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Veröffentlicht am 10.06.2025

Vita navigatio

Sputnik
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Die Autofiktion mit dem Moment der Zeugung zu beginnen, ist ja nicht unoriginell, zuletzt begegneten wir diesem Kunstgriff bei Tristam Shandy. Doch zu diesen Höhen der Erzählkunst vermag Christian Berkel ...

Die Autofiktion mit dem Moment der Zeugung zu beginnen, ist ja nicht unoriginell, zuletzt begegneten wir diesem Kunstgriff bei Tristam Shandy. Doch zu diesen Höhen der Erzählkunst vermag Christian Berkel sich nicht aufzuschwingen.

Was der Leser präsentiert bekommt, ist die in der Rückschau verklärte Nostalgie der Swinging Sixties, zuzüglich die politische Zuspitzung der Studentenrevolution und das Abdriften in den Terrorismus, die sattsam bekannten Ingredienzen von sex and drugs and Rock n Roll, ergänzt durch die zugegebenermaßen verstörenden biographischen Details der Elterngeneration. Es ist aber mehr als abstoßend, wenn der mittlerweile selbst gealterte Erzähler immer noch mit dem alten Hochmut, der typischen Selbstgerechtigkeit auf diese irregeleitete Generation herabblickt. Entlarvend die Episoden des letzten Drittels, in dem die verblasene Intellektualität der zeitgenössischen Theaterboheme ausgiebig zu Wort kommt.

Wenn es im Gefolge eines zweifelhaften psychologisch motivierten Probenprocedere beim Protagonisten zu einem Rebirthing-Erlebnis kommt, erfolgt damit eine unübersehbare Verknüpfung mit der Eingangspassage. Etwas prätentiös, wenn auch gut gemacht.

Insgesamt eine wenig befriedigende Lektüre, gedanklich eher unergiebig, emotional arm.

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Veröffentlicht am 11.02.2025

Als Tiger gesprungen …

Not your Darling
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Der Beginn des Romans weckte recht hohe Erwartungen, erinnerte die Chuzpe der Heldin doch an Thackereys ‚Jahrmarkt der Eitelkeiten‘. Ein enormes Erzähltempo, eine pointierte Charakterzeichnung mit dem ...

Der Beginn des Romans weckte recht hohe Erwartungen, erinnerte die Chuzpe der Heldin doch an Thackereys ‚Jahrmarkt der Eitelkeiten‘. Ein enormes Erzähltempo, eine pointierte Charakterzeichnung mit dem Witz und der Gewissenlosigkeit der Loretta - das alles versprach spritzige Unterhaltung.
Doch allzu bald tauchen Defizite auf und schmälern das Lesevergnügen. Der überstürzt geehelichte Mann ist nurmehr eine Karikatur, wie aus dem Baukasten seine stereotypen Eigenschaften zusammengesetzt, und seine nicht existente Loyalität gegenüber seiner frisch angetrauten Loretta vervollständigt nur das Bild eines totalen Un-Sympaths. Die Hollywood-Orgie, erster Station auf Lorettas Reise der Bewährung, lässt kein Klischee aus, und verwundert reibt sich der Leser die Augen: wohin ist Lorettas Unerschrockenheit entschwunden, bedarf sie doch der Rettungsbemühungen des männlichen Kontrastmodells, der sich schon bald, niemand wundert sich, als Mr Right entpuppt. Etliche Verzögerungen und Missverständnisse sorgen dafür, dass sich die Handlung arg in die Länge zieht. Das weibliche Personal teilt sich sauber in treue Freundinnen und üble Neiderinnen und Konkurrentinnen auf, und der Slalom der Heldin zum Ziel umfassenden Erfolgs endet erst nach allzu vielen Seiten. Angesichts des vielversprechenden Anfangs lässt sich nur konstatieren: Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet!

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Veröffentlicht am 01.12.2024

Westwärts

Sing, wilder Vogel, sing
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Jacqueline O‘Mahonys Roman setzt ihrem irischen Volk ein Denkmal, das mit der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts sein größtes nationales Trauma erlitten hat.

Die Autorin wählt eine Heldin, die ...

Jacqueline O‘Mahonys Roman setzt ihrem irischen Volk ein Denkmal, das mit der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts sein größtes nationales Trauma erlitten hat.

Die Autorin wählt eine Heldin, die aus ihrer Gemeinschaft herausgehoben, geradezu ausgesondert ist, um an ihr die vielfältigen Leiden zu demonstrieren, denen die Menschen aufgrund dieser Lebensbedingungen unterworfen waren. Indem Honora sich von ihren Mitmenschen so gänzlich unterscheidet, hat die Verfasserin Gelegenheit, den Leser mit der vielformigen Welt der irischen Mythen bekannt zu machen.

So verfolgen wir Honoras Lebensweg durch die Fährnisse ihrer Zeit und Gesellschaft, begleiten sie auf ihrer Überfahrt über den Atlantik, um Zeuge zu werden, wie sie nach neuem Ungemach in der Neuen Welt endlich eine ihr gemäße Lebensform findet.

Zwei wesentliche Aspekte dienen dazu, die innere Unabhängigkeit und Stärke der Protagonistin darzulegen: ihre tiefe Verbundenheit mit den mythischen und geschichtlichen Wurzeln ihrer irischen Herkunft und ihre innere Distanz zu den Männern, die ihren Weg kreuzen. Aber schließlich stößt sie auf einen amerikanischen Ureinwohner, der ihre spezielle Wesensart respektiert und teilt, weshalb Honora in ihm den ihr gemäßen Gefährten erkennt.

Dieses breit angelegte Panorama präsentiert O‘Mahony in einer überaus stilisierten, raunenden Sprache, die gelegentlich beim Leser ein leises Befremden auslöst. Auch der für die deutsche Übersetzung gewählte Romantitel ‚Sing, wilder Vogel, sing‘ ist in seiner Diktion mit dem doppelten Imperativ und der Gleichsetzung von Mensch und Vogel allzu pathetisch und überfrachtet mit Emotion.

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Veröffentlicht am 20.08.2024

Impressionistische Skizze

Die Gräfin
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Verweht, verwischt erscheinen die Ereignisse, die das Handlungsgerüst dieses kleinen Textes bilden: eine alte Frau, mit zwei Dienstboten einsam auf einer Hallig lebend, rettet gegen Ende des 2. Weltkriegs ...

Verweht, verwischt erscheinen die Ereignisse, die das Handlungsgerüst dieses kleinen Textes bilden: eine alte Frau, mit zwei Dienstboten einsam auf einer Hallig lebend, rettet gegen Ende des 2. Weltkriegs einen abgestürzten britischen Piloten. Doch wirklich eindrücklich sind die atmosphärischen Landschaftsschilderungen, die unter Beweis stellen, wie tief vertraut die Autorin mit Watt und Wetter, Wasser und Land, Licht und aller Kreatur ihrer Heimat ist. Will man Kritik üben, so muss angemerkt sein, dass die Charakterisierung der handelnden Personen arg holzschnittartig ausfällt: die Schroffheit der Gräfin, die Treue des Kutschers, die Anhänglichkeit der Haustochter. Der Aufruhr, den das Auftauchen des Fremden verursacht - verbunden mit der absoluten Gefährdung aller Beteiligten - weckt im Bewusstsein der Gräfin ein Kaleidoskop vieler Erinnerungen, Gelegenheit für die Autorin, mit allerlei geschichtlichen und landeskundlichen Kenntnissen zu brillieren. Das Impressionistisch-Skizzenhafte dieser offenbar so bewußt schwebend, verwischt, verweht gehaltenen Erzählung kumuliert in dem unvermittelt abgebrochenen Schluss, der dem Leser keinerlei Auflösung gönnt. Es bleibt vollkommen im Dunkeln, wie sich die Geschicke des Briten, der Gräfin und ihrer unmittelbaren Umgebung als Ergebnis dieser Episode entwickeln.

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Veröffentlicht am 30.09.2023

Weniger wär mehr

Wellenkinder
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Menschliche Schicksale vor historischem Hintergrund: eigentlich die beste Voraussetzung für einen packenden Roman, der dem Leser einen Einblick verschafft in die politischen Verstrickungen eines untergegangenen ...

Menschliche Schicksale vor historischem Hintergrund: eigentlich die beste Voraussetzung für einen packenden Roman, der dem Leser einen Einblick verschafft in die politischen Verstrickungen eines untergegangenen Staates. Im Zentrum von Bahrows „Wellenkindern“ steht die allgemein gültige Wahrheit, dass Kinder der bedingungslosen Liebe und Fürsorge der Erwachsenen bedürfen. Solange die drei Geschichten getrennt voneinander erzählt werden, bieten sie hervorragendes Anschauungsmaterial für diese im Roman abgehandelte Grundwahrheit: das Flüchtlingsmädchen aus Königsberg, das aus einem Impuls heraus Verantwortung für ein fremdes Kind übernimmt; das junge Mädchen aus der DDR, das in blinder Liebe zum Spielball des Regimes wird und ihres Kindes beraubt wird; der verstörte Mann in mittleren Jahren, dem auf der Zeitebenen der Gegenwart in seiner Ehekrise das Erlebnis seiner Vaterschaft Halt vermittelt. Wenn die Autorin allerdings beginnt, diese drei Geschichten zu verzwirbeln, wird die Geduld des Lesers auf eine harte Probe gestellt, die Glaubwürdigkeit immer neuer Wendungen arg strapaziert. Schade! Eine derartig verwickelte Handlungskonstruktion ist typisch für die Schauerromane des viktorianischen Zeitalters, in einem zeitgeschichtlichen Roman ist sie deplatziert. Weniger wär mehr.

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