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Veröffentlicht am 11.06.2025

Ligurischer Albtraum

Ligurisches Erbe
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Bestsellerautor Sebastian Wolf fährt mit seiner Terrierhündin Jackie nach Ligurien, um seinen neuesten Thriller zu schreiben. Zuletzt war er vor 10 Jahren in der Casa Principessa, dem Ferienhaus seines ...

Bestsellerautor Sebastian Wolf fährt mit seiner Terrierhündin Jackie nach Ligurien, um seinen neuesten Thriller zu schreiben. Zuletzt war er vor 10 Jahren in der Casa Principessa, dem Ferienhaus seines Freundes Martin im kleinen Dorf Montalto Ligure. Damals war er mit seiner Frau Ella dort und gemeinsam genossen sie unbeschwerte Tage in der Sonne Italiens. Seit 6 Jahren ist Sebastian Witwer und er hat gemischte Gefühle, was die Rückkehr an diesen speziellen Ort betrifft. Während er sich in seiner Bleibe gemütlich einrichtet, wird in der örtlichen Kirche San Giovanni Battista Padre Crosetto erdrosselt. Sein Tod markiert den Beginn einer grausamen Mordserie im pittoresken Dorf Montalto Ligure.

„Ligurisches Erbe“ ist das Romandebüt des Sachbuchautors, Journalisten und Historikers Armin Fuhrer und der Auftaktband zu seiner Reihe „Krimiautor Sebastian Wolf ermittelt“.

Allzu schnell folgt dem ersten Mord der zweite. Dieses Mal trifft es eine ältere Frau, die in der Nähe ihres Hauses beim Blumengießen erdrosselt wird. Die Polizei ist ratlos. Es gibt keine verwertbaren Spuren. Nur die Täterschaft desselben Mörders in beiden Fällen scheint festzustehen. Der Leser weiß, dass dies zutrifft. Denn in den kursiv gedruckten Passagen des Textes erhalten wir Einblick in die Gedankenwelt des Mörders. Was diesen antreibt und zum Töten zwingt, erscheint bizarr, aber absolut tödlich. Inzwischen begegnet Wolf den Erinnerungen an glücklichere Zeiten, lernt aber auch die sympathische Melanie kennen, die deutsche Wirtin des einzigen Ristorante in Montalto Ligure. Hat er das Flirten noch drauf?

Der Autor schreibt flüssig und bildhaft. Seine Beschreibung von Land und Leuten wirkt authentisch. Die Buchcharaktere sind stimmig: Der sensible Erfolgsautor Sebastian, der allmählich aus seinem emotionalen Schneckenhaus herausfindet, die sympathische Melanie, die ebenfalls schon Tragisches erlebt hat, der missmutige, ignorante Commissario Brignone, der aufgeschlossene, ehrgeizige Ispettore Flavotti oder der zuverlässige Lehrer und Bürgermeister Rossetto. In die Figur von Sebastians bestem Freund, dem Geschichtsprofessor Martin, kann der Autor sein Wissen als Historiker einfließen lassen. Zumal dessen Kenntnisse und Verbindungen eine wichtige Rolle für den Fall spielen.

Der Krimi hat mich gut unterhalten, wenn ich auch das Mordmotiv sehr speziell fand. Die Passagen aus der Perspektive des Täters haben mir da nur bedingt weiter geholfen. Erstaunlich aus meiner Sicht ist das unüberlegte Handeln des Commissarios, der jegliches Fingerspitzengefühl vermissen lässt und anscheinend willkürlich Leute festnehmen lässt. Handelt so ein Kriminalbeamter mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, bloß weil ihm die Hitze zusetzt und er keinen Tatverdächtigen findet? Völlig unverständlich war für mich aber die nicht nachvollziehbare Veränderung des Hauptcharakters im letzten Teil des Buches. Kaum besteht für sein eigenes Leben Gefahr schon sorgt er sich nicht mehr um seine Mitmenschen, auch nicht um die, die ihm nahestehen. Seine Konzentration auf die eigene Sicherheit und sein fehlendes Kümmern ermöglichen den letzten Mord. Ich will nicht spoilern, aber warum handelt Wolf nicht verantwortungsbewusster? Warum lässt er in einer derart gefährlichen Situation sein Handy in der Küche liegen? Für mich passt dieses gedankenlose, egoistische Verhalten überhaupt nicht zu ihm. Auch setzen ihm die Folgen seines Unterlassens wenig zu und das Leben geht einfach weiter.

Der Autor verfügt über einen angenehmen flüssigen Schreibstil, der sich gut lesen lässt. Hinsichtlich der Charakterentwicklung seiner Hauptfigur und des Spannungsbogens sehe ich noch Luft nach oben. Bis auf seinen folgenschweren Fehler und sein egoistisches Verhalten als Gefahr droht, hat sich Sebastian Wolf mit seiner quirligen Jackie durchaus für weitere Fälle empfohlen.

Von mir gibt es 3,5 Punkte. Ohne Wolfs nicht nachvollziehbares, gedankenloses Verhalten wäre meine Bewertung deutlich positiver.

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Veröffentlicht am 06.05.2025

Ein etwas anderer Krimi

Die Engel von Alperton
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Die True-Crime-Autorin Amanda bittet ihre Agentin um ein neues Projekt, abseits ihres gewohnten Schemas „tote Blondine, ahnungslose Polizei, sich überschlagende Medien und feixender Psychopath“. Ihr Wunsch ...

Die True-Crime-Autorin Amanda bittet ihre Agentin um ein neues Projekt, abseits ihres gewohnten Schemas „tote Blondine, ahnungslose Polizei, sich überschlagende Medien und feixender Psychopath“. Ihr Wunsch geht in Erfüllung. Das neue Buch soll von einer kleinen Sekte handeln, den „Engeln von Alperton“, deren Gemeinschaftsselbstmord vor 18 Jahren die Menschen verwirrte. Damals befreite die Polizei zwei Jugendliche und ein Baby aus den Fängen der Fanatiker, die sich für Engel in Menschengestalt hielten. Aktuell wird der gerettete Säugling, dessen Identität geheim ist, volljährig. Ein Interview mit ihm wäre der geniale Aufhänger für Amandas neues Buch. Blöd nur, dass ein anderer Autor Ähnliches plant. Ihr Rivale ist ausgerechnet Oliver Menzies, ein Journalistenkollege, mit dem sie noch eine Rechnung offen hat. Der Wettstreit beginnt.

„Die Engel von Alperton“ ist ein Roman der britischen Autorin Janice Hallett. Für mich war es das erste Buch der Autorin.

Amanda beginnt mit der Recherche für ihr Buch und versucht, das „Alperton Baby“ zu finden. Bald fallen ihr Diskrepanzen zwischen den Berichten und Aussagen auf. Können sich die Zeugen nach so langer Zeit nicht mehr korrekt erinnern oder steckt mehr dahinter? Trotz des Aufsehens, das der Fall seinerzeit hervorgerufen hatte, wurde ungewöhnlicherweise bislang kein einziger True-Crime-Roman zu diesem Thema geschrieben. Warum? Während ihrer Recherchen stößt Amanda auf mysteriöse Todesfälle und ein befreundeter Hobbydetektiv fällt einem Wohnungsbrand zum Opfer. Manche ihrer Interviewpartner mahnen sie zur Vorsicht oder warnen sie sogar.

Mit Amanda wurde ich nicht richtig warm. Von Beginn an entsteht der Eindruck, dass sie alles tut, um ihr Ziel zu erreichen, sei es schmeicheln, lügen oder drohen. Zu echten Beziehungen scheint sie nur bedingt fähig. Als beispielsweise ihre Bekannte Minnie auf ein Fake hereinfällt und beim Verlag in Ungnade gerät, schließt sich Amanda diesem Boykott sofort an. Mit der Zeit erfährt der Leser Vorkommnisse aus ihrer Vergangenheit (u.a. Missbrauch), die manches erklären. Die anderen Charaktere bleiben blass.

Das Besondere an diesem Krimi ist die Herangehensweise der Autorin. Hallett stellt hier eine Erzählung zusammen, die ausschließlich aus WhatsApp- und Textnachrichten, Transkripten von Interviews, Haftnotizen, E-Mails, Dokumenten, Telefonprotokollen und Berichten besteht. Hinzu kommen ein paar Artikelentwürfe Amandas und die mal mehr, mal weniger launigen Anmerkungen der Transkriptorin Ellie. Das wirkt vor allem am Anfang neu und erfrischend. Was einerseits zunächst überrascht, ermüdet aber mit der Zeit und führt zwangsläufig zu vielen Wiederholungen. Dadurch kommt es zu Längen, die der Spannung und dem Lesefluss nicht gut bekommen. Auch die Vielzahl von Personen und Verwicklungen erweist sich im Nachhinein als nicht zwingend erforderlich. Der Schluss dagegen hat mich überrascht und nicht enttäuscht.

Ich vergebe 3,5 Sterne.

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