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Veröffentlicht am 17.01.2026

Der Weltenerzähler

Zeit der Mutigen
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Geschafft: 1150 Seiten sind gelesen. Wow. Und das Erstaunlichste dabei ist: Es war auf keiner Seite jemals langweilig!

Zwei kleine Unzufriedenheiten sind zu beklagen, aber da der Roman so unvergleichlich ...

Geschafft: 1150 Seiten sind gelesen. Wow. Und das Erstaunlichste dabei ist: Es war auf keiner Seite jemals langweilig!

Zwei kleine Unzufriedenheiten sind zu beklagen, aber da der Roman so unvergleichlich ist, sollten die fünf Sterne dennoch bestehen bleiben. Auch wenn die zwei kleinen Unzufriedenheiten etwas an mir nagen.

Sehr, sehr hilfreich ist der Familienstammbaum auf der letzten Seite. Das erspart uns Lesern das Nebenbei-Notizbuch für die zahlreichen Personen. Zugegeben, es gibt noch einige mehr, aber die kommen ziemlich am Ende und mit denen können wir leben, ohne dass sie auf dem Stammbaum Erwähnung finden.

Die Protagonistin, die ich am meisten bewundert habe, war Neda, die Hirtin. Sie verhalf dem wichtigsten Mann im Buch, Meto, zu erneutem Leben, wenn auch ohne Gedächtnis, denn er sollte hingerichtet werden und hat das überlebt. Mit einer Kugel im Kopf, aber immerhin. „Wer bin ich, wer?“, fragte sich Meto. „Der, den wir mögen, antworteten die Hunde, der, dem wir misstrauen, die Schafe.“ (S. 193) Und Neda geht Wege, die nur wenige sich zu gehen trauen. Der Vater rät ihr:“ Sag mir, würdest du jenen, die dir Böses wollen, lieber in einem Kleid oder in einer Hose begegnen?“ (S. 199) Und später schlief der Vater ein, „… zufrieden, dass er seinen Platz in der Welt kannte. Stumm dankte er Gott, dass er ihn, durch seine Bestimmung, Hirte zu sein, von der Eitelkeit und den Versuchungen der Welt fernhielt.“ (S. 200) Da möchte der Leser vielleicht selbst Hirte sein, einfach leben und mit ganz wenigen Dingen glücklich sein. „Ganz grob gesprochen gibt es die Habenden und die Seienden. Nur dass mehr Haben nicht mehr Sein bedeutet.“ (S. 986)

Wen ich auch unglaublich bewundere, ist der Autor. Denn er schreibt hier auf Deutsch, obwohl das nicht seine Muttersprache ist. Und die Schreibe hat es in sich. Ich habe so viele Marker gesetzt, dass ich sie hier als Zitate nicht alle unterbringen kann. Das würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Auf jeden Fall: Höchst verdienter Österreichischer Buchpreis 2025. Dimitré Dinev muss unglaublich lange recherchiert haben. Allein die Vorkommnisse im Konzentrations-Lager Belene (1949-87) sind überaus üppig, bzw. reichhaltig erzählt. Dafür bedankt der Autor sich bei Borislav Skotschev, der zehn Jahre Dokumente zusammengetragen hat und darüber berichtete.

Auch das, was NICHT vorkommt, gefällt mir sehr. Und das ist das Fehlen jeglichen Regenbogens. Keine Schwulen, keine Lesben, kein Klimageschwafel und kein CO2. Vielleicht gab es mal einen einzigen Satz und den kann ich bei dieser unglaublichen Fülle an Geschichten verkraften. Und genau das, was NICHT vorkommt, ist schon heutzutage etwas Besonderes. Leider! Kaum ein Klappentext von Neuerscheinungen, in dem nicht Homosexuelle erwähnt werden, was mir gleich die Freude am zukünftigen Lesen vergällt und mich einen riesengroßen Bogen machen lässt. Umso größer die Freude dann, wenn man so einen Roman wie diesen lesen darf.

Ich komme nicht darum herum, weiterhin einige Zitate wiederzugeben, die ich bemerkenswert finde, so auf S. 133. Gunther, Xavers Freund, siehe Familienstammbaum, denkt beim Anblick einer Krähe über die Menschen nach: „Diejenigen, die sich für besser hielten, verjagten und vernichteten jene, die besser als sie waren.“

Oder Bruno – siehe ebenfalls Familienstammbaum – im Gespräch mit seinem Onkel, S. 557: „Was soll ich, glaubst du, werden, in einer Gesellschaft, die von Schurken und Betrügern gelenkt wird, in der die Verbrecher die Regeln bestimmen.“ Dazu passt, was Barko dachte: „Denn überall in dem Staat, in den Gerichtssälen und Ämtern herrschte das Unrecht.“ (S. 584) Oder die unbezähmbare Wut von Raiko: „Wut gegenüber dem Volk und sich selbst, Wut gegenüber dem Volk, weil es so krankhaft ängstlich war, dass es die eigenen Henker wählte, Wut gegenüber sich selbst, solch einem Volk zu entstammen.“ (S. 1016)

Die Menschen von heute, in dieser krisengeschüttelten Welt sollten diesen Roman lesen, ist vielleicht die „Zeit der Mutigen“ gekommen, um die Welt aus diesem Dilemma zu reißen?

Fazit: Lasst euch von der Seitenfülle des Romans nicht abschrecken, denn selten ist so viel Weisheit gebündelt verpackt worden. Und: Der Weltenerzähler schafft es problemlos seine Leser bei Laune zu halten. Ausgezeichnet, beeindruckend, meinen höchsten Respekt, also unbedingt empfehlenswert. *****

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Veröffentlicht am 27.10.2025

Brüder unter Waffen und eine Schwester, die heilt

Der brennende Garten
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Im brennenden Garten wird man von Zeile zu Zeile mehr gefangen. Die Geschichte saugt einen ein und es wird immer bedrohlicher. Die Jugendzeit der Protagonisten vergeht so schnell und ehe sie es sich versehen, ...

Im brennenden Garten wird man von Zeile zu Zeile mehr gefangen. Die Geschichte saugt einen ein und es wird immer bedrohlicher. Die Jugendzeit der Protagonisten vergeht so schnell und ehe sie es sich versehen, befinden sie sich in einem Wirbelsturm namens Bürgerkrieg.

Tamilen, wie sie selbst, gegen Singhalesen. Sashi, die junge Tamilin, ihre vier Brüder und die Eltern werden gespalten von den Umständen. Zwei der Brüder gehen zu den Tamil Tigers, ebenso wie Sashis Freund aus der Nachbarschaft: „K“.

Unaufhaltsam wirbelt der Bürgerkrieg alles durcheinander. Morde, selbst unter Nachbarn, werden begangen. Grenzen werden ständig überschritten. Am Ende muss die Familie ihr eigenes Haus verlassen, um Platz zu machen für die Tigers. Sie haben absolut keine Wahl. Es wird ihnen zwar ein anderes Haus zur Verfügung gestellt, aber da sind sie nicht verwurzelt.

Das schöne Eigenheim der Oma in Colombo wird angezündet, brennt später samt Inhalt – u. a. mit einer wunderschönen Bibliothek – vollständig ab und Sashi und die Großmutter können in letzter Minute fliehen. „Ihre schreckliche, unübersetzbare Angst. Du redest dir ein, du wärst vorbereitet, aber dann steigt das Grauen in dir auf. Du weißt nie, wozu du fähig bist, bis du es tun musst.“ (S. 89)

Man weiß nicht mehr, wem man noch trauen kann. Selbst in „No-Fire-Zonen“ ist keine Sicherheit garantiert. „Wir waren nahtlos dazu übergegangen, uns selbst vor denen, die wir liebten, zu zensieren.“ (S. 173) – „Erst im Rückblick sehe ich es klar: Wir begannen mit der Selbstzensur, als die Tigers Sir ermordeten.“ (S. 203) Sir war Rajan Master, sehr verehrter Lehrer und Schulleiter.

Und es passiert das, was in Kriegen immer passiert: Frauen werden geschlagen, vergewaltigt, teilweise getötet. Gründe finden sich immer.

Doch als das grausamste und schlimmste Kapitel kam, blieb mir förmlich die Luft weg. Etwas so Erschütterndes und Herzzerreißendes habe ich kaum jemals gelesen. Und die Protagonistin und angehende Medizinerin Sashi ist gefordert, wie nie in ihrem Leben. Und der Leser leidet mit.

Und immer, wenn man denkt, endlich kehrt Ruhe ein und die Lage entspannt sich, ist es nicht so. Es wird nie wieder so, wie es war.

Aran, der jüngste der vier Brüder, ging nicht zu den Tigers und spricht nun zu einem der beiden älteren Brüder, der zu den Tigers gegangen ist: „Eure Bewegung hat einen Freund von mir ermordet. Sollen wir rausfinden“, und jetzt lächelte er wieder dieses verächtliche Lächeln, das mir mit seiner irrationalen Furchtlosigkeit Angst machte, „ob ihr die Art von Brüdern seid, die dazu bereit sind?“ (S. 247)

Der älteste der Brüder, Niranjan, wurde schon vorher ermordet, gemeinsam mit zwei Fluchthelfern. Er hatte seiner kleinen Schwester stets eingeschärft, das Denken nicht anderen zu überlassen. (S. 146) Deshalb schreibt Sashi alles auf, was ebenfalls lebensgefährlich ist und geahndet wird. Das verhilft ihr zur Klarheit der Gedanken. „Hast du je versucht, laufende geschichtliche Ereignisse festzuhalten? Kaum hatten wir etwas aufgeschrieben, waren die Tigers, die Inder oder die sri-lankische Armee schon dabei, die Geschichte wieder umzuschreiben. Ich hatte A und V gebeten, mir beizubringen, wie man die Wahrheit dokumentiert.“ (S. 349)

Etwas hat mich bewogen, das Buch lesen zu wollen, auch weil mich Sri Lanka seit den „sieben Monden des Almeida“ interessiert. Mit einem solchen Sog hätte ich aber nicht gerechnet und auch nicht mit so einer Steigerung von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel. Wie leicht kann doch die Welt aus den Fugen geraten. Und wir sind hier mittendrin. Und wir kommen nicht zur Ruhe.

Fazit: Ich habe am Anfang zunächst nicht erkannt, welch ein kostbares Juwel hier vor mir lag. Eindrucksvoll und mit Sicherzeit zeitaufwändig recherchiert. Auf jeden Fall eines meiner Highlights des Jahres 2025, wo ich – doch zum Glück – den richtigen Riecher hatte. 5 hoch verdiente Sterne!

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Die entscheidenden Momente der Unachtsamkeit …

Die Schule der Nacht
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… wie sie ein ganzes Leben verändern können. Ich glaube, ich habe noch nie in einem anderen Roman gelesen, wie ein Protagonist so bestraft wurde für Momente der Unachtsamkeit. Zwei Momente – in diesem ...

… wie sie ein ganzes Leben verändern können. Ich glaube, ich habe noch nie in einem anderen Roman gelesen, wie ein Protagonist so bestraft wurde für Momente der Unachtsamkeit. Zwei Momente – in diesem Fall. Einmal ist Kristian Hadeland, bzw. Pedersen, wie er sich als Künstler nennt, unachtsam bei einem Fernsehinterview und erzählt etwas, was ihm danach zum Verhängnis wird. Und beim zweiten Mal wird seine Unachtsamkeit noch viel mehr bestraft, etwa die schlimmste Strafe, die ein Mensch bekommen kann. Und das alles, weil er sein Fremdgehen vor seiner Frau vertuschen will.

In einem anderen Zusammenhang las ich, wenn der Leser tief betroffen zurückbleibt, weil dem Protagonisten in einem Roman etwas zustößt, dann sei das richtig gute Literatur. Und das ist hier zweifellos der Fall.

Auch, wenn vom Morgenstern nichts zu bemerken ist. Und dies hier ist immerhin Morgenstern 4, laut Klappentext. Und auch, wenn ich die Stelle nicht gefunden habe, an dem Kristian einen faustischen Bund eingegangen sein soll, siehe ebenfalls Klappentext.
Der Protagonist ist ein Egomane, das ist sicher. Ob er auch ein Narzisst ist, mag ich nicht zu beurteilen, wenn ihm auch eine gehörige Portion Einfühlungsvermögen in seine Mitmenschen fehlt. Aber möglicherweise ist seine Frau Jelena noch schlimmer als er, sie tätigt gegen Ende eine Aussage, die ich ungeheuerlich finde.

Was ich in diesem „Morgenstern-Roman“ vermisst habe, sind andere Protagonisten, bzw. andere Geschichten, die dann ineinandergreifen – oder auch nicht. Das schadet dem Lesefluss aber keineswegs. Die nebensächlichsten Verrichtungen sind derart interessant beschrieben. In einem Kanon las ich, über Knausgård: „Die Magie der Bücher besteht allerdings darin, dass einen irgendwann sogar interessiert, was mit seinem kaputten Toaster ist.“ (Zitat Spiegel 13/2025)

Knausgård hat sich extrem mit Fotografie beschäftigt, das ist in fast jeder Zeile zu merken: „Aber ich sehe nichts davon in deinen Bildern. Sie sind nicht aus einem Guss. Alles ist aufgeteilt. Das Foto für sich, das Motiv für sich, die Idee für sich. Es ist schon in Ordnung, dass sie nichts ins Wanken bringen, du stehst ja noch ganz am Anfang, aber dass es da keinen Willen gibt, etwas ins Wanken zu bringen, das sollte dir zu denken geben. Wenn nicht, kannst du genauso gut anfangen, Fotos für einen Immobilienmakler zu machen.“ (Zitat Hans zu Kristian, S. 27,28) Für mich einer der Schlüsselsätze des Romans und Kristian nimmt sich das sehr zu Herzen und ab da bringen seine Bilder sehr wohl etwas ins Wanken – und zwar ganz gewaltig.

Kristian bricht rigoros mit seiner Familie und sogar auch mit seinen Geschwistern. Es gibt einen Grund, denn sein Vater sagte: „Ich könnte jetzt gut ohne Kristian auskommen. Er ist wie ein schwarzes Loch. Saugt sämtliche Energie auf. Gibt nichts. Selbst jetzt, wo Liv in Not ist. Besonders jetzt.“ (S. 106) Dass es dem Lauscher innerlich eiskalt wurde, kann der Leser verstehen, zumal die Mutter, ansonsten eine Archivarin der Sentimentalität, ihn nicht sonderlich verteidigt. Er geht nach London, hinterlässt keine Nachricht, schleicht sich nachts heimlich aus dem Elternhaus und kehrt niemals dorthin zurück. Auch nicht zur Beerdigung seiner Schwester Liv. Ruft die Mutter später an, legt er einfach auf. „Ich hatte mit ihnen nichts gemeinsam. Es war nur eine Qual. Aber für sie waren die Konventionen an sich schon ein Band. Es spielte keine Rolle, ob unsere Begegnungen nett waren oder nicht, interessant oder uninteressant, unterhaltsam oder langweilig, für sie zählte allein, dass sie regelmäßig stattfanden.“ (S. 245)

Kristian lebt in einem einfachen Zimmer in einem billigen Viertel, Dusche im Keller.

Es gibt einen merkwürdigen Freund in London, Hans, eine Kneipenbekanntschaft. Es zieht Kristian zu ihm hin, manchmal weiß er selbst nicht warum. Durch Hans lernt er auch dessen Freunde kennen, u. a. Vivian, die Regisseurin. Obwohl sie nicht die Schönste ist in Hansens Universum, dient Kristian sich ihr an. Hier kommen auch die faustischen Elemente ins Spiel, auch wenn ich keinen Bund erkennen konnte, den Kristian hier mit dem Teufel eingeht. Hans verschwindet urplötzlich und spurlos, taucht aber später im Buch noch unheilvoll wieder auf.

Der Begriff „magischer Realismus“ ist ja bereits vergeben für lateinamerikanische Literatur. Aber für Knausgårds Romane sollte er noch einmal neu vergeben werden. Denn sie strahlen eine Magie aus, die den Leser wie soghaft hineinzieht ins Geschehen, so dass er nie genug bekommt. Zum Glück gibt es ja noch das autobiographische Projekt in sechs Bänden, falls der Leser das noch vor sich hat. „Sterben“ aus dem Spiegel-Kanon, s. o., liegt schon bei mir auf dem SuB.

Fazit: Ein wunderbarer Roman, aber mit „schweren“ Inhalten, der sich sehr flüssig liest und eine große Betroffenheit hinterlässt. Karl Ove Knausgård ist ein Zauberer und einer der ganz wenigen Schriftsteller, von denen ich wirklich JEDES Buch lesen möchte. Von mir fünf hochverdiente Sterne.

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Veröffentlicht am 31.12.2024

Moderner Horror

Lass uns doch noch etwas bleiben
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„Should we stay or should we go“, so lautet der etwas „richtigere“ OT des neuen Romans von Lionel Shriver. Kay und Cyril Wilkinson, das englische Ehepaar hier, sie sind die Hauptpersonen. Deren Geschichte ...

„Should we stay or should we go“, so lautet der etwas „richtigere“ OT des neuen Romans von Lionel Shriver. Kay und Cyril Wilkinson, das englische Ehepaar hier, sie sind die Hauptpersonen. Deren Geschichte und deren Entscheidung in diversen Varianten erzählt wird. Wie könnte ein Leben aussehen, wenn man dieses getan und jenes gelassen hätte?

Ich sah mal einen Film, der hieß: „Smoking or no smoking?“, wo die Dauer einer gerauchten Zigarette die jeweiligen Veränderungen beeinflusst hat. Paul Austers „4321“ erzählt auch ein Leben in vier Varianten.

Zuallererst wird vom 14-jährigen Verfall von Kays Vater berichtet: Demenz in den schlimmstmöglichen Vorstellungen. Ich habe mehrere demente Menschen kennengelernt und viel hängt von der körperlichen Verfassung ab. Es hört sich makaber an, aber je besser die körperliche Verfassung des Kranken ist, desto schlimmer wird die Pflege für die Angehörigen. Denn bei jemandem, der sich heftig wehrt oder dauernd weglaufen will und dies noch kann, da schafft es ein Mensch allein oft nicht, die Aufgabe zu bewältigen. Und wenn dies vierzehn Jahre lang praktiziert werden muss, da wird alles „überschrieben“, was den Kranken jemals ausgemacht hat. Und das wollen Kay und Cyril weder sich noch ihren drei Kindern zumuten.

Also beschließen sie, sich an ihrem 80sten, bzw. 81sten umzubringen. Cyril als Arzt, der er ist oder war, kann leicht tödliche Dosen für beide besorgen. Ich kenne ein betagtes Ehepaar, das auch so entsprechend vorgesorgt hat. Der Mann ist über neunzig und auch dement, aber sehr freundlich und leicht lenkbar. Und nicht hoch aggressiv wie Kays Vater. Denn ins Heim wollen sie nicht, genau so wenig wie unsere Protagonisten.

„Sie verfallen wie alle anderen und verbringen ihr jammervolles Lebensende wie alle anderen: entweder mit einer Bulgarin im Gästezimmer, die sie verabscheut und ihnen heimlich ihren Whisky klaut, oder in einer zynischen Anstalt, die Zeit und Geld spart, indem sie ihnen jeden Mittag altbackenes Brot mit Streichwurst auftischt.“ (S. 25)

Was droht im Heim? In den Kapiteln: „Spaß mit Dr. Mimi“ und „Mehr Spaß mit Dr. Mimi“ erfahren wir, was da kommt. Oder kommen könnte. Es soll möglicherweise Satire sein, aber in meiner Vorstellung könnte das bitterernst sein. Schlimmstmögliche Unterbringung und schlimmstmögliche Behandlung der „Gäste“. Je preiswerter, desto übler. Ich kenne eine Krankenschwester, die erzählte, dass es in einem Heim in Berlin durchaus üblich sei, die Bewohner nachts um Drei zu wecken und zu duschen. Der heilende Schlaf wird dann jedes Mal unterbrochen. Schon früher musste ich das Buch: „Abgezockt und totgepflegt“ abbrechen, weil ich es nicht ertragen konnte. Hier habe ich durchgehalten, weil Shrivers Humor das möglich macht.

Auch die englischen Behörden bekommen in einer der dystopischen Varianten ihr Fett weg: „Die Aufklärungsquote der britischen Polizei bei Diebstahl, Betrug und Überfällen ging gegen null, und einige Dienststellen hatten seit Monaten keinen einzigen Einbrecher gefasst. Sie schikanierten ältere Steuerzahler, weil verängstigte, fügsame, gesetzestreue Menschen leichte Beute waren.“ (S. 167)

Die drei Kinder des Paars: Simon, Hayley & Roy lernen wir kennen, teils von ihren schlimmstmöglichen Seiten. „Was auch immer Leute besonders nachdrücklich behaupten, nicht zu tun, ist ein zuverlässiger Indikator für das, was sie tun.“ (S. 188) Wie: „Wir sind alle aus Sorge hier, und wir wollen für euch nur das Beste. Es ist nicht so, dass wir hier über euch zu Gericht sitzen.“ ebd.

Auch die Migration, die in England wohl inzwischen jedes halbwegs normale Maß längst hinter sich gelassen hat, wird thematisiert: „Und was für einen Sinn hat ein Land, wenn es nicht seine Bürger beschützt? Sonst ist die Staatsbürgerschaft doch bedeutungslos. Wenn die Rechte von Einwohnern auf eine Stufe mit den Rechten von allen anderen Menschen auf der Welt gestellt werden, gibt es kein Land mehr.“ (S. 278)

Fazit: Das Buch hat mich regelrecht umgehauen. Dankbar bin ich Sven Böttcher, der es bei „B & B – wir müssen reden“ empfohlen hat. Sollte jeder lesen, denn dieses „beißend komische Gedankenexperiment“ (laut The Times) bleibt wohl für immer haften. *****

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Veröffentlicht am 10.12.2024

Erschütternd und sehr berührend

Die Schlangen werden dich holen
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Da ich gestehen muss, den Verlag „orlanda“ bisher nicht gekannt zu haben, wurde es Zeit. Beim Lovelybooks-Award 2024 war dieser Roman: „Die Schlangen werden dich holen“ aufgelistet in der Sparte „Literatur“. ...

Da ich gestehen muss, den Verlag „orlanda“ bisher nicht gekannt zu haben, wurde es Zeit. Beim Lovelybooks-Award 2024 war dieser Roman: „Die Schlangen werden dich holen“ aufgelistet in der Sparte „Literatur“. Da ich längere Zeit in Kolumbien verbracht habe – wenn es auch schon länger her ist – war ich sehr neugierig, was es wohl mit dieser literarischen Reportage auf sich hätte. Und ja, vieles kam mir sehr bekannt vor und scheint leider immer noch aktuell zu sein.

Allem voran die Korruption (auch bei der Polizei) und die Armut. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, dass in Bogota die Geschäfte bei Ladenschluss Gitter herunterließen, dass man keinen Schmuck auf der Straße tragen sollte, dass es einen Riesengürtel an Slums um die Hauptstadt herum gab und immer noch gibt und auch Obdachlose ohne Ende. Denn die Reichen wohnten in eingezäunten Vierteln mit Personal und Security.

Die Autorin Emilienne Malfatto hat sich hereingewagt in diesen undurchdringlichen Dschungel – auch der Verlogenheit. Und der Angst. Angst vor Repressalien und natürlich vor Folter oder Mord. Verständlich, dass die Kinder der getöteten Maritza ihre Namen geändert haben und ihre Wohnorte geheim halten. Etliche Jahre zuvor wurden auch Maritzas Mann und ein Onkel ermordet und somit musste die Familie schleunigst diese Finca verlassen. Und damit auch die sichere Selbstversorgung.

Seit der Ermordung des Partners und des Vaters fast aller Kinder, ging es Maritza zunächst sehr schlecht. Sie nahm später dann an einem merkwürdigen Projekt teil mit Landzuordnung. Führte das schon zu ihrer Ermordung? Auch auf dieser Finca konnte der Rest der Familie nicht mehr bleiben und suchte zwangsweise Kontakt zur Verwandtschaft.

Die aufnehmende Verwandtschaft war allerdings wenig begeistert und die Kinder mussten teilweise weit verstreut aufgeteilt werden. Möglicherweise verständlich bei der Anzahl.

An mehreren Stellen hat die Autorin ein Riesenglück gehabt, mit dem Leben davongekommen zu sein.

„Letztlich lässt sich die Problematik folgendermaßen zusammenfassen: Jeder, der sich den Mächtigen oder ihren wirtschaftlichen Interessen – Drogenhandel, großen Energie-, Bergbau-, Landwirtschafts- oder sonstigen Projekten – in den Weg stellt, wird beseitigt. Es geht um zu viel Geld, als dass Menschenleben dabei ins Gewicht fallen könnten. Man könnte sogar noch weiter gehen und von einem Massaker sprechen, das die Behörden beharrlich verharmlosen – oder sogar glattweg leugnen. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten, die das Land seit Generationen, seit Jahrhunderten fest im Griff haben, haben keinerlei Interesse daran, dass sich etwas ändert. Das Chaos kommt ihnen zugute.“ (S. 18)

Aber mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn es lohnt sich auf jeden Fall, diesen (kurzen) Roman selbst zu lesen.

Fazit: Ich bin immer noch erschüttert, auch über die Hartherzigkeit der Menschen und ihre immerwährende Gier nach Profit um jeden Preis. Ein kleines, feines Büchlein, sehr schön gestaltet und sehr, sehr lesenswert. 5 verdiente Sterne.


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