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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.05.2025

Aufstieg und Fall in der Kultur- und Medienlandschaft

Der Einfluss der Fasane
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Hella Renata Karl ist Feuilletonchefin einer Berliner Zeitung und sorgte kürzlich mit einem vernichtenden Artikel über den Theaterintendanten Kai Hochwerth für dessen Karriereende. Nach seinem spektakulären ...

Hella Renata Karl ist Feuilletonchefin einer Berliner Zeitung und sorgte kürzlich mit einem vernichtenden Artikel über den Theaterintendanten Kai Hochwerth für dessen Karriereende. Nach seinem spektakulären Suizid in der Sydney Opera in Australien brach ein Shitstorm über Hella herein. Anfangs hoffte sie noch, dass die Wogen sich schnell glätten würden, doch schließlich wurde sie von ihrer Zeitung freigestellt. Die gleichen Menschen, die von ihr eine Steigerung der Auflage gefordert hatten und sie erst zum Verfassen des reißerischen Artikels getrieben hatten, ließen sie jetzt im Stich. Für Hella, die ihr ganzes Leben ihrer Karriere untergeordnet hat, ist das nicht hinnehmbar. Nach ersten Zweifeln, ob sie tatsächlich Schuld am Tod Hochwerths trägt, beginnt sie, um ihre Rehabilitation zu kämpfen. Sie nutzt ihre Kontakte, um entlastende Informationen zu sammeln.
Da die Handlung ausschließlich aus Hellas Perspektive und ihren Gedanken erzählt wird, offenbaren sich hier auch unangenehme Charakterzüge. Hella denkt voller Verachtung über die Menschen, die ihr nützlich sind, und hat keinerlei Skrupel, sie für ihre eigenen Interessen einzusetzen. Auch in ihrem Privatleben lässt sie keine echte Nähe zu. Obwohl sie seit Jahren mit T. zusammenlebt, dessen Name nur abgekürzt wird, steht für Hella die sexuelle Beziehung im Vordergrund. Als sie schließlich doch mehr Nähe und Unterstützung sucht, ist es bereits zu spät.
Die Buchpreisträgerin von 2021 überzeugt auch in ihrem neuesten Roman sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Besonders beeindruckend ist, dass der Lesefluss trotz der vielen eleganten und anspruchsvollen Formulierungen nicht beeinträchtigt wird. Die Charaktere, vor allem Hella und Kai Hochwerth, werden langsam entwickelt. Ihr familiärer Hintergrund ist vergleichbar: Beide haben sich in einem Bereich hochgearbeitet, zu dem sie ursprünglich keinen Zugang hatten. Trotz des anklagenden Zeitungsartikels pflegen sie in der Vergangenheit eher einen freundschaftlichen Umgang. Sympathieträger sind beide nicht unbedingt, doch im Gegensatz zu Hochwerth hat sich Hella keiner wirklichen Verfehlung schuldig gemacht.
Der Kulturbetrieb wird vielleicht etwas zu plakativ dargestellt, obwohl ähnliche Vorfälle von Machtmissbrauch in der Realität hinreichend bekannt sind.
„Der Einfluss der Fasane“ ist ein lesenswerter Roman, der sowohl sprachlich anspruchsvoll als auch angenehm leicht zu lesen ist. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die sich aus eigener Kraft eine bemerkenswerte Karriere aufgebaut hat – in einer Welt, in der Ruhm und Absturz eng beieinanderliegen.

Veröffentlicht am 31.05.2025

Spannender, brandaktueller Auftakt einer Polit-Thriller-Trilogie

Echokammer
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Fünfunddreißig Tage vor der Parlamentswahl in Norwegen werden durch Zufall Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat mit Rizin gefunden. Die aus Oslo stammende Polizistin Liselott Benjamin muss mit dem ...

Fünfunddreißig Tage vor der Parlamentswahl in Norwegen werden durch Zufall Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat mit Rizin gefunden. Die aus Oslo stammende Polizistin Liselott Benjamin muss mit dem zwielichtigen Martin Tong, einem in der Vergangenheit anerkannten Anti-Terror-Ermittler, möglichst unauffällig das Schlimmste verhindern.
Parallel dazu arbeitet das Team um Christina Nielsen daran, ihr als Spitzenkandidatin der Arbeiterpartei zum Sieg zu verhelfen. Unterstützt wird sie dabei von Jens Meidell, der ihr als juristischer Berater zur Seite steht.

Der erste Fall für Benjamin und Tong zählt in zwei Parallelsträngen in einer Art Countdown bis zur Wahl herunter. Sehr glaubwürdig werden die Vorgänge hinter den Kulissen im Wahlkampf beschrieben, die politischen Ränkespiele und das Bedienen von Ängsten und Vorurteilen bei potenziellen Wählern.
Beängstigend vorstellbar ist die Bedrohung durch rechtsextreme Terrorgruppen, die soziale Medien sehr effektiv nutzen und bereit sind, durch Giftgasanschläge skrupellos Menschenleben zu opfern.

Der persönliche Hintergrund der Hauptprotagonist:innen spielt zwar eine Rolle, wird der Gesamthandlung aber wohltuend untergeordnet.

Echokammer ist ein gutgeschriebener, beklemmend realistischer Auftakt einer Reihe, die ich sicher weiterverfolgen werde.

Veröffentlicht am 22.05.2025

Gut konstruiert und wendungsreich

Ein ungezähmtes Tier
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Der mittlerweile achte Roman von Joël Dicker ist ähnlich aufgebaut wie seine bisherigen Bücher. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: Sophie und Arped Braun, verheiratet, zwei Kinder, Anwältin und Banker. ...

Der mittlerweile achte Roman von Joël Dicker ist ähnlich aufgebaut wie seine bisherigen Bücher. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: Sophie und Arped Braun, verheiratet, zwei Kinder, Anwältin und Banker. Karine und Greg Liegean, Verkäuferin und Polizist. Zwei Familien mit unterschiedlichen Lebensstilen, mit ihren jeweiligen Geheimnissen, die sich anfreunden.

Sophie feiert demnächst ihren vierzigsten Geburtstag und scheint alles zu haben, was als erstrebenswert gilt. Doch wie immer bei Joël Dicker ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Am 2. Juli 2022 findet ein minutiös geplanter, spektakulärer Raubüberfall auf einen Juwelier statt. Dieser Überfall ist der Zeitmesser in dem Roman.

In Zeitsprüngen nähert sich der Autor in teils sehr kurzen Kapiteln aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Auflösung. Mal spielt die Handlung kurz vor dem Raub, mal danach und sie geht sogar um Jahre zurück in die Vergangenheit.
Nach bekanntem Muster hat Joël Dicker einen sehr spannenden, wendungsreichen Roman geschrieben, der sehr angenehm zu lesen ist.

Vielleicht nicht sein bestes Buch, aber trotzdem sehr clever konstruiert. Für mich verdient der Roman damit immer noch eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 09.04.2025

Unterhaltsamer Einblick in den Alltag der Langzeitpflege

Das Herz kennt keine Demenz
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In leichtem Ton berichtet Jim Ayag von seinem Werdegang und schildert den Alltag im Pflegeheim. Auf Umwegen hat er die Altenpflege als seine Berufung entdeckt, obwohl er genau diesen Berufszweig für sich ...

In leichtem Ton berichtet Jim Ayag von seinem Werdegang und schildert den Alltag im Pflegeheim. Auf Umwegen hat er die Altenpflege als seine Berufung entdeckt, obwohl er genau diesen Berufszweig für sich immer als unvorstellbares Tätigkeitsfeld abgelehnt hat. Damit nicht genug, ausgerechnet die Arbeit mit dementen Menschen liegt ihm besonders am Herzen.

Anhand vieler Einzelbeispiele vermittelt er ein stimmiges Bild von den Menschen und Situationen, mit denen er zu tun hat. Frau Tippelkamp ist der Name, den er für alle Bewohnerinnen verwendet, obwohl es sich nicht um eine einzelne Person handelt.

Jim Ayag verschweigt nicht, dass es auch unangenehme und schwierige Situationen gibt, aber er betont die Anteile, die meist nicht gesehen werden. Altenpflege ist eben nicht nur Körperpflege, es gibt viele berührende Momente, auch wenn der Zeitdruck enorm ist.

Wichtig ist, die Menschen mit ihrer Biografie und in ihrer aktuellen Verfassung ernst zu nehmen und Mitgefühl zu haben. Er gibt etliche Beispiele, die im Umgang mit dementen Menschen aus Unwissenheit zu Problemen führen, die es nicht geben müsste. So ist es nicht notwendig, in Erzählungen Fehler zu korrigieren oder ständig zu widersprechen. Damit verunsichert man einen desorientierten Menschen zusätzlich. Gerade Angehörigen fällt es aber schwer, das zu akzeptieren.

Neben der Schilderung der Arbeit mit den zu Pflegenden wirbt Jim Ayag auch für ein anderes Miteinander der Beschäftigten in der Pflege. Gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichen Professionen sowie der geleisteten Arbeit der Kolleg:innen müssen an die Stelle von Geringschätzung und Abwertung treten.

Die Überalterung der Gesellschaft mit der sicheren Zunahme von pflegebedürftigen und dementen Menschen wird zu einem riesigen Problem in der Betreuung führen, wenn nicht aktiv gegengesteuert wird. Ein anderes Bewusstsein und mehr Wertschätzung für Menschen am Ende des Lebens ist eine zentrale Forderung in diesem Buch.

Mich haben etliche Beispiele und Forderungen in diesem Buch sehr nachdenklich gestimmt, bei anderen musste ich lachen, weil ich ähnliche Situationen erlebt habe.

Als Einstieg in das Thema und für Angehörige, die betroffen sind, kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen. Es ist kein wissenschaftliches, trockenes Sachbuch, sondern ein leicht lesbarer Einblick eines Praktikers in den Alltag der Langzeitpflege.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.01.2025

Von der Zweckgemeinschaft zur Wahlfamilie auf Zeit

Wohnverwandtschaften
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Constanze ist Zahnärztin und hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, weil sie noch nicht bereit ist, sich endgültig festzulegen. Weil sie in Hamburg keine Wohnung findet, greift sie zu einer ungewöhnlichen ...

Constanze ist Zahnärztin und hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, weil sie noch nicht bereit ist, sich endgültig festzulegen. Weil sie in Hamburg keine Wohnung findet, greift sie zu einer ungewöhnlichen Notlösung und zieht in eine WG.
Jörg, der Wohnungseigentümer, ist 68 und trauert seiner verstorbenen Frau nach. Um eine große Reise zu finanzieren, hat er zwei Zimmer bereits an Anke, eine 53jährige Schauspielerin ohne Engagement und Murat, einen IT-Experten vermietet. Er war es auch, der Constanzes Wohnungsgesuch gelesen und seine Mitbewohner:innen überredet hat, sie in die Wohnung aufzunehmen. Besonders Anke tut sich schwer damit, eine weitere Frau in dem eingespielten WG-Alltag zu akzeptieren.
Bindeglied in dieser ungewöhnlichen WG ist eindeutig der immer gutgelaunte, fürs leibliche Wohl zuständige Murat. Aus dem selbst angebauten Gemüse zaubert er die gemeinsamen Mahlzeiten der vier Bewohner:innen. Er schafft es auch, dass die eher konservative Constanze etwas lockerer wird und es gar nicht mehr so wichtig findet, schnell eine eigene Wohnung zu finden. Aber natürlich bleibt es nicht so unbeschwert, denn Anke hat zunehmend auch finanzielle Probleme und Jörg wird nach einer OP immer vergesslicher.

Zwei Jahre lang begleitet man diese vier Menschen, die der Zufall zu einer Gemeinschaft zusammengefügt hat. Es gibt die gemeinsamen Szenen, in denen aus der Sicht aller erzählt wird. Meist sind es aber Szenen aus der Sicht der einzelnen WG-Mitglieder, die auch stilistisch so beschrieben sind, dass die Charaktere sich deutlich unterscheiden und ihre aktuellen Gedanken, Gefühle und Sorgen fühlbar werden.
Jörg, der so große Pläne hat und seiner geliebten Brigitte nachtrauert. Der dann immer mehr vergisst, als Journalist Worte nicht findet und schließlich zunehmend Hilfe benötigt.
Murat, der das Leben liebt und genießen will, ein bisschen oberflächlich wirkt und von den Veränderungen emotional doch am meisten mitgenommen wird.
Anke, die leidet, weil sie aufgrund ihres Alters keine Engagements bekommt und dann doch neue Perspektiven für sich findet. Gleichzeitig aber auch die ist, die lange Zeit die größte Last in der WG trägt.
Constanze, die eher spröde und ein bisschen spießig ist. In der WG taut sie auf, wird Teil dieser Gemeinschaft aus Menschen, die sie normalerweise wohl so nie in ihr Leben gelassen hätte.

Trotz des durchaus ernsten Hintergrundes liest sich Wohnverwandtschaften leicht und unterhaltsam, ein Buch, das auch Hoffnung macht. Der zweite Roman der Autorin, den ich gelesen habe, wird sicher nicht mein letzter von ihr sein. Eindeutige Leseempfehlung!