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Veröffentlicht am 07.07.2025

Hochspannende Gesellschaftsstudie zum Thema soziale Ungleichheit im modernen Israel

Löwen wecken
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"Löwen wecken", das 2014 erstmals erschienene Buch von Ayelet Gundar-Goshen, war in Israel ein Bestseller. Auch heute, im Jahr 2025, beschreibt es Themen und stellt Fragen, die sehr aktuell sind: nicht ...

"Löwen wecken", das 2014 erstmals erschienene Buch von Ayelet Gundar-Goshen, war in Israel ein Bestseller. Auch heute, im Jahr 2025, beschreibt es Themen und stellt Fragen, die sehr aktuell sind: nicht nur in Israel, sondern in vielen Ländern:

Was macht unsere soziale Position in der Gesellschaft mit uns?
Wie zeigt sie sich in dem, wie wir gehen, stehen, andere anblicken oder nicht?
Wie blicken wir auf andere Menschen, wen sehen wir, wen nicht?
Wer kann sich was erlauben und wer nicht?
Wer kommt womit durch?
Und welchen Wert hat ein Menschenleben?

Etan Grien hat als Neurochirurg und weißer Angehöriger der Mehrheitskultur eine der angesehensten Positionen in der israelischen Gesellschaft erreicht. Verheiratet ist er mit der wunderschönen Liat, einer Polizeibeamtin in höherer Position, und wohnt mit ihr und den beiden gemeinsamen Söhnen in einem hübschen Haus mit Garten, fährt ein schnelles und bequemes Auto. Eine kleine Degradierung musste er vor kurzem hinnehmen, als er nach seinem Versuch, die Korruption seines ehemals verehrten Professors und Mentors aufzudecken, dessen Klinik in Tel Aviv verlassen und mit einer Stelle im staubigen Beer Sheva vorlieb nehmen musste. Aber es ist immer noch ein sehr gutes Leben mit einem spannenden, selbst gewählten und gut bezahlten Beruf, seiner Familie und vielen Annehmlichkeiten.

All die Jahrzehnte, die Etan Grien schon in Israel lebt, erwachsen wurde, studiert hat und schließlich Arzt wurde, wusste er natürlich irgendwo im Hinterkopf, dass es auch weniger privilegierte Menschen in diesem Land gibt, auch solche ganz am Rande der Gesellschaft. Doch hatte er mit diesen kaum etwas zu tun und sie kümmerten ihn nicht. Sichtbare Zeichen von Elend und starker körperlicher Arbeit, Schweiß und der damit einhergehende Geruch sind etwas, was ihn sogar abstößt. Damit hat er in seiner sterilen Krankenhauswelt nichts zu tun, und er ist bewusst Neurochirurg geworden, denn sediert sind ihm die Patienten am angenehmsten.

In dieses sehr etablierte und privilegierte Leben bricht nun für Etan die Katastrophe herein: in einem unbedachten Moment, mitten in der Nacht, als er in einer verlassen wirkenden Gegend die Geschwindigkeit seines tollen Autos testen möchte, überfährt er einen Menschen. Wie er nach kurzem Aussteigen schnell feststellt, handelt es sich bei diesem um einen Schwarzen, vermutlich um einen der vielen im Land illegal lebenden Eritreer. Und dieser lebt zwar noch, ist aber nach ärztlicher Einschätzung Etans nicht mehr zu retten. Gesehen hat den Unfall keiner, meint er. So trifft er blitzschnell die Entscheidung: wenn der andere eh nicht mehr zu retten ist, also sowieso sterben wird, dann hat nur noch er selbst, Etan, etwas zu verlieren, aber das könnte sehr viel sein: seine Karriere, sein Ruf, seine Beziehung, seine Familie. Warum also etwas verlieren, wenn niemand etwas davon hat?

Er entscheidet sich für die Fahrerflucht... nicht wissend, dass er am Unfallort seine Geldbörse verloren hat und ihn Sirkit, die Ehefrau des Verstorbenen, die den Unfall beobachtet hat, demnächst in seiner wohlhabenden Villa aufsuchen wird - kurz, bevor seine Frau und seine Kinder nach Hause kommen - und ihn unter Druck setzen wird, in Zukunft fast alle seiner Abende und Nächte gratis für Menschen aus Eritrea, die nach Israel geflüchtet sind, als Arzt tätig zu sein. Denn diese sind zahlreich, ebenso wie ihre medizinischen Themen, und die offizielle Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe oder gar das Aufsuchen einer Klinik sind für sie nicht möglich, ohne befürchten zu müssen, ausgewiesen zu werden.

So weit zur sehr spannenden Rahmenhandlung. Durch das Buch begleitet uns eine tiefgreifende Charakterstudie sowohl Etans als auch Sirkits, und, ein bisschen, Liats, der Frau Etans.

Die interessanteste Person in diesem Buch war für mich definitiv Sirkit. Eine geflüchtete Frau aus Eritrea, die selbst schon viel Schlimmes erlebt hat und mindestens drei Kinder begraben musste, Gewalt ausgesetzt war und vielem mehr. Die sich unter anderen Eritreern bewegt, die gelernt haben, sich zu unterwerfen, zu Boden zu blicken, demütig zu sein und zu hoffen, dass ihnen niemand Höhergestelltes etwas antut. Die sich weigert, sich dem anzuschließen, die kein Opfer sein und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen möchte - in einer brutalen Welt, in der sie erlebt hat, dass niemand ihr aus uneigennützigen Motiven hilft:

"Etan wusste nicht, dass ein Blick Freiheit bedeutete. Aber Sirkit wusste es. Und jedes Mal, wenn sie ihn aus dem Jeep steigen und unterwegs zur Werkstatt die Patienten überblicken sah, fieberte etwas in ihr ihm entgegen. Sein lässiger, sorgloser Gang, der gleichgültige Blick. Unter all den Eriteern, die vor dem Eingang der Werkstatt standen, sah sie als Einzige dem Arzt in die Augen. Wagte jemand anders, den Blick zu heben, gesellte sich gleich ein unterwürfiges Lächeln dazu: Ich bin da - tu mit mir, was du willst. Und nur ihre Augen verkündeten immer aufs Neue: Ich bin da - tu, was ich will." (S. 161)

Es gelingt Sirkit, den Arzt nach seiner Fahrerflucht so unter Druck zu setzen, dass er im Gegenzug für ihr Schweigen tatsächlich eine regelrechte versteckte Klinik für die Geflüchteten aufbaut. Dazu trägt viel Sirkits selbstbewusste Haltung bei: sie unterwirft sich nicht, nein, sie blickt dem Arzt in die Augen, spricht mit fester Stimme und erteilt ihm Befehle. Da gehört viel dazu, wenn man ganz anders sozialisiert wurde.

Welche Auswirkungen hat es auf das Berufs- und Familienleben des Arztes, dass er nun so viel Zeit in der geheimen Flüchtlingsklinik tätig ist, Medikamente dafür aus dem Krankenhaus entwendet und seiner Frau gegenüber Ausflüchte empfindet?
Und was ist mit seinem Gewissen? Spielt das auch eine Rolle dabei oder geht es rein um die Erpressung durch Sirkit, und die Angst vor einem Auffliegen, vor dem Gesichtsverlust vor seiner Frau, gesellschaftlicher Ächtung und einer Strafe?

Diese und viele weitere Fragen behandelt dieser spannende Roman. Wir erleben das Buch abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven: die Etans, die Sirkits, die Liats und auch die von ein paar Nebenfiguren.

Es ist ein hartes Buch, sowohl von der Schreibweise als auch von den Themen her. Es ist auch sehr dicht erzählt, mit vielen Perspektivwechseln, was manchmal Konzentration beim Lesen und ein bewusstes Sich-Darauf-Einlassen erfordert.

Ich habe doch einige dutzend Seiten gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden und mich einzulesen, doch ab diesem Zeitpunkt hat es mich sehr fasziniert. Entsprechend dem Thema des Buches kommt auch einiges an Gewalt, Verletzungen und mir als Leserin nahegehenden Todesfällen vor. Damit ist es also nicht unbedingt klassische Entspannungs- oder Urlaubslektüre, sondern ein Buch, das die Bereitschaft braucht, sich auch auf sehr schwierige und unangenehme Themen einzulassen.

Soziologisch zeigt es an vielen Stellen die Ungerechtigkeit auf, die gesellschaftliche Unterschiede mit sich bringen und wie die Unterprivilegierten darunter leiden, während die Reichen, Mächtigen und Erfolgreichen mit vielem davon kommen. Psychologisch hat mir sehr gut gefallen, wie es das Unvermögen vieler Menschen - ganz besonders der Privilegierten - zeigt, sich wirklich in die Position benachteiligter Menschen einzufühlen. Und wie die unterschiedliche gesellschaftliche Position sich auch im Habitus der Menschen zeigt, aber es durchaus möglich sein kann, bewusst daraus auszubrechen, wie Sirkit es zeigt.

Die Charaktere sind allesamt vielschichtig und glaubhaft gezeichnet, niemand ist so wirklich ein Engel, niemand nur ein Teufel, und vieles erklärt sich durch die Umstände. Es ist insgesamt ein Buch, das sehr nachdenklich macht über die gesellschaftlichen Unterschiede in modernen Gesellschaften, über das, was wir sehen und das, was wir nicht sehen, über unsere eigene Position darin und über das, was sie möglich macht und das, was sie verunmöglicht oder wo sie unsere Sicht trübt. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich auf dieses Buch einzulassen.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Interessantes Buch zum Thema Wechseljahre mit Schwerpunkt Hormontherapie

Die neue Menopause
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In ihrem Sachbuch "Die neue Menopause", hat sich die US-amerikanische Gynäkologin Mary Claire Haver das Ziel gesetzt, Frauen über die Menopause, die damit möglicherweise verbundenen Symptome und empfohlene ...

In ihrem Sachbuch "Die neue Menopause", hat sich die US-amerikanische Gynäkologin Mary Claire Haver das Ziel gesetzt, Frauen über die Menopause, die damit möglicherweise verbundenen Symptome und empfohlene Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären.

Sie hatte schon lange Jahre als Gynäkologin gearbeitet, bis sie durch eigene Erfahrung mit ihrer Menopause für das Thema sensibilisiert wurde und erkannte, dass es in diesem Bereich wenig Aus- und Fortbildung für Medizinerinnen und Mediziner gab und viele Frauen mit ihren Symptomen nicht ernst genommen, diese zu Unrecht allein psychischen Ursachen zugeschrieben wurden und die Frauen keine adäquate Behandlung erfuhren. Nachdem die Medizinerin das Thema auch auf Social Media thematisiert hatte, bekam sie unzählige Zuschriften und Kommentare von Frauen, die ähnliches erlebt hatten.

In dem sehr gut verständlichen und klar strukturierten Sachbuch geht die Autorin auf alle relevanten Bereiche rund um die Wechseljahre ein. Zuerst geht es um eine Definition von Perimenopause, Menopause und Postmenopause. Auch die damit verbundenen hormonellen Umstellungen werden erklärt.

Dann ist ein sehr ausführliches Kapitel der Geschichte der Hormonbehandlung rund um die Menopause gewidmet, die nach Meinung der Autorin zu Unrecht in Verruf geraten ist.

Sehr gut gefällt mir, wie die Autorin genau die möglichen Vorteile, aber auch Nebenwirkungen dieser Behandlung aufschlüsselt, darauf eingeht, wann das beste Altersfenster ist, um damit zu beginnen und auch, welche Frauen individuell besonders davon profitieren oder auch mit erhöhten Nebenwirkungen rechnen könnten.

Schließlich gibt es ein langes Register möglicher wechseljahresbezogener Beschwerden (gegliedert nach hormonellen und sonstigen Gemeinsamkeiten), genauere Erklärungen dazu und Möglichkeiten der Behandlung. Im Zentrum steht dabei immer die Hormontherapie, deren Befürworterin die Autorin ist. Am Rande finden sich auch noch alternative Interventionen, etwa im Bereich Ernährung, Bewegung und Entspannung.

Insgesamt ist es ein sehr interessantes Buch über die Wechseljahre, durch dessen Lektüre ich viel gelernt habe. Besonders interessant habe ich gefunden, wie ganz verschiedene Symptome mit den hormonellen Veränderungen während dieser Zeit zusammen hängen können: deutlich mehr, als die allgemein bekannten Hitzewallungen. Es ist ein wichtiges Buch, das für ein bedeutendes Thema sensibilisiert, das immer noch viel zu wenig diskutiert wird. Möge es dazu beitragen, dass mehr Frauen mit Wechseljahresbeschwerden adäquate Behandlung erhalten.

Empfehlen kann ich das Buch allen am Thema Interessierten, die der Möglichkeit einer Hormonbehandlung zumindest offen gegenüberstehen. Wer hingegen, aus welchen Gründen auch immer, dieses Thema komplett ablehnt und sich für alternative Wege interessiert, ist mit anderen Werken besser beraten.

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Veröffentlicht am 01.07.2025

Macht neugierig auf die japanische Kultur und Weisheit

Kokoro
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Die studierte Japanologin Beth Kempton ist Mitte 40 und in einer Lebenskrise. Kurz nacheinander hat sie sowohl ihre beste Freundin, die gerade mal Anfang 40 war, als auch ihre geliebte Mutter an den Krebs ...

Die studierte Japanologin Beth Kempton ist Mitte 40 und in einer Lebenskrise. Kurz nacheinander hat sie sowohl ihre beste Freundin, die gerade mal Anfang 40 war, als auch ihre geliebte Mutter an den Krebs verloren. Nun steht sie da, verheiratet, mit zwei kleinen Töchtern, mehreren veröffentlichen Büchern und insgesamt gut im Leben stehend... und sieht sich vor die existenziellen Fragen des Lebens gestellt: wofür sind wir hier? Wie viel Zeit haben wir hier überhaupt? Und was passiert danach?

Da erinnert sich Beth daran, was ihr schon seit vielen Jahrzehnten Kraft gibt: die uralte Weisheit von Japans Kultur, Religionen und Mystik. Davon hat sie sich schon als Teenager angezogen gefühlt und damals als Auslandsschülerin erste Japan-Erfahrung gesammelt, danach Japanologie studiert, das Land bereist und dort gearbeitet. Nun ist es Zeit für ein weiteres Eintauchen in die japanische Kultur. Zuerst möchte die Autorin das gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Töchtern während der Sommerferien machen, doch zeigt sich schnell, dass die Interessensschwerpunkte der Kinder ganz woanders liegen als in dem, was sie selbst näher erforschen möchte. Mann und Töchter fliegen vorzeitig heim und die Autorin nimmt sich mehrere Wochen eine Auszeit, um sich auf ein neues Buch vorzubereiten und einige der Mysterien Japans näher zu erforschen. Viel von dem, was sie in diesem Buch mit uns teilt, stammt aus dieser Zeit, und außerdem aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit der japanischen Kultur.

Das Buch ist, analog zu den entsprechenden drei heiligen Bergen Japans "Hagurosan", "Gassan" und "Yudonosan" in drei Abschnitte geteilt, die wiederum aus mehreren thematischen Unterkapiteln bestehen. Hagurosan ist der Berg der Gegenwart, der Schwarzflügel-Berg: hier geht es um Themen wie Achtsamkeit und Still-Werden. Gassan ist der Berg der Vergangenheit und des Todes, hier geht es um Sterblichkeit, Fallen, Befreiung und Altern. Mutig lässt sich die Autorin auf eine Selbsterfahrung dazu ein und besteigt in einer geführten Wanderung gemeinsam mit Japanern und Japanerinnen den nebelumzogenen, mystischen Berg. Yudonosan schließlich ist der Berg der Wiedergeburt und der Zukunft. In dem dazugehörigen Abschnitt geht es um ein gutes Leben in der Zukunft, mit einem vollen Herzen, den richtigen Absichten und guter Selbstfürsorge, z.B. genussvolle, gesunde Ernährung. Auf jedes Unterkapitel folgen Übungen und Fragen zur persönlichen Reflexion und Auseinandersetzung mit den besprochenen Themen.

Die hier genannten Themen sind keine neuen, und wer sich schon öfters mit Persönlichkeitsentwicklung auseinandergesetzt hat, der kennt sie. Doch dieses Buch bringt einen interessanten neuen Twist hinein: es ist voll von aus der japanischen Kultur geprägten Einsichten, die richtig neugierig auf diese Kultur machen. Bei mir hat das geklappt: am liebsten würde ich sofort die vielseitige japanische Sprache lernen, die so reich an Metaphern und Philosophie zu sein scheint, und eine Reise nach Japan buchen. Ich kann das Buch allen, die sich für eine persönliche Lebenserfahrung eingebettet in japanische Weisheit und Philosophie interessieren, sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 27.06.2025

Bis heute sehr interessante ökonomische Ansätze

The Innovator's Dilemma
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"The Innovator's Dilemma", das Buch des mittlerweile verstorbenen Harvard-Professors Clayton M. Christensen ist ein Klassiker der Ökonomie. Es soll eines der wenigen Bücher in Steve Jobs' Bücherregal gewesen ...

"The Innovator's Dilemma", das Buch des mittlerweile verstorbenen Harvard-Professors Clayton M. Christensen ist ein Klassiker der Ökonomie. Es soll eines der wenigen Bücher in Steve Jobs' Bücherregal gewesen zu sein. Mich, die ich selbst unter anderem Sozioökonomie studiert habe, hat das sehr neugierig auf dieses spannende Buch gemacht. Schon der deutsche Titel stellt eine interessante Frage zu einem Thema, das aufmerksamen Beobachtern der Weltwirtschaft wohl schon öfter aufgefallen ist: warum tun sich etablierte Unternehmen so schwer damit, mitzuhalten, wenn es um technologischen Wandel geht? So wie wir das zum Beispiel momentan im Bereich Künstliche Intelligenz erleben, aber auch in der Krise der europäischen Automobilindustrie.

Auf diese aktuellen Fragen gibt dieses ursprünglich mehr als 20 Jahre alte Buch sehr interessante, fundierte und gut argumentierte Antworten, die auf einer soliden Forschungsbasis basieren und mit vielen Praxisbeispielen untermauert sind. Die Praxisbeispiele sind naturgemäß schon etwas älter und stammen überwiegend aus den 1980er und 1990er bis beginnenden 00er-Jahren: beispielsweise geht es um Themen wie den Übergang zu Digitalkameras, der vom traditionellen Fotounternehmen Leica lange nicht wahrgenommen wurde, während sich neue, innovative Unternehmen in diesem Bereich etablieren konnten. Weitere Beispiele stammen aus dem Software- und Speicherkartenbereich oder - ein etwas neueres - aus dem Musikbereich, der bekanntlich durch MP3 und später Streaming komplett revolutioniert wurde, wovon sich die traditionelle Musikindustrie bis heute kaum erholt hat.

Der Autor legt in dem Buch schlüssig dar, warum sich gesetzmäßig in etablierten Unternehmen Strukturen herausbilden, die für den laufenden Betrieb förderlich sind, aber nicht für die Anpassung an disruptive Innovationen. Denn letztere brauchen oft erst einmal kontraintuitives Verhalten: solches, das sich nicht an den Wünschen bestehender Kunden orientiert und das erst einmal ungewöhnliche, neue Kundengruppen sucht. In diesen Bereichen haben aber große Unternehmen nicht ihre Stärken, das fällt kleineren, neueren Unternehmen leichter.

Wer das Buch liest, kann diese Dynamiken besser verstehen und so einiges auch im aktuellen Wirtschaftsgeschehen genauer einordnen. Auch für alle Menschen, die in Unternehmen in leitenden Positionen zu tun haben, solche gründen wollen, in diesem Bereich tätig sind oder sich einfach für Unternehmen interessieren, ist es ein hochspannendes Buch: leicht zu lesen, interessant, nach wie vor aktuell und auf die heutige Zeit anwendbar, und mit vielen gut nachvollziehbaren Praxisbeispielen. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 25.06.2025

Die Vögel und der Tod

Psychopompos
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Die Bücher der Autorin Amélie Nothomb kenne ich schon lange. Sie zeichnen sich durch einen ganz besonderen, einzigartigen Stil und Blick auf das Leben aus. Diesen kann man mögen oder nicht, mir gefallen ...

Die Bücher der Autorin Amélie Nothomb kenne ich schon lange. Sie zeichnen sich durch einen ganz besonderen, einzigartigen Stil und Blick auf das Leben aus. Diesen kann man mögen oder nicht, mir gefallen die neuen Perspektiven, die sich dadurch eröffnen. Wer Amélie Nothomb ein bisschen kennt, weiß, dass sie als Tochter eines Botschafters in verschiedenen Städten und Ländern aufgewachsen ist: in Japan, in China, in New York, in Bangladesch usw. Das deutet sie auch in ihren anderen Büchern immer wieder mal an.

In diesem Buch, wohl einem ihrer persönlichsten, erfahren wir viel von ihrer Lebensgeschichte und ihrem Aufwachsen, eingebettet in ihre Liebe zu Vögeln, die sie ganz besonders faszinieren. Das Buch beginnt mit einer Fabel von einer Kranichfrau, die für ihren Ehegatten wertvolle Umhänge herstellt, auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit und ohne dass er dies zu schätzen weiß. Das war ein Einstieg, der mich beim Lesen gleich gepackt und für das Buch geöffnet hat. Danach geht es um die Kindheit der Autorin und die Vögel, die es an verschiedenen Orten gibt oder auch kaum gibt (wie ich durch das Buch gelernt habe, gab es auch eine Zeit, in der Mao die Vögel in chinesischen Großstädten fast ausrotten ließ, weil er sie für die Hungersnot mitverantwortlich machte). Sehr berührt hat mich auch eine Szene, bei der die Autorin als Kind gemeinsam mit ihrer Schwester die Wochenende in einer Hütte in den Wäldern um New York verbringt, frühmorgens schon wach ist, den Vögeln lauscht und sie anhand ihrer Stimmen genau identifizieren kann. Solche stillen, poetischen, nachdenklichen Szenen gibt es viele in dem Buch.

Gegen Ende geht es noch um die mythische Figur des Psychopompos, eine Rolle, die auch dem antiken Götterboten Hermes/Merkur zugeschrieben wird: der, der die Seelen über den Schwellenfluss Styx ins Totenreich geleitet. Hier erzählt die Autorin von ihrem persönlichen Zugang und ihren Erfahrungen mit dem Thema Tod, und dass sie sich früher nicht als eine Psychopompe gefühlt hat, aber nach und nach doch, speziell nach dem Tod ihres Vaters, von dem sie auch danach noch das Gefühl hatte, Botschaften zu empfangen und mit ihm in Kontakt zu sein.

Diese Beispiele zeigen schon: es ist ein ganz besonderes und vielfältiges, nicht leicht einzuordnendes Buch. Es werden verschiedene kleine Facetten aus dem Leben, Denken, Fühlen und Wahrnehmen der Autorin erzählt, es ist nicht unbedingt eine durchgängige Erzählung, obwohl es mit den Vögeln und dem Thema Psychopompos/Tod doch einen roten Faden gibt. Es ist ein kurzes Buch, das schnell gelesen ist, aber das mit seiner Tiefgründigkeit nachwirkt. Bestimmt ist es nicht für alle Menschen geeignet, aber für die, die es schätzen können und wollen und offen für ungewöhnliche Perspektiven sind, kann es sehr bereichernd sein. Ich habe es gerne gelesen.

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