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Veröffentlicht am 16.06.2024

Gelungene Fortführung von Mark Twains „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“

James
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„James“ ist ein Buch, dass in sehr intelligenter und kreativer Weise in den Streit um Cancel Culture, Vogueness und politische Korrektness eingreift. Der amerikanische Romancier Percival Everett, ist Jahrgang ...

„James“ ist ein Buch, dass in sehr intelligenter und kreativer Weise in den Streit um Cancel Culture, Vogueness und politische Korrektness eingreift. Der amerikanische Romancier Percival Everett, ist Jahrgang 1956 und wurde schon etwas bekannt letztes Jahr mit seinem Roman „Die Bäume“.

Mit „James“ wagt er sich an eine Überschreibung eines der ganz großen Werke der US-Amerikanischen Literatur, nämlich an den Roman von Mark Twain „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“. Aber dieser Roman, heute gelesen, ist gar nicht unproblematisch.
Everett eröffnet uns einen neuen Blickwinkel auf die Geschichte, nämlich den, aus der Sicht des Sklaven Jim. Dieser Roman ist eine einzige große Sprachfantasie - Everett entwickelt diese Idee, dass dieses gesprochene Englisch nur eine Sprache ist für die dummen Weißen. Tatsächlich unterhalten sich die Schwarzen über Feinheiten zwischen proleptischer und tragischer Ironie oder ergehen sich in Träumereien in Gesprächen über Voltaire. Andererseits, das ist jetzt so verkopft, aber das ist auch ein handfester Actionroman, es hat mich ein bisschen erinnert an Quentin Tarantinos „Django Unchained“. Weil dieser James, der eben nicht Jim heißt sondern James, seine Familie beschreibt, die Abenteuer auf dem Mississippi erlebt, einen blutigen Rachefeldzug gegen den Richter, seinen Sklavenhalter unternimmt. Es ist eine Überschreibung eines Romans, aber es ist eben nicht ein Teil der Cancel Culture, sondern als Kontrafaktur eine eigene Geschichte gegen ein Werk, eigentlich die schönste Werbung für Mark Twain, die man sich vorstellen kann. Auch in der deutschen Übersetzung von Nikolaus Stingl, die mir hier überaus gelungen erscheint.

Sprache wird hier als ein strategisches Instrument verwendet, so wie im Tierreich manche Tiere ein bestimmtes Gefieder aufmachen, um zu täuschen. So sprechen die Schwarzen in diesem gebrochenen Englisch, um den Weißen vorzuführen, dass sie dumm und harmlos sind. Untereinander können sie aber im gestochensten Englisch sprechen, um nämlich ihre Gegenstrategie zu entwickeln. Es ist die Idee eines Empowerments, nämlich in dieser Geheimsprache eines vollausgebildeten Englisch, können die Schwarzen untereinander sich so verständigen, dass sie zu Gegenstrategien in der Lage sind. Das ist erzählerisch kein Gegenentwurf zu Mark Twain. Ich liebe, wie er aus Jim diesen James gemacht hat, nämlich ein voll souveränes Subjekt, dass die Handlung vorantreibt und mehr weiß als der junge Huck, für den er immer mitdenkt. Daraus ist gleichzeitig eingebettet, wie wir es von Mark Twain kennen, diese herrliche Mississippi Landschaft, die aber natürlich auch gleichzeitig eine Bedrohungslandschaft ist, nämlich als Schwarzer auf der Flucht, muss er natürlich in ganz anderer Weise um sein Leben bangen. Und die Natur dient gleichzeitig auch als Rückzugsort mit dem großen Mississippi als Grenze zum Norden, wo die Freiheit ihn erwartet.

Es gibt in der Literatur des 19. Jahrhunderts einen großen utopischen Moment, den „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ markiert. Das sind eben die Szenen von Huck und Finn auf dem Floß. Wo plötzlich ein friedliches Zusammenleben von Schwarz und Weiß möglich scheint, wo eben in der Literatur zumindest, diese Rassenschranken überwunden werden. Das greift Percival Everett in diesem Roman sehr kunstvoll auf.

Es ist nicht nur eine Verbeugung vor, sondern auch eine Kritik an Mark Twain und auch an denjenigen, die sich für liberal und aufklärerisch halten und es eigentlich nicht sind. Das kann man z.B. daran sehen, dass Jim hier in diesem Roman James heißt, dass heißt er gibt sich selbst seinen Namen. Und in dem Roman geht es auch darum, dass James darüber nachdenkt, dass die Weißen eben immer das Bestreben haben zu Benennen und zu Beurteilen, selbst in ihrer Selbstkritik wollen sie die Fäden in der Hand behalten. Und das macht Mark Twain ja, er erzählt diese Geschichte. Ganz wesentlich ist in diesem Buch, dass es um das Aufschreiben der eigenen Geschichte geht. Da spielt ein Bleistift eine Rolle, den James bei seiner Flucht sich organisieren lässt von einem anderen versklavten Mann. Und dieser Mann wird dafür ausgepeitscht und getötet, ermordet. Und der Bleistift hat eine enorme Aufladung und Bedeutung. Und die eigene Geschichte aufzuschreiben hat eine enorme Bedeutung. Und es war kein Schwarzer, der Huckleberry Finn geschrieben hat, sondern es war ein Weißer: Mark Twain. Ich glaube, das ist auf sehr kluge Weise immer wieder in diesen Text eingewebt, dass es auch eine handfeste Kritik ist. Es taucht z.B auch immer wieder in der Figur von Huck der Satz auf: „Daran hab ich gar nicht gedacht, dass ich dir Schaden könnte, mit dem was ich tue.“ Und diese Art von Gedankenlosigkeit, die ich von mir selbst auch kenne, das ist etwas was er hier kritisch erzählt. Kritisch in einem sehr produktiven, offenen, durchaus liebenden Verhältnis auch zu Mark Twain. Hier erfolgt kein Vorwurf, dass Mark Twain ein Weißer war. Damit „James“ geschrieben werden konnte, musste es vorher die Mark Twainsche Geschichte geben. Es ist eine produktive Intertextualität.

Wir sollten auch das Motto bedenken, mit dem Mark Twain seine Geschichte beginnt: „Wer in dieser Geschichte ein Motiv sucht wird des Landes verwiesen. Wer eine Handlung sucht, wird mit Geldstrafe belegt und wer eine Moral in dieser Geschichte zu finden versucht, wird erschossen.“ So beginnt Mark Twains Roman.
Ich wünschte mir heute diese Art von Gedankenfreiheit in der Literatur und nicht dieses Rechthaberische.
„James“ ist sicherlich eine Kritik an den Weißen schlechthin, an Mark Twain, aber es ist Gottseidank eine produktive Fortschreibung.

Ich bin eine große Freundin von Literatur, die böse sein kann, die verletzend sein kann, die aufs Blut reitzt und nicht in einer Jugendbuchversion die jeweiligen Befindlichkeiten tätschelt. Ich möchte Bücher haben, die stechen, die verletzen und uns reizen. Das hat Mark Twain geschafft und Percival Everett führt es äußerst gelungen fort.

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Veröffentlicht am 08.06.2025

Feministische Meeresliteratur at it’s best! 👏🤩📚🌊🩵

In der Bucht
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In der Bucht“ von Katherine Mansfield (1888 - 1923) gehört zu der „Klassikerinnen“-Reihe des Mare Verlags, in der frühere Werke - ausschließlich von Frauen erstmals oder neu übersetzt werden. Damit ihr ...

In der Bucht“ von Katherine Mansfield (1888 - 1923) gehört zu der „Klassikerinnen“-Reihe des Mare Verlags, in der frühere Werke - ausschließlich von Frauen erstmals oder neu übersetzt werden. Damit ihr das Werk besser einordnen könnt, möchte ich Euch noch ein paar Infos zur Autorin geben: Sie wurde in Neuseeland geboren, ging dann später in England zur Schule und befreundete sich mit Virginia Woolf (in deren Schatten Mansfields Werk auch lange stand und erst in den 90ern durch feministische Literaturwissenschaftler*innen wiederentdeckt wurde) und D.H. Lawrence. Mit nur 34 Jahren starb sie an Tuberkulose und hinterließ 73 Erzählungen, sowie allerhand Briefe (Infos der Mare-Verlagsseite entnommen).

Aber nun zur Lektüre. Die 1922 erstmals veröffentlichte Geschichte umfasst genau einen Tag, spielt in der Crescent Bay Neuseelands und ist autobiografisch beeinflusst durch Katherine Mansfield, die man am ehesten mit der Figur Kezia in Verbindung bringen könnte (eine der drei kleinen Mädchen, die in der Erzählung vorkommen) - es ist das Setting von Mansfield‘ Kindheit, wo sie aufgewachsen ist.

Die Story beginnt im Morgengrauen mit einem Blick in diese Bucht im Fokus auf die Natur. Zuerst ist die Crescent Bay menschenleer - bis ein Schäfer mit seiner Herde auftaucht. Das ist die erste der 12 Szenen aus denen die Erzählung besteht. Der Tag erwacht, die ersten Schwimmer besiedeln die Bucht und dann geht es weiter mit den verschiedenen Figuren durch den Sommertag. Bis zum Abend haben wir die (doch erstaunlich vielen) verschiedenen Figuren kennengelernt, mit all ihren Ängsten und Sorgen, sprich den Umständen, die sie gerade umtreiben. Wir erleben den Alltag der Figuren und Mansfeld greift dabei Themen wie Geschlechterrollen und gesellschaftliche Zwänge auf.

Eine atemberaubend schöne Meereskulisse ist die Heimat der Familie Burnell, genauer gesagt eine Bucht. Diese dient den Kindern als Spielplatz und dem Vater Stanley als allmorgendliche Schwimmstätte, mit dem täglichen Ziel, der erste zu sein, der dort schwimmt. Sein ganzes Seelenheil ist von dieser Ambition abhängig und sollte jemand vor ihm in der Bucht schwimmen, hängt der Haussegen schief. Allgemein scheint bei den Burnells viel von der väterlichen Präsenz abzuhängen - denn verlässt Stanley das Haus, steigt die Stimmung bei den restlichen Familienmitgliedern.

„Oh, die Erleichterung, wie anders es sich anfühlt, wenn der Mann aus dem Haus war. Wie sich allein ihre Stimmen veränderten, wenn sie sich etwas zuriefen; warm und liebevoll klangen sie, als teilten sie ein Geheimnis. Beryl ging zum Tisch. „Trink doch noch eine Tasse Tee, Mutter. Er ist noch heiß.“ Sie wollte gern irgendwie zelebrieren, dass sie jetzt machen konnten, was sie wollten. Kein Mann würde sie stören; der ganze perfekte Tag gehörte ihnen.“

Auch die Ehe der Burnells würde man wohl eher nicht als harmonisch bezeichnen - schon Kleinigkeiten können zu einem Streit führen.
Wie es zur damaligen Zeit üblich ist in Mittelschicht-Familien, verbringt auch Linda Burnell gerne die Tage am Strand. Was praktisch ist, denn so können auch die Großmütter ein Auge auf die Kinder haben und den Frauen ist etwas Me-Time vergönnt. Doch sie hadert zunehmend mit ihrer psychischen Verfassung - sie fühlt sich beobachtet und gefangen in ihren Umständen.

„Es sagte sich leicht, dass es nun mal das Los von Frauen sei, Kinder zu bekommen. Es stimmte nicht. Schon sie allein konnte das widerlegen. Sie war ruiniert, geschwächt, hatte jeden Mut verloren durchs Kinderkriegen. Und was es noch schwerer zu ertragen machte, sie liebte ihre Kinder nicht.“

Regretting Motherhood ist eins der vielfältigen und gerade für diese Zeit pikanten Themen, die Katherine Mansfield in ihrer Erzählung verarbeitet. Smart und präzise erzählt sie auf eine zutiefst menschliche Weise von den Facetten des Lebens und übt dabei Gesellschaftskritik. Sogar die Haltung des Dienstmädchens gegenüber Männern lässt sie beispielsweise beim Abwasch klarwerden:

„„Oh diese Männer!“, sagte sie, tauchte die Teekanne in die Schüssel und hielt sie noch unter Wasser gedrückt, als es aufgehört hatte zu blubbern, als wäre auch die ein Mann und Ertrinken noch zu gut für sie.“

Katherine Mansfield gelingt die Balance zwischen locker, leichten (Natur-) Beschreibungen eines wundervollen Sommertages und der Härte des Lebens inklusive Kritik am Patriarchat, der Gesellschaft und in die Erzählung verwobenen feministischen Fragestellungen. Perfekt abgerundet wird „In der Bucht“ durch Nicole Seiferts Nachwort, das die Erzählung einordnet und hilft den Gesamtzusammenhang bezogen auf die damalige Zeit, Gesellschaft und Geschlechterrollen zu verstehen - danke, wirklich hilfreich! (An dieser Stelle ein kurzer Hinweis auf Nicole Seiferts Werke „Frauenliteratur“ und „Einige Herren sagten etwas dazu“ - zwei wirklich lesenswerte feministische Bücher, die Ihr Euch unbedingt mal anschauen solltet, sofern nicht bereits geschehen).
Fazit: „In der Bucht“ war für mich das erste Werk, der Klassikerinnen-Reihe des Mare Verlags, das ich gelesen habe, aber sicherlich nicht das Letzte, denn „Skizzen des Südens“ von Constance Fenimore Woolson liegt hier bereits in den Startlöchern.

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Veröffentlicht am 04.06.2025

Fans von melancholischer Literatur aufgepasst: Dieses Schätzchen solltet Ihr Euch unbedingt mal anschauen!

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
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„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ habe ich auf Empfehlung einer lieben Buchhändlerin hin gekauft - sie ist so ins Schwärmen über „eins ihrer absoluten Lieblingsbücher“ verfallen, dass ich nicht anders ...

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ habe ich auf Empfehlung einer lieben Buchhändlerin hin gekauft - sie ist so ins Schwärmen über „eins ihrer absoluten Lieblingsbücher“ verfallen, dass ich nicht anders konnte, als dieses Schätzchen mit nach Hause zu nehmen.

Die Story dreht sich um die 14-Jährige June, die ihren Onkel Finn als wichtigste Bezugsperson und Freund betrachtet. Als Finn an Aids stirbt, bricht für June eine Welt zusammen. Sie und ihre Familie müssen sich mit Finns Tod und seiner Homosexualität auseinandersetzen, was zu Spannungen führt. June findet sich in einer Situation wieder, in der sie sich mit ihrem eigenen Verständnis von Familie, Tod und Verlust auseinandersetzen muss.

Es ist eine dieser Geschichten, die eher ruhig daherkommen - es gibt nicht viele Plottwists und manchmal plätschert die Story auch etwas vor sich hin (was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum in einigen Rezis von gewissen Längen die Rede ist - fair enough). Unsere Protagonistin, June Elbus, verbringt ihre Zeit lieber allein oder mit ihrem Onkel Finn, statt mit Gleichaltrigen abzuhängen. In der Schule zählt sie zum gesunden Mittelmaß und sie hat auch kein besonderes Talent wie ihre Schwester Greta. Aber sie äußert einige der scharfsinnigsten und ehrlichsten Beobachtungen, die ich je gelesen habe.

„Ich interessierte mich nicht für Biertrinken oder Wodka oder Zigarettenrauchen oder das ganze andere Zeug. Greta bildete sich ein, ich sei überhaupt nicht in der Lage, mir das überhaupt vorzustellen. Aber ich will mir das alles auch gar nicht vorstellen. Jeder kann sich diese Dinge vorstellen. Ich will mir eine Zeitfalte vorstellen und Wälder voller Wölfe und düstere mitternächtliche Moore. Ich träume von Menschen, die keinen Sex zu haben brauchen, um zu wissen, dass sie sich lieben. Ich träume von Menschen, die sich immer nur auf die Wange küssen.“

Im Zentrum der Handlung steht Junes Versuch, den Tod ihres geliebten Onkels Finn zu verarbeiten, der an AIDS gestorben ist. Nachdem sie einen Brief von einem geheimnisvollen Mann (Toby) erhält, der ebenfalls eine Verbindung zu Finn gehabt haben will, beschließt June, ihn zu treffen – und damit beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihr vielleicht helfen können, ihren Trauerprozess voranzubringen, seinen Tod zu verarbeiten und zu heilen.

June ist eine ziemlich unperfekte Protagonistin mit Ecken und Kanten – man könnten sie sogar teilweise als unsympathisch bezeichnen. Ihre Gefühle und Emotionen, die sie im Rahmen ihres Trauerprozesses durchlebt, ließen sie teils abstruse, (wahrscheinlich) von Eifersucht getriebene Dinge tun, die ich auf ihre tiefe Einsamkeit zurückzuführen würde - so oft habe ich mir gedacht während meiner Lektüre, dass ich sie gerade gern mal zum Trost in den Arm nehmen und gern mit ihr weinen würde. Zuflucht und einen Ort für ihre Trauer findet sie im nahegelegenen Wald - wann immer sie struggelt oder überwältigt wird von ihren Emotionen, zieht es sie an den Ort, wo die Wölfe zu Hause sind. Wie ihr merkt, haben wir es hier mit einem äußerst melancholischen Roman zu tun - und ich oute mich an dieser Stelle gerne als Fan von Melancholie in der Literatur.

„Ich fragte mich wirklich, warum Leute immer das taten, worauf sie überhaupt keine Lust hatten. Das Leben schien ein immer enger werdender Tunnel zu sein. Im Augenblick der Geburt war der Tunnel riesengroß und unendlich lang. Alles stand einem noch offen. Dann, in exakt einer Sekunde nach der Geburt, verengte sich der Tunnel bereits um die Hälfte. Als Junge stand fest, dass man niemals Mutter werden würde und wahrscheinlich auch kein Nagelpfleger oder Kindergärtner. Dann wurde man älter, und alles, was man tat, verengte den Tunnel nur noch mehr. Nach einem Armbruch war eine Laufbahn als Baseball-Pitcher ausgeschlossen. Fiel man im ersten Mathe-Test seines Lebens durch, erlosch jede Hoffnung, Naturwissenschaftler zu werden. Ungefähr so ging das jahrelang weiter, bis man festsaß. Als Bäcker oder Bibliothekar oder Barkeeper. Oder Buchhalter. Dumm gelaufen. Ich stellte mir vor, dass der Tunnel an dem Tag, an dem man starb, so furchtbar eng geworden war, dass man da drinnen zerdrückt wurde.“

Was mich auch begeistert hat, war die Handlung rund um das Porträt mit dem Titel „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ (titelgebend) das Onkel Finn von June und ihrer Schwester Greta angefertigt hat. Zunächst angedacht hatte er es, um in seinem Sterbeprozess regelmäßig Zeit mit June verbringen zu können - als Vorwand quasi, aber in dem Bild steckt mehr, als man zunächst vermutet (versteckte Botschaften und Geheimnisse, die es zu lüften gilt - aber mehr erfahrt ihr nur, bei einer eigenen Lektüre.. Na, neugierig geworden??).

Brunt schreibt sehr präzise und zugänglich, daher würde ich den Roman durchaus auch als für Jugendliche geeignet halten. Meine Leseempfehlung geht an alle, die sich mit den Themen Verlust, Trauer, Erwachsenwerden, Familienkonflikte und der damaligen Aids-Epidemie im New York der 1980er literarisch auseinandersetzen möchten. Die Autorin Carol Rifka Brunt verbindet ein autobiografischer Bezug zu dieser Thematik, da sie während der Aids-Epidemie in New York gelebt hat, was dem Roman eine besondere Authentizität verleiht.
Mich persönlich hat „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ emotional sehr berührt und ich zähle es zu den schönsten und ergreifendsten Bücher zum Thema Trauer, die ich bisher gelesen habe. Fazit: Ich bin der lieben Buchhändlerin mehr als dankbar für diesen wundervollen Lesetipp - Melancholie vom feinsten, unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Rechts? Links? Mitte? Menschlichkeit!

Im Land der Wölfe
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Wie entwickelt sich die politische Gesinnung der Menschen? Warum driften manche nach rechts, andere eher nach links? Elsa Köster spürt dem Ganzen nach in ihrem Buch „Im Land der Wölfe“. Schauplatz ist ...

Wie entwickelt sich die politische Gesinnung der Menschen? Warum driften manche nach rechts, andere eher nach links? Elsa Köster spürt dem Ganzen nach in ihrem Buch „Im Land der Wölfe“. Schauplatz ist eine Stadt im Osten Sachsens, die zwar fiktiv ist, aber dennoch viele Parallelen zur Realität hat.

Die Story dreht sich rund um eine Bürgermeisterwahl in dem fiktiven ostdeutschen Ort Grenzlitz. Konfliktpotential bergen Themen wie Migrationspolitik und Geschlechtsidentität.
Der rechte Politiker Paul Witte hadert mit seiner Konkurrenz, der Grünenkandidatin Katja Stötzel. Wittes Unterstützer Falk gerät zunehmend in Auseinandersetzungen mit der Grünen Wahlkampfcoachin Nana, die im Roman auch als Erzählerin fungiert.
Die Autorin Elsa Köster stellt explizite, kritische Fragen, die ein ausgewogenes Maß von Rationalität haben, aber ebenso die Bedeutung von Gefühlen hervorheben.
Vor allem hat mir die Subtilität gefallen, mit der Köster den Wahlkampf zwischen den „rechten Blauen“, den „Zukunftsgrünen“ und „Linkspinken“ darstellt.

Solch pikante Thematiken lösen schnell mal Wut, Verzweiflung und Ohnmachtsgefühle in einem aus, da man denkt einem selbst seien die Hände gebunden. Also was kann man nun tun ? Mir hat „Im Land der Wölfe“ bewusst gemacht, wie wichtig ein Blick auf unseren gesellschaftlichen Wandel und die Beschäftigung mit Politik ist. Nur wer informiert ist, kann klar Stellung beziehen und sich auf eine (politische) Seite schlagen. Was aber jede*r von uns tun kann: der Menschlichkeit huldigen, in allen Lebenslagen - seien sie politisch oder nicht. Denn eins ist klar, was auf der politischen Schaubühne gerade so alles passiert, ist oft fernab vom Menschlichen. Danke Elsa Köster für den nötigen Anstoß, sich noch mehr mit den Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen und dabei immer die Menschlichkeit im Blick zu behalten!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Nicht nur für Capote-Fans eine außergewöhnliche Leseerfahrung!

Truboy
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Kennt Ihr bereits Truman Capote?! Am bekanntesten ist wohl sein Werk „Frühstück bei Tiffany“. Anuschka Roshani nimmt nun mit „Truboy“ sein Leben und wichtige Weggefährten Capotes unter die Lupe. Sie begibt ...

Kennt Ihr bereits Truman Capote?! Am bekanntesten ist wohl sein Werk „Frühstück bei Tiffany“. Anuschka Roshani nimmt nun mit „Truboy“ sein Leben und wichtige Weggefährten Capotes unter die Lupe. Sie begibt sich auf die Suche in die USA nach seinem letzten Manuskript und wird - man mag es kaum glauben - fündig! Roshani hat bereits Truman Capotes Gesamtwerk beim Kein & Aber Verlag herausgegeben und arbeitet auch an ihrer Dissertation über ebensolchen.

Ein schillerndes Leben führte Capote von 1924 bis 1984, umringte sich gerne mit Stars und Sternchen wie Andy Warhol, Gloria Vanderbilt oder Joanne Carson und galt als absolutes literarisches Ausnahmetalent. Solltet Ihr noch nichts von ihm gelesen haben, kann ich Euch seine Werke nur dringend ans Herz legen - wie zum Beispiel den Tatsachenroman „Kaltblütig“, „Die Grasharfe“ oder ein Interviewbuch mit dem aussagekräftigen Titel „Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie.“

Anushka Roshani ging einen Sommer lang ihrem selbstauferlegten Ziel nach sein verschollenes Manuskript „Erhörte Gebete“ in den USA wiederzufinden - und hatte Erfolg! Da er darin mit seinen einflussreichen New Yorker Freunden abrechnet, ist einigen Menschen daran gelegen, dass es unauffindbar bleibt - umso freudiger erlebt Roshani dessen Wiederentdeckung.

Wir erfahren in „Truboy“ viele pikante Details, Privates und Persönliches von Truman Capote. Anushka Roshani nimmt Kontakt mit Wegbleitern auf, wälzt Notizbücher und recherchiert fleißig - absolut lohnenswert, denn sie lässt Capote auf diese Weise wieder lebendig werden.
Keine einfache Kindheit hatte der im falschen Körper geborene, vernachlässigte kleine Junge, den sogar seine Mutter von sich wegschob, schlicht nicht haben wollte. Durch sein feminin geprägtes Erscheinungsbild zog er stets die Blicke auf sich und seine eher babyhafte Stimme trug ihr übriges dazu bei, dass man ihn quasi nicht wahrnehmen oder übersehen konnte.

Selbstvertrauen zog er u.a. aus seiner Intelligenz - ihm wurde in seiner Grundschulzeit der höchste jemals gemessene und wissenschaftlich belegte IQ von 215 attestiert. Zu seinen Vorbildern zählt er Gustave Flaubert und Marcel Proust.

Truman Capote führte ein wahres Jetset-Leben - doch wer hoch fliegt, kann auch tief fallen und so zollen seine Suchterkrankungen (Alkohol-, Tabletten-, und Drogensucht) schließlich ihren Tribut.

Anuschka Roshani zeichnet mit „Truboy“ ein sensibles, nahbares Bild eines außergewöhnlichen Menschen, dass meine bisherige Wahrnehmung von Truman Capote stark geprägt und verändert hat. Er führte ein extraorbitantes, außergewöhnliches Leben und Roshani fängt die Essenzen und Wendepunkte perfekt ein - ein Buch nicht nur für Capote Fans! Fazit: Absolut lesenswert! Große Leseempfehlung!

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