Die Bedeutung von Zuhause
Die Unbehausten„Nur unter Zwang lässt sich ein Wesen dazu bringen, unbehaust zu leben.“
„Unbehaust stehen wir im hellen Licht des Tages.“
„Unbehaust fühlen wir uns dem Tod ausgesetzt.“
Und genau das lese ich in diesem ...
„Nur unter Zwang lässt sich ein Wesen dazu bringen, unbehaust zu leben.“
„Unbehaust stehen wir im hellen Licht des Tages.“
„Unbehaust fühlen wir uns dem Tod ausgesetzt.“
Und genau das lese ich in diesem Buch. Wir alle suchen nach Schutz und Unterschlupf, einem Ort, an dem wir uns sicher und geborgen fühlen. Ein Zuhause. Gleich, ob wir uns mit Menschen umgeben, die uns nahe stehen oder das zuhause in einem Dach über dem Kopf sehen. Barbara Kingsolver hat diese Idee von „Zuhause“ anhand eines baufälligen Hauses dargestellt, zu zwei unterschiedlichen Zeiten, zwei beeindruckenden Persönlichkeiten Schutz bietend.
Worum geht es genau?
Um Willa Knox scheint alles zusammenzubrechen - samt ihres Hauses. Trotzdem versucht sie inmitten eines zänkischen, schwerkranken Schwiegervaters, eines Kleinkinds, eines trauernden Vaters und ihrer Tochter die Familie zusammenzuhalten. 150 Jahre zuvor kämpft Thatcher, Darwinist und Naturkundelehrer, für die Aufklärung und gegen die Engstirnigkeit der Menschen. An seiner Seite die eigenbrötlerische Naturforscherin Mary Treat, mit der er mehr und mehr Zeit verbringt.
Das ist mein zweiter Roman von Barbara Kingsolver, und er hat sich bei mir zum richtigen Pageturner entwickelt. Das war eine regelrechte Sogwirkung, dass das Buch - das Haus! - mit seinen knarrenden Dielen und seinem bröckelnden Putz auf mich ausgeübt hat. Ich wollte immer wieder zurück zu dem bunten Strauß an Menschen, denen es eine Heimat bot und zu deren Leben, die sie unter dem Dach (undicht!) führten. Eines verband sie - dieses viktorianische Haus und das dringende Bedürfnis nach einem soliden Zuhause. Danach streben die meisten Menschen, oder? Nach einem Ort, zu dem sie zurückkehren können. An dem sie sich sicher und geborgen fühlen können - und dieses Grundbedürfnis und gleichzeitig die fundamentale Angst hat die Autorein zum Thema von „Die Unbehausten“ gemacht - und in einer unglaublichen Art erzählt, die mir unter die Haut ging.
Ich bin Willa, Schwiegertochter, Mutter, Großmutter, Ehefrau, Pflegeperson, ebenso gerne und gespannt gefolgt wie Thatcher. Ihre Leben grundverschieden - und doch stimmen sie an einigen Punkten überein. Willa ist stark - und gleichzeitig schöpft sie Stärke aus ihrer Tochter Tig, die sie erst in ihrer gemeinsamen Notlage wirklich versteht. Gleichzeitig durchleuchtet Kingsolver das amerikanische Gesundheitssystem und die politische Ausrichtung. Ein Gespräch von Mutter und Tochter an einem sehr ungewöhnlichen Ort ist mir hierbei besonders im Gedächtnis geblieben - thematisch ging es um die sich verändernde Realität, der wir ins Auge blicken müssen. Unglaublich gut geschrieben und auf den Punkt gebracht.
Thatcher hat mit anderen Themen zu kämpfen (der sturen Religiosität an Schulen und der Angst vor der Wissenschaft, die wir heute als Alltäglichkeit wahrnehmen.)
Willa wie Thatcher leben in Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit. Ich lege das Buch mit leichtem Unbehagen bei Seite. Denn wir leben in Willas Zeiten, in Zeiten von Umbruch und bröckelnder Sicherheit - das war ein sehr intensives Leseerlebnis, das mich durch die Seiten hat fliegen lassen. Eine absolute Leseempfehlung von mir.