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Veröffentlicht am 08.07.2025

Klassentreffen

Haus Waldesruh
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Eine Gruppe Schulfreunde trifft sich in einer abgelegenen Jagdhütte, um die alte Verbundenheit wieder aufleben zu lassen. Anna, Marco, Ferdinand und Lea haben sich nach der Schulzeit aus den Augen verloren, ...

Eine Gruppe Schulfreunde trifft sich in einer abgelegenen Jagdhütte, um die alte Verbundenheit wieder aufleben zu lassen. Anna, Marco, Ferdinand und Lea haben sich nach der Schulzeit aus den Augen verloren, das gemeinsame Wochenende über wollen sie nun in Erinnerungen schwelgen, vor allem in denen an Max, Annas Ex-Freund, der sich kurz nach dem Abitur das Leben genommen hat. Das Wiedersehen entwickelt sich aber anders als geplant und reißt viele alte Wunden auf.

Tatsächlich habe ich aufgrund des Settings mit einem Krimi gerechnet, die Geschichte geht zwar teilweise auch in diese Richtung, ist aber vielleicht eher noch als Charakterstudie zu sehen. Es herrscht von Beginn an eine sehr angespannte, fast feindselige Grundstimmung zwischen den doch sehr unterschiedlichen Figuren. Dem Leser ist schnell klar, dass hier kein freudiges Wiedersehen zu erwarten ist, sondern, das hier Altlasten aufgearbeitet werden sollen. Eigentlich rechnet man jeden Augenblick mit einem Mord und der Autor tut alles, um diesen Eindruck aufrecht zu halten. Ein abgelegener Ort, das merkwürdige Verhalten von Marco, der neue Bekannte von Lea, der sich wie selbstverständlich selbst einlädt und noch so einige Details mehr, die eine Erwartungshaltung schüren, die aber dann irgendwie nicht erfüllt wird.

Recht schnell wird klar, dass einige der Figuren eine Aufarbeitung der Vergangenheit herbeiführen wollen. Warum allerdings gerade zu diesem Zeitpunkt, ist mir aber ebenso wenig plausibel, wie die generelle extreme Fixierung auf den Selbstmord des Freundes. Im Verlauf des Treffens werden wir Zeugen von diversen Streitereien, es kommen alte Konflikte zum Vorschein, die Person Max wird aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus erinnert und während ihn die Einen glorifizieren, sehen ihn die Anderen auch mit seinen negativen Seiten. Irgendwie trudelt die Geschichte so ein bisschen rum, hat was von Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, strebt dabei aber unaufhaltsam auf einen Höhepunkt zu. Dieser überrascht kurz, läuft dann aber irgendwie aus dem Ruder und endet so ganz anders als erwartet.

Das Buch lässt sich an sich gut und schnell lesen, die Geschichte liefert eine gewisse Spannung, ist mir aber in der Gesamtheit etwas zu unausgegoren. Die Figuren sind durch die Bank eher unsympatisch, konnten mich nicht überzeugen und agieren teilweise eher unglaubwürdig. Die finale Auflösung ist irgendwie nicht meins.

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Veröffentlicht am 11.06.2025

Das ewige Leben, zum Greifen nah.

Thanatopia
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In der Donau bei Wien wird eine Frauenleiche gefunden, Kommissar Landauer leitet die weiteren Ermittlungen zum Tod der jungen Frau und wird kurze Zeit später mit der Nachricht überrascht, dass es eine ...

In der Donau bei Wien wird eine Frauenleiche gefunden, Kommissar Landauer leitet die weiteren Ermittlungen zum Tod der jungen Frau und wird kurze Zeit später mit der Nachricht überrascht, dass es eine weitere Leiche gibt, eine, die der Ersten nicht nur bis aufs Haar gleicht, sondern auch ihre DNA stimmt überein. Ein Klon, ein sogenannter Quant, eine Art Gefäß, in das Menschen ihren Geist wie in einen Avatar in einem Computerspiel hochladen können. Es soll nicht die einzige Leiche bleiben und die Ermittlungen führen Landauer zu einer Gruppe, die auf der Suche nach dem "Danach" immer wieder ihren eigenen Tod inszenieren.

Das Wien und die Welt die der Autor beschreibt, hat wenig mit dem zu tun, wie wir es heute kennen. Die Geschichte spielt im Jahr 2095, eine Zukunft, die wenig Hoffnung macht. Die Klimakatastrophe konnte trotz Einsatz einer eigens dafür entwickelten KI nicht abgewendet werden, weite Teile der Erde sind auf Grund extremer Hitze unbewohnbar, die Menschen leben in einer durch Hologramme verschönerten Umgebung, um den Verfall nicht sehen zu müssen. Viele haben die Chance genutzt und ihr Gehirn in einen Computer hochgeladen um so von ihrem Stammkörper unabhängiger zu sein und länger zu leben. Einige wenige verweigern sich dieser Prozedur, wie auch die Physikerin Sahana, die in einem weiteren Handlungsstrang eine wichtige Rolle spielt.

Die Story setzt sich aus mehreren, eigentlich total spannenden Einzelelementen zusammen. Da ist der Handlungsstrang rund um die "Deather", die sich selbst töten und ihre Erfahrungen im Moment des Todes aufzeichnen, um dem Jenseits, dem Danach auf die Spur zu kommen, treibende Kraft ist hier die junge, skrupellose Stasja. Die Story ähnelt in ihren Grundzügen dem Film "Flatliners", allerdings ohne den medizinischen Hintergrund. Hier kommt es dann auch zu einer Verbindung zum zweiten Handlungsstrang rund um eine künstliche Intelligenz, die eigentlich zerstört sein sollte und nun etwas größenwahnsinnig versucht ihre ursprüngliche Aufgabe wieder aufzunehmen, den Schutz der Menschheit. Hier beginnt für mich das Ganze dann auch immer mehr aufzubröseln und der Autor verliert mich mehr und mehr. Schuld daran sind einmal, die philosophischen Geplänkel, die die KI hier führt und denen ich, je länger sie dauerten, immer schwerer folgen konnte. Zum Anderen der Großteil der Figuren. Während Stasja und Kommissar Landauer noch etwas Tiefe und Substanz bieten, fehlt mir die bei anderen völlig. So etwa bei Galahad Singh, bei ihm schwirrt mir einfach nur der Kopf, auch wenn ich seinen Musikgeschmack teile, aber auch die Rolle Sahanas erschliesst sich mir nicht ganz, ausser eben als Sparringspartner für die Auslassungen der KI, die sich selbst Nemo nennt und mit einem Unterseeboot durch den Weltraum segelt.

Mir war diese wilde Mischung aus "Matrix", "Flatliners" und "Surrogates" einfach zu viel. Wie ich erst im Nachhinein erfahren habe gibt es wohl zwei Vorgänger Bücher, die in der gleichen Welt angesiedelt sind und in denen einige der Figuren bereits vorkommen. Es ist wohl aber nicht zwingend nötig diese zu kennen. Keine Ahnung, ob ich das Buch dann anders wahrgenommen hätte. Wie ich schon sagte, die Bausteine der Story sind, jeder für sich genommen, eigentlich ganz meins und auch sprachlich konnte der Autor mich durchaus begeistern. Die Grundidee ist mega spannend, die Umsetzung der philosophischen Ansätze aber absolut wirr und leider auch etwas ausufernd. Was mir hier oft zu viel war, habe ich zum Ende hin dann aber vermisst. Leider lässt der Autor seine Leser hier dann ziemlich in der Luft hängen, Antworten gibt es nur wenige, dafür noch jede Menge Fragen. Unterm Strich leider doch eher unbefriedigend und selbst, wenn es eine Fortsetzung geben sollte, weiß ich nicht, ob ich mich nochmal in diese Realität hineinwagen werde.

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Veröffentlicht am 08.06.2025

Nicht ganz einfach

Sturm
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Amerika im Winter 1940, in Kalifornien hoffen die Farmer verzweifelt auf Regen und damit auf ein Ende der andauernden Dürre. Leider deutet nichts darauf hin, das sich das Wetter bald ändern wird, täglich ...

Amerika im Winter 1940, in Kalifornien hoffen die Farmer verzweifelt auf Regen und damit auf ein Ende der andauernden Dürre. Leider deutet nichts darauf hin, das sich das Wetter bald ändern wird, täglich beobachten die Meteorologen im Wetteramt die Entwicklungen, tragen Daten zusammen, die ihnen von Schiffen und anderen Standorten gemeldet werden und erstellen damit Karten für ihre Vorhersagen. Ein Jung Meteorologe ist bereits etwas gelangweilt von seiner ereignislosen Tätigkeit und ärgert sich, nicht den Job am Flughafen angenommen zu haben, dort müsste er nicht die Anrufe besorgter Hausfrauen entgegennehmen, die wissen möchten, ob sie ihre Wäsche gefahrlos nach draußen hängen können. Nein, heute definitiv kein Regen, lautet seine eintönige Antwort. Um seine Tätigkeit etwas interessanter zu gestalten hat sich der JM angewöhnt den heranwachsenden Stürmen auf seiner Wetterkarte namen zu geben, Frauennamen, die auf ia enden. Einige davon verpuffen schon recht kurz nach ihrer Geburt über dem Meer, andere sind hartnäckig, nehmen auf ihrer Reise über das Wasser ständig an Fahrt auf und haben die Bezeichnung Sturm auch tatsächlich verdient, so wie Maria.

Maria, der Sturm, ist die ungewöhnliche und absolut einzigartige Protagonistin dieses ebenso ungewöhnlichen und einzigartigen Romans. Erst ein kleines Lüftchen irgendwo im Pazifik, nur erkennbar durch die Werte am Barometer, später ein imposanter Sturm, der Schiffe in Seenot bringt. Und neben Maria die menschlichen Protagonisten der Geschichte, die Menschen, die beruflich mit Maria zu tun bekommen, wie die Meteorologen, der Chef der Elektrizitätswerke, der Verantwortliche für die Staudämme, der Chef der Telefongesellschaft, die Mitarbeiter der Straßenmeisterei, die Fahrer von Schneefräsen und die, auf andere Weise von Maria und ihren Folgen betroffen sind.

Die Herangehensweise des Autors an dieses Buch ist wirklich sehr speziell. Unglaublich detailliert schildert er physikalische Gesetzmäßigkeiten, die Vorgänge die sie in Gang setzen und die daraus resultierenden Folgen. Der Leser begleitet so nicht nur sehr bildhaft und minutiös die Entstehung von Maria, sondern zb auch die unglückliche und letztlich tödliche Zwischenlandung einer Eule auf einer Telefonleitung, der daraus resultierenden, eigentlich unbedeutenden Beschädigung dieser Leitung bis hin zu ihrem finalen Ausfall durch weitere sturmbedingte Zufälle. Es ist wirklich unfassbar, welche Mühe hinter all dem steckt, wie der Autor so eins zum anderen bringt, vom hundertsten zum tausendsten kommt, den sogenannten Schmetterlingseffekt beschreibt. Da ist dann ein Unfall, eben nicht nur ein Unfall, sondern eine Verkettung vieler kleiner Zufälle, wie einem morschen Baum an dem ein Eichhörnchen nagt und der vom Regen unterspült wird und deshalb ein Stück verrutscht und, ach, lesen sie es doch einfach selbst.

All diese Beschreibungen sind zwar sehr kleinteilig, aber unglaublich interessant. Weniger interessant, sondern für mich eher langatmig waren hingegen die wissenschaftlichen Beschreibungen. Seitenweise darüber zu lesen, wie Luftmassen sich an Berghängen verhalten, oder welche Wetterlage bei welchem Barometerstand zu erwarten ist, ist wahrscheinlich für Leser interessant, die einen Bezug zu dieser Thematik haben, ich mochte es nur bedingt. Zum Glück waren die Kapitel von recht unterschiedlicher Länge, manchmal sogar überraschend kurz und eben immer wieder unterbrochen von den persönlichen Geschichten zu den anderen Figuren, oder auch durch Schlagzeilen aus der Tagespresse, oder Radiomeldungen. Egal aber um welche Thematik es sich handelt, George R. Stewart schreibt so wunderbar opulent, bildhaft, atmosphärisch, philosophisch und poetisch, wie ich es bisher nur selten gelesen habe. Wortwörtlich kann man hier sagen, sogar der Wetterbericht klingt bei ihm wie ein Poem. Warum, wird sich mancher jetzt allerdings fragen, habe ich das Buch dann nur mit drei Sternen bewertet? Einfach, weil ich es, trotz dieser Sprachgewalt, stellenweise als unglaublich schwer, langatmig, ermüdend und anstrengend empfunden habe. Ich glaube ich habe noch nie ein Buch gelesen, an dem ich so lange festgehangen habe. Obwohl die Kapitel oft so kurz waren, habe ich es nie geschafft längere Abschnitte zu lesen, meist war mir das Ganze schon nach zwanzig, dreißig Minuten zu viel und ich habe das Buch zur Seite gelegt und pausiert, mehr als einmal war ich tatsächlich kurz davor abzubrechen, weil ich dachte ich würde es nie schaffen das Buch zu beenden. Es war ein Kampf, anders kann ich es nicht beschreiben. Das Buch hat mich in seiner Gesamtheit an meine Grenzen gebracht, es ist auf der einen Seite ein literarischen Kunstwerk, ein gelungenes Experiment, ein Novum, aber auf der anderen Seite einfach Arbeit, richtig harte Arbeit für mich als Leser und trotzdem bin ich froh, dass ich es gelesen habe und das ist letztlich auch der Grund für nicht weniger als solide drei Sterne.

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Neue Heimat

Lyneham
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Die Erde ist unbewohnbar, alle Bemühungen die Folgen des Klimawandels umzukehren sind gescheitert, ein Leben auf dem blauen Planeten nicht länger möglich. Rettung für die verbliebenen Menschen verspricht ...

Die Erde ist unbewohnbar, alle Bemühungen die Folgen des Klimawandels umzukehren sind gescheitert, ein Leben auf dem blauen Planeten nicht länger möglich. Rettung für die verbliebenen Menschen verspricht die Reise in ein fernes Sonnensystem, hier wurde auf dem unwirtlichen Mond Perm damit begonnen die Athmosphäre umzuwandeln und sie an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen, die mit mehreren Raumschiffen bereits auf dem Weg in ihre neue Heimat sind.

Der Leser betritt das Geschehen kurz vor der Landung des ersten Raumschiffs auf Perm und lernt inmitten des Chaos der missglückten Landung den zwölfjährigen Henry, seinen Bruder Chester, die kleine Schwester Loy und ihren Vater kennen. Die ersten Seiten sind direkt sehr spannend, muss die kleine Familie sich doch in großer Eile auf den gefährlichen Weg zur Kolonie machen, etwas, das so wohl nicht geplant war. Im weiteren Verlauf der Geschichte fungiert Henry als Erzähler. Aus seiner kindlich naiven Sicht erlebt man die Landung, den anschließenden Wettlauf gegen die Zeit und das spätere Leben innerhalb der Biome. Natürlich liegt der Fokus hier auf Dingen, die Kinder so machen und so begleitet man sie dabei, wie sie ihr neues/altes Haus erkunden, den Spielplatz für sich entdecken, zur Schule gehen und auch das Ein, oder Andere nicht erlaubte tun. Auf einer zweiten Handlungsebene lernt man Henrys Mutter kennen, die als Wissenschaftlerin schon Jahre vorher auf Perm angekommen ist und hier an den Vorbereitungen für die Neubesiedlung beteiligt war, einem Prozess, der sich ganz anders entwickelt als geplant.

Ich bin mit ziemlich großen Erwartungen an das Buch herangegangen, das beschriebene Szenario hat mich direkt angesprochen, es hatte etwas geheimnisvolles und versprach in der Verbindung mit den dystopischen, wissenschaftlichen und Science-Fiction Elementen viel Spannung, die direkt zu Beginn ja auch durchaus gegeben war. Leider war ich aber auch schon direkt zu Beginn etwas verunsichert, weil es einfach so wenig Informationen zu den Geschehnissen rund um die Landung und die anschließende Fluch gab. Man war zwar zu diesem Zeitpunkt erstmal beschäftigt und hat sich natürlich einiges zusammengereimt, aber das war wenig befriedigend, auch, weil es im weiteren Verlauf der Geschichte keinerlei wirkliche Aufklärung gab und einfach zum Tagesgeschehen übergegangen wurde. Auch Henry, als Erzähler war natürlich gewöhnungsbedürftig. Die Geschichte mit den Augen eines Zwölfjährigen zu betrachten, der zwar sehr frühreif und verständig, aber in vielen Situationen eben auch total ängstlich und gehemmt ist, ist schon gewöhnungsbedürftig. Auf die Kapitel, in denen seine Mutter diesen Part übernimmt war ich dann natürlicherweise sehr gespannt, auch weil ich mir hier viel Hintergrund zur Geschichte erhofft habe. Leider wurde ich aber auch hier etwas enttäuscht, man erfährt zwar einiges zu den Ereignissen der sogenannten Impulsmission zur Vorbereitung der Umsiedlung, muss sich aber auch hier vieles zusammenreimen.

Die Figuren bleiben leider eher schwach, Henrys Vater ist über weite Strecken fast nicht existent, die Kinder sich mehr, oder weniger selbst überlassen. Henrys Mutter tritt da wesentlich mehr in Erscheinung, eben auch durch die Rückblenden. Ihr Verhalten, ihr Bruch mit dem Leiter der Mission und ihre späteren, eigenen Forschungen und zweifelhaften Experimente werden hier gut dargelegt und bieten viel Spielraum für moralische und ethische Gedankenspiele. Auch die Tatsache, dass sie offensichtlich Probleme mit ihrer Mutterrolle hat, lässt einen als Leser nicht los. Während Henry eindeutig ein Sympathieträger in der Geschichte ist, ist seine Mutter eher das Gegenteil und obwohl sie aus den richtigen Beweggründen heraus handelt, kann man sie nicht leiden. Ein weiterer Unsympath ist Noah Rayser (welch ein bedeutungsvoller Name für diese Figur), der Mr. Wyland der Geschichte, der den Leser durch seine Handlungen nicht loslässt, aber eben trotzdem nicht wirklich greifbar als Person wird.

Neben den Figuren spielt natürlich der Mond Perm, diese fremde neue Heimat der Menschen eine entscheidende Rolle. Der Autor beschreibt diese Welt so phantastisch, so überbordend, so vielfältig und eben fremd. Er schafft eine Flora und Fauna, die so unbegreifbar für mich als Leser war, dass ich Schwierigkeiten hatte sie mir vorzustellen. Ich bin eigentlich ein sehr visueller Leser und habe schnell Bilder und Assoziationen im Kopf, hier ist mir das aber nicht wirklich gelungen und das nicht nur, weil der Autor die Lebewesen auf Perm mit einem Tarnmodus ausgestattet hat. Es grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden dem Leser möglichst viel Interpretationsspielraum zu lassen, aber hier war mir das dann leider eben zu viel.

Trotz all dieser Kritik hat es der Autor geschafft mich bis zur letzten Seite bei der Geschichte zu halten, eben auch, weil ich natürlich wissen wollte was passiert, wie sich die Bewohner der Biome im Bezug auf die Neuankömmlinge entscheiden, was aus Henrys Mutter und ihrer Forschung wird und nicht zuletzt, welche Rolle Noah Rayser spielt. Der grundlegende Schreibstil des Autors hat es mir leicht gemacht weiter zu lesen und das Buch nicht aus der Hand zu legen. Vielleicht habe ich aber auch nur bis zuletzt noch auf eine Wendung gehofft, die mich der Geschichte näher bringt. Ich weiß es nicht, den letztlich konnte mich auch das Ende nicht richtig überzeugen.

Lyneham ist ein Buch, an das ich mit großen, aber offensichtlich falschen Erwartungen herangegangen bin. Ich bin mir bewusst, das viele Leser das komplett anders sehen, aber das ist okay, es war wahrscheinlich einfach nicht das richtige Buch für mich.

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Veröffentlicht am 24.04.2025

Trauma über Generationen hinweg

Zuhause ist das Wetter unzuverlässig
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Triggerwarnung, die Rezension und auch das Buch thematisiert Suizid, Traumata, psychische und physische Gewalt.


Eine namenlose Ich-Erzählerin zieht ans Meer, in die Sonne. Sie schreibt ihre Gedanken ...

Triggerwarnung, die Rezension und auch das Buch thematisiert Suizid, Traumata, psychische und physische Gewalt.


Eine namenlose Ich-Erzählerin zieht ans Meer, in die Sonne. Sie schreibt ihre Gedanken in ein Tagebuch, sie schreibt von einem Ultimatum zum Ende des Sommers, einem Tag X, an dem etwas beendet werden wird. Was das ist bleibt im Dunkeln, allerdings will sie ihr Leben bis dahin genießen an einem Ort an dem es warm ist, denn zuhause ist das Wetter unzuverlässig.

Carolin Würfel wählt eine recht ungewöhnliche Form für ihre Geschichte. Der Leser lernt die namenlose Ich-Erzählerin nur durch deren subjektive Tagebucheinträge kennen, die mal relativ kurz gefasst sind und nur das Frühstück aufzählen, mal aber auch aus seitenlangen gedanklichen Monologen bestehen. Die Einträge sind datiert und so nähert sich der Leser zusammen mit der Protagonistin eben jenem, zu Beginn angekündigten, unheilvollen Tag X. Ich sage bewusst unheilvoll, denn leider erwecken die Gedankengänge der Erzählerin und ihre Fixierung auf die Selbstmorde berühmter Frauen den Anschein, dass auch sie an besagtem Tag ihrem Leben ein Ende setzen könnte. Man merkt schnell, dass sie mit ihren inneren Dämonen zu kämpfen hat und ein Trauma mit sich herumträgt, das in Zusammenhang mit ihrer Familiengeschichte steht. Entsprechend deprimierend sind ihre Einträge manchmal zu lesen.

Eingeschoben in die Tagebucheinträge sind die Lebenswege verschiedener Frauen beginnend mit Anna 1910 und Rosa 1908. Frauen, hineingeboren in eine Zeit, in der ihre Rolle starr vorgegeben ist, das Leben nicht viele Möglichkeiten zur individuellen Entwicklung bietet und bald der Krieg alles ins Chaos stürzt. Anna, ledige Mutter, die sich nicht im Stande sieht ihre Tochter zu versorgen und sie den Großeltern überlässt, Rosa, tief verwurzelt in ihrem religiösen Wahn, die die Tochter vor der Welt versteckt. Später folgt man wiederum diesen Töchtern und später auch deren Kindern, ohne zu wissen, wie diese verschiedenen und doch so ähnlichen Lebenswege letztlich zusammengehören.

Die Autorin schreibt hier generationsübergreifend und thematisiert dabei Frauenschicksale, wie sie stellvertretend für so viele andere stehen. Ein Leben mit vorgegebener Rollenverteilung als Ehefrau und Mutter, ohne die Möglichkeit die eigenen Bedürfnisse ausleben zu können. Der jeweils vorherrschende Zeitgeist ist gut nachvollziebar und wird bewegend beschrieben, Fokus immer auf die Mutter-Kind Beziehung, auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft und darauf, wie unterschiedlich Töchter und Söhne, Mütter und Väter betrachtet werden, welche unterschiedlichen Anforderungen man an sie stellt. Aus heutiger Sicht macht das Gelesene betroffen und vermehrt auch wütend. Die Autorin macht deutlich, dass Frauen durch ihre Geschlechterrolle erlittenen Traumata an die nächsten Generationen weitergeben und diese mit den emotionalen Folgen zu kämpfen haben, ohne die Gründe dafür zu kennen. Generationen von Müttern und Töchtern, die ererbte Traumata weitergeben, unfähig aus den vorgegebenen Mustern auszubrechen.

Während die Leben der Frauen im Rückblick sehr umfassend beleuchtet werden, erfährt der Leser von der Ich-Erzählerin nur wenig und bleibt ihr dadurch auch recht fremd. Es ist fast gar nicht möglich Sympathie für sie zu empfinden und man bleibt sehr distanziert. Verstärkt wird dieses Empfinden auch durch die Tatsache, dass man über weite Strecken keine Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Personen erkennen kann. Natürlich hat man eine Ahnung, Gewissheit gibt es darüber aber erst sehr spät im Buch. Auch, dass hier so viele Personen auf unterschiedlichen Zeitebenen miteinander in Beziehung stehen, macht das Ganze nicht unbedingt einfach. Ich finde die Grundidee des Buches, die Tagebuchform und die eingestreuten Rückblenden, prinzipiell gut, habe aber im Verlauf des Buches doch gemerkt, dass mir immer eine gewisse Verbindung der Elemente miteinander fehlt. Die Thematisierung der generationsübergreifenden Traumata ist emotional und sehr interessant, war manchmal aber auch etwas schwer.

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