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Nilchen

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Liebe ohne Zukunft, aber mit Tiefe

Chéri
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Es gibt Bücher, die sich lesen, als würde man sie träumen. Sidonie-Gabrielle Colettes Roman Chéri, erstmals 1920 in Frankreich erschienen, ist ein solches Werk – ein Meisterstück subtiler Erotik, gesellschaftlicher ...

Es gibt Bücher, die sich lesen, als würde man sie träumen. Sidonie-Gabrielle Colettes Roman Chéri, erstmals 1920 in Frankreich erschienen, ist ein solches Werk – ein Meisterstück subtiler Erotik, gesellschaftlicher Provokation und literarischer Eleganz. In der neuen, glänzenden Ausgabe des Manesse Verlags (übersetzt von Renate Haen und Patricia Klobusiczky, ergänzt um ein erhellendes Nachwort von Dana Grigorcea) wird dieser Klassiker nun einer neuen Lesergeneration zugänglich gemacht – und das mit bemerkenswerter Sorgfalt.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Die fast fünfzigjährige Léa de Lonval, eine ehemalige Kurtisane, lebt in einer dekadenten Welt der Pariser Belle Époque. Seit Jahren verbindet sie eine leidenschaftliche Beziehung mit dem 24-jährigen Fred Peloux, genannt Chéri. Chéri, ein ästhetischer Müßiggänger und Sohn aus gutem Hause, lässt sich durchs Leben treiben – charmant, verwöhnt, launisch. Als er die junge Edmée heiratet, glauben beide, die Trennung würde sie befreien. Doch genau das Gegenteil tritt ein: Die Zäsur wirft sie aus der Bahn und legt frei, wie tief diese „Liaison sans avenir“ tatsächlich war.
Was Chéri so besonders macht, ist nicht nur das Thema – eine Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem wesentlich jüngeren Mann, die zur damaligen Zeit als Skandal galt –, sondern die Art, wie Colette diese Geschichte erzählt. Mit einer Sprache, die zugleich sinnlich und messerscharf ist, entwirft sie ein Kammerspiel der Gefühle, das weit über das Erotische hinausgeht. Ihre Figuren sind keine bloßen Typen, sondern komplexe Seelen – widersprüchlich, verletzlich, stolz. Léa ist keine femme fatale, sondern eine Frau, die die Liebe ebenso genießt wie fürchtet, weil sie weiß, dass ihr Verfallsdatum gesellschaftlich längst überschritten ist.
In der exzellenten Übersetzung von Haen und Klobusiczky bleibt Colettes Stil lebendig und nuancenreich. Es gelingt ihnen, den feinen Humor, die melancholische Grundstimmung und das bittersüße Flirren dieser Amour fou zu bewahren, ohne den Text ins Gestelzte kippen zu lassen. Ein Balanceakt, der bewundernswert gelingt.
Das Nachwort von Dana Grigorcea liefert den notwendigen historischen Kontext – nicht nur zur Entstehungsgeschichte des Romans, sondern auch zur Stellung der Autorin in der französischen Literatur und zur Rezeption weiblicher Sexualität im frühen 20. Jahrhundert. Grigorcea öffnet den Blick für die literarische Radikalität Colettes, die mit Chéri nicht nur ein Tabu brach, sondern eine ganze moralische Ordnung infrage stellte.
Colettes Roman steht in einer langen Tradition französischer Literatur, die sich mit Ehebruch, Verlangen und Rollentausch beschäftigt – von Madame de Lafayette über Laclos bis zu Flaubert. Doch Chéri hebt sich durch seinen Ton, seine weibliche Perspektive und seine melancholische Schönheit ab. Léa liebt – und sie überlebt. Sie verzweifelt nicht, sie stilisiert nicht. Sie erkennt, dass Liebe nicht ewig dauert, aber ewig nachhallt. Dass Begehren nicht immer zur Erfüllung führt, aber zur Selbsterkenntnis. Dass Abschiede mehr sagen als Worte.
Ein großartiger Roman, schmal im Umfang, aber tief in der Wirkung. Ein Plädoyer für weibliches Begehren, für das Recht auf sinnliche Erfahrung jenseits der Konvention. Und ein literarisches Fest der Sprache, das in dieser Neuübersetzung neu leuchtet.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Kats Märchenschatz – ein feines Geschenkbuch

Lieblingsmärchen
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Es beginnt wie ein leises Flüstern aus Kindertagen: Das Knistern einer alten Märchenseite, das Funkeln vergilbter Sterne über einem Hof aus Tinte, das leise Trappeln eines Hundes mit tellergroßen Augen ...

Es beginnt wie ein leises Flüstern aus Kindertagen: Das Knistern einer alten Märchenseite, das Funkeln vergilbter Sterne über einem Hof aus Tinte, das leise Trappeln eines Hundes mit tellergroßen Augen durch die Gedankenwelt. Und dann schlägt man das Buch auf – Kat Menschik illustriert die schönsten Märchen von Hans Christian Andersen – und wird augenblicklich in ein Farbenreich katapultiert, das zugleich nostalgisch wie visionär wirkt.
Menschik macht hier mehr als bloß Märchen bebildern – sie inszeniert sie. Wie ein Bühnenlicht fällt ihr Zeichenstift auf Details, die in unserer Erinnerung verblasst waren. Aus einem einfachen Entlein wird eine Figur mit echtem Herzklopfen, aus einer Prinzessin auf einer Erbse eine Studie weiblicher Stärke und Sensibilität. „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ brennt sich förmlich in die Seele – ohne jede Sentimentalität, sondern mit der zarten Wucht ehrlicher Anteilnahme.
Besonders bezaubernd ist, dass sich in diesem Band Vergangenheit und Gegenwart die Hand reichen: Menschiks erstes Buchprojekt, ein Unikat für ihre Mutter gezeichnet, wird hier als Faksimile abgedruckt – eine Zeitreise in die Anfänge einer mittlerweile ikonischen Illustratorin. Wer genau hinsieht, erkennt schon dort den Kern ihres späteren Stils: verspielt, pointiert, manchmal leicht grotesk, immer aber voller Liebe zum Detail und zur erzählten Welt.
Auch das Puppenspiel am Ende – „Die Nachtigall“ – ist mehr als ein nettes Extra: Es lädt ein zum Nachspielen, zum Weiterträumen, zum Märchenerleben mit Händen und Stimmen. Und wer sich traut, die Figuren auszuschneiden (oder sie lieber kopiert), erhält eine Bühne für das eigene Wohnzimmer – ein Fest für Fantasie und Kindheitsträume.
Der Band ist ein Gesamtkunstwerk. Vom geprägten Leineneinband über den pastellblauen Buchschnitt bis zu den ausdrucksstarken Illustrationen ist alles ein Erlebnis für Auge und Herz. Und ja, auch für die Seele. Denn was Andersen einst über das Leben sagte – dass es selbst das wunderbarste Märchen sei – trifft hier auf Menschiks Kunst in vollendeter Form.
Fazit:
Ein Buch wie ein Kaleidoskop der Gefühle. Nostalgie trifft auf moderne Grafik, alte Märchen flackern in neuem Licht. Wer Andersen liebt – oder Kat Menschik –, wird sich diesem Band nicht entziehen können. Ein Lieblingsbuch. Und eines, das selbst ein Märchen geworden ist.

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Mord, Meer & mallorquinische Intuition – Isabel Flores’ erster Fall

Das Teufelshorn
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Ein Krimi mit mediterranem Flair, viel Atmosphäre – und einer Ermittlerin, die man sofort ins Herz schließt.
Im kleinen mallorquinischen Ort Sant Martí, wo der Duft von Pinien in der Luft liegt und der ...

Ein Krimi mit mediterranem Flair, viel Atmosphäre – und einer Ermittlerin, die man sofort ins Herz schließt.
Im kleinen mallorquinischen Ort Sant Martí, wo der Duft von Pinien in der Luft liegt und der Cortado unter der Sonne besonders gut schmeckt, wird der Alltag jäh durch eine düstere Nachricht erschüttert: Ein kleines Mädchen ist am Strand verschwunden. Die Polizei ist ratlos – und ruft Isabel Flores zu Hilfe, eine ehemalige Kommissarin mit messerscharfem Verstand und feiner Intuition, die sich inzwischen eigentlich lieber um Ferienimmobilien kümmert als um Verbrechen.
Doch Isabel lässt sich nicht lange bitten. Sie beginnt zu ermitteln – zunächst vorsichtig, dann immer tiefer in das dörfliche Netz aus Beziehungen, kleinen Lügen und gut gehüteten Geheimnissen eintauchend. Bald erschüttert ein weiterer Fall die Gemeinde: Ein älterer Mann wird brutal ermordet. Gibt es eine Verbindung?
Was den Roman besonders macht:
Das Teufelshorn punktet nicht mit atemloser Action oder übertriebener Brutalität, sondern mit Atmosphäre, Lokalkolorit und Charaktertiefe. Anna Nicholas gelingt es, Mallorca abseits der Touristenzentren zu schildern – als Ort voller Schönheit, aber auch voller Widersprüche. Die Protagonistin Isabel ist angenehm unaufgeregt, klug und reflektiert – eine Heldin, der man gerne durch schattige Gassen und über heiße Pflastersteine folgt.
Statt platter Polizeiklischees begegnet uns hier eine Frau mit Geschichte, einem Frettchen als Haustier und einem feinen Gespür für Menschen. Der Humor blitzt immer wieder durch, ohne die Spannung zu mindern. Auch Nebenfiguren wie Polizist Tolo oder Assistent Pep sind lebendig und charmant gezeichnet.
Die Handlung entwickelt sich in zwei spannenden Strängen – Entführung und Mord – und bleibt dabei immer nachvollziehbar. Zwar sind manche Wendungen vorhersehbar und nicht jede Figur bis ins Detail ausgearbeitet, doch das schmälert das Lesevergnügen kaum.

Fazit:
Ein gelungener Reihenauftakt mit Herz, Hirn und herrlichem Mittelmeerflair. Wer kluge Krimis mit ruhiger Erzählweise, sympathischer Ermittlerin und mediterraner Kulisse liebt, liegt mit Das Teufelshorn genau richtig. Hoffentlich bleibt es nicht bei diesem einen Fall für Isabel Flores!

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Veröffentlicht am 27.05.2025

Das Überleben nach dem Überleben

Die Windmacherin
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Es beginnt mit salziger Luft. Mit einem Jungen, der zum ersten Mal wieder das Meer riecht. Der Wind fährt ihm durchs Haar, während die Fähre ihn auf eine abgelegene Insel bringt – weit weg von Trümmern, ...

Es beginnt mit salziger Luft. Mit einem Jungen, der zum ersten Mal wieder das Meer riecht. Der Wind fährt ihm durchs Haar, während die Fähre ihn auf eine abgelegene Insel bringt – weit weg von Trümmern, Sirenen und der Angst. So beginnt der Sommer von Tobias, elf Jahre alt, still geworden nach einem Krieg, der ihm zu viel genommen hat.
Die Windmacherin, der dritte Band in Maja Lundes Jahreszeitenquartett, führt uns in die warmen Monate – doch es ist kein fröhlich-leichtes Sommerbuch. Wie schon in Die Schneeschwester und Die Sonnenwächterin verwebt Maja Lunde auch hier Kindheit mit Tiefe, Schmerz mit Hoffnung, Fantasie mit Realität.
Tobias soll sich erholen. Statt Ferienidylle findet er sich bei der wortkargen Lothe wieder, einer Fischerin mit verhärmtem Blick und verschlossenen Türen. Es dauert, bis Tobias erkennt, dass auch Lothe Narben trägt – und dass diese Insel mehr verbirgt, als sie zeigt. Alte Kinderzeichnungen, ein verlassenes Leuchtturmhaus und die Geschichte einer zerbrochenen Freundschaft ziehen ihn langsam hinein in ein leises Abenteuer – und in ein Erinnern, das heilt.
Maja Lundes Sprache ist schlicht, aber eindringlich. Sie schreibt mit großer Zärtlichkeit über schwere Themen: Trauma, Verlust, Sehnsucht, das Überleben nach dem Überleben. Und wieder ist es Lisa Aisato, deren Illustrationen diese Geschichte tragen, erweitern, vertiefen. Manche Bilder sind so intensiv, dass sie den Text für einen Moment überstrahlen. Oder besser: zum Leuchten bringen. Die emotionale Wucht ihrer Bilder ist kaum in Worte zu fassen – sie sind bewegende Begleiter, Stimmungsbilder, Kunstwerke.
Besonders ist auch das Format: ein hochwertiges, großformatiges Buch, das man gerne verschenkt, gemeinsam anschaut, langsam liest. Es lädt zum Innehalten ein – und ist dabei alles andere als kitschig!!!
Die Windmacherin ist ein Buch für Kinder ab etwa 10 Jahren – aber auch für Erwachsene, die wissen, wie viel Kinder aushalten (müssen) und wie viel Literatur heilen kann. Es erzählt davon, dass man weitergehen kann. Dass es Menschen gibt, die helfen. Und dass auch nach dunklen Zeiten ein Sommer kommt, der etwas in Bewegung bringt – ganz leise, wie der Wind.

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Veröffentlicht am 24.05.2025

Widerstand mit Witz

Daily Soap
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Nora Osagiobare hat mit Daily Soap einen literarischen Coup gelandet: einen Roman, der nicht nur bitterböse und blitzgescheit, sondern auch radikal gegenwärtig ist. Was auf den ersten Blick wie eine locker-leichte ...

Nora Osagiobare hat mit Daily Soap einen literarischen Coup gelandet: einen Roman, der nicht nur bitterböse und blitzgescheit, sondern auch radikal gegenwärtig ist. Was auf den ersten Blick wie eine locker-leichte Satire wirkt, entpuppt sich als messerscharfe Gesellschaftsanalyse mit maximalem Unterhaltungswert – ein echter page-turner mit Haltung.
Im Zentrum steht Toni – eine Schwarze Frau in der Schweiz, deren Hautton die Behörden liebevoll mit „Cappuccino Macchiato, serviert an einem lauen Novemberabend in Sri Lanka“ kategorisieren. Klingt absurd? Ist es auch – und genau das ist der Punkt. Osagiobare deckt in jedem Satz auf, wie tief Rassismus, Mikroaggressionen und Exotisierungsfantasien in der sogenannten Normalität verankert sind. Tonis Leben ist ein täglicher Spießrutenlauf zwischen strukturellem Ausschluss, familiärem Irrsinn und Kopfschmerzen, die vielleicht mehr sind als nur medizinisch erklärbar.
Parallel läuft der zweite Handlungsstrang: Ein gutbürgerliches Unternehmen wird durch einen Rassismus-Shitstorm aus dem neoliberalen Himmel geholt und beschließt – völlig ironiefrei – eine Reality-Show mit Schwarzen Protagonist:innen zu produzieren, um sich reinzuwaschen. Was sich daraus entspinnt, ist ein herrlich groteskes Panoptikum medialer Selbstinszenierung, performativer Antirassismus-Kampagnen und kolonialer Denkmuster im neuen Gewand. Wer glaubt, Kapitalismus und „Diversity“ seien versöhnbar, wird hier mit Stil und Schmackes eines Besseren belehrt.
Was Daily Soap so besonders macht, ist Osagiobares Sprachkunst: Jede Zeile sitzt, jeder Seitenhieb trifft – und zwar dort, wo es wehtut. Ihr Ton ist gleichzeitig rotzig und verletzlich, ihr Humor so präzise wie entlarvend. Sie schreibt mit einer Haltung, die sich nie anbiedert, sondern konsequent von unten, von der Seite, aus der Erfahrung der Marginalisierten erzählt. Dabei gelingt ihr das Kunststück, sowohl wütend als auch verspielt, melancholisch wie überdreht zu sein – eben genau so wie eine gute Daily Soap: voller Drama, Intrige, Chaos, aber mit Substanz.
Und ja – diese Geschichte hat Tiefe. Die Familiengeschichten, die Osagiobare erzählt, sind schrill und voller Absurditäten, aber sie bleiben nie bloß Karikaturen. Sie sind durchzogen von Fragen nach Zugehörigkeit, Identität, Entfremdung und Nähe – verpackt in popkulturellen Referenzen, feministischen Verweisen und einem Bewusstsein dafür, dass persönliche Geschichten immer auch politisch sind.
Fazit:. Eine literarische Watsche für alle, die immer noch glauben, Rassismus sei ein Einzelfall oder Humor könne nicht politisch sein. Osagiobare führt uns durch einen absurden Spiegelkabinettstaat, der unsere Welt erschreckend genau abbildet – und dabei so unterhaltsam ist, dass man erst beim Lachen merkt, wie sehr es brennt.
Wild und wahnsinnig gut – unbedingt lesen.

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