Cover-Bild Bye Bye Lolita
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24,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Verlag Voland & Quist
  • Themenbereich: Belletristik
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 312
  • Ersterscheinung: 09.09.2024
  • ISBN: 9783863914226
Lea Ruckpaul, Voland & Quist

Bye Bye Lolita

Dolores Haze – die Lolita aus Vladimir Nabokovs gleichnamigem Roman – ist vom Mädchen zur Frau geworden. Mit Ende dreißig blickt sie zurück auf ihr beschädigtes Leben und fragt sich, wie sie die geworden ist, die sie heute ist. Lea Ruckpaul erzählt in ihrem Debütroman von einer Überlebenden, die sich freischreibt und die um keinen Preis ein Opfer sein will.

„Bye Bye Lolita“ ist der wütende Abgesang auf ein Klischee, welches das Bild von jungen Frauen bis heute prägt – und auf die Machtverhältnisse, die das ermöglichen.

Ein Roman über das größte Missverständnis der Literaturgeschichte.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.09.2024

Der Klassiker aus anderer Perspektive

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Als ich das erste Mal „Lolita“ von Vladimir Nabokov las, war ich noch sehr jung. Ich war von dem Roman verstört und fasziniert. Ich würde sogar sagen, er hat mein Bild von Männern mitgeprägt und war ein ...

Als ich das erste Mal „Lolita“ von Vladimir Nabokov las, war ich noch sehr jung. Ich war von dem Roman verstört und fasziniert. Ich würde sogar sagen, er hat mein Bild von Männern mitgeprägt und war ein Baustein meiner feministischen Sozialisierung. Mir war immer klar:

“Humbert Humbert verachtet Frauen. Er hält sich für wertvoller.”

Auch in meinen erwachsenen Lesejahren habe ich den Roman noch mehrmals gelesen, mir aber komischerweise nie eine Verfilmung angesehen. Das hätte sich für mich irgendwie nicht richtig angefühlt, sondern wie eine greifbare Manifestation meines Voyeurismus.

Jetzt ist dieser Roman “Bye Bye Lolita” von Lea Ruckpaul erschienen, den ich auf jeden Fall lesen musste! Er erzählt die gleiche Geschichte wie Nabokov, aber nicht aus der Sicht des pädokriminellen Humbert Humbert, sondern er nimmt die Perspektive von Dolores Haze, genannt Lolita, ein.
Und natürlich ist es dann auch nicht mehr die gleiche Geschichte.

In “Bye Bye Lolita” ist Dolores mittlerweile über 40 und blickt zurück auf ihre Kinder- und Jungendzeit, als HH in ihr Leben und das ihrer Mutter trat. Ich bin überrascht, wie genau sich Ruckpaul gerade in den ersten Kapiteln an die Vorlage hält. Es gibt fast identische Szenen, die jetzt aus der Sicht von Dolores erzählt werden. Die von Ruckpaul entworfene Persönlichkeit und ihre Erzählstimme finde ich absolut stimmig und deckt sich komplett mit meinem eigenen Bild, das ich mir von dem lieblos aufgewachsenen und orientierungslosen Mädchen gemacht hatte.
Schwer zu ertragen sind die Schilderungen des schweren Missbrauchs und der Vergewaltigungen, die mit dem Road Trip nach dem Tod von Dolores Mutter beginnen. Ruckpaul lässt Dolores ungeschönt, mit harten Worten und schonungslos darüber sprechen und zeigt so ihre Wahrheit hinter HHs euphemistischen Beschreibungen.

Manchmal wirkt es fast so, als versucht sich Dolores in dieser Rückschau zu rechtfertigen oder die Kritik vorwegzunehmen, warum sie nicht weggelaufen ist oder sich Hilfe geholt hat. Vielleicht will sie dem patriarchalen Mythos zuvorkommen, dass zu geringer (körperlicher) Widerstand mit Einvernehmlichkeit gleichzusetzen ist?

Richtig interessant und gut gelungen finde ich die Romanteile, die sich an die Handlung aus „Lolita“ anschließen. Ruckpaul findet für die Tatsache, dass Lolita nach HHs Bericht in Nabokovs Roman eigentlich jung gestorben ist, eine clevere und glaubhafte Lösung, die nahtlos die beiden Handlungsteile miteinander verknüpft.

Wie erging es der jungen Dolores, nachdem sie der Missbrauchssituation entkommen ist? Wie lebt sie heute? Wie sehr hat die Zeit mit HH sie geprägt?
Ruckpaul denkt den Lebenslauf von Dolores weiter und ich folge ihr fasziniert.

Ich will dir hier nicht zu viel verraten, denn in diesen Teilen ihres Romans hat sich Ruckpaul (logischerweise) komplett von der Nabokovs Vorlage freigemacht und gibt Dolores eine komplett eigene Stimme, die sie im Laufe der Zeit entwickelt und mit der sie versucht sich von ihrer Vergangenheit und von HH zu emanzipieren.

Auch das Bild von Charlotte Haze von der klammernden, oberflächlichen Männerjägerin, das HHs male gaze gezeichnet hatte, wird durch Dolores späte Auseinandersetzung mit ihrer Mutter zurecht gerückt.

Mich konnte „Bye Bye Lolita“ sehr begeistern, und das liegt nicht nur am hohen Unterhaltungsfaktor des Romans, sondern am feministischen Grundtenor, der vor allem in der zweiten Hälfte den Blick von Lolita auf den strukturellen Sexismus und die Misogynie richtet, die uns alle betrifft.

“Es geht nicht um die Gewalt eines Mannes gegen ein Mädchen. Es geht um die Gewalt von Männern gegen Generationen von Frauen.
Von Männern, denen selbst Gewalt angetan wurde. Die um all die Empathie gebracht wurden, die sie hätten empfinden können.”

Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 17.06.2025

Wütend

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CN: sexueller Missbrauch, Grooming, Traumata

Der Roman „Bye Bye Lolita“ von Lea Ruckpaul erzählt Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ aus weiblicher Perspektive - nämlich aus der von „Lolita“ selbst. Dabei ...

CN: sexueller Missbrauch, Grooming, Traumata

Der Roman „Bye Bye Lolita“ von Lea Ruckpaul erzählt Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ aus weiblicher Perspektive - nämlich aus der von „Lolita“ selbst. Dabei gibt es Lolita so gar nicht: Eigentlich heißt sie Dolores Haze.

Sie ist nun 40 und denkt an ihr bisheriges Leben zurück. Und: Sie rechnet ab. Dolores erzählt, wie sie als junges Mädchen durch den Missbrauch von Humbert zum Opfer gemacht wurde - ein Opfer, dass sie selbst nicht sein will. Ihre eigene Mutter ist froh verstorben, sie ist mit ihrem 37-jährigen Stiefvater zurückgeblieben. Sie ist 12 Jahre alt und wird missbraucht.

„Es gibt eine Sache, die ich nicht sein will: das Opfer eines hässlichen alten Mannes in einem Pyjama.“ (S.102)

Im Original wird der Missbrauch so beschrieben, als hätte Dolores Humbert verführt - er hat die Schuld abgewiesen. Doch nun gibt es einen Turn: Humbert wird als Täter benannt und bekommt die Verantwortung für SEIN Handeln. Dolores ist wütend und geprägt von all der Gewalt, die sie erfahren musste.

Das Buch ist schmerzhaft und ehrlich. Es gab einige Stellen, die mich sehr mitgenommen haben. Ich bin froh, dass das Original (endlich!) so kritisch betrachtet wird - auch wenn ich es selbst nicht gelesen habe. Teilweise erinnere ich mich noch an den Film, „Bye Bye Lolita“ kann aber auch ohne Vorahnung gut gelesen werden. Manchmal war mir trotzdem der Ablauf etwas wirr, vielleicht hätte mir ein grobes Einlesen in den Inhalt des Originals geholfen.

Lea Ruckpaul hat mit ihrem Buch gezeigt, dass der Scham die Seite wechseln muss. Danke!

Insgesamt: 4 von 5 ⭐️


Veröffentlicht am 23.06.2025

Interessanter Täter-Opfer-Perspektivwechsel, der leider nicht ganz überzeugt

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„Meine letzte Begegnung mit Humbert Humbert liegt einundzwanzig Jahre zurück. Jahre, in denen ich versucht habe, Dolores zu sein. Aber ich kann Lolita nicht abschütteln. Andere Menschen haben eine chronische ...

„Meine letzte Begegnung mit Humbert Humbert liegt einundzwanzig Jahre zurück. Jahre, in denen ich versucht habe, Dolores zu sein. Aber ich kann Lolita nicht abschütteln. Andere Menschen haben eine chronische Krankheit, mit der sie sich ein Leben lang abmühen, ich habe Humbert Humbert. Zu den Symptomen zählen Erbrechen, Depressionen, Taubheitsgefühle, Vergesslichkeit, Veränderung der Persönlichkeit.“

„Leben heißt beschädigt werden. Ich bin eine Invalidin, aber ich habe es doch immer geschafft, all meine Körperteile zusammenzuhalten; zumindest nach außen hin."

Von Vladimir Nabokovs sogenanntem „Meisterwerk“ (darüber darf man sehr gerne unterschiedlicher Meinung sein!) „Lolita“ haben die meisten zumindest schonmal etwas gehört oder es gar gelesen.
Ich fand die Idee von Lea Ruckpaul zugleich gewagt wie auch sehr spannend, hier einen Perspektivwechsel vorzunehmen und die Geschichte aus Sicht des überlebenden Opfers weiter zu schreiben.

"Ich mag nicht länger schweigen, weil dann immer nur die eine Wahrheit in der Welt ist. Die Wahrheit derer, die sich sicher sind, dass sie recht haben. Ich kann keine schlüssigen Erklärungen, keine stimmige Geschichte liefern. Ich bin in meiner Erinnerung unterwegs. Unfähig zu Ordnung und Report. Inkompetent. Ich schäme mich. Es mag daran liegen, dass ich ein Kind war, als wir uns begegneten, und er erwachsen. Es mag daran liegen, dass ich tief verletzt bin, dass ich verrückt geworden bin darüber und dass man Verrückten nicht glaubt. Oder daran, dass man jene für verrückt erklärt, den man nicht glauben will."

Lea Ruckpaul lässt in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ die inzwischen erwachsene, 38jährige Dolores „Lolita“ Haze auf ihre Kindheit zurückblicken. Anhand der Notizbücher von Humbert Humbert nähert sie sich rückwärts ihrer Vergangenheit, tastend, zögerlich, ängstlich und mit dem Ziel herauszufinden, wer sie hätte sein können bzw. wie sie die geworden ist, die sie heute ist.

Den Beginn des Romans fand ich ziemlich stark, wenn auch heftig. Ungeschönt und mit sehr direkten Worten schreibt die Autorin von der missbräuchlichen Beziehung zwischen dem pädophilen Stiefvater und der damals zwölfjährigen Lolita.

"Ich schämte mich. Damals erfuhr ich zum ersten Mal: es sind die Blicke der anderen, die uns zu dem machen, was wir sind. Sie geben uns Form, sie verwandeln uns in eine Elfe oder in ein haariges Monster, und einmal verwandelt, gibt es kein Entkommen."

"Ich versuchte vergebens, mich zu befreien. Ich würde gern wissen, wie es sich anfühlt, körperlich überlegen zu sein. Was für ein Mensch ist man, wenn man in die körperliche Überlegenheit hineingeboren wird, wenn man stärker ist als mindestens fünfzig Prozent seiner Mitmenschen? Wenn man weiß, zur Not schlägt man zu, wirft sich darauf, nimmt sich was man sich wünscht.“

In der zweiten Hälfte fand ich den Roman dann leider nicht mehr ganz so stark.
Die Intention, dem Opfer eine Stimme zu geben, konnte leider nicht so umgesetzt werden, wie ich es mir gewünscht hätte. Nach meinem Empfinden ist das Einfühlungsvermögen der Autorin in die Seele eines Missbrauchsopfers nicht überzeugend. Ja, das Missbrauchsopfer erfüllt alle gängigen Klischees; für mich fühlte es sich aber nicht echt an, nicht authentisch.

"Es gibt nur zwei Möglichkeiten, den Blicken der anderen nicht ausgeliefert zu sein. Erstens: verschwinden, sich entziehen. Und zweitens: erfüllen. Die Vorurteile der anderen in vollem Umfang erfüllen. Es ist nötig, seine Rolle gut zu spielen, so wie ein Kind spielt: Mit Ernsthaftigkeit und Lust, aber ohne jemals zu vergessen, dass es spielt."

Die Sprache der Autorin ist modern im Sinne von heftig bis (zu) derb und direkt, was ich anfangs noch okay und passend fand, am Ende fand ich auch das nicht mehr wirklich gut.

Die Idee des Perspektivwechsels ist ja nicht völlig neu und wie gesagt sehr interessant, aber z.B. bei „James“ von Percival Everett (hier kommt der Sklave aus „Huckleberry Finn“ zu Wort und erzählt aus seiner Perspektive) deutlich besser gelungen.

Mein Fazit: Ein interessantes Leseerlebnis, aber leider nicht das Highlight, das ich mir erhofft hatte.

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