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Veröffentlicht am 17.06.2025

Schuld und Ungleichheit

Ungebetene Gäste
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Schuld, aber auch eine Gesellschaft voller Ungleichheit steht im Mittelpunkt von "Ungebetene Gäste" von Ayelet Gundar-Goshen, deren Roman in Israel und Nigeria spielt. Im Mittelpunkt steht die junge Mutter ...

Schuld, aber auch eine Gesellschaft voller Ungleichheit steht im Mittelpunkt von "Ungebetene Gäste" von Ayelet Gundar-Goshen, deren Roman in Israel und Nigeria spielt. Im Mittelpunkt steht die junge Mutter Naomi , die ganz auf ihren kleinen Sohn Uri fixiert ist. Als sie mit Uri von einem Spaziergang zurückkommt, findet sie in ihrer Wohnung einen arabischen Handwerker vor, der dort Renovierungsarbeiten ausführt. Naomi reagiert alarmiert, auch wenn der Mann ein harmloser Familienvater zu sein scheint. Aber er ist halt Araber!

In einem unbeaufsichtigtem Moment gerät Uri auf den Balkon - und schmeißt einen Hammer runter. Unglücklicherweise trifft er einen Passanten. Es ist ein Unfall, doch die Tatsache, dass das Werkzeug einem Araber gehört, sorgt für hysterische Reaktionen - es kann doch nur ein Terroranschlag gewesen sein! Naomi schweigt, statt das Missverständnis aufzuklären. Sie schweigt auch, als der Sohn des Mannes seinen Vater abholen will und auf der Straße fast von einem Mob gelyncht wird. Naomis Ehemann Juval rettet den Jugendlichen, den sie in sein Dorf zurückbringen. Auch dort schweigt Naomi, Juval ist voller Misstrauen angesichts der arabischen Umgebung, obwohl die Familie sie gastfreundlich aufnimmt.

Erst Tage später geht Naomi zur Polizei. Da ist der Handwerker schon von der Polizei verprügelt worden und ein nervöses Wrack. Die Ungleichheit der Lebensverhältnisse und Behandlung zeigt sich auch im anschließenden Prozess wegen fahrlässiger Tötung: Naomi, die einen versierten Rechtsanwalt hat, wird freigesprochen, der Handwerker, der nun einen Pflichtverteidiger hat, wird verurteilt.

Der Druck, der durch den Zwischenfall auf Naomi lastet, bleibt - auch als die kleine Familie nach Lagos zieht, wo Juval im Auftrag der nigerianischen Armee Schulungsaufgaben übernimmt. In einer kleinen israelischen Enklave lebt die Familie privilegiert, doch gleichzeitig mit ähnlich großen Unsicherheiten und Ängsten wie in Israel angesichts der hohen Kriminalität in der westafrikanischen Mega-Metropole.

"Ungebetene Gäste" wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, das eigentliche Drama findet unter der Oberfläche der Protagonisten statt, die ganz vielfältig im Bann der Vergangenheit stehen. Das Psychodrama befasst sich mit den großen Fragen von Schuld, Sühne und Verantwortung..In Nebensträngen zeichnet die Autorin zudem Ungleichheiten und Konflikte in der israelischen Gesellschaft vor dem 7. Oktober auf - nicht nur zwischen Israelis und Arabern, sondern auch russische Einwanderer und äthiopische Juden, die Alltagsrassismus erleben, obwohl sie Bürger des Landes sind.

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Veröffentlicht am 12.06.2025

Die Stimmen des anderen Russlands

Memorial
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Bei all den fürchterlichen Berichten aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gerät es oft in Vergessenheit: Es gibt auch noch ein anderes, ein besseres Russland. Es gibt sie, die Menschen mit ...

Bei all den fürchterlichen Berichten aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gerät es oft in Vergessenheit: Es gibt auch noch ein anderes, ein besseres Russland. Es gibt sie, die Menschen mit Zivilcourage, die Täter und Opfer beim Namen nennen und nicht an die Lüge von der Spezialoperation glauben. Und unter den Mutigen und Engagierten, die sich Wahrheit und Aufklärung verschrieben haben, sind auch die Menschen der Menschenrechtsorganisation "Memorial", schon seit mehr als 30 Jahren.

"Erinnern ist Widerstand" lautet der Untertitel von "Memorial" von Irina Scherbakowa, Filipp Dzyadko und Elena Zhemkova. Das Buch ist einerseits ein Porträt der Organisation und ihrer Entstehungsgeschichte in den Jahren der Perestrojka und der mit ihr verbundenen Hoffnungen, die nun so unendlich weit weg erscheinen.

Damals, im Jahr 1989, fanden sich ehemalige Dissidenten wie Andrej Sacharov mit Vertretern der gerade entstehenden Zivilgesellschaft zusammen, um die Geschichte des Unrechts und der Menschenrechtsverletzungen der Sowjetunion von unten aufzuarbeiten, gerade auch die Geschichte des Gulag- und Lagersystems, der stalinistischen Schauprozesse und der in Sippenhaft genommenen Angehörigen von "Volksverrätern".

"Memorial" ist einerseits ein knapper historischer Abriss, vor allem aber eine Reihe von Essays, Interviews und Reflektionen, die zeigen: die Entwicklung Russlands unter Putin machte viele Pläne zunichte. Mittlerweile ist die Organisation verboten, viele ihrer Vertreter sind im Exil. Die Arbeit geht weiter, auch in Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

In "Memorial" kommen Stimmen aus dem Baltikum zu Wort, aus Polen oder der Ukraine. Es geht nicht nur um die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft. Das Schicksal des im Straflager ums Leben gekommenen Alexej Nawalny - man kann auch sagen: Mord durch Lagerhaft - erinnert daran, dass das System der Lager nicht mit dem Tod Stalins endete. Doch die Arbeit von Memorial geht weiter. Und eine Hoffnung scheint derzeit noch wie Utopie: Dass eines Tages Ukrainer und Russen gemeinsam den Angriff auf die Ukraine aufarbeiten.

Veröffentlicht am 04.06.2025

Rückkehr hinter den Eisernen Vorhang

Smiley
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Dafür, dass Nick Harkaway 1972 geboren ist, kann er in die Welt des Kalten Krieges und der Geheimdienste sehr glaubwürdig eintauchen. Mehr noch: Sein Spionageroman "Smiley" überzeugt mit Kontinuität, sprachlich ...

Dafür, dass Nick Harkaway 1972 geboren ist, kann er in die Welt des Kalten Krieges und der Geheimdienste sehr glaubwürdig eintauchen. Mehr noch: Sein Spionageroman "Smiley" überzeugt mit Kontinuität, sprachlich und stilistisch. Denn Smiley, das ist natürlich George Smiley, die wohl berühmteste Romanfigur von John Le Carré. Vielleicht liegt es daran, dass Harkaway gewissermaßen mit Smiley-Extrakten beim Frühstück und Mittagessen aufwuchs. Er ist der jüngste Sohn des berühmten Autors (beide benutzen ein Pseudonym) und sein Roman ist nicht nur eine Hommage an den berühmten, vor wenigen Jahren gestorbenen Vater, sondern auch eine literarische Rückkehr in die Welt des Eisernen Vorhangs, in der Smiley zu Hause war.

"Smiley" spielt in den frühen 60-er Jahren, nach "Der Spion, der aus der Kälte kam" und "Dame, König, As, Spion", was für Leser*innen von Le Carrés Romanen einen besonderen Reiz ausmachen dürfte. Denn einerseits nimmt der Roman Bezug auf bekannte Romanfiguren - Control, Peter Guillam, Jim Prideaux, Billy Haydon, Toby Esterhazy oder Connie Sachs. Zum anderen ist der Blick auf Smiley ein etwas anderer - etwa, weil er zumindest zu Beginn des Buches ein glückliches Eheleben genießen darf, hat er doch dem "Circus" den Rücken gekehrt.

Doch das Verschwinden eines ungarischen Literaturagenten, in dessen Büro ein russischer Auftragsmörder auftauchte führt zur Reaktivierung des eher unwilligen Smiley. Er soll die ebenfalls ungarische Assistentin des Vermissten verhören, Susanna, die sich als junge Frau mit Talenten und Instinkten erweist, die in der Welt der Geheimdienste nützlicher sein dürften als im Literaturbetrieb. Sie hat den Killer, der aufgrund einer religiösen Vision seinen Plan abblies, kurzerhand im Büro eingesperrt und die Behörden verständigt.

Täuschung, Verschleierung, Legenden und falsche Identitäten, Spionage und Gegenspionage und die Frage, was das alles mit einem vermuteten neuen Mann innerhalb der Ränge des sowjetischen Geheimdienstes zu tun hat, führen tief in das Smiley Universum. Dabei greift Harkaway auch die manierierten Sprachgewohnheiten der Geheimdienstler mit oft elitärem Hintergrund auf, ebenso wie den Stil einer Zeit in der politische Korrektheit noch ein Fremdwort war, wenn nicht gleich völlig undenkbar.

Berlin, Wien und Budapest sind Stationen von Smileys Suche, die ihn direkt an die Front des Kalten Kriegs und jenseits des Eisernen Vorhangs führt. Im Original heißt der Roman "Karla´s Choice" - und wie jeder Le Carré-Leser weiß, ist der geheimnisvolle Karla der große Gegenspieler, ja die Nemesis Smileys, dessen Hintergrund stets geheimnisvoll bleibt.

Mit "Smiley" ist Harkaway seinem Vater gerecht geworden - und weckt Neugier, ob Smiley auch weiterhin auf seine scheinbar pedantische Art mit Intelligenz und Beharrlichkeit die Geheimnisse seiner Gegner aufdeckt.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Familiendrama im Lockdown

Happiness Falls
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Angie Kim hat viel reingepackt in ihren Roman "Happiness Falls", dessen Titel, wie sich beim Lesen zeigen wird, vielschichtig das Drama einer amerikanisch-koreanischen Familie vorwegnimmt. Neben einem ...

Angie Kim hat viel reingepackt in ihren Roman "Happiness Falls", dessen Titel, wie sich beim Lesen zeigen wird, vielschichtig das Drama einer amerikanisch-koreanischen Familie vorwegnimmt. Neben einem Vermisstenfall und den Erschütterungen einer Familie handelt der Roman ebenso auch von Identität, Zuschreibung, Alltagsrassismus, Umgang mit Behinderten, ist durchaus auch eine Coming of Age Geschichte.

Kim erzählt aus der Perspektive der 20-Jährigen Mia. Der Corona-Lockdown hat die Studentin zurück ins Elternhaus zum Onlinestudium vertrieben. Mia und ihr Zwillingsbruder John sind beide hochbegabt, allerdings völlig unterschiedliche Charaktere: Während John ein eher musischer und optimistischer Mensch ist, der äußerlich seinem weißen amerikanischen Vater ähnelt, hat Zwillingsschwester Mia das asiatische Aussehen ihrer koreanischen Mutter geerbt. Sie ist vor allem technisch-analytisch begabt, neigt dazu, alles zu hinterfragen und ist mitunter anstrengend selbstgerecht. Und dann ist da noch Eugene, der 14-jährige Junior der Familie, der mit einem seltenen Gendefekt geboren wurde und obendrein autistisch ist. Eugene kann nicht sprechen, seine motorischen Fähigkeiten sind eingeschränkt.

Eines Morgens kommt Eugene allein von einer Wanderung mit seinem Vater in ein nahegelegenes Naturschutzgebiet zurück - mit blutiger Kleidung und offensichtlich verstört. Dass der Vater nicht heimgekommen ist, wird dem Rest der Familie erst nach stundenlanger Verzögerung klar, auch weil Mia eine falsche Wahrnehmung hatte. Als aus anfänglicher Unruhe Angst und Sorge werden, sucht die Familie zunächst auf eigene Faust, sucht nach einer natürlichen Erklärung für das Verschwinden des Vaters.

Dass Eugene sich nicht mitteilen kann, verkompliziert die Lage noch. Als die Polizei hinzugezogen wird, richtet sich die Aufmerksamkeit der Ermittler schnell auch auf Eugene, der bei Gefühlsausbrüchen auch aggressiv werden kann. Hat er etwas mit dem Verschwinden des Vaters zu tun? Und welche Geheimnisse hatte der Vater? Ist er womöglich untergetaucht? Wäre das eine erträglichere Lösung, als wenn er einem Verbrechen zum Opfer fiel oder verunglückte?

Mia entwirft wechselnde Szenarien, die ihr möglich erscheinen, auf der Grundlage von Erkenntnissen aus dem Notizbuch ihres Vaters. Der emotionale Rollercoaster Mias ist nicht nur der angespannten Situation geschuldet, sondern wohl auch der Tatsache, dass sie vor nicht allzu langer Zeit noch ein pubertierender Teenager war. Kim hat eine mitunter anstrengende und weitschweifige Protagonistin gewählt, doch gleichzeitig entsprechen die staccatoartigen Gedankengänge Mias der Dramatik einer Familie, die sich von einem Augenblick auf den anderen in einer Ausnahmesituation wiederfindet. Die Autorin sorgt trotz einiger Längen mit immer neuen Entwicklungen für Spannung.

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Veröffentlicht am 28.05.2025

Der Untergang des Hauses Coker

Nacht über Soho
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Es ist das Jahr 1926, die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und das Sterben in den Schützengräben Flanderns ist noch frisch. Doch in den Clubs von Soho wird gekokst, getanzt und amüsiert, als gäbe es ...

Es ist das Jahr 1926, die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und das Sterben in den Schützengräben Flanderns ist noch frisch. Doch in den Clubs von Soho wird gekokst, getanzt und amüsiert, als gäbe es kein Morgen. Halbwelt mischt sich mit Geldadel und Aristokratie, Pelz mit Pailletten. Hier ist Nellie Coker, frisch aus dem Gefängnis entlassen, die Königin der Clubs. Sechs Nachtklubs gehören zu ihrem Soho-Imperium, doch in der Abwesenheit der Matriarchin haben sich Konkurrenten bereits in Aufstellung gebracht. Eine feindliche Übernahme droht, und vielleicht der Untergang des Hauses Coker - denn Nelies sechs Kinder mischen zwar bereits im Geschäft mit, können aber größtenteils nicht mit dem Geschäftssinn und den eisernen Ellbogen ihrer Mutter mithalten.

Das ist die Szenerie in Kate Atkinsons historischem Roman "Nacht über Soho", der die glitzernden 1920-er Jahre zum Leben erweckt. Wäre es ein Berlin-Roman der gleichen Zeit, würde vielleicht noir-Stimmung dominieren, doch Atkinson erzählt auch Ernstes mit leichter Hand, einem gewissen Understatement und einer Prise Ironie. Britannia Cool statt deutscher Schwere gewissermaßen.

Kontrahenten hat Nellie Choker nicht nur in der Halb- und Unterwelt. Scotland Yard Detective Frobisher will ihr das Handwerk legen, gleichzeitig aber auch den Korruptionssumpf des örtlichen Polizeireviers trocken legen. Unerwartete Hilfe erhält er von einer Bibliothekarin aus York, die in die Großstadt gekommen ist, um zwei 14-jährige Ausreißerinnen zu finden, die von Bühnenruhm träumen und nur allzu schnell die Schattenseiten der Glitzermetropole kennenlernen. Dass die unscheinbare Bibliothekarin aus der Provinz nicht zu unterschätzen ist, stellt auch Cokers ältester Sohn schnell fest. Die junge Frau, die als Krankenschwester das Sterben im Ersten Weltkrieg miterlebte, hat eiserne Nerven und kann Krisensituationen bestens meistern.

Auch wenn es um verschiedene Verbrechen geht, ist "Nacht über Soho" eher Gesellschaftsroman und Porträt einer Ära als ein Kriminalroman. Die Clubs von Soho sind ein Ort von Selbstdarstellung und Lebenslust, aber auch eine Scheinwelt verlorener Illusionen und brutaler Gier. Spannende Unterhaltung ist hier mit überzeugendem Zeitkolorit kombiniert.

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