Hochspannende Gesellschaftsstudie zum Thema soziale Ungleichheit im modernen Israel
Löwen wecken"Löwen wecken", das 2014 erstmals erschienene Buch von Ayelet Gundar-Goshen, war in Israel ein Bestseller. Auch heute, im Jahr 2025, beschreibt es Themen und stellt Fragen, die sehr aktuell sind: nicht ...
"Löwen wecken", das 2014 erstmals erschienene Buch von Ayelet Gundar-Goshen, war in Israel ein Bestseller. Auch heute, im Jahr 2025, beschreibt es Themen und stellt Fragen, die sehr aktuell sind: nicht nur in Israel, sondern in vielen Ländern:
Was macht unsere soziale Position in der Gesellschaft mit uns?
Wie zeigt sie sich in dem, wie wir gehen, stehen, andere anblicken oder nicht?
Wie blicken wir auf andere Menschen, wen sehen wir, wen nicht?
Wer kann sich was erlauben und wer nicht?
Wer kommt womit durch?
Und welchen Wert hat ein Menschenleben?
Etan Grien hat als Neurochirurg und weißer Angehöriger der Mehrheitskultur eine der angesehensten Positionen in der israelischen Gesellschaft erreicht. Verheiratet ist er mit der wunderschönen Liat, einer Polizeibeamtin in höherer Position, und wohnt mit ihr und den beiden gemeinsamen Söhnen in einem hübschen Haus mit Garten, fährt ein schnelles und bequemes Auto. Eine kleine Degradierung musste er vor kurzem hinnehmen, als er nach seinem Versuch, die Korruption seines ehemals verehrten Professors und Mentors aufzudecken, dessen Klinik in Tel Aviv verlassen und mit einer Stelle im staubigen Beer Sheva vorlieb nehmen musste. Aber es ist immer noch ein sehr gutes Leben mit einem spannenden, selbst gewählten und gut bezahlten Beruf, seiner Familie und vielen Annehmlichkeiten.
All die Jahrzehnte, die Etan Grien schon in Israel lebt, erwachsen wurde, studiert hat und schließlich Arzt wurde, wusste er natürlich irgendwo im Hinterkopf, dass es auch weniger privilegierte Menschen in diesem Land gibt, auch solche ganz am Rande der Gesellschaft. Doch hatte er mit diesen kaum etwas zu tun und sie kümmerten ihn nicht. Sichtbare Zeichen von Elend und starker körperlicher Arbeit, Schweiß und der damit einhergehende Geruch sind etwas, was ihn sogar abstößt. Damit hat er in seiner sterilen Krankenhauswelt nichts zu tun, und er ist bewusst Neurochirurg geworden, denn sediert sind ihm die Patienten am angenehmsten.
In dieses sehr etablierte und privilegierte Leben bricht nun für Etan die Katastrophe herein: in einem unbedachten Moment, mitten in der Nacht, als er in einer verlassen wirkenden Gegend die Geschwindigkeit seines tollen Autos testen möchte, überfährt er einen Menschen. Wie er nach kurzem Aussteigen schnell feststellt, handelt es sich bei diesem um einen Schwarzen, vermutlich um einen der vielen im Land illegal lebenden Eritreer. Und dieser lebt zwar noch, ist aber nach ärztlicher Einschätzung Etans nicht mehr zu retten. Gesehen hat den Unfall keiner, meint er. So trifft er blitzschnell die Entscheidung: wenn der andere eh nicht mehr zu retten ist, also sowieso sterben wird, dann hat nur noch er selbst, Etan, etwas zu verlieren, aber das könnte sehr viel sein: seine Karriere, sein Ruf, seine Beziehung, seine Familie. Warum also etwas verlieren, wenn niemand etwas davon hat?
Er entscheidet sich für die Fahrerflucht... nicht wissend, dass er am Unfallort seine Geldbörse verloren hat und ihn Sirkit, die Ehefrau des Verstorbenen, die den Unfall beobachtet hat, demnächst in seiner wohlhabenden Villa aufsuchen wird - kurz, bevor seine Frau und seine Kinder nach Hause kommen - und ihn unter Druck setzen wird, in Zukunft fast alle seiner Abende und Nächte gratis für Menschen aus Eritrea, die nach Israel geflüchtet sind, als Arzt tätig zu sein. Denn diese sind zahlreich, ebenso wie ihre medizinischen Themen, und die offizielle Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe oder gar das Aufsuchen einer Klinik sind für sie nicht möglich, ohne befürchten zu müssen, ausgewiesen zu werden.
So weit zur sehr spannenden Rahmenhandlung. Durch das Buch begleitet uns eine tiefgreifende Charakterstudie sowohl Etans als auch Sirkits, und, ein bisschen, Liats, der Frau Etans.
Die interessanteste Person in diesem Buch war für mich definitiv Sirkit. Eine geflüchtete Frau aus Eritrea, die selbst schon viel Schlimmes erlebt hat und mindestens drei Kinder begraben musste, Gewalt ausgesetzt war und vielem mehr. Die sich unter anderen Eritreern bewegt, die gelernt haben, sich zu unterwerfen, zu Boden zu blicken, demütig zu sein und zu hoffen, dass ihnen niemand Höhergestelltes etwas antut. Die sich weigert, sich dem anzuschließen, die kein Opfer sein und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen möchte - in einer brutalen Welt, in der sie erlebt hat, dass niemand ihr aus uneigennützigen Motiven hilft:
"Etan wusste nicht, dass ein Blick Freiheit bedeutete. Aber Sirkit wusste es. Und jedes Mal, wenn sie ihn aus dem Jeep steigen und unterwegs zur Werkstatt die Patienten überblicken sah, fieberte etwas in ihr ihm entgegen. Sein lässiger, sorgloser Gang, der gleichgültige Blick. Unter all den Eriteern, die vor dem Eingang der Werkstatt standen, sah sie als Einzige dem Arzt in die Augen. Wagte jemand anders, den Blick zu heben, gesellte sich gleich ein unterwürfiges Lächeln dazu: Ich bin da - tu mit mir, was du willst. Und nur ihre Augen verkündeten immer aufs Neue: Ich bin da - tu, was ich will." (S. 161)
Es gelingt Sirkit, den Arzt nach seiner Fahrerflucht so unter Druck zu setzen, dass er im Gegenzug für ihr Schweigen tatsächlich eine regelrechte versteckte Klinik für die Geflüchteten aufbaut. Dazu trägt viel Sirkits selbstbewusste Haltung bei: sie unterwirft sich nicht, nein, sie blickt dem Arzt in die Augen, spricht mit fester Stimme und erteilt ihm Befehle. Da gehört viel dazu, wenn man ganz anders sozialisiert wurde.
Welche Auswirkungen hat es auf das Berufs- und Familienleben des Arztes, dass er nun so viel Zeit in der geheimen Flüchtlingsklinik tätig ist, Medikamente dafür aus dem Krankenhaus entwendet und seiner Frau gegenüber Ausflüchte empfindet?
Und was ist mit seinem Gewissen? Spielt das auch eine Rolle dabei oder geht es rein um die Erpressung durch Sirkit, und die Angst vor einem Auffliegen, vor dem Gesichtsverlust vor seiner Frau, gesellschaftlicher Ächtung und einer Strafe?
Diese und viele weitere Fragen behandelt dieser spannende Roman. Wir erleben das Buch abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven: die Etans, die Sirkits, die Liats und auch die von ein paar Nebenfiguren.
Es ist ein hartes Buch, sowohl von der Schreibweise als auch von den Themen her. Es ist auch sehr dicht erzählt, mit vielen Perspektivwechseln, was manchmal Konzentration beim Lesen und ein bewusstes Sich-Darauf-Einlassen erfordert.
Ich habe doch einige dutzend Seiten gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden und mich einzulesen, doch ab diesem Zeitpunkt hat es mich sehr fasziniert. Entsprechend dem Thema des Buches kommt auch einiges an Gewalt, Verletzungen und mir als Leserin nahegehenden Todesfällen vor. Damit ist es also nicht unbedingt klassische Entspannungs- oder Urlaubslektüre, sondern ein Buch, das die Bereitschaft braucht, sich auch auf sehr schwierige und unangenehme Themen einzulassen.
Soziologisch zeigt es an vielen Stellen die Ungerechtigkeit auf, die gesellschaftliche Unterschiede mit sich bringen und wie die Unterprivilegierten darunter leiden, während die Reichen, Mächtigen und Erfolgreichen mit vielem davon kommen. Psychologisch hat mir sehr gut gefallen, wie es das Unvermögen vieler Menschen - ganz besonders der Privilegierten - zeigt, sich wirklich in die Position benachteiligter Menschen einzufühlen. Und wie die unterschiedliche gesellschaftliche Position sich auch im Habitus der Menschen zeigt, aber es durchaus möglich sein kann, bewusst daraus auszubrechen, wie Sirkit es zeigt.
Die Charaktere sind allesamt vielschichtig und glaubhaft gezeichnet, niemand ist so wirklich ein Engel, niemand nur ein Teufel, und vieles erklärt sich durch die Umstände. Es ist insgesamt ein Buch, das sehr nachdenklich macht über die gesellschaftlichen Unterschiede in modernen Gesellschaften, über das, was wir sehen und das, was wir nicht sehen, über unsere eigene Position darin und über das, was sie möglich macht und das, was sie verunmöglicht oder wo sie unsere Sicht trübt. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich auf dieses Buch einzulassen.