Der Weltenerzähler
Zeit der MutigenGeschafft: 1150 Seiten sind gelesen. Wow. Und das Erstaunlichste dabei ist: Es war auf keiner Seite jemals langweilig!
Zwei kleine Unzufriedenheiten sind zu beklagen, aber da der Roman so unvergleichlich ...
Geschafft: 1150 Seiten sind gelesen. Wow. Und das Erstaunlichste dabei ist: Es war auf keiner Seite jemals langweilig!
Zwei kleine Unzufriedenheiten sind zu beklagen, aber da der Roman so unvergleichlich ist, sollten die fünf Sterne dennoch bestehen bleiben. Auch wenn die zwei kleinen Unzufriedenheiten etwas an mir nagen.
Sehr, sehr hilfreich ist der Familienstammbaum auf der letzten Seite. Das erspart uns Lesern das Nebenbei-Notizbuch für die zahlreichen Personen. Zugegeben, es gibt noch einige mehr, aber die kommen ziemlich am Ende und mit denen können wir leben, ohne dass sie auf dem Stammbaum Erwähnung finden.
Die Protagonistin, die ich am meisten bewundert habe, war Neda, die Hirtin. Sie verhalf dem wichtigsten Mann im Buch, Meto, zu erneutem Leben, wenn auch ohne Gedächtnis, denn er sollte hingerichtet werden und hat das überlebt. Mit einer Kugel im Kopf, aber immerhin. „Wer bin ich, wer?“, fragte sich Meto. „Der, den wir mögen, antworteten die Hunde, der, dem wir misstrauen, die Schafe.“ (S. 193) Und Neda geht Wege, die nur wenige sich zu gehen trauen. Der Vater rät ihr:“ Sag mir, würdest du jenen, die dir Böses wollen, lieber in einem Kleid oder in einer Hose begegnen?“ (S. 199) Und später schlief der Vater ein, „… zufrieden, dass er seinen Platz in der Welt kannte. Stumm dankte er Gott, dass er ihn, durch seine Bestimmung, Hirte zu sein, von der Eitelkeit und den Versuchungen der Welt fernhielt.“ (S. 200) Da möchte der Leser vielleicht selbst Hirte sein, einfach leben und mit ganz wenigen Dingen glücklich sein. „Ganz grob gesprochen gibt es die Habenden und die Seienden. Nur dass mehr Haben nicht mehr Sein bedeutet.“ (S. 986)
Wen ich auch unglaublich bewundere, ist der Autor. Denn er schreibt hier auf Deutsch, obwohl das nicht seine Muttersprache ist. Und die Schreibe hat es in sich. Ich habe so viele Marker gesetzt, dass ich sie hier als Zitate nicht alle unterbringen kann. Das würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Auf jeden Fall: Höchst verdienter Österreichischer Buchpreis 2025. Dimitré Dinev muss unglaublich lange recherchiert haben. Allein die Vorkommnisse im Konzentrations-Lager Belene (1949-87) sind überaus üppig, bzw. reichhaltig erzählt. Dafür bedankt der Autor sich bei Borislav Skotschev, der zehn Jahre Dokumente zusammengetragen hat und darüber berichtete.
Auch das, was NICHT vorkommt, gefällt mir sehr. Und das ist das Fehlen jeglichen Regenbogens. Keine Schwulen, keine Lesben, kein Klimageschwafel und kein CO2. Vielleicht gab es mal einen einzigen Satz und den kann ich bei dieser unglaublichen Fülle an Geschichten verkraften. Und genau das, was NICHT vorkommt, ist schon heutzutage etwas Besonderes. Leider! Kaum ein Klappentext von Neuerscheinungen, in dem nicht Homosexuelle erwähnt werden, was mir gleich die Freude am zukünftigen Lesen vergällt und mich einen riesengroßen Bogen machen lässt. Umso größer die Freude dann, wenn man so einen Roman wie diesen lesen darf.
Ich komme nicht darum herum, weiterhin einige Zitate wiederzugeben, die ich bemerkenswert finde, so auf S. 133. Gunther, Xavers Freund, siehe Familienstammbaum, denkt beim Anblick einer Krähe über die Menschen nach: „Diejenigen, die sich für besser hielten, verjagten und vernichteten jene, die besser als sie waren.“
Oder Bruno – siehe ebenfalls Familienstammbaum – im Gespräch mit seinem Onkel, S. 557: „Was soll ich, glaubst du, werden, in einer Gesellschaft, die von Schurken und Betrügern gelenkt wird, in der die Verbrecher die Regeln bestimmen.“ Dazu passt, was Barko dachte: „Denn überall in dem Staat, in den Gerichtssälen und Ämtern herrschte das Unrecht.“ (S. 584) Oder die unbezähmbare Wut von Raiko: „Wut gegenüber dem Volk und sich selbst, Wut gegenüber dem Volk, weil es so krankhaft ängstlich war, dass es die eigenen Henker wählte, Wut gegenüber sich selbst, solch einem Volk zu entstammen.“ (S. 1016)
Die Menschen von heute, in dieser krisengeschüttelten Welt sollten diesen Roman lesen, ist vielleicht die „Zeit der Mutigen“ gekommen, um die Welt aus diesem Dilemma zu reißen?
Fazit: Lasst euch von der Seitenfülle des Romans nicht abschrecken, denn selten ist so viel Weisheit gebündelt verpackt worden. Und: Der Weltenerzähler schafft es problemlos seine Leser bei Laune zu halten. Ausgezeichnet, beeindruckend, meinen höchsten Respekt, also unbedingt empfehlenswert. *****