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Veröffentlicht am 09.06.2025

Ein starkes literarisches Zeugnis über Verlust und Überleben

Radio Sarajevo
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„Radio Sarajevo“ ist ein bewegender Debütroman, der den Krieg, die Flucht und den Neuanfang eines Kindes im zerfallenden Jugoslawien erzählt. Tijan Sila, geboren 1981 in Sarajevo, emigrierte Mitte der ...

„Radio Sarajevo“ ist ein bewegender Debütroman, der den Krieg, die Flucht und den Neuanfang eines Kindes im zerfallenden Jugoslawien erzählt. Tijan Sila, geboren 1981 in Sarajevo, emigrierte Mitte der 90er Jahre mit seiner Familie nach Deutschland und verarbeitet in seinem literarischen Debüt eigene Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend während des Bosnienkriegs. Heute lebt er in Kaiserslautern und arbeitet als Lehrer.

Worum geht’s genau?
Der Roman erzählt aus der Sicht des 10-jährigen Tijan, der den Ausbruch des Bosnienkriegs miterlebt. Sarajevo wird bombardiert, die Stadt versinkt in Chaos und Zerstörung. Der Junge wächst zwischen Ruinen auf, lernt, sich in einer Welt zu behaupten, die von Gewalt und Verlust geprägt ist. Er handelt auf dem Schwarzmarkt, um zu überleben, erlebt, wie Freundschaften zerbrechen, wie Menschen zu Tätern und Opfern werden. „Radio Sarajevo“ schildert die brutale Realität eines Bürgerkriegs, der nicht nur politische, sondern tief menschliche Abgründe offenlegt. Es ist zugleich eine Geschichte vom Überleben, von Traumata und von der Suche nach einem neuen Leben.

Meine Meinung
Das Buch lange jetzt seeehr lange auf meinem SuB. Ein Wellnesswochenende hat jetzt dazu geführt, dass ich es endlich lesen konnte. Eine gute Entscheidung, denn Tijans Schilderungen haben mich emotional echt gepackt. Die Sprache ist roh und authentisch, die Darstellung des Kriegsalltags und der psychischen Belastung ist eindringlich und unverblümt. Man spürt den Geruch von verbranntem Material, die Angst und Verzweiflung eines Kindes, das zwischen Verlust und Überlebenswillen gefangen ist. Besonders stark fand ich, wie der Autor die Ambivalenz menschlichen Handelns darstellt: Dichter werden zu Mördern, Täter zu Helden – das ist eine erschütternde Realität, die hier ohne Beschönigung gezeigt wird.

Die Erzählweise ist dabei sehr persönlich und emotional, ohne ins Kitschige abzurutschen. Die Darstellung der Kriegstraumata und die Mechanismen, wie Menschen sich an das Unvorstellbare gewöhnen, sind nachvollziehbar und nachdenklich stimmend. Gleichzeitig vermittelt das Buch immer wieder die Hoffnung auf Heilung und Neuanfang, auch wenn die Narben tief sitzen.

Der Umgang mit der Sprache und den kulturellen Eigenheiten, wie etwa der besonderen bosnischen Fluchformeln, verleiht dem Buch eine besondere Authentizität. Manche Szenen sind brutal und verstörend, etwa die Schilderungen von Gewalt gegen Frauen oder die Armut, die aus Mangel an Nahrung resultiert. Diese ungeschönte Darstellung ist wichtig und macht die Geschichte umso kraftvoller.

Einzig die Komplexität des Krieges, mit seinen vielen Fronten und wechselnden Loyalitäten, war für mich nicht immer leicht nachvollziehbar und hätte noch detaillierter beschrieben werden können. Etwa mit einem Nach- oder Vorwort. Insgesamt ist „Radio Sarajevo“ ein sehr gelungenes Debüt, das Krieg und Flucht mit großer Empathie und sprachlicher Kraft erzählt.

Fazit
„Radio Sarajevo“ von Tijan Sila ist ein eindringliches und emotional packendes Buch über die Schrecken des Krieges und die Kraft des Überlebens. Die Authentizität und Tiefe der Erzählung verdienen 4 von 5 Sternen. Es ist ein wichtiges Buch, das Geschichte und Menschlichkeit lebendig werden lässt. Ich danke dem Hanser Berlin Verlag und Netgalley herzlich für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Bewegende Frauenporträts aus einem Ort zwischen Hoffnung und Schmerz.

Die Frauen von Bidi Bidi
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In "Die Frauen von Bidi Bidi" erzählt Charline Effah von einer jungen Krankenschwester, die nach ihrer Flucht aus dem Kongo im ugandischen Flüchtlingslager Bidi Bidi landet. Dort trifft sie auf Frauen, ...

In "Die Frauen von Bidi Bidi" erzählt Charline Effah von einer jungen Krankenschwester, die nach ihrer Flucht aus dem Kongo im ugandischen Flüchtlingslager Bidi Bidi landet. Dort trifft sie auf Frauen, die wie sie Gewalt, Krieg und Verlust überlebt haben – jede mit ihrer eigenen Geschichte, jede mit ihren eigenen Wunden. Der Roman verwebt ihre Stimmen zu einem vielschichtigen, emotional dichten Porträt weiblichen Überlebenswillens in einem Ort des Übergangs aus der Sicht von Minga, der Tochter der Krankenschwester die auf den Spuren ihrer Mutter wandelt und nach Antworten sucht.

Charline Effah stammt aus Gabun und lebt heute in Paris. Sie hat sich einen Namen gemacht mit literarisch anspruchsvollen, zutiefst menschlichen Romanen, in denen sie das Erleben afrikanischer Frauen mit poetischer Sprache und scharfem Blick erforscht. Ihre Werke sind mehrfach ausgezeichnet worden und zeichnen sich durch politische Sensibilität und emotionale Tiefe aus.

Meine Meinung

Von der ersten Seite an hat mich dieser Roman in seinen Bann gezogen. Was mich besonders berührt hat, war die stille, aber eindringliche Art, mit der die Geschichten dieser Frauen erzählt werden – ohne Pathos, ohne Übertreibung, aber mit großer Würde. Minga, die Hauptfigur, dient dabei nicht als klassische Identifikationsfigur, sondern als Beobachterin und Erzählerin zugleich. Durch ihre Augen begegnen wir Frauen, die sexueller Gewalt, dem Tod ihrer Kinder oder der Vertreibung entkommen sind – und doch nicht gebrochen wirken.

Effah gelingt es, die Stimmen dieser Frauen nicht zu einer einzigen zu verschmelzen, sondern jede für sich sprechen zu lassen. Ihre Erfahrungen sind hart, aber niemals anonym oder reduziert auf Leid. Es geht um Erinnern, um Identität, um das Recht auf Menschlichkeit. Immer wieder tauchen poetische Bilder auf, die das Unsagbare greifbar machen – etwa wenn das Schweigen zwischen den Zelten schwerer wirkt als die Hitze oder wenn ein Lied, das gesungen wird, mehr Trost spendet als Medizin.

Besonders eindrucksvoll ist die Atmosphäre im Camp: Die Enge, der Staub, das Misstrauen – aber auch kleine Lichtblicke wie ein Gespräch, ein geteiltes Stück Brot oder ein Blick, der Mut macht. Die Spannung entsteht nicht durch äußere Handlung, sondern durch die emotionale Intensität, die zwischen den Zeilen liegt. Das hat mich oft innehalten lassen – um das Gelesene zu verarbeiten, um über die eigene Position nachzudenken.

Auch das historische und politische Umfeld – von kolonialer Gewalt bis zur Rolle internationaler Hilfsstrukturen – wird klug angedeutet, nie dozierend. So entsteht ein dichtes Netz aus persönlichen Geschichten, politischer Realität und literarischem Anspruch.

Fazit

"Die Frauen von Bidi Bidi" ist ein Roman, der leise spricht – und gerade deshalb lange nachhallt. Die Sprache ist poetisch, aber klar, die Figuren glaubhaft und berührend. Ein wichtiges Buch über weibliche Stärke, Erinnerung und Würde.

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Ein Thriller, der dich zweifeln lässt

Fake – Wer soll dir jetzt noch glauben?
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Arno Strobel gehört zu den bekanntesten deutschen Thrillerautoren. Seine Geschichten entstehen oft aus Alltagsbeobachtungen und führen tief in die psychologischen Abgründe seiner Figuren. Ob in der beliebten ...

Arno Strobel gehört zu den bekanntesten deutschen Thrillerautoren. Seine Geschichten entstehen oft aus Alltagsbeobachtungen und führen tief in die psychologischen Abgründe seiner Figuren. Ob in der beliebten Mörderfinder-Reihe oder als Einzelband – seine Bücher stehen regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Mit "Fake" hat er erneut einen fesselnden Psychothriller vorgelegt.

Inhalt
Patrick Dostert wird plötzlich zum Hauptverdächtigen in einem Entführungs- und Missbrauchsfall. Obwohl er beteuert, das Opfer nie gesehen zu haben, belasten ihn Indizien schwer – allen voran ein Video, das ihn scheinbar eindeutig überführt. Während Patrick um seine Glaubwürdigkeit kämpft, droht sein gesamtes Leben zu zerbrechen. Doch was, wenn selbst Bilder lügen?

Meine Meinung
Arno Strobel ist für mich kein Unbekannter – ich liebe seine "Mörderfinder"-Reihe, habe aber mit der "Gegenspieler"-Reihe deutlich weniger anfangen können. Nachdem mich der stand-alone-Thriller "Stalker" zuletzt richtig begeistert hat, war ich gespannt auf "Fake". Und was soll ich sagen: Ich wurde nicht enttäuscht.

Das Hörbuch, wie gewohnt brillant gelesen von Sascha Rotermund, war wieder ein echtes Erlebnis. Die Stimme verleiht der Geschichte zusätzlich Tempo und Tiefe – man ist sofort mitten im Geschehen. Von der ersten Minute an hat mich die Handlung gepackt, und obwohl ich zwischenzeitlich misstrauisch wurde, tappte ich bis zum Ende im Dunkeln. Genau so wünsche ich mir einen Psychothriller: spannend, wendungsreich und mitreißend.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Das Konzept erinnerte mich stellenweise stark an "Stalker". Ob sich "Fake" nun an "Stalker" orientiert oder umgekehrt – diese Parallelen waren für mich deutlich spürbar. Daher ziehe ich einen Stern ab. Dennoch funktioniert "Fake" auch für sich allein großartig, und ich konnte das Hörbuch kaum pausieren.

Fazit
Ein fesselnder Thriller, der mit einem hochaktuellen Thema spielt und psychologisch gekonnt inszeniert ist. Trotz kleiner Wiederholungstendenzen bleibt Fake ein spannendes Erlebnis. 4 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Kein Spektakel aber eine feinsinnige Lebensbetrachtung

Das Fest
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Lucy Fricke versteht es, mit wenigen Worten viel zu sagen. "Das Fest" erzählt von einem einzigen Tag im Leben des alternden Regisseurs Jakob – seinem fünfzigsten Geburtstag – und entfaltet dabei ein ganzes ...

Lucy Fricke versteht es, mit wenigen Worten viel zu sagen. "Das Fest" erzählt von einem einzigen Tag im Leben des alternden Regisseurs Jakob – seinem fünfzigsten Geburtstag – und entfaltet dabei ein ganzes Leben im Rückblick, zwischen Melancholie und überraschender Leichtigkeit. Lucy Fricke, geboren 1974 in Hamburg, ist längst keine Unbekannte mehr in der deutschen Literaturszene. Mit Romanen wie "Töchter" oder "Die Diplomatin" hat sie sich einen Namen gemacht. Die Autorin lebt in Berlin, engagiert sich für junge Literatur und Musik und organisiert unter anderem das HAM.LIT-Festival.

Worum geht’s genau?
Jakob, einst gefeierter Filmregisseur, lebt zurückgezogen, müde vom Leben, enttäuscht vom Beruf, einsam im Herzen. Seine Karriere ist längst vorbei, die letzte Beziehung zehn Jahre her. Am Morgen seines 50. Geburtstags verkündet er nüchtern: „Es gibt nichts zu feiern.“ Doch seine Freundin Ellen sieht das anders – sie lockt ihn aus seiner Lethargie, schickt ihn auf eine Reise in seine Vergangenheit und durch die Fragmente seines Lebens. In Rückblenden, Begegnungen, Erinnerungen und kleinen Fluchten entspinnt sich ein Porträt eines Mannes, der sich selbst neu betrachten muss – und vielleicht auch verzeihen.

Meine Meinung
Ich bin über die Dumont Bücherbingo-Challenge auf "Das Fest" aufmerksam gemacht worden – gesucht war ein Buch, das an einem einzigen Tag spielt. Und als ich das wunderschöne Cover gesehen habe (Kampa Verlag, was sonst!), war ich endgültig neugierig. Das Buch habe ich als Hörbuch gehört – ein kurzes Vergnügen, keine drei Stunden, aber dafür intensiv. Und ehrlich gesagt: Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Ich habe den Klappentext nicht gelesen, wollte mich einfach einlassen.

Am Anfang habe ich mir etwas schwergetan. Es passiert nicht viel – keine große Handlung, keine lauten Wendungen. Wir begleiten Jakob an seinem 50. Geburtstag, ein Tag, der symbolisch für das letzte Lebensdrittel steht. Und doch verbirgt sich in dieser scheinbaren Ruhe so viel: Abschiede, Erinnerungen, Spurensuche, Identität, das Thema Altern, verpasste Chancen, späte Einsichten, späte Liebe. Es geht um Freundschaft, um das Ankommen, das Zuhause – und um all das, was nicht gesagt wurde.

Fricke erzählt das mit klarem Blick, aber großer Wärme. Einige Sätze bleiben haften, wie kleine Wahrheiten mitten im Alltag. „So viel Kindheit im Mund. So viel Kindheit auf leeren Magen.“ Solche Bilder zeigen, wie poetisch dieses dünne Buch auch ist.

Und doch – trotz der gelungenen Sprache und der feinen Beobachtungen – blieb bei mir ein Gefühl der Leerstelle zurück. Gerade, als ich dachte, jetzt bin ich in der Geschichte angekommen, war sie auch schon vorbei. Ich hatte das Gefühl, das Buch will kein großes Ausrufezeichen setzen. Vielleicht ist das Absicht – das Leben ist eben nicht immer laut. Aber in mir blieb der Wunsch nach mehr. Denn das Potenzial ist da: Jakob, der sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, Ellen, die eine so wichtige Rolle spielt – das hätte weiter erzählt werden können.

Trotzdem war "Das Fest" genau richtig für einen ruhigen Nachmittag. Es war kein literarischer Paukenschlag, aber ein kluges, leises Buch über das Älterwerden, das Vergehen der Zeit und die Kraft der Freundschaft.

Fazit
Ein feinfühliger, ruhiger Roman, der nicht laut sein will – und gerade dadurch berührt. Lucy Fricke lässt Raum für Gedanken und Erinnerungen. Nicht spektakulär, aber ehrlich, melancholisch und mit kleinen Momenten, die hängen bleiben. Von mir gibt es 4 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Liebe ist kein Märchen – sondern Macht oder Warum ich die Liebe jetzt anders sehe

Entromantisiert euch!
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Beatrice Frasl widmet sich in "Entromantisiert euch!" einer der tiefsten und zugleich folgenreichsten gesellschaftlichen Illusionen: der romantischen Liebe – und entlarvt sie als zentrales Machtinstrument ...

Beatrice Frasl widmet sich in "Entromantisiert euch!" einer der tiefsten und zugleich folgenreichsten gesellschaftlichen Illusionen: der romantischen Liebe – und entlarvt sie als zentrales Machtinstrument des Patriarchats. Frasl ist Kulturwissenschaftlerin, Geschlechterforscherin und als Autorin, Podcasterin ("Große Töchter") und Kolumnistin bekannt für ihre feministische Bildungsarbeit, auch auf Social Media als @fraufrasl. Bereits mit "Patriarchale Belastungsstörung" hat sie 2022 feministische Debatten angestoßen – mit Entromantisiert euch! legt sie nun nach.

Worum geht’s genau?
Das Buch seziert die romantische Liebe – nicht als kitschige Idee, sondern als strukturelles Problem. Romantik, so Frasl, ist keine neutrale Emotion, sondern eine gesellschaftliche Praxis, die Frauen in Abhängigkeiten bringt: emotional, ökonomisch, physisch. Es geht um psychische Belastungen, Care-Arbeit, finanzielle Ausbeutung und geschlechtsspezifische Gewalt – alles innerhalb des Rahmens romantischer Beziehungen. Dabei ist das Buch kein Manifest gegen die Liebe, sondern ein radikaler Ruf, sie neu zu denken. Frasl führt durch Kulturgeschichte, Popkultur, Statistik und persönliche Anekdoten – immer mit dem Ziel, aufzuzeigen: Wir müssen nicht (mehr) lieben, um vollständig zu sein.

Meine Meinung
Dieses Buch hat mich schockiert, bestätigt, empört – und zugleich zum Aufatmen gebracht. Besonders die Kapitel über emotionale und häusliche Gewalt haben mich tief berührt. Die Autorin stellt klar: Frauen sind am meisten von Gewalt betroffen, und zwar oft durch die, die sie lieben. Auch die Aufarbeitung psychischer Belastung innerhalb von Beziehungen – etwa durch fehlende Fürsorge, mangelnde emotionale Verfügbarkeit oder toxische Männlichkeit – war hart, aber notwendig. Die Kritik an weiblicher Sozialisation, an Erziehung zur Selbstaufgabe, hat mich besonders getroffen. Dass Frasl gleichzeitig fundierte Daten mit feministischer Wut verknüpft, hat mir imponiert – auch wenn ich mit der ironischen Sprache nicht immer ganz warm wurde.

Stellenweise war mir der Stil zu pointiert, zu sarkastisch – und die durchgehende Ansprache mit „Sie“ hat bei mir eine gewisse Distanz erzeugt, obwohl der Inhalt geradezu nach Nähe, Solidarität und einem kollektiven „Wir“ ruft. Trotzdem: Inhalten wie dem emotionalen Aufwand in Beziehungen, dem „Mental Load“, der ungerechten Arbeitsteilung, dem Bild der selbstaufopfernden Frau – all das wurde präzise und eindringlich beschrieben. Besonders eindrucksvoll fand ich die internationale Perspektive, etwa die 4B-Bewegung aus Südkorea, oder die Darstellung alternativer Beziehungs- und Familienmodelle – von platonischer Elternschaft bis hin zu matrilinearen Gesellschaften wie bei den Mosuo. Auch die Kritik an kapitalistischen Interessen in der Romantik – etwa durch die Bumble-Kampagne gegen freiwillige Enthaltsamkeit – war für mich ein Aha-Moment.

Das abschließende Kapitel zur "Postromantik" war schließlich mein persönliches Highlight. Die Vorstellung, dass Fürsorge auch außerhalb romantischer Beziehungen stattfinden kann – unter Freundinnen, Geschwistern, Wahlverwandtschaften – hat mir Hoffnung gegeben. Ich wünsche mir rechtliche Modelle für solche Beziehungsformen. Und ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der ich nicht mehr gefragt werde, warum ich keinen Freund habe, sondern ob ich glücklich bin.

Fazit
"Entromantisiert euch!" ist inhaltlich ein feministisches Meisterwerk – klug, wütend, radikal und notwendig. Der Schreibstil war für mich stellenweise gewöhnungsbedürftig, aber nie unzugänglich. Wegen der sprachlichen Distanz ziehe ich einen Stern ab – inhaltlich ist das Buch für mich eine glasklare 10/10. 4 von 5 Sternen. Dieses Buch verändert Perspektiven – wenn man bereit ist, sich wirklich darauf einzulassen.

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