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Veröffentlicht am 30.05.2025

Eine wahre Fluchtgeschichte für junge Leser*innen – bewegend, beeindruckend, lehrreich

Wie ein Foto unser Leben rettete
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Das Kinderbuch erzählt die wahre Geschichte der jüdischen Familie Mandil, die während des Zweiten Weltkriegs aus dem von den Deutschen besetzten Jugoslawien fliehen muss. Wir erleben die Flucht durch mehrere ...

Das Kinderbuch erzählt die wahre Geschichte der jüdischen Familie Mandil, die während des Zweiten Weltkriegs aus dem von den Deutschen besetzten Jugoslawien fliehen muss. Wir erleben die Flucht durch mehrere Länder, voller Angst, Hoffnung und überraschender Menschlichkeit. Die Geschichte basiert auf realen Ereignissen und wird kindgerecht, aber ohne Beschönigungen erzählt.

Die Familie (Eltern, ein fünfjähriger Sohn und eine dreijährige Tochter), in Novi Sad lebend und als Fotografen tätig, geraten mitten in die Wirren des Krieges, als sie ihre Großmutter in Zagreb besuchen, just in dem Moment, als Bombenangriffe beginnen und die Stadt unter deutsche Kontrolle gerät. Die anschließende Flucht führt sie mit dem Zug nach Italien, wo sie inhaftiert werden, aber nach einer Weile mit einem Lastwagen nach Albanien weiter reisen dürfen. Dort bleiben sie in verschiedenen Orten. Allerdings rücken die Deutschen immer weiter vor. Die Flucht, mit Eseln, geht nun weiter in ein albanisches Dorf und findet dort auch ihr Ende. Die Eltern müssen sich hier in einem geheimen Raum verstecken, während die Kinder draußen mit den anderen Kindern spielen können und die Tiere versorgen dürfen. Dieser Kontrast berührte mich sehr.
Letztendlich, nach Kriegsende, kehren sie wieder nach Jugoslawien zurück, um sich darauf in Israel anzusiedeln.

Die Geschichte wird aus Sicht des Sohns erzählt. Die Gefühle des Jungen werden sehr überzeugend und mitfühlend beschrieben. Die wechselnden Stationen, das Verstecken, der ständige Orts- und Namenswechsel werden eindringlich geschildert. Es gibt viele berührende, spannende und durchaus auch beunruhigende Szenen. Die Lebensgefahr, unter der die Familie wiederholt stand, wird sehr deutlich. Die Flucht wird authentisch dargestellt, deutlich werden die Strapazen, aber auch die Freude über kleine Lichtblicke und Entspannungen.

Ein großer Pluspunkt des Buches ist die Darstellung solidarischen und mutigen Handelns: Die albanische Bevölkerung, selbst arm und bedroht, hilft der Familie auf bemerkenswerte Weise. Besonders der albanische Ehrenkodex „Besa“, der zur Hilfe für jeden Menschen in Not verpflichtet, unabhängig von Herkunft oder Religion, hinterließ einen bleibenden Eindruck. Dass dabei der Islam in einem positiven, menschlichen Licht gezeigt wird, gefiel mir sehr gut. Ebenfalls gefiel mir gut, dass tiefe Freundschaften unter den Familien entstanden.

Die Sprache des Buches ist sehr einfach gehalten, mit kurzen, klaren Sätzen. Das macht es gut geeignet für Kinder ab etwa 10 Jahren zum Selberlesen. Als Vorlesebuch schien es mir weniger geeignet, da die schlichte Sprache etwas monoton wirkte. Für jüngere Kinder, wie meine siebenjährigen, war es inhaltlich zudem noch zu belastend, schon die Anfangsszenen mit den Bombenangriffen und der spürbaren Angst überforderte sie.

Ergänzt wird die Erzählung durch originale Schwarz-Weiß-Fotos und Bilder, die der Geschichte zusätzliche Tiefe und Echtheit verleihen.

Fazit: Ein authentisches, spannendes, berührendes und wichtiges Kinderbuch, das die Themen Flucht und Solidarität auf kindgerechte Weise vermittelt. Besonders empfehlenswert für Kinder ab 10 oder 11 Jahren.

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Veröffentlicht am 04.05.2025

Zwischen Verschwinden und Verstehen – spannend, tiefgründig, berührend

Happiness Falls
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Der Roman spielt in einem Vorort von Washington zur Zeit des Corona-Lockdowns. Im Mittelpunkt steht eine fünfköpfige Akademikerfamilie mit südkoreanischen Wurzeln. Seit vier Jahren ist es vor allem der ...

Der Roman spielt in einem Vorort von Washington zur Zeit des Corona-Lockdowns. Im Mittelpunkt steht eine fünfköpfige Akademikerfamilie mit südkoreanischen Wurzeln. Seit vier Jahren ist es vor allem der Vater, der sich um die Kinder und den Haushalt kümmert, während die Mutter ihrer beruflichen Laufbahn nachgeht. Die 20 jährigen Zwillinge Mia und John studieren. Der 14-jährige Eugene hingegen befindet sich im Autismus Spektrum und lebt zusätzlich mit dem Angelmann Syndrom. Er ist nicht sprechfähig und seine Motorik ist beeinträchtigt.
Eines Tages kehrt Eugene allein und ungewöhnlich aufgewühlt von seinem täglichen Spaziergang mit dem Vater zurück. Der Vater bleibt jedoch spurlos verschwunden.

Erzählt wird die Geschichte rückblickend aus der ganz subjektiven Perspektive von Mia. Drei Monate nach den Geschehnissen hält sie ihre Erinnerungen schriftlich fest. Mia ist hochbegabt und hat ihre Ecken und Kanten. Ihr Erzählstil ist analytisch, aber auch oft witzig. Da sie zudem sehr gesprächig ist, neigt sie zu Ausschweifungen. Die Autorin nutzt Fußnoten, um diese Abschweifungen zu strukturieren, allerdings war für mich nicht immer nachvollziehbar, warum einige Anmerkungen ausgelagert wurden und andere nicht. Anfangs verfolgte ich diese Fußnoten noch interessiert, später empfand ich sie eher als störend für den Lesefluss und las sie dann im Anschluss. Mia tritt als kritische, auch selbstkritische Erzählerin auf – eine Eigenschaft, die mir besonders gut gefiel. Ebenso konnte sie Emotionen glaubwürdig vermitteln, was ihr Tiefe verlieh und mich immer wieder berühren konnte.

Wir begleiten sie bei der Suche nach dem verschwundenen Vater. Dabei erfahren wir zunehmend mehr über die familiären bzw. persönlichen Hintergründe. Verschiedene Szenarien werden durchgespielt: Was könnte dem Vater zugestoßen sein? Ist ein Unglück geschehene? Hat er sich bewusst abgesetzt – und wenn ja, warum?

Gleichzeitig rückt Eugene immer mehr ins Zentrum der Geschichte. Es stellt sich die Frage: Wozu ist er trotz seiner Einschränkungen in der Lage? Was übersehen seine Mitmenschen vielleicht? Welche Fördermöglichkeiten gibt es, welches ungenutzte Potenzial steckt in ihm? Wie geht es ihm eigentlich wirklich?

Nach und nach werden Hintergründe aufgedeckt, vieles wird dabei subtil angedeutet oder vorweggenommen. Der Roman ist dadurch spannend und fesselnd geschrieben. Der Schreibstil ist sehr gut lesbar. Neben dem zentralen Vermisstenfall vermittelt das Buch psychologisches Wissen und regt zum Nachdenken an – besonders über Kommunikation, Sprache und Identität. Wie gehen wir mit Menschen um, die sich sprachlich nicht (gut) mitteilen können? Welche Auswirkungen hat das auf ihr Selbstwertgefühl? Auch die Glücksforschung nimmt Raum ein, da der Vater sich damit beschäftigte. Die Einblicke in seine Überlegungen fand ich sehr interessant, zudem auch Studienergebnisse eingeflochten wurden. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen erfolgt oft sehr sachlich, was vielleicht nicht jedem Lesetyp zusagen dürfte. Mir gefiel es.

Besonders interessant fand ich zudem die Einblicke in den Umgang mit Autismus in den USA – sowohl gesellschaftlich als auch medizinisch oder strafrechtlich. Einige Aspekte recherchierte ich nach der Lektüre weiter, um sie besser einordnen zu können.

Auch das Thema Migration wird überzeugend dargestellt – insbesondere die Herausforderungen, mit denen Einwandererfamilien und ihre Kinder konfrontiert sind.

Ebenso eindrücklich ist die Schilderung der Belastungen und Herausforderungen, mit denen Familienmitglieder von Menschen mit Behinderungen zu kämpfen haben – sowohl Eltern als auch Geschwister. Schon der Debütroman der Autorin (Miracle Creek- ebenfalls sehr empfehlenswert) hatte mich in dieser Hinsicht sehr bewegt, und auch dieses Werk hat mich wieder sehr berührt.

Fazit:
Ein vielschichtiger, humanistischer Roman, der eine Vermisstensuche, ein Familienporträt und tiefgehende psychologische sowie philosophische Gedanken miteinander verwebt. Er ist spannend, zum Nachdenken anregend und emotional bewegend - und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

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Veröffentlicht am 25.03.2025

Amüsant und berührend

Es geht mir gut
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In diesem kurzen Roman wird die Ehe der Beckets beleuchtet. Es sind die 50er Jahre in den USA. Kathleen und Virgil sind seit 9 Jahren verheiratet und befinden sich in einer Krise. Beide erkennen, dass ...

In diesem kurzen Roman wird die Ehe der Beckets beleuchtet. Es sind die 50er Jahre in den USA. Kathleen und Virgil sind seit 9 Jahren verheiratet und befinden sich in einer Krise. Beide erkennen, dass sie eigentlich in einer Lebenslüge leben, für sich selbst, aber auch in Hinblick auf ihre Ehe. Ihre Lebensträume stehen auf dem Prüfstand und sie werden gezwungen, den verschiedenen Wahrheiten ins Auge zu sehen.

Das las sich für mich amüsant und humorvoll, durchaus auch etwas skurill und schwarzhumorig. Gleichzeitig las es sich ruhig, besinnlich und auch traurig. Die Charaktere von Virgil und Kathleen wurden gut herausgearbeitet, es wurde deutlich, warum sie sich füreinander entschieden haben. Beide suchten Sicherheit und für sich den einfachsten Weg, sie scheuten das Risiko, die Anstrengung. Zugleich wird deutlich, wie oft sie dadurch falsche Entscheidungen getroffen haben, mit Konsequenzen, die sie eigentlich nicht wollten.

Die Komposition und das Setting des Romans gefiel mir gut. Es betrifft einen einzigen Tag und ist kompakt und pointiert geschrieben. Dabei psychologisch interessant, sowohl die Perspektive von Kathleen, als auch die Perspektive von Virgil erhält Raum. Insgesamt gibt es einige Überraschungen sowie ein offenes Ende, was mir gut gefiel.

Man wird durchaus auch angeregt, sein eigenes Leben auf den Prüfstand zu stellen..:)

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Veröffentlicht am 25.03.2025

Aktueller Einblick in die Lebenswelt mexikanischer Frauen

Reservoir Bitches
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In den 13 Kurzgeschichten stehen, oft junge, Frauen im Mittelpunkt. Arbeitsplätze sind rar und die Drogenkartelle (der 5.größte Arbeitgeber in Mexiko!) versprechen mehr Geld, was dringend zum Überleben ...

In den 13 Kurzgeschichten stehen, oft junge, Frauen im Mittelpunkt. Arbeitsplätze sind rar und die Drogenkartelle (der 5.größte Arbeitgeber in Mexiko!) versprechen mehr Geld, was dringend zum Überleben gebraucht wird. Eine der Frauen ist die Tochter eines Drogenbosses, andere sind die Töchter hochrangiger Politiker, eine Frau versucht ihr Glück in einer Näherei an der Grenze zur USA, eine Frau kämpft mit ihrer Schwangerschaft. Man taucht in die jeweiligen Lebenswelten ein und ist nah dran an den Frauen. Alle kommen mit Gewalt, mit männlicher Gewalt in Berührung, nicht alle überleben es. Daneben erfährt man so einiges von der mexikanischen Kultur, über Tänze und Musik (es gibt am Ende eine Playlist), über Mythen und Legenden, über typisches Essen, Mode und vieles mehr.

Manche der sehr aktuellen und heftigen Geschichten sind miteinander verbunden, einige stehen für sich allein. Es liest sich spannend, emotional, tragisch, dramatisch, aber auch nüchtern und pointiert. Die Sprache hat mir sehr gut gefallen, da sie sehr dynamisch und nah an den Menschen ist. Jede der Geschichten mich wirklich tief beeindruckt, begeistert, berührt und erschüttert. Ich war traurig, als das Buch zu Ende war.

Ich kannte nicht viel über Mexiko, aber nach der Lektüre wurde ich angeregt, mehr über Mexiko zu erfahren, über die Kultur, über die aktuelle politische und soziale Situation. Ich wollte wissen, wie relevant die Dinge sind, über die die Autorin schreibt. Das tatsächliche und ungeheure Ausmaß der Femizide, der Drogenkriege, der Korruption sowie der Armut erschreckte mich dann sehr.

Die Autorin selbst hat eine Freundin verloren und besonders die letzte Geschichte "Die Knochensammlerin" berührte mich überaus. "Mexiko ist ein frauenfressendes Monster. Mexiko ist eine Wüste aus Knochenstaub. Mexiko ist ein Friedhof aus rosa Kreuzen. Mexiko ist ein Land, das Frauen hasst." "...der Prozentsatz ungeklärter Frauenmorde ist in Mexiko extrem hoch. Um genau zu sein, liegt er bei 98 Prozent."

Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 08.03.2025

Schafft Verständnis

»Mama, bitte lern Deutsch«
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Ich habe das Hörbuch gehört, das vom Autor selbst sehr gut gesprochen wurde und einfach perfekt passte. Er geht der Frage nach, warum seine Mutter, die schon sehr lange in Deutschland lebt, kaum Deutsch ...

Ich habe das Hörbuch gehört, das vom Autor selbst sehr gut gesprochen wurde und einfach perfekt passte. Er geht der Frage nach, warum seine Mutter, die schon sehr lange in Deutschland lebt, kaum Deutsch spricht. Dadurch geriet er in unliebsame Dolmetschersituationen, die ihn oft überforderten, und manchmal hatte ihr schlechtes Deutsch auch direkte, negative Konsequenzen für ihn.

Die Familie gehört den kurdischen Jesiden an. Der Autor erklärt ein wenig die Besonderheiten ihrer Kultur und Religion. Er erzählt anekdotisch von humorvollen, berührenden und nachdenklich stimmenden Begebenheiten, vor allem aus seiner Grundschul- und Jugendzeit, mit politischen und nichtpolitischen Seitenhieben, aber stets warmherzig. Rassistische und demütigende Situationen berichtet er stellvertretend für viele andere, die ähnlich aufgewachsen sind. Die gingen mir sehr nah.
Er liebt seine Mutter sehr und huldigt ihr mit diesem Werk. Sie hat sich letztlich komplett zugunsten der Familie zurückgenommen und ein Stück weit geopfert. Sie hat nie gewagt zu träumen, sondern einfach funktioniert, ohne sich je zu beklagen.

Manchmal fand ich die Erzählungen etwas ausschweifend und weniger humorvoll, als ich erwartet hatte. Auch habe ich mich gelegentlich gefragt, warum er gerade diese Szenen ausgewählt hat (zum Beispiel die Diebstähle auf den Maisfeldern). Bei manchen Aussagen oder Geschichten hatte ich daher die Sorge, dass sie eher ausländerfeindlich gesonnenen Menschen bestärken. Auch hätte ich mir gewünscht, die Rolle der Frau vielleicht mehr zu hinterfragen.

Insgesamt ist das Hörbuch jedoch unterhaltsam und treffend und vor allem hat Tahsim bei mir ein wirkliches tieferes Verständnis geweckt, wofür ich sehr dankbar bin!

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