Profilbild von Leseclau

Leseclau

Lesejury Profi
offline

Leseclau ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Leseclau über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.10.2025

Zeitreise in die 70er Jahre

Die Frau der Stunde
0

Wer eintauchen will in die 70er Jahre im damaligen Westdeutschland ist bei Heike Specht genau richtig. Der Zeitgeist von damals wird hervorragend transportiert. Es wird geraucht, getrunken, getanzt. Die ...

Wer eintauchen will in die 70er Jahre im damaligen Westdeutschland ist bei Heike Specht genau richtig. Der Zeitgeist von damals wird hervorragend transportiert. Es wird geraucht, getrunken, getanzt. Die gängigen Musiktitel finden ebenso Erwähnung, wie einige typische sprachliche Besonderheiten dieser Zeit.

Drei Frauen stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Catharina, die aufgrund eines Fehlverhaltens ihres Vorgängers plötzlich Außenministerin wird, Azadeh, die den politischen Umbruch im Iran unterstützen und begleiten möchte und Suzanne, die zwischen ihrem Job als Journalistin und Mutter fast zerrissen wird.
Immer wenn die 3 Frauen interagieren, ist eine gewisse Dynamik da und der Zeitgeist lebt auf. Ich mochte es, wie die drei trotz aller Unterschiedlichkeit füreinander da sind. Leider blieben aber alle drei Charaktere auf sehr wenige Eigenschaften beschränkt, die in unermüdlichen Wiederholungen an die Leserin gebracht werden.

Der Klappentext verspricht: „Mit ihrer eingeschworenen Frauen-Clique, einigen Gin Tonics und noch mehr Zigaretten manövriert sich die Politikerin Catharina Cornelius im Bonn der späten 70er hinreissend klug durch den Sumpf der Altherren-Elite.“ Und genau diese Manöver werden im Buch zwar als ebensolche erwähnt, was aber tatsächlich passiert, wie genau sie agiert, was ihre Schachzüge sind, bleibt unerwähnt. Und genau das hätte für mich den Reiz eines Buchs inmitten der Politik der späten 70er ausgemacht. Stattdessen lese ich, wie sich Katharina den Chignon richtet.

Sehr schade, denn die ganze Anlage des Buchs von fiktiven Personen in realen zeitgeschichtlichen Geschehnissen gefällt mir gut. Auch die Tatsache dass man einen Teil der (verfremdeten) Politiker dennoch zu erkennen glaubt, macht für mich die Geschichte durchaus lesenswert.

Das Cover des Buchs spielt ebenso wie der Titel auf bestimmte Momente im Buch an und gefällt mir sehr gut.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.10.2025

Spannend, zum miträtseln und mit plausibler Auflösung

Bittere Nacht
0

„Bittere Nacht“ ist der zweite Krimi des Autorenduos Kuhl + Sandrock um das Ermittlerduo Juha und Lux. Man kann das Buch sehr gut lesen, ohne den ersten Teil zu kennen.

Es ist ein spannender Fall, den ...

„Bittere Nacht“ ist der zweite Krimi des Autorenduos Kuhl + Sandrock um das Ermittlerduo Juha und Lux. Man kann das Buch sehr gut lesen, ohne den ersten Teil zu kennen.

Es ist ein spannender Fall, den sich die beiden da ausgedacht haben. Zwei Leichen an zwei Tatorten, der Zusammenhang liegt schnell auf der Hand. Was aber wirklich hinter den Morden steckt, wird ganz langsam und in mühsamer Kleinarbeit aufgedeckt. Mir gefällt es ganz ausgezeichnet, dass hier die Kleinteiligkeit der Polizeiarbeit, die vielen Beteiligten, die Sackgassen, der Stillstand und dann die kleinen und großen Durchbrüche gezeigt werden. Und so ermittele ich mit, verfange mich in falsch gelegten Fährten und habe doch im Hintergrund immer so ein Gefühl, wer hier falsch spielt.

Die einzelnen Mordfälle sind ausgeklügelt und sehr unterschiedlich angelegt. Dabei werden die Szenen ebenso wie die Hamburger Gegend äußerst plastisch beschrieben. Ich fühle mich mittendrin in der Handlung und kann mir das Geschehen bildlich vorstellen. Dieses Szenische liegt den Autoren vermutlich durch ihre Arbeit als Drehbuchschreiber im Blut.

Nicht ganz warm werde ich mit dem Ermittlerduo. Irgendwie finde ich ihr Verhältnis sehr eigen. Auch die Art der Dialoge stören mich, ich kann die (für mich) harsche Sprache teilweise nicht nachvollziehen. Man spürt, dass die Geschichte Teil einer Serie ist, denn das Privatleben der Ermittler und somit die Weiterentwicklung der Figuren spielt schon eine zentrale Rolle. Das war mir manchmal ein bisschen zu viel Begleitwerk.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.08.2025

Über das Aufdecken von Mechanismen

Aufsteiger
0

Was für eine gewaltige Geschichte Peter Huth da erzählt. Es geht um Karriere und wie weit man sich für diese verbiegt. Es geht um (zu) viele aktuelle Themen, die täglich durch die Presse geistern: Klimakleber ...

Was für eine gewaltige Geschichte Peter Huth da erzählt. Es geht um Karriere und wie weit man sich für diese verbiegt. Es geht um (zu) viele aktuelle Themen, die täglich durch die Presse geistern: Klimakleber und deren Gegner, Feministen, Populisten, LGBTQIA+,.... Das könnte ein spannender Diskurs sein, verliert sich aber bisweilen in Wiederholungen und Klischees.

Das Buch spielt in der Verlagsbranche. Das "Magazin" soll verjüngt und erneuert werden. Der alte Chefredakteur tritt ab und Felix Licht erhofft, ja erwartet geradezu nächster Chefredakteur zu werden. Stattdessen wird ihm eine Frau vor die Nase gesetzt: ausgerechnet Zoe, die vor vielen Jahren seine Praktikantin, Vertraute und irgendwie auch Geliebte war. Spät im Buch erfährt man, warum sie damals nicht zusammenkamen und was sie dennoch ewig miteinander verbindet. Felix ist verletzt ob der Nichtberücksichtigung als Chef, streitet mit seiner Frau und verlässt die Familie. Wir erleben einen ziel- und haltlosen Mann, der in die Fänge eines Anwalts und Stimmungsmachers gerät und der ihn für seine Zwecke missbraucht. Diesen Teil des Buches finde ich extrem gut geschrieben, denn man spürt wie schnell es gehen kann, vor den falschen Karren gespannt zu werden. Gleichzeitig erlebt Zoe, dass auch sie ausgewählt wurde, weil sie ein Klischee bedienen soll. Wenn ihr Idealismus auf die Realität prallt, ist das ebenfalls sehr lesenswert.

Zu Beginn musste ich mich sehr an den Schreibstil gewöhnen. Viele Schachtelsätze, kein Satz ohne Komma oder Einschübe. Gegen Ende des Buches wurden die Sätze kürzer. Das las sich gefälliger, aber nicht mehr so ausgefeilt wie zu Beginn. Auch die vielen Wendungen zum Ende hin hätte ich nicht gebraucht. Dafür etwas mehr Tiefe in vielleicht etwas weniger Themen. Denn immer wenn in ein Thema stärker eingetaucht wurde, hat es mich gefesselt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.08.2025

Faszinierend und abschreckend zugleich

Gym
0

Verena Keßler taucht tief ein in die menschliche Seele. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Die namenlose Protagonistin fängt im Service eines Fitnessstudios an, in dem die Welt in Ordnung ist: netter Chef, ...

Verena Keßler taucht tief ein in die menschliche Seele. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Die namenlose Protagonistin fängt im Service eines Fitnessstudios an, in dem die Welt in Ordnung ist: netter Chef, gute Arbeitsbedingungen, freundliche Kolleginnen. Und lauter durchtrainierte Menschen, nur sie hat sich etwas gehen lassen in der letzten Zeit. Und so greift sie zur Notlüge, gerade entbunden zu haben. Sie sonnt sich in der Bewunderung der Menschen, die sich fragen, wie sie das alles wuppt: Kind, Vollzeit, Haushalt, Training. Und anstatt diese Lüge aufzulösen, verheddert sie sich immer mehr in ihrer Scheinwelt, definiert Muskelwachstum als einzig zählendes Ziel, koste es, was es wolle. Und es kostet!
Das Buch entwickelt einen unglaublichen Sog. Am Anfang las ich interessiert und fragte mich, wohin das Ganze wohl führt. Dann verfolgte ich den Weg der Unbekannten mit Faszination, las, wie sich ihre Obsession entwickelt. Je tiefer ich in die Figur eintauchte, desto fremder wurde sie mir. Zwischendurch haben die Beschreibungen bei mir direkt ein Ekelgefühl hervorgerufen. Und doch wollte ich verstehen, was diese Frau antreibt.
Geschickt lässt Verena Keßler immer tiefere Einblicke in die Vergangenheit der Protagonistin zu. Dadurch rundet sich das Bild einer vom Erfolg besessenen Frau ab, der die externe Sicht auf sich selbst unfassbar wichtig ist. Die sich immer wieder jemanden sucht, an dem sie sich reiben, spiegeln, messen kann.
Der Schreibstil ist sehr direkt. Am Ende der einzelnen Kapitel blitzt immer mal wieder ein ganz feiner Humor durch. Einzelne Sätze durchbrechen so die zum Teil abstoßende Geschichte.
Ich mochte das Buch, wenngleich ich mir das Ende ein ganz klein wenig weniger offen gewünscht hätte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.06.2025

Spannendes Gedankenexperiment mit kleinen Schwächen

Im Leben nebenan
0

Anne Sauer lässt uns an einem spannenden Gedankenexperiment teilnehmen: Wie könnte das Leben verlaufen, wenn (keine) Kinder hat?
Wir lernen Toni kennen, eine lebenslustige, unabhängige Frau. Die mit ihrem ...

Anne Sauer lässt uns an einem spannenden Gedankenexperiment teilnehmen: Wie könnte das Leben verlaufen, wenn (keine) Kinder hat?
Wir lernen Toni kennen, eine lebenslustige, unabhängige Frau. Die mit ihrem Leben zufrieden scheint: guter Job, gute Beziehung. Wenn sie nicht jeden Monat feststellen müsste, dass ihr Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Was dieses Leben nach dem Zyklus, was eine Kinderwunschbehandlung, was die stetigen Rückschläge mit Toni und ihrem Freund machen, erzählt Anne Sauer in kleinen fragmentarischen Episoden. Man spürt förmlich, wie Toni immer dünnhäutiger wird, wie ihr Leben sich reduziert auf ein Thema, wie sie kämpft um ein glückliches Leben.
Und parallel lernen wir Antonia kennen. Sie wacht eines Tages auf mit einem ihr fremden Baby im Arm, in einem Körper mit Kaiserschnittnarbe, den sie nicht kennt, einem Mann und Freunden, die ihr von früher wohl vertraut sind. Völlig überfordert ist Antonia mit der Situation plötzlich ein Baby versorgen zu müssen. Gleichzeitig quält sie die Frage, wie sie nur in dieses Leben geraten konnte.
Und genau hier liegt für mich die Schwäche des Buchs. Auch wenn die Autorin den Kunstkniff am Ende gekonnt auflöst, stört es mich, dass Antonia nicht nur das plötzliche Muttersein zu verarbeiten hat. Es steht viel mehr die Frage im Raum, wie es zu diesem neuen Leben kommen konnte. Antonia verzweifelt daran, nicht zu wissen, wie es ihrem (Toni-) Freund geht, wo ihr altes Leben hin ist und ob sie je dahin zurückkommt.
Dadurch steht für mich weniger die Frage des Mutterseins im Vordergrund, sondern die Hilflosigkeit darüber, nicht zu wissen, wer man ist. Ich weiß nicht, ob und wie das Buch funktioniert hätte, wenn Anne Sauer die zwei Geschichten ohne dieses plötzliche Eintauchen in ein fremdes Leben erzählt hätte. Dennoch hätte ich mir das gewünscht.
Stilistisch gefällt es mir sehr gut, dass die Kapitel für beide Geschichten jeweils von 1 an durchnummeriert werden. Sie werden auch nicht zwingend abwechselnd erzählt, sondern es gibt durchaus mehrere Kapitel zu einer der Protagonistinnen hintereinander. Das ergibt für mich einen schönen Lesefluss.
„Im Leben nebenan“ regt zum Nachdenken und Reflektieren an. Es taucht schonungslos ins Leben einer Frau auf der Suche nach sich selbst ein.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere