Arthur. Ihre Geschichten entfalten sich entlang der Elbe – einem Fluss, der nicht nur landschaftlicher Fixpunkt, sondern auch symbolischer Resonanzraum für das Vergehen der Zeit ist.

Margrit, ehemalige Stimmbildnerin, blickt auf ein langes, verwickeltes Leben zurück – auf Krieg, Liebe, Verlust und die Geschichte ihrer Mutter, deren Beziehung zur realhistorischen Gärtnerin Hoffa das Buch mit einer interessanten feministisch-historischen Perspektive anreichert. Ihre Schilderungen sind geprägt von einer fast körperlichen Erinnerung, die durch das Motiv des Atems eine besondere Präsenz bekommt.
Luzie, die junge Tätowiererin, ringt nach einem traumatischen Erlebnis mit sich und der Welt. Ihre Wut, ihr Trotz, aber auch ihre zarte Verbundenheit mit der Großmutter verleihen dem Roman eine berührende Authentizität. Arthur schließlich, der Fahrer mit dem Herzen eines Sprachforschers und Umweltschützers, bringt eine stille Melancholie und versponnene Sprachphilosophie ein, die das Buch immer wieder mit klugen Gedanken zur Ausdruckskraft von Worten bereichert.

Flusslinien scheut keine großen Themen: Nationalsozialismus, sexuelle Gewalt, Klimawandel, Sprachphilosophie, familiäre Traumata, Verlust, Schuld und Selbstermächtigung – vieles wird angerissen, manches durchleuchtet, anderes bleibt skizzenhaft. Diese thematische Vielfalt ist einerseits beeindruckend und zeugt von literarischem Anspruch. Andererseits wirkt sie stellenweise überbordend; nicht alle Motive fügen sich nahtlos in den Erzählfluss ein. Gerade bei Nebenepisoden wie einem Besuch in Belarus oder metaphorisch aufgeladenen Tierkämpfen fragt man sich nach deren narrative Notwendigkeit.
Erzählstil: poetisch, ruhig, atmosphärisch
Wer auf rasante Handlung aus ist, wird sich mitunter an der ruhigen, episodenhaften Erzählweise stören. Flusslinien lebt weniger von Plot als von Atmosphäre. Der Stil ist leise, präzise und poetisch – eine Sprache, die ohne Pathos existenzielle Fragen berührt. Besonders gelungen ist die Darstellung der Natur an der Elbe, die nicht nur als Kulisse, sondern als Resonanzraum menschlicher Emotionen dient.

Flusslinien ist ein literarisch anspruchsvoller Roman, der mit ungewöhnlichen Figuren, vielschichtigen Themen und poetischer Sprache überzeugt. Zwar bleiben manche Aspekte etwas unfokussiert und einige Motive wirken zu bemüht, doch überwiegt der Eindruck eines klugen, berührenden Textes über Erinnerung, Sprache, Familie und das Ringen um Sinn. Für Leser*innen, die sich gerne auf eine erzählerische Strömung einlassen, die mal ruhig, mal tiefgründig ist – ein empfehlenswerter literarischer Flusslauf.

4 von 5 Punkten.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Ein erschütternder Monolog

Alle außer dir
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Maria Pourchets Roman Alle außer dir ist ein literarisch kraftvoller, emotional tief erschütternder Monolog einer Frau, die am Wendepunkt ihres Lebens steht: Marie, 35 Jahre alt, frischgebackene Mutter, ...

Maria Pourchets Roman Alle außer dir ist ein literarisch kraftvoller, emotional tief erschütternder Monolog einer Frau, die am Wendepunkt ihres Lebens steht: Marie, 35 Jahre alt, frischgebackene Mutter, blickt im Halbdunkel eines Pariser Krankenhauszimmers auf die Wiege ihrer Tochter – und in die Tiefen ihrer eigenen Kindheit.
Was folgt, ist keine linear erzählte Lebensgeschichte, sondern ein fragmentarischer, aufwühlender innerer Strom von Erinnerungen, Reflexionen und Fragen. Marie rechnet ab – mit ihrer Mutter, mit einem erstickenden Frauenbild, mit sich selbst. Der Ton ist unverblümt, radikal ehrlich, gelegentlich sarkastisch, oft schmerzhaft – aber nie larmoyant. „Ich bin auch nur eine blöde Kuh, die nichts Besseres zu tun hat, als ihre Mutter in einem Buch zur Strecke zu bringen, statt zu stillen“, schreibt sie (S. 135) – Sätze wie dieser zeigen Pourchets Gespür für Ambivalenz, für die Widersprüche des Mutterseins und Frauwerdens.
Zentrale Fragen, die Marie umtreiben: Was geben Frauen – ungewollt, unreflektiert – an ihre Töchter weiter? Wo endet Fürsorge, wo beginnt emotionale Kälte? Wie tief sitzen Sprachmuster, Demütigungen und unausgesprochene Erwartungen, wenn sie von Generation zu Generation weitergetragen werden? Alle außer dir ist ein Buch über das unsichtbare Erbe weiblicher Unterdrückung, die nicht nur von außen, sondern auch im Inneren einer Familie entsteht – subtil, still und doch prägend.
Formal ist Pourchets Roman eher ein langes Poem als eine klassische Erzählung. Der Text folgt keiner chronologischen Ordnung, sondern ist assoziativ und impulsgetrieben. Es ist ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann – auch dank der hervorragenden Übersetzung, die den dichten, poetischen und zugleich brutalen Ton des Originals treffsicher ins Deutsche überträgt. Der Originaltitel Toutes les femmes sauf une – „Alle Frauen außer einer“ – trifft die Ambivalenz des Stoffes eigentlich noch besser, doch Alle außer dir funktioniert im Deutschen immerhin als offenes Echo auf die Tochter.
Was bleibt, ist ein schmerzlicher Eindruck: von der Last weiblicher Sozialisation, von der Ohnmacht, Dinge anders machen zu wollen – und doch von der Angst getrieben zu sein, dieselben Fehler zu wiederholen. „Ich wünsche mir, dass du so gut wie nichts davon behältst“, sagt Marie zu ihrer Tochter (S. 13) – ein Wunsch, der Hoffnung und Hilflosigkeit zugleich ausdrückt.
Fazit:
Maria Pourchet gelingt mit Alle außer dir ein intensiver, sprachlich außergewöhnlicher und psychologisch tiefgründiger Roman über Mutter-Tochter-Beziehungen, weibliche Prägung und den Willen, schmerzhafte Kreisläufe zu durchbrechen. Kein einfacher Text – aber ein unbedingt lesenswerter. Ein literarisches Glanzstück im schmalen Format.

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Spannende Fakten, tolle Illustrationen

Wozu eigentlich Mathe?
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Mein Sohn schreibt demnächst eine Mathearbeit – Thema: Primzahlen. 🧠🔢 Beim gemeinsamen Üben sind wir auf dieses Buch gestoßen – und plötzlich war Mathe nicht mehr nur „Pflicht“, sondern richtig spannend! ...

Mein Sohn schreibt demnächst eine Mathearbeit – Thema: Primzahlen. 🧠🔢 Beim gemeinsamen Üben sind wir auf dieses Buch gestoßen – und plötzlich war Mathe nicht mehr nur „Pflicht“, sondern richtig spannend! 🤩
„Wozu eigentlich Mathe?“ hat uns beide überrascht: Es ist bunt, anschaulich und zeigt auf tolle Weise, wie Mathe im Alltag steckt – oft ohne dass wir es merken. Ob beim Schätzen von Kugeln in einem Glas, beim Planen von Reisen ✈️, beim Einkaufen 🛒 oder sogar in der Geschichte – dieses Buch verbindet Wissen mit Alltag, Neugier mit Spaß.
Besonders gelungen finde ich die vielen kleinen Aha-Momente 💡: Wie hat man früher ohne die Null gerechnet? Warum sollte man bei einer Spielshow die Tür wechseln? Wie konnte man mit wenigen Daten ganze Bevölkerungen zählen? Mein Sohn war begeistert – und ich gleich mit.
Die Gestaltung ist ein echter Hingucker 🎨: Farbenfrohe Illustrationen, Retro-Stil, übersichtliche Kapitel – und immer wieder „Du bist dran“-Seiten, auf denen man das Gelesene direkt anwenden kann. Super für neugierige Kinder ab 9 Jahren – und ehrlich gesagt auch für Erwachsene, die Mathe früher eher gemieden haben 😉
Fazit: Dieses Buch macht Mathe greifbar, verständlich und – ja! – richtig unterhaltsam. Ein toller Begleiter zum Schulstoff und eine echte Schatzkiste für alle, die Mathe nicht nur lernen, sondern erleben wollen. 🌍📐🧩

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Luxus, Lügen und tödliche Geheimnisse auf Keeper Island

The Island - Auf der Flucht
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Weiße Sandstrände, türkisblaues Meer und tropische Cocktails – The Island entführt seine Leser:innen auf den ersten Blick in ein karibisches Urlaubsparadies. Doch schon nach wenigen Seiten wird klar: Keeper ...

Weiße Sandstrände, türkisblaues Meer und tropische Cocktails – The Island entführt seine Leser:innen auf den ersten Blick in ein karibisches Urlaubsparadies. Doch schon nach wenigen Seiten wird klar: Keeper Island ist kein Ort zur Erholung, sondern ein Albtraum in Designeroptik. Nicola Martin inszeniert mit sicherem Gespür für Spannung und Atmosphäre einen packenden Inselthriller, der nicht nur durch seinen exotischen Schauplatz besticht, sondern vor allem durch ein raffiniert konstruiertes Netz aus Intrigen, Geheimnissen und menschlichen Abgründen.
Im Zentrum steht die Hotelmanagerin Lola, die nach einem blutigen Zwischenfall in Hongkong auf Keeper Island ein neues Leben beginnen will. Doch kaum angekommen, wird ihr Mentor Moxham tot aus dem Meer gezogen – angeblich ein Unfall. Für Lola beginnt eine gefährliche Gratwanderung: Zwischen schillernden Gästen, zwielichtigen Angestellten und dem Druck, ihre eigene Vergangenheit zu verbergen, versucht sie herauszufinden, was wirklich hinter der Fassade des Luxusresorts steckt. Ihre zwei goldenen Regeln – „Sei auf alles vorbereitet“ und „Traue niemandem“ – werden auf eine harte Probe gestellt.
Nicola Martin gelingt es mit einem temporeichen Schreibstil, kurzen Kapiteln und ständig neuen Wendungen, einen echten Pageturner zu erschaffen. Die Handlung wird aus Lolas Perspektive erzählt, was die Leser:innen unmittelbar in das Geschehen hineinzieht. Gleichzeitig bleibt die Protagonistin bis zum Schluss ambivalent – ist sie Opfer, Täterin oder beides? Diese moralische Grauzone verleiht der Figur Tiefe und dem Plot zusätzliche Spannung.
Besonders gelungen ist auch die Darstellung der sozialen Kontraste: Während die privilegierten Gäste auf Champagner und Sonnenuntergänge blicken, kämpft das Personal ums Überleben – ein Mikrokosmos der Ungleichheit, in dem Gier und Macht alle Regeln außer Kraft setzen. Das Setting, so verführerisch es auf den ersten Blick scheint, entwickelt sich zur perfekten Bühne für einen modernen Thriller, der mehr zu sagen hat, als bloß zu unterhalten.

Fazit:
The Island – Auf der Flucht ist ein atmosphärisch dichter Thriller mit exotischem Setting, vielschichtigen Figuren und einem Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Nicola Martin beweist ein feines Gespür für Spannung, Psychologie und das Spiel mit Schein und Sein. Ein perfekter Sommerkrimi – aber definitiv nichts für schwache Nerven oder allzu verträumte Reisesehnsüchte.

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