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Veröffentlicht am 16.07.2025

Wie man ungeliebte Ehemänner loswird

Very Bad Widows
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Sue Hincenbergs präsentiert in ihrem Debütroman eine hintergründige Kriminalkomödie, die mit schwarzem Humor angereichert daherkommt. Die Erzählung ist hinterhältig, mörderisch und bitterböse zugleich, ...

Sue Hincenbergs präsentiert in ihrem Debütroman eine hintergründige Kriminalkomödie, die mit schwarzem Humor angereichert daherkommt. Die Erzählung ist hinterhältig, mörderisch und bitterböse zugleich, aber auch köstlich mit Kommentaren und Vergleichen der Autorin angereichert. Das spricht für den Fantasiereichtum der Autorin. In einigen Episoden erinnert der Roman an die US-Sitcom-Serie »Golden Girls« aus den 80er und 90er Jahren.

Zu Beginn fällt es etwas schwer, in die Geschichte hereinzukommen. Man wird mit vielen Personen konfrontiert und es dauert eine gewisse Zeit, bis die Zuordnung gelungen ist. Das geschieht relativ schnell und ab da liest es sich leicht und flüssig.

Vier Ehepaare sind seit Jahren befreundet. Obwohl alle bereits über sechzig sind, ist ihr Verhalten das einer Midlife-Crisis nicht ungleich. Von Liebe kann keine Rede mehr sein, man hat sich auseinandergelebt und nicht mehr viel zu sagen. Dann geschieht ein Unglück, das alles in eine andere Richtung lenkt. Dave, der Mann von Marlene, wird tot in seiner Garageneinfahrt gefunden.

Ab da geschehen Dinge, die man so nicht für möglich gehalten hat. Es gibt kaum eine Möglichkeit, um sich auf eine Situation einzustellen, bevor sich wieder alles ändert.

Marlene trauert nicht lange um ihren Mann, denn auf sie wartet eine Lebensversicherung über eine Million Dollar. Damit will sie einen Neuanfang in Boca Raton starten. Da Hank, Larry und Andre vor vier Jahren ihre Altersrücklage durch ein windiges Investment verzockt haben, bringt das ihre Ehefrauen Nancy, Pam und Shalisa auf eine Idee.

Wohlwissend, dass alle drei Ehemänner ebenfalls hohe Lebensversicherungen abgeschlossen haben, möchten sie es ihrer Freundin Marlene gleichtun und in ein neues, sorgenfreies Leben inmitten der High Society von Florida starten. Nur, wie kommen sie an die Lebensversicherungen heran? Der Haken bei der Sache ist, wie man die Männer loswerden kann. Da gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit.

Der Plot hat jede Menge Irrungen und Wirrungen. Die Geschichte ist in vier Abschnitte aufgeteilt, aus denen wechselseitig erzählt wird. Da sind zum einen die Frauen, deren Gedanken so schwankend sind wie die Palme während eines Tsunamis. Im Gegensatz dazu erfahren wir mehr über deren Ehemänner. Hank und Dave haben als Casinoangestellte die Spielautomaten manipuliert und über einen Zeitraum von vier Jahren fast 10 Mill. Dollar abgezweigt und untereinander aufgeteilt. Nach dem Tod ihres Freundes Dave fürchten die drei um das eigene Leben und sie wollen sich aus dem Staub machen. Nicht ganz so prominent, aber daher nicht weniger interessant ist die neue Betreiberin des Casinos Padma Singh, wofür die Hank und Dave gearbeitet haben. Ihr werden Verbindungen zum organisierten Verbrechen in Indien nachgesagt.

Dann wäre da noch der Herrenfriseur Hector Chavez, bei dem einer der Ehemänner Kunde ist oder war. Hector ist undurchschaubar und man weiß nicht, wie man ihn einordnen soll. Gehört er eher zu den »Guten« oder eher zu den »Bösen«? Im weiteren Verlauf wird er immer mehr zu einer zentralen Figur.

Sämtliche Figuren weisen eine gewisse Skurrilität auf sind sehr gut gezeichnet. Die Sympathie wechselt zwischen den drei Freundinnen und deren Ehemännern, je nachdem, was man gerade über sie erfährt. Auch für die Figur des Hector kann man durchaus Sympathie entwickeln. Unsympathisch kommt die Casinochefin Padma daher, deren Mutter für ein indisches Verbrechersyndikat verantwortlich zeichnet. Spielautomatenbetrug, ein Killer auf Bestellung und ein Hund namens Elmer geben dem Roman weitere Würze.

Zum Ende hin ist Hincenbergs sichtlich bemüht, einen Ausgleich zu schaffen, um das bisher Geschehene zu einem positiven Abschluss zu bringen. Sie möchte die einzelnen Figuren in einem besseren Licht dastehen lassen, was ihr auch gelingt.

Fazit

Man kommt nicht umhin darüber nachzudenken, ob die vermeintlichen Witwen wirklich die einzigen Bösen sind, wie es uns der Buchtitel verrät. Was haben die Casinobetreiberin Padma und der Herrenfriseur Hector zu verbergen?
Die Erzählung springt zwischen den vier Abschnitten hin- und her. Da das ohne harte Schnitte geschieht, kann man der Handlung mühelos folgen.
Dieses Buch ist ein Mix aus Kriminalroman und Komödie. Sie kommt teils köstlich und warmherzig daher, aber auch böse und hinterhältig. Die Erzählung ist stellenweise humorvoll, ohne albern zu wirken. Alles in allem ist »Very Bad Widows« sehr unterhaltsam und definitiv eine Empfehlung wert.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

»Engine 99«

Devil's Kitchen
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Der Einstieg in diesen Thriller beginnt mit einer Enttarnung und einem Verräter. Hier stehen zwei Leben auf dem Spiel und man erfährt zunächst nicht, wie es ausgeht. Das steht ganz am Anfang, bezieht sich ...

Der Einstieg in diesen Thriller beginnt mit einer Enttarnung und einem Verräter. Hier stehen zwei Leben auf dem Spiel und man erfährt zunächst nicht, wie es ausgeht. Das steht ganz am Anfang, bezieht sich aber auf einen Zeitpunkt drei Monate nach dem Beginn der eigentlichen Erzählung.

Die New Yorker Feuerwehreinheit »Engine 99« hat ihre ganz eigene Berufsauffassung. Sie löscht nicht nur Brände und rettet Menschen. Sie legt die Brände teilweise selbst, um in dem entstehenden Chaos Banken und Juweliergeschäfte auszurauben. Dabei schreckt sie selbst vor Mord nicht zurück. Eine weitere Masche der Truppe besteht darin, dass sie pro Jahr drei bis vier Großbrände legt und löscht. Wenn es einen Verdacht auf Brandstiftung gibt, dann werden die Besitzer erpresst, damit sie für die Beseitigung der Beweise einen Anteil zahlen.

Die Figurenzeichnung und Charakteristika von »Engine 99« hat Fox überzeugend herausgearbeitet. Es sind allesamt zwielichtige und toxische Figuren. Der Chef der Truppe ist Matthew Roderick. Matt ist einer der wenigen Einsatzkräfte, die bei 9/11 lebend die Twin Towers verlassen haben. Seitdem leider er unter Verfolgungswahn, hat Albträume und steckt voller Wut. Diese Wut lässt er auch an den Mitgliedern der Truppe aus. Keiner traut sich, seinen Anweisungen zu widersprechen.

Benjamin Haig ist eigentlich ein gewissenhafter Feuerwehrmann, der Leben retten will (wie ist er in diese Truppe überhaupt hineingeraten?). Mit seiner Freundin Luna und deren kleinem Sohn Gabriel läuft es sehr gut - bis die Beiden plötzlich spurlos verschwunden sind. Ben hat Angst, dass Luna hinter seine Machenschaften gekommen ist. In seiner Verzweiflung wendet er sich an die Polizei und gibt gleichzeitig einen Hinweis auf die Überfälle. Die Polizei leitet die Informationen weiter an das FBI.

Andy Nearland ist nicht ihr richtiger Name und sie ist keine offizielle Mitarbeiterin des FBI. Sie ist zielstrebig und hat die Power, sich bei einer chauvinistischen Truppe durchzusetzen. Das wird erst nach und nach deutlich. Aus diesem Grund setzt sie der FBI-Agent Tony Newler als »Spezialermittlerin« auf den Fall an. Das Verhältnis zwischen Tony und Andy ist ambivalent. Newler verfolgt ein ganz eigenes Ziel. Er möchte den Mörder von Officer Ivan Petsky überführen, der bei einem der Raubzüge der Feuerwehrcrew erschossen wurde. Andy soll Undercover ermitteln und die Mannschaft infiltrieren. Von Beginn an stößt sie auf Misstrauen bei den Feuerwehrleuten.

Sowohl Ben als auch Andy haben eine schwierige und traumatische Kindheit hinter sich. Nach und nach erfahren wir in verschiedenen Zeitebenen etwas über die Vergangenheit und deren Entwicklung. Ben wird Andys Bezugsperson sein, um neben der Suche nach Luna und Gabriel die Machenschaften der anderen Feuerwehrleute aufzudecken. Sie muss Ben immer wieder an die Vereinbarung zwischen ihm und dem FBI erinnern. Andy fahndet nach Luna und Gabriel und im Gegenzug soll Ben dafür sorgen, dass die Mannschaft vom FBI hochgenommen werden kann.

Zwei Themenkomplexe ziehen sich durch die gesamte Handlung. Der eine ist der Suche nach Luna und Gabriel gewidmet und der zweite Themenkomplex befasst sich mit den Raubzügen der Feuerwehrleute von »Engine 99« nach den zuvor selbst gelegten Bränden.

Fazit

Die Australierin Candice Fox ist mittlerweile eine der weltbesten Thrillerautorinnen. Ihre Bücher sind von Beginn an spannungsgeladen und zeichnen sich durch ein hohes Pacing aus. Die Handlung bei Devil’s Kitchen ist sowohl tempo- als auch actionreich. Verrückte Dialoge mit viel Witz und starken Twists bereichern diesen Plot.
Der Thriller sorgt von Beginn an für viel Verwirrung. Und das liegt weniger an der überschaubaren Figurenanzahl als an den schnell aufeinanderfolgenden Handlungssprüngen.
Der Plot ist überzeugend, wenn auch das Verbleiben von Luna und Gabriel leicht konstruiert wirkt. Das Setting erweist sich als schwierig, aber nachvollziehbar. Diesen Thriller mit Blockbuster-Feeling sollte man sich nicht entgehen lassen.

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Veröffentlicht am 24.04.2025

Was ist mit Dana Karasch geschehen

Die Nacht (Art Mayer-Serie 3)
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Dieser dritte Teil der Serie konzentriert sich ganz auf die Suche nach der vermissten Dana Karasch. Seit eineinhalb Jahren ist der BKA-Ermittler Art Mayer auf der Suche nach der Mutter der kleinen Milla. ...

Dieser dritte Teil der Serie konzentriert sich ganz auf die Suche nach der vermissten Dana Karasch. Seit eineinhalb Jahren ist der BKA-Ermittler Art Mayer auf der Suche nach der Mutter der kleinen Milla. Diese wohnt im selben Haus wie Mayer bei ihrer dementen Großmutter. Der ansonsten so ruppige und eigensinnige Ermittler hat ein Herz für die achtjährige Milla und möchte unter allen Umständen vermeiden, dass sie aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen wird. Diese Erfahrung hat er am eigenen Leib als Kind im Heim und später bei Pflegeeltern gemacht. Er ist auch nach wie vor davon überzeugt, dass Dana noch lebt.

Wechselweise erfahren wir in zwei verschiedenen Zeitebenen zurück in die Vergangenheit von vor fünfzehn Jahren und der Gegenwart aus der Erzählperspektive von Dana, was sich damals zugetragen hat. Die beiden Zeitebenen sind perfekt aufeinander abgestimmt.

Alles fing damit an, dass Dana Bauer (Karasch) mit ihren Freunden Samuel (Sammy) Krieger, Richard Dressel, Adi Weber und Lissi Manderscheidt zu einer Party aufgebrochen sind. Danas Stiefvater Walter Bauer hatte zuvor Dana aufgetragen, auf ihren fünfjährigen Stiefbruder Rocco aufzupassen. Als Dana und ihre Freunde spät nachts betrunken zurückkommen, ist Rocco verschwunden und trotz einer groß angelegten Suchaktion nie wieder aufgetaucht. Dana ist getriggert, wenn sie darüber nachdenkt, was in der Zeit ihres Blackouts mit ihr geschehen ist.

Walter ist ein gewaltbereiter und zorniger Typ, der vor nichts zurückschreckt. Das Verschwinden seines Sohnes Rocco bringt das Fass zum Überlaufen. Er bedroht Dana und ihre Freunde mit einer Waffe und zwingt sie zu russischem Roulette mit einem Revolver - einem tödlichen Glücksspiel. Die Zerrissenheit der Personen wird bildgewaltig beschrieben.

Die Suche nach Dana wird konkreter, als Art eine mysteriöse Nachricht auf sein Handy bekommt, mit der er Hinweise auf Danas Verschwinden in einer verlassenen Wohnwagensiedlung in einem Waldgebiet außerhalb Berlins bekommt.

In diesem Lost Place finden die Ermittler in einem der Wohnwagen eine gefesselte Leiche, die mit gestreckten Armen unter dem Dachfenster eines Wohnwagens hängt. Das Opfer ist übel zugerichtet. Bei dem Toten handelt es sich um den angesehenen Richter am Kammergericht Berlin, Dr. Richard Dressel. Die Spurensicherung findet in unmittelbarer Nähe vergrabene menschliche Knochen und Schädelteile.

Bei allen Personen aus der Vergangenheit rätselt man, ob sie heute noch leben und welche Rolle sie im Vermisstenfall Dana spielen. Darauf konzentrieren sich die Ermittlungen von Art Mayer und seiner taffen Assistentin Nele Tschaikowski. Beide Figuren erleben wir als ambivalentes Ermittlerduo mit einer gesteigerten emotionalen Reife. Allerdings sollen sie in diesem Fall nicht weiter tätig sein. Art ist aus persönlichen Gründen zu nah dran an dem Fall und Nele ist nach der Geburt ihres Sohnes noch in Mutterschutz. Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum Art und Nele nicht weiter in der Vergangenheit graben sollen. Trotzdem setzen sie sich über die Anweisung ihres Vorgesetzten hinweg und ermitteln weiter.

Die Geschichte ist vielschichtig angelegt. Es geht nicht nur um die Suche nach vermissten Personen und die Aufklärung eines Verbrechens, das vor fünfzehn Jahren geschehen ist. Es geht auch um eine rechtsradikale Vereinigung, die sich »WW - Wehrsportgruppe Wolfsrudel« nannte. Der Verfassungsschutz hatte einen V-Mann mit dem Decknamen »Wolf« darauf angesetzt. Diese Gruppe hat Attentate auf hochrangige Personen des Staates geplant.

Das Setting ist clever konstruiert, wenn es auch auf den ersten Seiten etwas Zeit braucht, um den richtigen Einstieg zu finden. Danach entwickelt sich schnell ein guter Spannungsbogen. Im letzten Drittel zieht das Tempo spürbar an. Cliffhanger bei den Wechseln der Zeitebenen tragen mit dazu bei. Es gibt viele überraschende Wendungen in diesem Fall mit einem Plot-Twist zum Ende hin, den man so nicht vermuten konnte.

Der Thriller dringt tief in die Psyche der einzelnen Figuren ein. Wir erfahren u.a. von einer dissoziativen Identitätsstörung einer Person. Sie schlüpft dabei in die Rolle der einen Person und dann wieder in die andere. Die ganze Haltung, Mimik, Stimme und das Vokabular übernimmt sie dabei. Das bringt Art und Nele in große Gefahr.

Fazit

Nach allen Büchern von Marc Raabe, die ich bisher gelesen habe, ist dieses Buch vielleicht das bisher Beste von ihm. Und dieser Eindruck bezieht sich nicht nur auf die aktuelle Reihe.
Trotz einiger Rückblenden auf vorangegangene Ereignisse kann man diesen dritten Band unabhängig von den ersten beiden Teilen lesen.
Wer gedacht hat, dass mit »Die Nacht« die Art-Meyer-Serie zu Ende geht, liegt falsch. Kaum ist dieser Band erschienen, gibt es schon den Hinweis auf einen vierten Band, der im Frühjahr des nächsten Jahres mit dem Titel »Im Morgengrauen« erscheinen soll. Es bleiben genug Fragen offen, die Raum für einen weiteren Band schaffen.

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Veröffentlicht am 06.11.2024

Vom Okzident zum Orient

Blutrotes Karma
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Gleich mit seinem Erstlingswerk »Der Flug der Störche« aus dem Jahr 2007 schaffte Grangé den internationalen Durchbruch. Oft wählt er weit entfernte Schauplätze, wo er Frankreich mit der Handlung verknüpft. ...

Gleich mit seinem Erstlingswerk »Der Flug der Störche« aus dem Jahr 2007 schaffte Grangé den internationalen Durchbruch. Oft wählt er weit entfernte Schauplätze, wo er Frankreich mit der Handlung verknüpft.

Im Titel des Buches »Blutrotes Karma« steckt bereits die Aussage, dass es hier um etwas Spirituelles geht. In indischen Religionen wie bspw. dem Hinduismus oder dem Buddhismus ist die Lehre des Karmas eng mit dem Glauben an die Wiedergeburt verbunden.

Die Handlung geht zurück in das Jahr 1968. Studentischer Protest und das Aufbegehren der Arbeiter treffen zusammen. Es wird für ein besseres Arbeitsrecht demonstriert. Das öffentliche Leben existiert praktisch nicht mehr. Verdruss, Wut, Hass – all das ergießt sich auf den Straßen von Paris. Eine Studentenrevolte ungeahnten Ausmaßes gleicht einem Armageddon. Ein gewisser Daniel Cohn-Bendit wird zum Sprecher der Studenten. Ein sehr interessanter Einblick in die damalige politische Lage in Frankreich.

Mitten hinein in die Unruhen geschehen zwei grausame Morde an jungen Studentinnen in Paris. Hervé ist schockiert, denn er findet die erste Leiche – seine Freundin Suzanne. Wenig später wird eine weitere Studentin tot aufgefunden. Dabei handelt es sich um Cecilé, eine Freundin von Suzanne und Nicole, die dritte Studentin im Bund.

Sowohl Suzanne als auch Cecilé wurden vollkommen nackt aufgehängt an den Handgelenken mit den Armen nach oben in unterschiedlichen Yoga-Posen aufgefunden. Nichts weist daraufhin, dass die Morde etwas mit den Unruhen zu tun haben könnten.

Hervé ruft seinen Bruder Jean-Louis Mersch an. Die Halbbrüder haben dieselbe Mutter aber zwei verschiedene Väter. Ihr bisheriges Leben wurde durch eine prekäre Kindheit und eine unsichere Jugend geprägt. Nicole, eine Freundin von Suzanne und Cecilé, hat Angst, dass sie das dritte Opfer sein könnte.

Die drei Protagonisten wollen den Mörder finden und sich Klarheit verschaffen. Mersch ist Kommissar bei der Polizei. Ein schroffer Typ, der fast ständig unter dem Einfluss von Amphetaminen steht. Flashbacks erinnern ihn an seine Zeit als Soldat, wo er im Unabhängigkeitskrieg in Algerien gekämpft hat. Hervé ist Geschichts- und Philosophiestudent. Nicole, spirituell angehaucht, ebenfalls Studentin, befasst sich intensiv mit der buddhistischen Religionslehre. Sie stammt aus einem wohlbehüteten und begüterten Elternhaus.

Jean-Louis, Hervé und Nicole ermitteln auf eigene Faust. In einer wahren Odyssee führt sie der Weg von Paris über Kalkutta, nach Varanasi, dem Ursprungsland des Hinduismus und Buddhismus. In dem sogenannten Elysium (paradiesischer Ort in der Jenseitsvorstellung der Menschheit) erhalten sie Fragen auf ihre Antworten und nehmen eine Spur zum Mörder auf. Zurück in Europa reisen Jean-Louis, Hervé und Nicole zur endgültigen Wahrheitsfindung nach Rom, genauer gesagt in den heiligen Vatikan.

Auf der ganzen Reise bewegen wir uns dabei immer in demselben Handlungsstrang. Kurze Kapitel werden lediglich durch Cliffhanger unterbrochen.

Grangé zeichnet eine präzise Figurenbeschreibung aus. Handlungen und Schauplätze werden ausführlich, präzise und detailliert dargestellt. Das bezieht die grausamen Szenen mit ein. Wir werden mit ungewöhnlichen Erzählstrukturen konfrontiert, die die volle Aufmerksamkeit erfordern. Dabei ist man ständig in Angst und Sorge, dass Jean-Louis, Hervé und Nicole etwas zustoßen könnte. Überall lauern die Gefahren.

Fazit:

Dieser Thriller hätte nicht besser in der heutigen Zeit platziert werden können. Die hier erzählte Geschichte führt die drei Protagonisten vom Okzident zum Orient. Sie ist wie in der Realität gekennzeichnet von Sorgen, Ängsten, auch Aggressionen und Hass.
Man muss sich beim Lesen auf etwas Besonderes einlassen. Es ist nicht nur ein einfacher Thriller, in dem die Polizei einen Mörder jagt. Hier steckt mehr dahinter, es ist alles viel tiefgründiger und wunderbar recherchiert. Die Personen und Schauplätze könnten nicht besser beschrieben sein.
Die Spannungskurve steigt langsam, aber stetig nach oben mit Plot-Twists an Stellen, wo man sie nicht vermutet. Man kann sich nie sicher sein, was einen als nächstes erwartet.
Die Erzählweise besticht durch einen frischen, modernen Stil – manchmal blumig, manchmal etwas lustig, aber auch intellektuell. Eine Sogwirkung ist unverkennbar.
Wer sich für die Geschichte der französischen Studentenrevolte, asiatische Religionen und Spiritualität interessiert, dem kann ich dieses Buch empfehlen. Ein kleiner Kritikpunkt sei allerdings angemerkt: Den Überraschungseffekt hätte ich mir mehr zum Ende hin gewünscht. So ging es »nur« noch darum, wie sich alles klärt. Ich vergebe dennoch fünf Sterne verbunden mit einer klaren Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 18.09.2024

Freundschaft, Liebe und Verlust

In den Farben des Dunkels
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Erzählt wird die Geschichte des Joseph Macauley, genannt Patch. Er hat von Geburt an nur ein Auge. Deshalb trägt er eine Augenklappe wie ein Pirat. Zu diesem Zeitpunkt ist Patch dreizehn Jahre alt. Er ...

Erzählt wird die Geschichte des Joseph Macauley, genannt Patch. Er hat von Geburt an nur ein Auge. Deshalb trägt er eine Augenklappe wie ein Pirat. Zu diesem Zeitpunkt ist Patch dreizehn Jahre alt. Er lebt mit seiner alkoholkranken Mutter in der Kleinstadt Monta Clare im Bundesstaat Missouri im mittleren Westen.

In einer Zeitspanne von mehr als 25 Jahren erfahren wir, wie sein weiteres Leben verläuft. Zu Beginn der Erzählung im Jahr 1975 lernt Patch zufällig das Mädchen Saint kennen. Sie wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie fortan dauerhaft auf ihrem weiteren Lebensweg befreundet sein werden. Beide Figuren sind sehr vielschichtig beschrieben und waren mir von Anfang an sympathisch.

Mit Saints Großmutter Norma, dem Teenager Misty Meyer, sowie dem Galeristen und Maler Sammy hat der Autor weitere Figuren mit Tiefgang entwickelt.

Das Leben von Patch nimmt eine dramatische Wende, als er beobachtet, dass das Mädchen Misty Meyer in Gefahr ist und er ihr zu Hilfe eilt. Sie kann fliehen und Patch wird entführt. Fast ein Jahr lang bleibt er eingesperrt in einem dunklen Verlies zusammen mit einem Mädchen namens Grace.

Nach seiner Befreiung ist Patch nicht mehr der, der er vorher war und Grace ist verschwunden. Es bleibt unklar, ob es dieses Mädchen wirklich gibt oder ob Patch sie sich lediglich eingebildet hat. Wir wissen nicht, ob Patch nicht an Albträumen, Flashbacks und Fehlwahrnehmungen leidet.

Niemand glaubt ihm, dass es diese Grace wirklich gibt. Er reist in den kommenden Jahren quer durch die einzelnen US-Bundesstaaten. Immer wenn er hört, dass irgendwo ein junges Mädchen vermisst wird, sucht er die Eltern auf in der Hoffnung, dass es sich um Grace handeln könnte.

Saint unterstützt ihn dabei, indem sie ihm Informationen zu den Vermissten zukommen lässt. Sie kämpft um ihren Freund, ihre große und einzige Liebe.

Ein nicht unerhebliches Spannungselement besteht darin, dass man erfahren möchte, ob es Grace wirklich gibt und Patch sie in diesem Fall jemals wiederfindet. Plot-Twists, die das weitere Leben von Patch, Saint und Misty wesentlich beeinflussen und ändern, haben mich überrascht, aber zum Teil auch traurig gestimmt.

Manchmal wendet der Autor eine Erzähltechnik an, bei der der Leser einen Wissensvorsprung vor dem Protagonisten hat. Das ist eine Form der Spannungserzeugung und wird meines Erachtens nicht so oft von Autoren angewendet. Um den Leser neugierig auf die Auflösung eines Erzählstrangs zu machen, greift Whitaker an einigen Kapitelenden zu Cliffhangern.

Dieser Roman ist ein gewaltiges Epos mit einer Tragweite von unvorhersehbarem Ausmaß, das sich über einen Zeitraum von insgesamt sechsundzwanzig Jahren erstreckt. Vier Jahre lang hat der Autor daran geschrieben.

Fazit:

Kein Roman seit den beiden Büchern »Unter blutrotem Himmel« und »Das letzte grüne Tal« von Mark Sullivan hat mich so berührt wie dieser Roman. Es sind gewisse Parallelen zu Joseph (Patch) Macauley und Jay Gatsby in F. Scott Fitzgeralds Roman »The Great Gatsby« vorhanden.
Der Schreibstil ist sehr beeindruckend und einfühlsam. Nichts ist langweilig oder langatmig in Whitakers Erzählungen. Er fügt sowohl prosaische als auch romantische Passagen ein. Die Geschichte hat mich mitgenommen und in ihren Bann gezogen. Ständig habe ich mir die Frage gestellt, ob es Grace wirklich gibt, oder ob dieses Mädchen auf Patchs Einbildung basiert.
Es werden verschiedene Genres bedient wie Coming-Of-Age, Freundschaft, bedingungslose Liebe, Schicksal, Verbrechen und polizeiliche Ermittlungen.
Dieser literarische Roman lebt nicht so sehr von der Spannung, sondern mehr von den verschiedenen Charakteren mit deren Entwicklungen über einen langen Zeitraum.
Wer sich davon inspirieren lassen will, dem kann ich dieses Buch empfehlen und vergebe dafür fünf Sterne.

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