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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.08.2025

raffiniert und echt unterhaltsam

Wackelkontakt
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Was für eine raffinierte Geschichte!

Wolf Haas „Wackelkontakt“: ein komplettes Buch als Droste-Effekt, aufgebaut in einer gefühlten Endlosschleifen-Spiegelung. Sensationell!

Franz Escher, großer Puzzlefan ...

Was für eine raffinierte Geschichte!

Wolf Haas „Wackelkontakt“: ein komplettes Buch als Droste-Effekt, aufgebaut in einer gefühlten Endlosschleifen-Spiegelung. Sensationell!

Franz Escher, großer Puzzlefan und Namensvetter des bekannten Meisters der orphischen Täuschung, Maurits Cornelis Escher, wartet auf den Elektriker und liest dabei ein Buch über einen Mafioso, der als Kronzeuge aussagt und in einem Zeugenschutzprogramm eine neue Identität annimmt. Dieser Kronzeuge, Marko Steiner (alias Elio Russo) liest wiederum ein Buch, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Dieses Buch handelt von einem Mann, der Franz Escher heisst und zuhause auf den Elektriker wartet.

Diese beiden Geschichten verweben sich nun miteinander und gehen in der Erzählung nahtlos ineinander über.

Mehr möchte ich auch gar nicht verraten, weil die Story einfach so genial verwoben und verzwirbelt ist, dass Lesen ohne Spoiler hier den besten Überraschungseffekt hat.

Ich mochte dieses Gefühl, zwischen und in den Erzählsträngen zu schweben und mich immer wieder für einen kurzen Moment zu fragen, welche Geschichte nun die „echte“ Geschichte und welche die erzählte ist.

Und dann immer wieder diese klugen Sätze und Gedanken, die ich mir direkt notiert habe, weil sie mich so überzeugt haben (S.99: die Betrachtung von „O mein Gott“ zum Beispiel!)

„Wackelkontakt“ ist definitiv eines der Bücher, das mich bisher am meisten überrascht haben und mir mit seiner Struktur zwei großartige Lesenachmittage bereitet hat. Danke dafür!



"Wahrscheinlich war es einfach so wie bei jedem Streit. Man redet über alles, außer über das, worum es eigentlich geht."

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Veröffentlicht am 18.07.2025

stimmungsvoller Roman über Verlust und große Liebe

Das Geschenk des Meeres
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Eine Geschichte so rau, verletzlich, liebevoll und traurig, aber auch so versöhnlich und leidenschaftlich, dass ich das Buch einfach nicht weglegen konnte.
In „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly ...

Eine Geschichte so rau, verletzlich, liebevoll und traurig, aber auch so versöhnlich und leidenschaftlich, dass ich das Buch einfach nicht weglegen konnte.
In „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly lernen wir die junge Lehrerin Dorothy kennen, die in dem kleinen schottischen Küstenort Skerry den Dienst antritt.
Von den Mitbewohnerinnen argwöhnisch beäugt, verliebt sie sich in Joseph, doch heiratet bald darauf einen anderen Mann. Der einzige Sohn kommt tragisch ums Leben. Als Jahre später ein kleiner Junge an den Strand gespült wird, nimmt Dorothy ihn bei sich auf und wird in dieser Zeit mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Der Ton dieses Buchs ist einfach wunderbar. Die Geschichte fließt, liest sich unglaublich geschmeidig und lässt einfach nicht mehr los. Eine wunderbare Erzählung!
Der Wechsel zwischen „Damals“ und „Heute“ hält die Spannung aufrecht, die Geschichte im Fluss und hilft, Situationen in der Gegenwart besser einschätzen zu können (was das Ganze nicht weniger tragisch macht!).
Dorothy tut sich schwer, Gefühle zu zeigen und genau das spiegelt sich auch in der leicht melancholische Grundstimmung wider, die sich immer dann aufhellt, wenn Joseph oder das Kind eine Rolle spielen.
Ich mochte die authentische Beschreibung des Lebens am Meer, der Naturgewalten und des Alltags in diesem kleinen schottischen Ort.
Zwischenmenschliche Beziehungen werden glaubhaft dargestellt. Schuldgefühle, Scham und Ängste, Eifersucht, Verlust und vor allem Liebe machen diesen Roman zu einer runden Geschichte, die ich sofort noch einmal lesen würde.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

toller Genre-Mix!

Das Ministerium der Zeit
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Eigentlich sind Zeitreisegeschichten nix für mich.

Als Mona Ameziane und Christine Westermann sich in ihrem Podcast Zweiseiten aber so begeistert über „Das Ministerium der Zeit“ von Kaliane Bradley ausgetauscht ...

Eigentlich sind Zeitreisegeschichten nix für mich.

Als Mona Ameziane und Christine Westermann sich in ihrem Podcast Zweiseiten aber so begeistert über „Das Ministerium der Zeit“ von Kaliane Bradley ausgetauscht haben (und es noch dazu bei Barack Obama auf der Sommerleseliste steht) hat’s mich dann irgendwie doch interessiert.

Eine junge britische Beamtin wird Teil eines geheimen Regierungsprojekts, das Menschen aus der Vergangenheit in unsere Zeit holt – darunter der Polarforscher Graham Gore aus dem 19. Jahrhundert („1847“). Sie soll ihn als seine „Bridge“ betreuen und ihm beim Einleben helfen, doch bald entwickelt sich zwischen den beiden mehr. Während Graham versucht, die moderne Welt zu begreifen, werden die beiden mit politischen Intrigen, Überwachung und moralischen Fragen konfrontiert.

Ich fand den Roman eine erstaunlich gut gelungene Mischung aus Science Fiction, Zeitreise, Liebesroman und Gesellschaftskritik mit einer Portion Thriller.

Mir hat die Erzählstruktur super gut gefallen. Die Szenen aus Grahams Zeit auf der Expedition haben einen tollen Einblick gegeben, wie anders sein Leben im
19. Jahrhundert war und warum er sich mit manchen – auch moralischen- Veränderungen in der Jetzt-Zeit schwertut. Aber er schlägt sich wacker und lernt Rad fahren, findet sich im WG-Leben zurecht, kocht und liebt.

Im letzten Drittel wird’s wild- ich musste mich echt konzentrieren, um nicht den Überblick zu verlieren. Da vermischen sich Zeitebenen, da treffen Charaktere aufeinander, deren Verbindungen sehr überraschend sind und das ganze geht Schlag auf Schlag.

Dieses Buch ist eine herrliche Mischung aus unterschiedlichen Genres, verschiedenen Zeitebenen, spannenden Menschen, die die Spuren ihrer Zeit in sich tragen, europäischer Geschichte im Zeitraffer, Themen, die Gesellschaft prägen, ordentlich Anziehungskraft und viel Spannung. Herrlich, wirklich!

Unbedingte Leseempfehlung! Ich hab es auch als Audiobook, das wunderbar erzählt ist, auf einer langen Wanderung gehört. Ein Hit!

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Veröffentlicht am 18.06.2025

absolut lesenswertes Mental Health Buch!!!

Mental Health at Work
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Nora Dietrich beschäftigt sich in ihrem Buch „Mental Health at Work“ mit verschiedenen Aspekten von Psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz. Dabei erklärt sie die fünf großen Themenbereiche „Gesunde Zukunft“, ...

Nora Dietrich beschäftigt sich in ihrem Buch „Mental Health at Work“ mit verschiedenen Aspekten von Psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz. Dabei erklärt sie die fünf großen Themenbereiche „Gesunde Zukunft“, „Gesundes Ich“, „Gesundes Team“, „Gesunde Führung“ und „Gesunde Organisation“.
Ich feiere die Autorin dafür, dass sie sich schon sehr lange
und nun auch durch dieses Buch das Thema Mental Health aus der Stigmatisierung führen möchte.
Schon im ersten Drittel des Buches wird deutlich, dass dieses Buch sich fachlich fundiert mit dem Thema auseinandersetzt und keine Allgemeinplätze teilt, die man sowieso schon tausend Mal gehört hat. Im Gegenteil: Tiefere Zusammenhänge werden deutlich, Ursachen und Folgen verbunden.

Schon schnell wurde mir klar: Jede und jeder, der das Buch liest und um die Wirkung der Investition in Mental Health weiss, KANN dieses Thema nicht mehr in den Hintergrund schieben, es belächeln oder abtun. Es gibt keine Argumentationsgrundlage mehr, sich diesem Thema nicht ausgiebig zu widmen.
Die Autorin arbeitet mit Bildern, die sich einprägen (Schwamm, Sinuskurve, zwei Flammen, …). Auch die vielen Zitate, die die Kapitel thematisch begleiten, hallten während der Lektüre noch lange nach.

Auch der differenzierte Blick auf die Gen Z war ein Denkanstoss. Statt des üblichen Bashings findet man hier eine valide Analyse der verletzlichen Generation und die Zuwendung zu ihrer Stärke.

Ich freue mich, dass das Sachbuch so kurzweilig und spannend zu lesen war. Die Autorin schafft mit ihrem Buch genau das, was Mental Health auch im Leben dringend braucht: einen offenen , modernen und zeitgemäßen Umgang mit ihr.
Ich wünsche mir, dass dieses Buch viele Leser:innen findet. Ich habe eine lange Liste von Personen im Kopf, die im mit anderen Menschen und mit sich selbst davon nur profitieren könnten.

„Alles, was uns an deren irritiert, kann uns zu einem Verständnis von uns selbst führen.“ (C.G. Jung)

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Veröffentlicht am 29.05.2025

extrem cooler Roman übers Erwachsenwerden

Hard Land
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ENDLICH ! hab ich diesen Quasi-schon-Klassiker von @benedictwells aus dem @diogenesverlag gelesen, der mit dem Hammersatz schlechthin beginnt:
„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“ ...

ENDLICH ! hab ich diesen Quasi-schon-Klassiker von @benedictwells aus dem @diogenesverlag gelesen, der mit dem Hammersatz schlechthin beginnt:
„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Und so ist es dann auch: Sam ist 15 Jahre alt und lebt im kleinen Städtchen Grady in Missouri. Als er in den Sommerferien einen Job im örtlichen Kino annimmt, verändert sich alles für den Teenager: er verliebt sich, er findet zum ersten Mal so etwas wie Anschluss an eine Gruppe von Seniors, die auch im Kino arbeiten.

Der sensible Sam erlebt nun in einem Sommer so ziemlich alles, was zu einem Teenagerleben dazugehört: er verliebt sich unglücklich, macht die Nächte durch, hat seinen ersten Vollrausch und denkt über Vieles nach, beschäftigt sich mit den ernsten Themen des Erwachsenwerdens.

Was Sams Sommer von dem der anderen unterscheidet, ist, dass er durch den Tod seiner kranken Mutter nicht unbeschwert und leicht bleibt, sondern ihn mit der Realität des Lebens hart konfrontiert.

Ich habe dieses Buch verschlungen. Die Sprache des Ich-Erzählers Sam ist einfach nur authentisch, seine Verletzungen sind deutlich spürbar und er stellt sich erstaunlich ehrlich seinen Emotionen, so dass ich ihn von Anfang an sympathisch fand.

Wie @benedictwells uns Leserinnen und Leser an diesem Sommer teilhaben lässt und dabei die Balance zwischen fast belangloser, dahinplätschernder Alltagserzählung und sehr scharfsinnigen, philosophischen Auseinandersetzungen mit dem Leben darstellt, hat mich wirklich begeistert.

Ich hab das Buch an einem Tag gelesen, eine Packung Tempos verbraucht und wollte danach auch gar nicht gleich mit einem neuen Buch starten.

„Hard Land“ ist ein Roman, den ich gerne schon viel früher gelesen hätte!

„So oft hatte ich es mir vorgestellt, sie war in meinem Kopf tausende Tode gestorben Aber nie hatte es sich so angefühlt wie jetzt. Denn sie war damals ja immer noch da gewesen, und jetzt war sie nicht mehr da, und woher hätte ich wissen können, wie sich das anfühlt.“

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