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Veröffentlicht am 31.05.2025

Berkels Lehrjahre

Sputnik
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Autobiografische Romane erfreuen sich seit Jahren ungebrochener Beliebtheit – längst haben sich einige Werke dieses Genres herauskristallisiert, die eine große Anhängerschaft gewinnen konnten. In dieser ...

Autobiografische Romane erfreuen sich seit Jahren ungebrochener Beliebtheit – längst haben sich einige Werke dieses Genres herauskristallisiert, die eine große Anhängerschaft gewinnen konnten. In dieser literarischen Tradition legt nun auch Christian Berkel mit „Sputnik“ einen weiteren autobiografisch gefärbten Roman vor, der sich deutlich stärker als seine Vorgänger „Der Apfelbaum“ und „Ada“ auf die eigene Person konzentriert. Statt primär die deutsche Geschichte oder die jüdische Herkunft seiner Mutter in den Mittelpunkt zu stellen, steht diesmal Berkels persönlicher Werdegang im Fokus – insbesondere sein Weg zum Schauspieler.
Die Leser erfahren viel über Berkels Kindheit, seine Eltern und seine abwesende Schwester. Zentrale Station des Romans ist jedoch Berkels Zeit in Frankreich, wo er die Grundlagen seiner späteren Schauspielkunst erlernt. Dieser Abschnitt nimmt viel Raum ein und wirkt beinahe wie das Herzstück des Buches.
Wie prominente Vorbilder vor ihm – man denkt unweigerlich an Joachim Meyerhoff – öffnet sich Berkel seinen Lesern und gewährt intime Einblicke in familiäre und persönliche Erfahrungen, ohne sich dabei selbstgefällig zu inszenieren. Trotz der Ich-Perspektive wahrt der Text eine gewisse Distanz, die es erlaubt, sich nicht nur mit Berkel, sondern auch mit den Menschen um ihn herum zu identifizieren.
Themen wie der Zweite Weltkrieg, die jüdische Identität seiner Mutter und sein eigenes Aufwachsen als sogenannter „Halb-Jude“ durchziehen das Buch zwar, dominieren es jedoch nicht. Eine Ausnahme bildet das Ende des Romans: Eine intensive Familiendebatte über die NS-Vergangenheit nimmt sowohl thematisch als auch stilistisch eine Sonderstellung ein – die Szene ist wie ein Theaterstück aufgebaut und in ihrer Genauigkeit auffallend detailliert. Im restlichen Roman streift der Roman viele Stationen von Berkels Leben eher flüchtig – vom Kind bis zum jungen Erwachsenen galoppiert die Erzählung stellenweise im Eiltempo, was zwar auf der einen Seite eine gewisse Dynamik schafft, auf der anderen Seite aber zu Lasten der Tiefe geht. Im Vergleich zu mehrbändigen Lebensläufen, wie sie in diesem Genre nicht selten zu finden sind, fehlt es daher oftmals an narrativer Dichte.
Trotzdem bleibt „Sputnik“ eine lesenswerte Lektüre, die auf engem Raum faszinierende Einblicke in ein Künstlerleben bietet. Leser von Berkels früheren Büchern werden auch diesmal nicht enttäuscht sein – auch wenn das Werk am Ende nicht mit Joachim Meyerhoffs gekonntem Wechsel zwischen Humor, Ernst und Selbstreflexion oder gar der literarischen Qualität von Karl Ove Knausgard mithalten kann.

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Veröffentlicht am 22.04.2025

Starker Start, dann driftet der Roman zu sehr ab

Wenn die Tage länger werden
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Anne Sterns Roman „Wenn die Tage länger werden“ beginnt als intensive Innenschau einer Frau am Rande ihrer Kräfte. Lisa, eine alleinerziehende Musiklehrerin, jongliert zwischen Schulalltag und der Erziehung ...

Anne Sterns Roman „Wenn die Tage länger werden“ beginnt als intensive Innenschau einer Frau am Rande ihrer Kräfte. Lisa, eine alleinerziehende Musiklehrerin, jongliert zwischen Schulalltag und der Erziehung ihres Sohnes – eine Aufgabe, die ihr kaum Raum für eigene Bedürfnisse lässt. In kurzen, prägnanten Aussagesätzen zeichnet Stern das Porträt einer Frau, die sich selbst über Jahre hinweg vergessen hat – mitsamt ihren Träumen, insbesondere jenem, eine professionelle Violinistin zu werden.
Diese bedrückende, aber überaus realistische Darstellung weiblicher Selbstaufopferung ist das große Pfund des Romans – zumindest in seiner ersten Hälfte. Stern gelingt es, mit hoher Sensibilität und sprachlicher Klarheit die erschöpfte Lebensrealität vieler Frauen einzufangen, ohne ins Klagende abzudriften.
Doch mit Beginn der Sommerferien erfährt die Erzählung eine abrupte Wende: Lisa gibt ihren Sohn für einige Wochen in die Obhut seines Vaters und gewinnt dadurch zum ersten Mal seit Jahren Zeit für sich selbst. Als sie ihre geerbte Geige zur Reparatur bringt, öffnet sich nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein historisches Fenster. Der Roman wechselt nun in eine Spurensuche, die über die Geschichte der Geige zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs führt.
Diese zweite Hälfte wirkt jedoch weniger kohärent. Der Fokus verlagert sich von Lisas emotionaler Innenwelt zu einer losen und stellenweise konstruiert wirkenden Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Die Verbindungen zwischen Lisa, der Geige und deren Geschichte erscheinen oft zufällig und lassen den sorgfältigen Aufbau der ersten Kapitel seltsam wirkungslos, wenn gar überflüssig erscheinen. Fragen nach Identität, Verantwortung und persönlicher Entwicklung werden zugunsten eines zunehmend unterhaltungsorientierten Plots nur oberflächlich gestreift.
Was als vielversprechende Reflexion über moderne Mutterschaft und weibliche Selbstverwirklichung beginnt, verliert sich zunehmend in einer etwas beliebig wirkenden Vergangenheitsgeschichte. Die Tiefe des Auftakts wird nicht gehalten, die Themen der Überforderung und Selbstfindung weichen einer Story, die mehr auf Spannung als auf Relevanz setzt.
Als reiner Unterhaltungsroman erfüllt „Wenn die Tage länger werden“ seine Funktion – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenngleich der Anfang deutlich mehr versprach.

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Veröffentlicht am 12.04.2025

Ein Spiel mit Erinnerung, Wahrheit und literarischer Fiktion

Das Haus der Türen
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Mit „Das Haus der Türen“ legt Tan Twan Eng einen Roman vor, der sich zwischen Fiktion und Wirklichkeit bewegt. Im Zentrum der Handlung steht kein Geringerer als der berühmte englische Schriftsteller W. ...

Mit „Das Haus der Türen“ legt Tan Twan Eng einen Roman vor, der sich zwischen Fiktion und Wirklichkeit bewegt. Im Zentrum der Handlung steht kein Geringerer als der berühmte englische Schriftsteller W. Somerset Maugham, der hier zumeist schlicht „Willie“ genannt wird. Im Jahr 1921 besucht er mit seinem Sekretär Malaysia, zu einer Zeit, in der er zwar weltweiten Ruhm genießt, jedoch mit erheblichen finanziellen Problemen zu kämpfen hat – eine fatale Fehlinvestition zwingt ihn dazu, dringend neues literarisches Material für einen Kurzgeschichtenband zu finden. Es ist der Beginn eines Spiels mit Erinnerung, Wahrheit und literarischer Fiktion.
Willie ist zu Gast bei Lesley Hamlyn und ihrem Ehemann Robert. Während Robert durch seine gesellschaftlichen Verpflichtungen häufig abwesend ist, verbringen Willie und Lesley viel Zeit miteinander. Die anfangs unverbindlichen Gespräche zwischen Gastgeberin und Gast nehmen zunehmend eine tiefere Wendung, als Lesley beginnt, ihre Vergangenheit zu offenbaren. Dabei geht es nicht nur um ihre persönliche Geschichte, sondern auch um heikle politische und gesellschaftliche Themen der damaligen Zeit: Unterstützung chinesischer Rebellen, Affären beider Eheleute und insbesondere das dramatische Schicksal ihrer Freundin Ethel, die wegen Mordes an ihrem Mann vor Gericht stand.
Tan Twan Eng gelingt es, diese Enthüllungen als gezielte literarische Strategie Lesleys darzustellen – sie füttert den erfolgsverwöhnten, aber ideenlosen Maugham bewusst mit Material. Der Schriftsteller, geplagt von Selbstzweifeln und dem Druck, einen neuen Bestseller zu liefern, wird zur Projektionsfläche für ihre Geschichten. Dass sich diese nicht nur im Roman, sondern auch im realen Werk Maughams wiederfinden, verleiht dem Buch eine reizvolle Doppelbödigkeit: „Das Haus der Türen“ balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen historischer Realität und erzählerischer Ausschmückung.
Die größte Stärke des Romans liegt zweifelsohne in der ruhigen, feinfühligen Erzählweise, mit der Tan Twan Eng die Atmosphäre des Hauses der Hamlyns schildert. Die Handlung schreitet gemächlich voran, begleitet von den täglichen Ritualen der Figuren, ihren abendlichen Drinks, dem rhythmischen Dahinfließen ihrer Gespräche. Fast wie eine Urlaubslektüre lässt sich der Roman anfangs lesen – wohltuend entschleunigt, dabei stets getragen von einer leisen Melancholie. In dieser Stimmung entfaltet sich eine große Nähe zu den Figuren, deren innere Konflikte und Ambivalenzen Tan Twan Eng mit großem Feingefühl offenlegt. Besonders Willie erscheint als komplexer Charakter: selbstbewusst und zugleich verunsichert, berühmt, aber gezeichnet von existenziellen Sorgen, getrieben von der Angst vor dem kreativen Stillstand.
Doch nach etwa einem Drittel des Romans verändert sich der Ton merklich. Mit Lesleys Rückblick auf ihre Vergangenheit beginnt ein zweiter, dramatischerer Erzählstrang, der mit politischen Aufständen, Rebellion, Mord und Verrat aufwartet. Zwar vermag Tan Twan Eng auch diese Passagen souverän zu gestalten, doch sie rauben dem Roman seine bis dahin besondere Qualität – nämlich die stille Intimität, das psychologische Gespür für Zwischentöne. Stattdessen dominieren handlungsreiche Rückblicke, die in ihrer Art eher solide als herausragend wirken. Ethels Geschichte, so tragisch sie auch sein mag, bleibt im Vergleich zur Auseinandersetzung mit Maughams innerer Zerrissenheit eher konventionell und in Teilen zu langatmig.
Diese stilistische und inhaltliche Zäsur reißt den Roman gewissermaßen entzwei. Man hat das Gefühl, zwei Bücher auf einmal zu lesen: eine fein komponierte, literarische Momentaufnahme auf der einen Seite und ein historisch-politisches Drama auf der anderen. Beide Teile für sich genommen haben ihre Qualitäten – gemeinsam aber harmonieren sie nur bedingt. Die Rückblicke unterbrechen den erzählerischen Fluss der Haupthandlung, und obwohl sie wichtige Kontextualisierung bieten, hätte ihnen eine stärkere Straffung gutgetan.
Auch das Ende des Romans wirkt überladen. Anstatt in der Gegenwart der Erzählung zu verbleiben und Maughams Besuch in Malaysia ruhig ausklingen zu lassen, springt Tan Twan Eng plötzlich in die Zukunft, als wolle er noch schnell ein finales Resümee nachreichen. Dieser abrupte Zeitsprung wirkt überhastet und stört die zuvor so fein aufgebaute Atmosphäre. Gerade weil der Roman auf knapp 350 Seiten genügend Raum gehabt hätte, um seine Themen organisch auszuerzählen, erscheint dieser Abschluss unnötig forciert.
„Das Haus der Türen“ ist ein lesenswerter Roman, vor allem wegen seiner ersten Hälfte, in der sich Tan Twan Eng auf das konzentriert, was er besonders gut beherrscht – das Spiel mit Figuren, Spannungen und psychologischer Tiefe auf engem Raum. Die leisen Beobachtungen, die klugen Dialoge und das Porträt eines Schriftstellers in der Krise hinterlassen Eindruck. Umso bedauerlicher ist es, dass der Roman am Ende den Mut verliert, sich auf diese Stärken zu verlassen, und stattdessen in konventionellere Gefilde ausweicht.
Vielleicht hätte Das Haus der Türen als kürzere Novelle – mit einem Umfang von 150 bis 200 Seiten – sein volles Potenzial entfalten können. So aber bleibt ein Werk, das in Teilen glänzt, insgesamt jedoch etwas unausgewogen wirkt – lesenswert, aber nicht unvergesslich.

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Veröffentlicht am 25.03.2025

Mimos steiniger Weg

Was ich von ihr weiß
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Am 1. April 2025 bringt der Luchterhand Literaturverlag den mit dem Prix Goncourt 2023 ausgezeichneten Roman "Was ich von ihr weiß" des französischen Autors Jean-Baptiste Andrea endlich auch in deutscher ...

Am 1. April 2025 bringt der Luchterhand Literaturverlag den mit dem Prix Goncourt 2023 ausgezeichneten Roman "Was ich von ihr weiß" des französischen Autors Jean-Baptiste Andrea endlich auch in deutscher Übersetzung heraus. Dieses literarische Werk, das sich als ambitioniertes Epos über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts versteht, vereint mehrere Genres in sich: Es ist zugleich Künstlerroman, Historienbuch, Bildungs- und Gesellschaftsroman – ein komplexes Unterfangen, das hohe Erwartungen weckt.
Im Zentrum der erzählten Geschichte steht Michelangelo Vitaliani, kurz Mimo, der in bescheidenen Verhältnissen aufwächst und schon früh mit der Bildhauerei in Berührung kommt. Sein Talent offenbart sich schnell, doch der Weg an die Spitze ist lang und voller Rückschläge. Mimo hat nicht nur mit Armut zu kämpfen, sondern muss sich auch gegen Anfeindungen seiner Umgebung zur Wehr setzen. Als Kleinwüchsiger hat er es in dem körperlich anstrengenden Beruf des Bildhauers schwerer als andere. Trotz zahlreicher Rückschläge und Phasen des Scheiterns behauptet er sich schließlich und avanciert zu einem gefeierten und begehrten Künstler.
Eine zentrale Rolle im Roman spielt auch Viola, die Mimo während eines Bildhauerauftrags in ihrer gemeinsamen Kindheit kennenlernt. Im Gegensatz zu ihm stammt sie aus wohlhabenden Verhältnissen, empfindet ihre Startbedingungen jedoch keineswegs als ideal. Als junge Frau im frühen 20. Jahrhundert fühlt sie sich von den gesellschaftlichen Erwartungen eingeengt und strebt nach größerer Freiheit. Ihr Traum, das Fliegen zu lernen, symbolisiert ihren Wunsch nach Unabhängigkeit. Gemeinsam mit Mimo widmet sie sich in ihrer Jugend der Erforschung und dem Bau von Flugmaschinen, doch ihre Bemühungen enden tragisch in einem schweren Unfall.
Jean-Baptiste Andrea erzählt die Geschichte von Mimo und Viola über viele Jahre hinweg. Der Roman verweilt lange in der Kindheit und Jugend der Protagonisten, bevor er sich Mimos Reifeprozess als junger Mann widmet und schließlich zum Wiedersehen der beiden nach vielen Jahren springt. Die latente Liebesgeschichte zwischen Mimo und Viola wird dabei immer wieder von langen Trennungen und den Wirren der Zeitgeschichte unterbrochen. Die politischen Entwicklungen, insbesondere die beiden Weltkriege, bilden den Hintergrund der Handlung, geraten jedoch erst im letzten Drittel des Romans in den Vordergrund. Hier wird Mimo unmittelbar in die politischen Fronten verwickelt, was der Geschichte eine zusätzliche Dimension verleiht.
Bis dahin bleibt der Roman jedoch überraschend einfach gestrickt. Wer anhand des Klappentextes eine tiefgehende Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen erwartet, könnte zunächst enttäuscht sein. Der Schwerpunkt liegt vor allem auf der Schilderung von Mimos Kindheit, seiner Ausbildung in der ersten Werkstatt, seiner Freundschaft mit Viola und seinem kämpferischen Streben nach einem Platz in der Welt. Auch die Figur Viola, die aufgrund ihres rebellischen Wesens und ihrer Suche nach Freiheit eine vielversprechende Protagonistin hätte sein können, bleibt eher im Hintergrund. Sie wird zur Nebenfigur degradiert, während Mimos Lebensweg klar im Mittelpunkt steht.
Dieser Fokus auf Mimo und die teilweise nur oberflächliche Behandlung der anderen Themen führen dazu, dass "Was ich von ihr weiß" insgesamt weniger komplex wirkt, als man es von einem Prix-Goncourt-Gewinner erwarten würde. Der Roman erinnert stellenweise fast an einen Trivialroman, wenngleich er auf einem höheren Niveau unterhält. Jean-Baptiste Andreas Stärke liegt vor allem in der erzählerischen Gestaltung der Geschichte selbst – mit spannenden Wendungen, viel Tragik, Leidenschaft und Drama – weniger jedoch in der Tiefe seiner Themen. Diese bleiben oft unausgearbeitet und bieten wenig neue Einsichten.
Auch die Darstellung von Mimos Ausbildung und Leben als Bildhauer ist zwar zweckmäßig und zufriedenstellend, aber nur bedingt authentisch. Zwar fügen sich historische Details sauber in die Handlung ein, doch die Darstellung des Handwerks und der Zeit bleibt insgesamt eher durchschnittlich. Mimo ist eine vielschichtige Figur, der man gerne durch die Geschichte folgt, doch über die Stationen seines Lebens hinaus fehlt ihm das gewisse Etwas, das eine tiefere Auseinandersetzung mit seinem Charakter spannend machen würde. Dasselbe gilt für Viola, die trotz ihres Potentials nicht über die Rolle einer Nebenfigur hinauskommt.
Als Unterhaltungsroman kann "Was ich von ihr weiß" dennoch überzeugen. Die spannende Geschichte, die zahlreichen dramatischen Wendungen und die tragischen Momente dürften viele Leser ansprechen und bis zum Schluss fesseln. Wer jedoch auf eine tiefere Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und politischen Themen der Zeit hofft, könnte eher ernüchtert sein. Jean-Baptiste Andreas Roman bleibt hinter seinen Erwartungen zurück und bietet letztlich wenig neue Erkenntnisse in seinen zentralen Themen.

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Veröffentlicht am 07.03.2025

Eine Unterhaltung, die im Zug Fahrt aufnimmt

In einem Zug
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Daniel Glattauers Roman "In einem Zug", der am 13. Januar 2025 bei Dumont erschienen ist, kann in vielerlei Hinsicht als eine Rückbesinnung auf die größten Stärken des Autors angesehen werden. Wie bereits ...

Daniel Glattauers Roman "In einem Zug", der am 13. Januar 2025 bei Dumont erschienen ist, kann in vielerlei Hinsicht als eine Rückbesinnung auf die größten Stärken des Autors angesehen werden. Wie bereits in seinem Bestseller "Gut gegen Nordwind" gelingt es Glattauer erneut, eine eindringliche Erzählung auf engstem Raum zu inszenieren, die durch ihre Dialogführung beeindruckt.
Die Handlung ist denkbar simpel: Eduard Brünhofer, ein gefeierter Autor von Liebesromanen, sitzt im Zug nach München einer jungen Frau, Catrin, gegenüber. Und sie beginnen eine Unterhaltung. Was als belangloses Gespräch beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer tiefgehenden Konversation, in der sich die beiden Fremden mit einer erstaunlichen Offenheit begegnen. Der Leser wird Zeuge eines sich entfaltenden Dialogs, in dem Eduard und Catrin sich gegenseitig Einblicke in ihre innersten Gedanken und Gefühle gewähren.
Glattauer bleibt seinem Stil treu und erschafft eine beeindruckende Charakterzeichnung allein durch die Worte seiner Figuren. Die gesamte Handlung entfaltet sich fast ausschließlich in der Unterhaltung zwischen den beiden, nur unterbrochen von kurzen, reflektierenden Einschüben. Die Konservation nimmt bald an Intensität zu, begünstigt auch durch den Genuss von etwas Wein. Eduards anfängliche Zurückhaltung weicht einem immer offeneren Gespräch, in das Catrin sich mehr und mehr einbringt.
Die Metaphorik der Zugfahrt als Sinnbild für den fortlaufenden Gesprächsfluss ist brillant gewählt: So wie der Zug zwischen den Stationen nicht anhalten kann, so scheinen auch Eduard und Catrin sich nicht mehr aus ihrem Gedankenaustausch lösen zu können. Sie springen von Thema zu Thema, tasten sich langsam an immer intimere Geständnisse heran und verlieren sich schließlich ganz in ihrem Dialog.
Glattauer versteht es, seine Leser zu fesseln, auch wenn sich die gesamte Handlung auf den begrenzten Raum einer Zugkabine beschränkt. Die emotionale Tiefe und die kunstvolle Sprachführung machen "In einem Zug" zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis. Zwar mag die eine oder andere dramaturgische Wendung am Ende etwas unnötig erscheinen, doch beeinträchtigt dies nicht die Gesamtharmonie des Romans. Fans von "Gut gegen Nordwind" werden an diesem Werk große Freude haben.

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