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Veröffentlicht am 02.07.2025

Das Kontinuum der Verantwortung

Die Einstein-Vendetta
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Als ich den Buchtitel „Die Einstein-Vendetta“ las, erinnerte ich mich sofort an den Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ von Friedemann Fromm, den ich 2018 im Fernsehen sah. Schon damals hat mich die Geschichte ...

Als ich den Buchtitel „Die Einstein-Vendetta“ las, erinnerte ich mich sofort an den Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ von Friedemann Fromm, den ich 2018 im Fernsehen sah. Schon damals hat mich die Geschichte der Ermordung von Familienmitgliedern Albert Einsteins in Italien sehr berührt. Nun erscheint über 80 Jahre nach Kriegsende und 81 Jahre nach dem Mord ein Sachbuch des bekannten englischen Autors Thomas Harding, der versucht, die „wahre Geschichte des Mordes“ (siehe Untertitel) zu recherchieren und zu erzählen.
Harding ist nicht der erste, der das versucht, begonnen hatte War Crime Officer Wexler mit der Recherche, nach ihm waren Deutsche, Amerikaner, Italiener auf juristischer Ebene mit dem Fall betraut, aber auch Journalisten versuchten die Geheimnisse zu lüften.
Was war geschehen? Robert Einstein, Cousin und Freund von Albert Einstein, lebte lange Jahre in der Toskana, hatte Ehefrau Nina (geb. Mazzetti) und zwei Töchter, Luce und Cicì, übernahm die Verantwortung für zwei kleine Nichten, Lorenza und Paola, als deren Eltern starben, war ein angesehener Ingenieur und Gutsbesitzer. Und er war Jude. Was für ihn und seine Familie das Leben ab 1938 in Italien höchst gefährlich machte, nachdem auch dort die Rassegesetze analog zu Hitlerdeutschland eingeführt wurden. Trotzdem konnte die Familie Einstein verhältnismäßig ungestört und auch geschützt von den Dorfbewohnern und Arbeitern auf dem Gut Il Focardo in der Nähe von Florenz leben. Als sich schon fast das Ende der deutschen Besetzung abzeichnete, als die Alliierten nur noch wenige Kilometer entfernt waren, geschah das Ungeheuerliche. Die deutsche Wehrmacht suchte nach Robert Einstein, der sich zu den Partisanen in den Wald flüchten konnte, seine Ehefrau, die beiden erwachsenen Töchter und die Nichten blieben im Haus, was für alle als sichere Zuflucht galt. Es war ein tödlicher Irrtum, die Deutschen nahmen alle im Haus angetroffenen Frauen als Geiseln, da sie des Juden Robert Einstein nicht habhaft werden konnten, erschossen sie seine Ehefrau und ihre beide Töchter.
Wer war der Auftraggeber? Gab es einen Auftrag? Sollte Robert Einstein erschossen werden? Wer waren die Vollstrecker? Auch 81 Jahre nach dem Mord sind diese konkreten Fragen nicht geklärt. Und doch kann man sagen, die Auftraggeber waren die Verfasser der Nürnberger Gesetze und die Erfinder der Endlösung, der Auftrag war eindeutig Teil des Plans der Auslöschung der europäischen Juden. Nicht nur in Deutschland kannte man die Sippenhaft, wie sie zum Beispiel bei den Attentätern des 20. Juli 1944 angewendet wurde. Auch im besetzten Italien herrschte dieser Geist. Ob und wer am Ende die Familie verraten hatte, wer der Mordschütze war, das konnte auch Harding nicht belegen. Aber ihm gelingt es, eine Familiengeschichte der Einsteins zu erzählen, die eine Einblick gibt in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und die viele Familienmitglieder und andere Personen anrührend und ehrlich charakterisiert.
Besonders der erste Teil des Buches „Verbrechen“ hat mich sehr gefesselt, als Leser sieht man das Unheil kommen, man weiß natürlich schon vor Beginn des Lesens, was geschehen wird. Aber ist es Thomas Harding gelungen, trotzdem eine hohe Spannung zu erzeugen, die Anspannung in der Familie zu vermitteln und die historischen Ereignisse außerhalb von Il Focardo einzuordnen.
Was Harding nach dem feigen Mord an Nina und den Töchtern im zweiten Teil „Nachspiel“ betrachtet, ist vor allem die Reaktion Robert Einsteins, dem es schier das Herz gebrochen hat. Nur mit Mühe können ihn Freunde vom sofortigen Selbstmord abhalten, verhindern können sie ihn später nicht, zu schwer wiegt für ihn die eigene Schuld. Aber er hat es trotz tiefer Depressionen geschafft, für die beiden Nichten Lorenza und Paola eine Lebensgrundlage zu schaffen. Sie werden es ihm nie vergessen, bis ins hohe Altern sprechen sie voller Liebe von ihm.
Der dritte Teil des Buches „Gerechtigkeit“ beschäftigt sich mit den umfangreichen, sich über viele Jahrzehnte hinziehenden Recherchen, die jedoch eines nicht finden, den wahren Mörder. Ob es tatsächlich eine Vendetta war, die den Cousin von Albert Einstein anstelle seines berühmten Verwandten vernichten sollte, steht nach wie vor als Frage im Raum.
Dass die Ehefrau und die Töchter von Robert Einstein aufgrund ihres jüdischen Ehemanns bzw. Vaters den antisemitischen Eiferern zum Opfer fielen, sehe ich hingegen als Tatsache an. Zumindest die ehrenvollen Gräber in Badiuzza für alle vier, die dort verein ruhen, und das Denkmal lassen an eine Gerechtigkeit glauben, die nicht „Auge um Auge“ errungen ist.
Thomas Harding hat dieses Buch mit einigen Details ausgestattet, die ich gern erwähnen möchte: es gibt einen Stammbaum der Familie Einstein/Mazzetti, man findet einige Karten, die extra für das Buch angefertigt wurden, im Text und am Ende sind verschiedene Fotos abgebildet, die einen Eindruck geben von den Menschen, über die Harding berichtet. Ich lege jedem Leser den Epilog ans Herz, der noch einmal eine hervorragende Zusammenfassung des Gelesenen gibt und auch das persönliche Interesse Hardings an der Familie Einstein und am Holocaust beleuchtet.
Auch der Anhang ist sehr ausführlich und unterstützt den wissenschaftlichen Stil, mit dem das Buch verfasst ist. Trotz der Wissenschaftlichkeit liest sich dieses Buch sehr gut! Ein umfangreicher Index macht es einem leicht, schnell noch einmal zu einer gesuchten Person, einem Ort oder Fakt zu wechseln. Bibliografie und Quellenangaben weisen Interessierten den Weg und zeugen von der umfangreichen Recherchearbeit, die Harding für dieses Buch bewältigt hat. Der eingangs von mir erwähnte Film befindet sich auch darunter.
Fazit: Dieses Buch erzählt nicht nur vom tragischen Schicksal der Familie Robert Einsteins, eines Cousins von Albert Einstein, man erfährt auch sehr viel über die Geschichte Italiens. Insbesondere die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die wechselnden Besatzungen, die Befreiung und der Wiederaufbau des verwüsteten Landes werden sehr informativ beschrieben. Lesenswert und aufschlussreich. Gute vier Sterne.

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Veröffentlicht am 22.06.2025

Feine Antennen schärfen den Blick

Ein Hoch auf deine Sensibilität
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Durch Zufall wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Auf Instagram empfand ich die Frage von Nina Brach, ob es jemanden gibt, der total genervt auf Etiketten oder Aufhänger in Pullover oder Shirt reagiert, ...

Durch Zufall wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Auf Instagram empfand ich die Frage von Nina Brach, ob es jemanden gibt, der total genervt auf Etiketten oder Aufhänger in Pullover oder Shirt reagiert, als hätte sie nur mich persönlich gemeint. Der Aufhänger wurde zum Aufhänger, dass ich mich nun endlich einmal gründlich mit meiner eigenen Sensibilität auseinandergesetzt habe.
Nina Brach erklärt mit erfrischender Emotionalität und Sachkenntnis die verschiedenen Fachbegriffe, zuerst natürlich Hochsensibilität und Hochsensivität. Mit der Erklärung einher gehen praktische Beispiele, die es dem Leser ermöglichen, sich auch selbst ein wenig besser kennenzulernen und zu analysieren. Ich bin 70 Jahre alt, meine Töchter über 50, für jede von uns habe ich im Kopf eine kleine Analyse machen können, die im Ergebnis vier sehr sensible/sensitive Personen mit unterschiedlichsten Ausprägungen und Variationen ergab. Jede hat ihre eigenen hochsensiblen Bereiche, das fand ich wirklich interessant. Wenn mir das Buch vielleicht nicht im Sinne der Autorin zu einer Veränderung meiner Lebens- und Gefühlssituation verhilft, so doch auf jeden Fall zu einem geschärften Blick in Gesprächs- oder Konfliktsituationen.
Das Buch ist in fünf verschiedene Kapitel eingeteilt, wobei jedes für sich sehr erkenntnisreich ist. Für mich persönlich waren vor allem die ersten drei von Bedeutung, die Problematik Kinder betrifft mich eher nicht mehr, es sei denn ich schaue rückblickend noch einmal auf meine jetzt erwachsenen Töchter oder auf die Enkelkinder. Das Beziehungsthema lasse ich hier einmal weg. Darüber gibt es zudem unzählige Ratgeber und Sachbücher, die das auch im Hinblick auf Sensibilität betrachten.
In den einzelnen Kapiteln hat man als Leser die Möglichkeit, für seine eigene Selbstanalyse Fragen zu beantworten oder Strategien zu erarbeiten. Die Frage, was ich an meinen Sensibilitäten als positiv oder bereichernd empfinde, konnte ich leider nur mit „Nichts, sie stören mich und meinen Alltag immer“ beantworten. Da fehlt mir wohl die Hochsensivität.
Für den Alltag habe ich tatsächlich einige Anregungen mitgenommen. Ich stelle hier ein Zitat vor, das ich als guten Ratschlag versuchen werde zu befolgen: „Wichtig dabei ist, dass du lernst, deine Grenzen möglichst frühzeitig zu kommunizieren und nicht erst, wenn das Fass kurz vor dem Überlaufen steht. Dann fühlen wir uns oft so sehr unter Druck oder in die Ecke gedrängt, dass wir explodieren.“
Die Begrifflichkeit der Neurodiversität wird von der Autorin gut dargelegt, ich hatte mich bisher nicht damit beschäftigt, es hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken über bestimmte Situationen oder Menschen in meiner gebracht. Etwas zu sehen bedeutet ja nicht automatisch, dass man es auch versteht, hier hilft so eine populärwissenschaftliche Lektüre über bestimmte Wissenslücken gut hinweg.
Die Gestaltung des Buchs, das ich zuerst als pdf-Datei gelesen habe, gefiel mir so gut, dass ich mir zusätzlich das gedruckte Buch bestellt habe. Leider musste ich feststellen, dass es in der Verkleinerung von A4 (gelesen auf iPad Pro) auf ca. A5 als Taschenbuch für mich nicht praktikabel war. Die Schrift des Fließtextes ist in einer sehr kleinen und zudem dünnen Schrift gehalten, die mir auch mit Lesebrille Probleme bereitet. Schade, das digitale Buch fand ich farblich und typografisch sehr gelungen.

Danke, liebe Nina Brach, sagt eine Vielfühlerin! Wenn wieder einmal mein Gedankenkarussel aus dem Ruder läuft, nehme ich gern Deine Ratschläge an und stelle mir dann in Gedanken ein Stoppschild auf. Und mir ist beim Lesen die Idee gekommen, dass es doch für jeden (Leser) hilfreich sein könnte, das Bedürfnisvokabular von Seite 96 einmal in eine persönliche Reihenfolge zu bringen. Das hat mir zumindest klargemacht, dass es von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich ist, was außer den existentiellen Grundbedürfnissen präferiert wird. Daran lässt sich meines Erachtens auch feststellen, ob und wie sensibel/sensitiv der Mensch veranlagt ist. Das Buch ist also nicht nur Ratgeber oder Wegweiser, es lenkt den Blick auch einmal in neue Richtungen, die man allein vielleicht gar nicht beachtet.

Fazit: ein guter Einstieg für jeden, der vermutet, dass er auf Alltagsreize jeglicher Art zu empfindlich reagiert. Die Abgrenzung zu psychiatrischen Erkrankungen (ADHS, Autismus etc.) ist gut zu erkennen.

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Die Geschichte atmet

Zypressensommer
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1998, Hamburg: Der Nonno, Julias italienischer Großvater Gianni Conti, stirbt und hinterlässt der Enkelin eine „Bucket-List“. Julia ist eine junge Goldschmiedin, die sich bisher noch nicht so sehr mit ...

1998, Hamburg: Der Nonno, Julias italienischer Großvater Gianni Conti, stirbt und hinterlässt der Enkelin eine „Bucket-List“. Julia ist eine junge Goldschmiedin, die sich bisher noch nicht so sehr mit der Vergangenheit ihrer italienischen Familie und den Vorfahren beschäftigt hat. Kurzentschlossen wird sie in die Toskana, ins kleine Dorf Lucignano reisen, um die offenen Fragen, die dem Großvater wohl viel bedeutet haben, zu klären. Sie lernt den attraktiven Italiener Matteo Conti kennen und findet nach einigem Hin und Her eine schöne Unterkunft bei seiner Familie. Auch ihr Nonno war ja ein Conti, bei Julia klingeln alle Alarmglocken. Nicht immer zur Freude der Contis und anderer Einheimischer beginnt sie allerlei Nachforschungen. Und wird fündig!
Die zweite Zeitebene sind die 1940er Jahre, der Zweite Weltkrieg ist schon weit fortgeschritten, es zeichnet sich ab, dass die Deutschen ihn nicht gewinnen werden. Gianni Conti wird als Kriegsgefangener nach Deutschland deportiert und muss dort Zwangsarbeit leisten. Zu seinem Entsetzen in einer Fischräucherei, wo er doch Fisch hasst wie die Pest. Im Laufe der Zeit findet er in der Chef-Tochter Marieke eine Freundin und Geliebte. Zum Ende des Krieges ist er als Fremdarbeiter zwar nicht mehr ans Lager gefesselt, aber seine Kräfte für Aktivitäten nach Feierabend schwinden ob der geringen Essensrationen. Zur gleichen Zeit toben in Italien schwere Kämpfe, die Partisanen machen den Deutschen die Hölle heiß, es gibt Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Die Deutsche lassen ihre Wut, auch angesichts der Invasion der Alliierten in Italien oftmals an den Zivilisten aus. Immer auch auf der Suche nach Helfershelfern der Partisanen sind sie sehr brutal. Auch Giannis Familie gerät in diese Falle. Zudem gibt es einen unerbittlichen Kampf zwischen den verfeindeten Brüdern Gianni und Vito Conti, der seine Auswirkungen auch noch 1998 zeigt. Nicht einmal die gemeinsame Trauer um die tote kleine Schwester Anna konnte daran etwas ändern.
1998: Julia und Matteo suchen gemeinsam nach lange vergangenen Ereignissen, nach der Wahrheit und bisher verschwiegenen Geheimnissen und erleben dabei einige Überraschungen. Und Julia wird ihren bisherigen Lebensentwurf vielleicht am Ende völlig über den Haufen werfen. Ich will nicht zu viel verraten, aber es ist wirklich spannend und auch sehr unterhaltsam, der Geschichte zu lauschen. Besonders der Rückblick auf die Zeit der Nazibesetzung Italiens ist gut gelungen.
Teresa Simon, die ich bisher überhaupt nicht als Autorin kannte, hat einen berührenden Roman geschrieben, mit Protagonisten, die man sich sehr gut vorstellen kann. Bei mir lief ein Film im Kopf ab, der mir sehr gefallen hat. Wie auch die Stimme von Tanja Fornaro, die sich ausdrucksstark in die einzelnen Personen verwandelte, jede bekam eine eigene Nuance. Manchmal hatte ich zwar den Eindruck, dass die Schilderungen etwas zu pathetisch klangen, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch.
Einzig das Cover von Hörbuch bzw. Buch hat mich etwas verwirrt. Der Titel „Zypressensommer“ lässt vor meinem geistigen Auge die Toskana mit ihren eindrucksvollen Zypressenalleen aufscheinen. Aber das Titelbild zeigt einen Olivenzweig und nur ganz wenige winzige Zypressen. Dass die Contis Olivenbauern waren, das erfährt man natürlich im Roman.
Noch eines zum Schluss: Das Nachwort ist wirklich hörenswert, die Autorin erklärt die historischen Hintergründe, die im Roman nicht so ausführlich dargestellt sind.
Fazit: Ein Familienroman mit sehr ernstem und tragischem Hintergrund, eine echte Entdeckung für mich. Gute vier Sterne.

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Veröffentlicht am 10.06.2025

Eine Jüdin sucht ihre Identität

Deutschstunden
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Pippa Goldschmidt gehört zu jenen Juden, die einen deutschen bzw. österreichischen Familienhintergrund haben, aber in Großbritannien geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden sind. Unabhängig voneinander ...

Pippa Goldschmidt gehört zu jenen Juden, die einen deutschen bzw. österreichischen Familienhintergrund haben, aber in Großbritannien geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden sind. Unabhängig voneinander sind ihre Großeltern in den 1930er Jahren nach England emigriert, haben sich dort kennengelernt und eine Familie gegründet. Der Vater der Autorin wurde noch im Krieg geboren, sie ist Jahrgang 1968 und lebte bis 2020 in Edinburgh. Erst der Brexit zündete die Idee, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, für Nachkommen von emigrierten Juden, denen die deutsche Staatsbürgerschaft durch Nazideutschland aberkannt wurde, ist das problemlos möglich. Dass Pippa und ihr Vater ein Jahr warten mussten, bis sie ihre Pässe erhielten, war wohl dem ungewöhnlichen großen, plötzlichen Andrang wegen des Brexits geschuldet. Dass die Übergabe an Peinlichkeit nicht zu überbieten ist, wirft ein schales Licht auf deutsche Behörden. Pippa bekam nicht mal einen Händedruck, ihrem Vater schenkte man eine Tüte Haribo. Was Pippa Goldschmidt aber nicht davon abhielt, mit ihrem Lebenspartner in das Land der Vorfahren zu ziehen, nach Frankfurt am Main. Dort war vor 1933 die zweitgrößte jüdische Gemeinde beheimatet. Ursprünglich lebte der Großvater Ernst Goldschmidt im nahen Offenbach, später dann in Frankfurt am Main. Die Umstände des Umzugs der Autorin sind von der Coronapandemie, den Lockdowns und Unannehmlichkeiten überschattet, aber er gelingt. Rund ein Jahr später sucht das Paar dann eine andere Wohnung und zieht an den Stadtrand.
Pippa Goldschmidt, die promovierte Astronomin, schrieb bereits einen Roman (Weiter als der Himmel) und veröffentlichte eine Kurzgeschichtensammlung. Im Buch bemerkt man als Leser die wissenschaftliche Art ihres Herangehens, auch die Verknüpfung ihres Wissens über Astronomie mit ihren teilweise sehr philosophischen und psychologische Gedanken und der Herangehensweise an ihre familiäre Vergangenheit. Sie erzählt in diesem Buch nicht tagebuchartig von ihren Recherchen, sie verknüpft sie mit der Erzählung ihres neuen Alltags und der Erinnerung an die Familiengeschichte(n), die sie bewusst und unbewusst in ihrem früheren Leben aufgenommen hat. Denn sie hat das Problem, mit dem viele jüdische Nachfahren von Holocaustopfern, Emigranten und Überlebenden zu kämpfen haben: das Schweigen, der blinde Fleck in der Vergangenheit. „Schweigen erkennt den Schmerz, lockt nicht mit dem Versprechen, dass der Schmerz verschwindet, wenn die Geschichte erzählt wird.“ schreibt die Autorin.
Stück für Stück, anhand von Dokumenten und Erinnerungsstücken, anhand von Erkundigungen und Gesprächen, setzt sie das Leben ihrer Großeltern, speziell ihres Großvaters wieder zu einem Bild zusammen. Dieses wird niemals vollkommen sein, aber es fügen sich die Puzzleteile in das Denken von Pippa Goldschmidt hinein. Es sind berührende kleine Momente, wenn sie zum Beispiel an den Bembel erinnert wird, der bei ihrer Großmutter stand, oder wenn sie das Halstuch mit der Widmung ihrer Großmutter in den Händen hält. Der Pass des Großvaters wird zu einer wahren Fundgrube an Erkenntnissen.
Ganz offensichtlich hat Pippa Goldschmidt aber ein Problem mit der Stadt Frankfurt, von der sie wohl hoffte, eine neue deutsche Heimat zu finden, sich aber eher zurückgewiesen und abgestoßen fühlt. Nicht von den Menschen, eher von den Mauern. Ich fand es merkwürdig, dass sie so ein Unbehagen angesichts der rekonstruierten Innenstadt empfindet, aber in Dresden „das heutige Simulakrum aus Gebäuden, die sowohl Kopien als auch Denkmäler ihres früheren Selbst sind“, so sehr lobpreist. Aber da zieht sie dann auch gleich Freud zu Rate, der betonte, dass das Unheimliche vom Standpunkt des Betrachters abhängt.
Mir sind einige Verallgemeinerungen aufgefallen im Verlauf des Buches, die mich etwas verunsichert haben. So heißt es mit Bezug auf die Judengesetze ab 1933, „durften Juden schon nicht mehr arbeiten“. Die Juden durften oftmals in ihren Berufen nicht mehr arbeiten, unterlagen Beschränkungen, aber sie wurden zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet, mussten oft stundenlang zu ihren Arbeitsstätten laufen, weil sie unter 6 Kilometern Arbeitsweg keine Verkehrsmittel nutzen durften. Was die Kinder betrifft: Auch der Schulbesuch war bis 1938 möglich: zuerst hatten höhere Schulen zum Teil noch ein Limit von 1,5 % Juden erlaubt, aber erst ab 15.11.1938 galt das Verbot für alle Kinder, die danach nur noch jüdische Schulen besuchen durften.
Andererseits habe ich im Buch auch von Ereignissen und vielen Details gelesen, die mir noch nicht so geläufig waren, wie vom Internierungsaufenthalt des Großvater Ernst auf der Isle of Man. Dass dieser sich an das Gemälde von Max Liebermann „Zwei Reiter am Strand“ erinnert fühlt, ist ein winziger Blick in seine Gefühls- und Erfahrungswelt vor der Emigration. Er muss ein recht wohlhabender Mann gewesen sein, wenn er noch nach der Emigration mehrfach nach Deutschland reiste, um den Transport seines Hab und Guts nach England zu bewerkstelligen. Die Autorin beschreibt leider nicht, wie das ohne Schikanen möglich war, als Jude mehrfach ein- und auszureisen. Sie berichtet nur, „Seit 1935 darf Ernst nicht mehr selbst als Anwalt arbeiten, er muss einen nicht jüdischen Anwalt beauftragen, in seinem Namen zu handeln.“ 1936 musste er jedenfalls fliehen, reiste aber mit deutschem Visa 1937 und 1938 nach Deutschland. Es war eine Zeit, wo alle Normalitäten auf den Kopf gestellt wurden, aus heutiger Sicht schwer zu begreifen. Und „Nur wir, die Betrachter, wissen, was in der Zukunft geschehen wird.“, so Pippa Goldschmidt.
Ja, man sieht alles aus heutiger Sicht, mit heutigem Wissen. In meiner recht großen jüdischen Verwandtschaft gab es einige, denen die Emigration gelungen ist, vorrangig mit Hilfe eines einzigen reichen amerikanischen Verwandten. Sie alle sind verstreut in Kanada, den USA, Argentinien und Brasilien, nur einer nahm einen anderen Weg über England, wurde Angehöriger der britischen Armee und wanderte nach Australien aus. Kein einziger der Emigranten und ihrer Nachfahren hat meines Wissens die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, keiner wollte jemals in das Land der Täter zurück. Der größte Teil meiner Verwandten ist aber in den Vernichtungslagern umgekommen. Den vielen Geschichten nachzuspüren, das war mir immer ein tiefes Bedürfnis, auch Stolpersteine zu verlegen ist eine Art von Trauerbewältigung. Pippa Goldschmidt erlebte das auch. So kann ich mich im Geiste mit ihr verbünden. Sie schreibt „Ich bin kein Opfer, und die Deutschen sind keine Täter mehr, und doch müssen wir uns mit den Erfahrungen unserer Familien auseinandersetzen.“ Dem stimme ich gern zu.
Fazit: Für mich eine interessante und neue Erfahrung, wie es sich anfühlt, in ein fremdes, doch eigenes Land zu reisen, bleiben zu wollen, dort leben zu wollen. Auch wenn ich die astronomischen Erzählungen und Erklärungen als etwas langatmig empfand, hat mir das Buch insgesamt gut gefallen. Ob sie nun auch richtig angekommen ist in Berlin, das wäre vielleicht ein Thema für ein neues Buch von Pippa Goldschmidt.

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Veröffentlicht am 08.06.2025

Ma Fille – tragisch-schöne Liebesgeschichte

Die verschwundene Tochter
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Dies ist schon der fünfte Band der achtteiligen Saga „Verlorene Töchter“ von Soraya Lane. Für mich war es die erste Begegnung mit dieser Schriftstellerin, die bei mir einen verborgenen Nerv getroffen hat. ...

Dies ist schon der fünfte Band der achtteiligen Saga „Verlorene Töchter“ von Soraya Lane. Für mich war es die erste Begegnung mit dieser Schriftstellerin, die bei mir einen verborgenen Nerv getroffen hat. Ich habe auch zwei Töchter, beinahe hätte ich beide auf ganz unterschiedliche Art verloren. Dass es das größte Glück einer Mutter ist, ihre Kinder glücklich zu sehen, das unterschreibe ich bedenkenlos.
Die Autorin hat einen geschmeidigen, leichten Stil, das Buch liest sich schnell. Aufgebaut ist es in zwei Zeitebenen, zuerst lernt der Leser Evelina Lavigne, Modedesignerin im Paris des Jahres 1937, vor ihrem ersten großen Erfolg kennen. Die Gegenwart füllt Blake aus, eine Journalistin mit angeborenem Hang zu Mode und enormem Kochtalent. Für Jahre hatte sie den Geschwistern die Mutter ersetzt, das Bekochen ist geblieben. Als ihre Zeitschrift in Bedrängnis gerät, macht sie in der Redaktionssitzung einen folgenschweren Vorschlag. Sie hat ein kurioses Erbe, ein kleines Kästchen mit einer Modezeichnung und einem wunderschönen Stoffmuster geerbt, es soll von ihrer Urgroßmutter stammen. Diese hat es in einem Haus für ledige Mütter hinterlassen als Erinnerung für ihre zur Adoption freigegebene Tochter. Aus diesem Erbe will Blake eine Fortsetzungsgeschichte entwickeln, die der Zeitung rettende Leserinnen bescheren soll.
Die Idee von Blake erfordert eine umfangreiche Recherche, die sie auch nach Paris führt. Dort lernt sie Henri, Modekurator und Charmeur, kennen und lieben. Für beide eine Bekanntschaft, die ihr ganzes weiteres Leben berührt. Die Erzählebene um das Leben von Evelina wechselt sich mit der Gegenwart ab und hält die Spannung über 360 Seiten aufrecht.
Das Einzige, was mir an diesem Roman nicht gefallen hat, ist der Name Blake, das ist für mich eher ein männlicher Vorname, aber auch ein Familienname, wie beim Dichter William Blake. Durch diesen Namen empfinde ich zur Hauptperson ein eher distanziertes Interesse. Man soll sich ja nicht von Äußerlichkeiten, der Name gehört auch dazu, leiten lassen, aber die Psychologie funktioniert bei mir offensichtlich anders.
Die Protagonisten sind lebendig und gut vorstellbar, am besten gefiel mir Abby, die Schwester von Blake. Aber auch das Buch selbst, das schöne Cover mit den bedruckten Innenflächen wirkt sehr edel. Der Spruch "Auch wenn die Wahrheit im Verborgenen liegt, das Herz findet seinen Weg." passt sehr gut zum Pariser Flair der Geschichte, das sich auf dem Cover spiegelt.
Fazit: Familienforschung interessiert mich im Allgemeinen sehr, aber dieses Buch ist doch mehr ein Liebes- und Unterhaltungsroman. Gut geschrieben und mit Tiefgang.

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