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Veröffentlicht am 14.07.2025

Aueeeeeeee.... es tut so weh! Über Verlust, Trauer und Liebe

Auē
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Der Titel des außergewöhnlichen Buches von Becky Manawatu ist Programm. Aueeeeeeeeeeee, es tut sooooo weh! So viel Schmerz ist da in diesem Buch und in der Geschichte der beiden Brüder Taukiri und Arama ...

Der Titel des außergewöhnlichen Buches von Becky Manawatu ist Programm. Aueeeeeeeeeeee, es tut sooooo weh! So viel Schmerz ist da in diesem Buch und in der Geschichte der beiden Brüder Taukiri und Arama und ihrer Familie. Doch auch so viel Verbindung, Versöhnung, Poesie und Liebe!

Es ist ein Buch, wie ich es so noch nie gelesen habe und wie es mir lange in Erinnerung bleiben wird. Aber: es ist kein einfaches Buch, weder emotional noch strukturell. Oft hat es mir unglaublich weh getan, dieses Buch zu lesen: all das Leid, das insbesondere Kindern, Frauen und Tieren zugefügt wird und das in allen Details und drastisch geschildert wird. Dazu die unendlich tiefe Trauer, die die beiden verwaisten Kinder empfinden: der kleine Arama, genannt Ari, etwa acht Jahre alt, und nach dem Unfalltod der Eltern bei einer lieben, aber hilflosen Tante, und einem sadistischen, brutalen Onkel gelandet. Sein einziger Trost: die freche und mutige Nachbarstochter Beth, die alleine bei ihrem Vater lebt und mit der er sich anfreundet:

„Beth erzählte mir, dass ihre Mutter auch gestorben war, also hatten wir das gemeinsam. Aber sie hatte Glück, denn sie hatte noch ihren Vater. Wir wollten fragen, ob wir Bruder und Schwester sein könnten, was mich weniger traurig machte, dass mein echter Bruder mich hier zurückgelassen hatte.“ (S. 22)

Diese berührende Kinderfreundschaft ist einer der schönen Momente, die all das Schreckliche im Buch ein bisschen erträglicher machen... bis die nächste schlimme Szene passiert. In all dem ist Ari auch immer wieder in tiefer Trauer, fühlt sich alleine, verlassen und verwundbar:

„Und dann ein wirklich schlimmes Gefühl, wie ein Vogelbaby sich fühlen würde, während es aus dem Nest fällt, immer weiter wegfällt von seiner Mummy und seinem Daddy und auf dem Boden aufschlägt. Ich hatte Alpträume, die so waren, wie dieses Gefühl. In den Alpträumen wusste ich, dass der Boden kam, und dass ich es wusste, machte, dass mir der Körper wehtat. Aber man fällt und fällt einfach, und es tut den ganzen Weg lang weh.“ (Ari, S. 158)

Seinem Bruder Taukiri, einem Teenager, geht es nicht wirklich besser. Die Brüder empfinden eine tiefe Liebe und Verbindung zueinander, doch zugleich ist auch Tauk von seinen Emotionen überwältigt und weiß keinen anderen Ausweg, als alleine von der Südinsel auf die Nordinsel zu fliehen und seinen kleinen Bruder bei Onkel und Tante zurückzulassen. Das ist sein Weg, um sich selbst zu retten zu versuchen, denn er spürt, dass er in seiner eigenen Verzweiflung seinem Bruder auch nicht helfen kann:

„Und nichts von alledem war wichtig. So klein wie ein Tropfen im Ozean. Empfand keine Schuld, weil ich Ari verlassen hatte. Hatte verdammt nochmal nichts übrig, um es ihm zu geben.“ (Gedanken von Taukiri, S. 211)

Dann gibt es im Buch noch weitere Perspektiven, etwa die von Jade und Toko, über die ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten möchte. Oder die eines Geistes, der mit dem Wind weht und das Geschehen und auch die Vergangenheit kommentiert, damit auch etwa eine Verbindung zur dunklen Kolonialgeschichte Neuseelands herstellt und zu dem Leid, das den Maori dabei widerfahren ist und das eine der Wurzeln der transgenerationalen Traumata ist, die sie bis heute mit sich herumtragen:

„Wenn nur die Schiffe, die Tag und Nacht gesegelt waren, um diese Inseln zu finden, Gitarren an Bord gehabt hätten statt Gewehre. Tamburine statt Opiate. Mehr Triangeln, weniger Bibeln.“ (Geisterstimme, S. 209)

Dieses Buch ist keines, das sich einfach so konsumieren lässt. Es ist nicht linear erzählt, die Perspektiven und Zeiten wechseln und mir wurde vieles erst ab etwa der Mitte des Buches klar: etwa, wie die Familienstruktur genau zusammenhängt. Damit wurde rückblickend auch einiges klarer, was mich beim ersten Lesen noch verwirrt hatte. Insgesamt ist es ein Buch, das dazu auffordert, sich viel Zeit und Ruhe zum Lesen zu nehmen, sich Notizen zu machen, es mit anderen zu diskutieren und es im Idealfall mehrmals zu lesen, um möglichst viel seiner Tiefe, Zusammenhänge und Bezüge zu erfassen.

Wer bereit ist, sich diese Zeit zu nehmen und sich auch emotional auf all die Trauer und Gewalt einzulassen, wird dafür mit einem ganz besonderen Buch betont: voll von Poesie und besonderer Sprache und mit zutiefst authentischen Erzählperspektiven, die sehr treffende Worte und Metaphern für die Erlebniswelt und Gefühle des Kindes, des Jugendlichen, aber auch der anderen Charaktere finden.

Es ist ein Buch aus einer Welt, die mitteleuropäischen Lesenden ohne Neuseelanderfahrung in vielem fremd sein dürfte, insbesondere, da es sich um eine Maori-Familie handelt, die porträtiert wird. Dem kommt der Verlag mit einem sehr hilfreichen Glossar entgegen, in dem viele der neuartigen Begriffe und Konzepte in chronologischer Form zumindest kurz erklärt werden und das sehr hilft, diese einzuordnen.

Aber auch dann braucht das Buch noch eine Offenheit, sich auf eine neuartige Welt und auf Perspektiven, von denen man viele vielleicht nicht auf den ersten Blick versteht oder einordnen kann, einzulassen. Wenn man das kann, macht es neugierig auf Neuseeland und die Maori und ihre Kultur und Geschichte.

Ich kann dieses besondere Buch allen, die bereit sind, ihm den dafür notwendigen Raum und die nötige Zeit zu geben, sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 07.07.2025

Wenn neue Zeiten einen Wertewandel verlangen...

Die Unbehausten
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"Die Unbehausten" von Barbara Kingsolver ist ein Buch, das mich außergewöhnlich beeindruckt hat. Die Lektüre ist bei mir nun schon mehrere Wochen her, und doch denke ich immer noch fast jeden Tag an dieses ...

"Die Unbehausten" von Barbara Kingsolver ist ein Buch, das mich außergewöhnlich beeindruckt hat. Die Lektüre ist bei mir nun schon mehrere Wochen her, und doch denke ich immer noch fast jeden Tag an dieses Buch... und nicht nur denke ich darüber nach, ich bin emotional eng damit verbunden. Denn es ist ein Buch, das für mich - obwohl es schon in den 2010er-Jahren von der Autorin verfasst und auf Englisch veröffentlicht wurde - gerade aufgrund seiner immer noch so starken Aktualität so stark berührt.

Wenn ich darüber nachdenke, was bei mir am stärksten nachschwingt, dann sind es die Diskussionen zwischen Antigone "Tig", der Tochter der Familie, in ihren 20er-Jahren und aufgrund ihrer bisherigen Lebenserfahrung sehr kritisch gegenüber dem nach wie vor vorherrschenden kapitalistischen Mainstream, und ihrer Mutter Willa, um die 60. Willa muss realisieren, dass der amerikanische Traum, nach dem es jede/r aus der Kraft eigener Leistung zu einem Leben in Glück und Wohlstand bringen könne, für sie und ihre Familie nicht ganz aufgegangen ist.

Auch nach Jahrzehnten fleißiger Arbeit, folgend auf ein Universitätsstudium, ist es ihr und ihrem Mann Iano nicht gelungen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Willa selbst verdient als freiberufliche Journalistin höchstens mittelmäßig und auch ihr Mann hat seine als sicher eingeschätzte Professorenstelle nach einer Universitätsschließung verloren und muss sich nun auch im höheren Lebensalter noch als schlechter bezahlter freier Dozent durchschlagen. Die Familie hat ein bruchfälliges Haus geerbt und für die Reparatur ist kein Geld da.

Die beiden erwachsenen Kinder, Tig und Zeke, haben in den Augen der Eltern mittlerweile leider auch so einige Probleme und leben temporär wieder mit den Eltern gemeinsam in dem bruchfälligen Haus. Tig wurde schon immer von der Mutter als klein und zart, gleichzeitig aber auch rebellisch und widerspenstig betrachtet, die Mutter-Tochter-Beziehung ist keine einfache, es gibt viel Reibung.

Zeke wurde lange von der Mutter idealisiert, war ihr Goldjunge, der "immer das Richtige tat", ein erfolgreiches Studium absolvierte und mit einer wunderschönen und erfolgreichen Anwältin vor kurzem Eltern eines kleinen Jungen geworden war. Doch nun hat die Anwältin sich suizidiert, Zeke alleine mit dem Baby zurückgelassen, dieser ist kurzfristig wieder ins Elternhaus zurückgezogen, und es stellt sich heraus, dass er außerdem auf einem riesigen Schuldenberg aufgrund der hohen Studiengebühren sitzt, die er für sein Studium an der prestigeträchtigen Eliteuni zahlen musste.

Beide Kinder sind Mitte bis Ende 20, doch bei weitem noch nicht so im Leben angekommen, wie die Eltern es sich erhofft hätten. Und nicht nur das, so teilt zumindest Tig auch überhaupt nicht die kapitalistisch geprägten Werte ihrer Eltern und deren Glauben an die Meritokratie, wie etwa diese Textstelle einer Unterhaltung zwischen Willa und Tig zeigt:

"Ich dachte, sagte sie, "wir könnten vielleicht irgendwann mal aufhören, uns Sorgen zu machen, und uns relativ bequem zur Ruhe setzen. Ihr würdet uns besuchen. Mit Enkelkindern. Und ihr würdet woanders einen Job und ein eigenes Haus haben."
"Oh, oh", sagte Tig. "Mom wird vom Geist der vergangenen kapitalistischen Fantasien heimgesucht."
"Ich finde, das ist nicht zu viel verlangt", sagte Willa gereizt.
"Niemand findet, dass er zu viel verlangt", gab Tig gereizt zurück. (S. 405)

Tig, wie so viele junge Menschen ihrer Generation, sieht die Seifenblase des Versprechens des immerwährenden Wachstums schon lange als geplatzt an. Mehr und mehr haben, mehr und mehr konsumieren, das ist eine Haltung, die sie nicht verstehen kann, und die in ihren Augen viel zu den Problemen beiträgt, mit denen unsere Welt gerade zu kämpfen hat. Hier eine Aussage Tigs dazu:

"So viele Menschen werden obdachlos werden. Nicht nur obdachlos, sondern heimatlos. Städte werden im Meer versinken, und dann? Man kann nicht in geschlossenen Räumen Schutz suchen, wenn es keine Räume mehr gibt." (S. 553)

Auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen in ihrer Kindheit, als sie jedes Mal ihre Freunde verlor, als die Eltern berufsbedingt mal wieder umziehen wollten, hat sie ein anderes Wertesystem als die ältere Generation entwickelt. Nicht nur sieht Tig großen Wohlstand für ihre Generation als schwer erreichbar an, sie will ihn gar nicht. Stattdessen kümmert sie sich liebevoll um ihren kleinen Neffen Dusty, der von seinem Vater, dem Goldjungen Zeke, im Stich gelassen wird, denn dieser will sich lieber um das Vorantreiben seiner Karriere kümmern.

Tig hingegen packt an, sie knüpft Verbindungen zu anderen engagierten jungen Leuten in der Umgebung, kümmert sich um ihren pflegebedürftigen Opa (obwohl dieser politisch eine ganz andere Meinung vertritt als sie und Obamacare und Medicaid selbst dann noch ablehnt, als er es dringend brauchen könnte - hilfsbedürftig sein widerspricht schließlich dem amerikanischen Traum von der Unabhängigkeit und Selbständigkeit), repariert gemeinsam mit ihren neuen Freunden Autos, wickelt Dusty in Stoffwindeln und kocht selbst Babybrei. Ein nachhaltiger Lebensstil ist ihr wichtig, und das predigt sie nicht nur, das lebt sie vor. Inspiration dazu hat sie unter anderem auf Kuba bekommen, wo sie einige Zeit gelebt hat. Es ist ihr wichtig, sich auf ursprünglich von manchen als überkommen angesehene, scheinbar "alte" Werte wie Bescheidenheit, Dankbarkeit und auf den Wert von Freundschaften zu besinnen, wie diese Unterhaltung mit ihrer Mutter zeigt:

"Es ist doch so, Mom: das Geheimnis des Glücks ist, nicht zu viel zu erwarten. Der Grabstein da ist eine Mahnung. Wenn du deinen Mann und deine Kinder nicht innerhalb eines Jahres verloren hast, dann freu dich! Du hast anderen was voraus."
"Ich staune. Das habe ich dir beigebracht? Nicht zu viel zu erwarten?"
"Was wolltest du mir denn beibringen?"
"Ich weiß nicht. Dass du alles sein kannst, was du willst. Dass du dir hohe Ziele stecken sollst und so. Das Übliche eben."
"Tig lächelte nicht. "Ich hab dir und Dad dabei zugesehen. Ihr habt euch das hohe Ziel einer Festanstellung gesteckt, und das war für mich nicht so toll. Für euch war Sicherheit so wichtig, dass ihr unsere langfristigen Freundschaften und Bindungen dafür geopfert habt." (S. 552)

Damit habe ich euch eine Hälfte des Buches in der Reihenfolge dargestellt, so wie sie mich am meisten emotional berührt hat und auch nach Wochen noch nachschwingt.

Nicht verschweigen möchte ich aber allen am Buch Interessierten, dass es sich um ein zweigeteiltes Buch handelt. Diese zutiefst berührende und emotionale Geschichte in den 2010er-Jahren in den USA, vor dem Hintergrund einer größer werdenden gesellschaftlichen Spaltung und des als unaufhaltsam scheinenden Aufstieg des "Megafons", der tatsächlich dann zwischen 2016 und 2020 und auch nun wieder Präsident wurde, und das mit Aussagen, die man früher als unvereinbar mit diesem Amt angesehen wurde... diese tiefgründige und komplexe Geschichte, die ich hier in meiner Rezension nur kurz angerissen habe, während man noch viel mehr dazu sagen könnte... ist tatsächlich nur etwa eine Hälfte des umfangreichen Buches, die abwechselnd mit einer zweiten Geschichte erzählt wird.

Die zweite Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts, hier steht der Naturwissenschaftslehrer und kritische Geist Thatcher im Mittelpunkt, der mit einer sehr statusinteressierten und konservativen Frau verheiratet ist, immer wieder mit dem kirchengläubigen Direktor wegen der Evolutionstheorie in Konflikt gerät, und sich mit seiner ebenfalls an Naturwissenschaften sehr interessierten und mit Charles Darwin in einem Briefwechsel stehenden Nachbarin anfreundet.

Auch das eine sehr interessante Geschichte, die viele Parallelen zu der Geschichte in der heutigen Zeit aufweist. Bei beiden geht es um nötige Paradigmenwechsel, gesellschaftlichen Wandel, den dadurch nötigen Wertewandel und die Menschen, die dessen Notwendigkeit erkennen und mit jenen zu kämpfen haben, die sich am Alten festhalten und gegen jegliche Veränderung stemmen wollen. Mich persönlich konnte dieser Vergangenheitsstrang etwas weniger emotional erreichen als der Gegenwartsstrang. Das heißt nicht, dass ersterer schlecht geschrieben wäre, er ist für sich auch sehr interessant, nur war zweiterer für mich persönlich spannender und ich habe mich emotional damit mehr verbunden gefühlt.

Beide Geschichten weisen viele Parallelen auf und interessanterweise beginnt jeweils der erste Satz eines neuen Kapitels aus dem jeweils anderen Zeitstrang mit wortgenau dem gleichen Satz aus dem Ende des einen Zeitstrangs. Insgesamt ist das Buch ein sehr klug komponiertes Werk, in dem sich viel Weisheit finden lässt, sowohl zu Themen, die die Zeiten überdauern, als auch zu den momentan wichtigsten Themen sowohl des ausgehenden 19. Jahrhunderts als auch der 2010er-Jahre und der jetzigen Zeit. Würde ich das Buch noch ein paar Mal lesen, würde ich sicher jedes Mal wieder neue Erkenntnisperlen darin entdecken, so tiefgründig und vielschichtig ist es.

Das Buch macht zutiefst nachdenklich über die Zeit, in der wir uns gerade befinden und über die verschiedenen Perspektiven, die man dazu einnehmen kann. Es eignet sich auch äußerst gut für tiefgehende Diskussionen über die Werte unterschiedlicher Generationen und Sozialmilieus, über die Träume, die uns vermittelt wurden und die wir selbst verfolgen, über alternative Wege und Sichtweisen und über das, was bleibt, wenn viele Gewissheiten nicht mehr halten und vermeintliche Sicherheiten gebröckelt sind, kein Haus uns mehr schützt.

Denn, ein Schlüsselsatz, der im Buch mehrmals vorkommt:

"Unbehaust stehen wir im hellen Licht des Tages" (S. 574)

Und was können wir da erkennen?

Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 07.07.2025

Hochspannende Gesellschaftsstudie zum Thema soziale Ungleichheit im modernen Israel

Löwen wecken
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"Löwen wecken", das 2014 erstmals erschienene Buch von Ayelet Gundar-Goshen, war in Israel ein Bestseller. Auch heute, im Jahr 2025, beschreibt es Themen und stellt Fragen, die sehr aktuell sind: nicht ...

"Löwen wecken", das 2014 erstmals erschienene Buch von Ayelet Gundar-Goshen, war in Israel ein Bestseller. Auch heute, im Jahr 2025, beschreibt es Themen und stellt Fragen, die sehr aktuell sind: nicht nur in Israel, sondern in vielen Ländern:

Was macht unsere soziale Position in der Gesellschaft mit uns?
Wie zeigt sie sich in dem, wie wir gehen, stehen, andere anblicken oder nicht?
Wie blicken wir auf andere Menschen, wen sehen wir, wen nicht?
Wer kann sich was erlauben und wer nicht?
Wer kommt womit durch?
Und welchen Wert hat ein Menschenleben?

Etan Grien hat als Neurochirurg und weißer Angehöriger der Mehrheitskultur eine der angesehensten Positionen in der israelischen Gesellschaft erreicht. Verheiratet ist er mit der wunderschönen Liat, einer Polizeibeamtin in höherer Position, und wohnt mit ihr und den beiden gemeinsamen Söhnen in einem hübschen Haus mit Garten, fährt ein schnelles und bequemes Auto. Eine kleine Degradierung musste er vor kurzem hinnehmen, als er nach seinem Versuch, die Korruption seines ehemals verehrten Professors und Mentors aufzudecken, dessen Klinik in Tel Aviv verlassen und mit einer Stelle im staubigen Beer Sheva vorlieb nehmen musste. Aber es ist immer noch ein sehr gutes Leben mit einem spannenden, selbst gewählten und gut bezahlten Beruf, seiner Familie und vielen Annehmlichkeiten.

All die Jahrzehnte, die Etan Grien schon in Israel lebt, erwachsen wurde, studiert hat und schließlich Arzt wurde, wusste er natürlich irgendwo im Hinterkopf, dass es auch weniger privilegierte Menschen in diesem Land gibt, auch solche ganz am Rande der Gesellschaft. Doch hatte er mit diesen kaum etwas zu tun und sie kümmerten ihn nicht. Sichtbare Zeichen von Elend und starker körperlicher Arbeit, Schweiß und der damit einhergehende Geruch sind etwas, was ihn sogar abstößt. Damit hat er in seiner sterilen Krankenhauswelt nichts zu tun, und er ist bewusst Neurochirurg geworden, denn sediert sind ihm die Patienten am angenehmsten.

In dieses sehr etablierte und privilegierte Leben bricht nun für Etan die Katastrophe herein: in einem unbedachten Moment, mitten in der Nacht, als er in einer verlassen wirkenden Gegend die Geschwindigkeit seines tollen Autos testen möchte, überfährt er einen Menschen. Wie er nach kurzem Aussteigen schnell feststellt, handelt es sich bei diesem um einen Schwarzen, vermutlich um einen der vielen im Land illegal lebenden Eritreer. Und dieser lebt zwar noch, ist aber nach ärztlicher Einschätzung Etans nicht mehr zu retten. Gesehen hat den Unfall keiner, meint er. So trifft er blitzschnell die Entscheidung: wenn der andere eh nicht mehr zu retten ist, also sowieso sterben wird, dann hat nur noch er selbst, Etan, etwas zu verlieren, aber das könnte sehr viel sein: seine Karriere, sein Ruf, seine Beziehung, seine Familie. Warum also etwas verlieren, wenn niemand etwas davon hat?

Er entscheidet sich für die Fahrerflucht... nicht wissend, dass er am Unfallort seine Geldbörse verloren hat und ihn Sirkit, die Ehefrau des Verstorbenen, die den Unfall beobachtet hat, demnächst in seiner wohlhabenden Villa aufsuchen wird - kurz, bevor seine Frau und seine Kinder nach Hause kommen - und ihn unter Druck setzen wird, in Zukunft fast alle seiner Abende und Nächte gratis für Menschen aus Eritrea, die nach Israel geflüchtet sind, als Arzt tätig zu sein. Denn diese sind zahlreich, ebenso wie ihre medizinischen Themen, und die offizielle Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe oder gar das Aufsuchen einer Klinik sind für sie nicht möglich, ohne befürchten zu müssen, ausgewiesen zu werden.

So weit zur sehr spannenden Rahmenhandlung. Durch das Buch begleitet uns eine tiefgreifende Charakterstudie sowohl Etans als auch Sirkits, und, ein bisschen, Liats, der Frau Etans.

Die interessanteste Person in diesem Buch war für mich definitiv Sirkit. Eine geflüchtete Frau aus Eritrea, die selbst schon viel Schlimmes erlebt hat und mindestens drei Kinder begraben musste, Gewalt ausgesetzt war und vielem mehr. Die sich unter anderen Eritreern bewegt, die gelernt haben, sich zu unterwerfen, zu Boden zu blicken, demütig zu sein und zu hoffen, dass ihnen niemand Höhergestelltes etwas antut. Die sich weigert, sich dem anzuschließen, die kein Opfer sein und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen möchte - in einer brutalen Welt, in der sie erlebt hat, dass niemand ihr aus uneigennützigen Motiven hilft:

"Etan wusste nicht, dass ein Blick Freiheit bedeutete. Aber Sirkit wusste es. Und jedes Mal, wenn sie ihn aus dem Jeep steigen und unterwegs zur Werkstatt die Patienten überblicken sah, fieberte etwas in ihr ihm entgegen. Sein lässiger, sorgloser Gang, der gleichgültige Blick. Unter all den Eriteern, die vor dem Eingang der Werkstatt standen, sah sie als Einzige dem Arzt in die Augen. Wagte jemand anders, den Blick zu heben, gesellte sich gleich ein unterwürfiges Lächeln dazu: Ich bin da - tu mit mir, was du willst. Und nur ihre Augen verkündeten immer aufs Neue: Ich bin da - tu, was ich will." (S. 161)

Es gelingt Sirkit, den Arzt nach seiner Fahrerflucht so unter Druck zu setzen, dass er im Gegenzug für ihr Schweigen tatsächlich eine regelrechte versteckte Klinik für die Geflüchteten aufbaut. Dazu trägt viel Sirkits selbstbewusste Haltung bei: sie unterwirft sich nicht, nein, sie blickt dem Arzt in die Augen, spricht mit fester Stimme und erteilt ihm Befehle. Da gehört viel dazu, wenn man ganz anders sozialisiert wurde.

Welche Auswirkungen hat es auf das Berufs- und Familienleben des Arztes, dass er nun so viel Zeit in der geheimen Flüchtlingsklinik tätig ist, Medikamente dafür aus dem Krankenhaus entwendet und seiner Frau gegenüber Ausflüchte empfindet?
Und was ist mit seinem Gewissen? Spielt das auch eine Rolle dabei oder geht es rein um die Erpressung durch Sirkit, und die Angst vor einem Auffliegen, vor dem Gesichtsverlust vor seiner Frau, gesellschaftlicher Ächtung und einer Strafe?

Diese und viele weitere Fragen behandelt dieser spannende Roman. Wir erleben das Buch abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven: die Etans, die Sirkits, die Liats und auch die von ein paar Nebenfiguren.

Es ist ein hartes Buch, sowohl von der Schreibweise als auch von den Themen her. Es ist auch sehr dicht erzählt, mit vielen Perspektivwechseln, was manchmal Konzentration beim Lesen und ein bewusstes Sich-Darauf-Einlassen erfordert.

Ich habe doch einige dutzend Seiten gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden und mich einzulesen, doch ab diesem Zeitpunkt hat es mich sehr fasziniert. Entsprechend dem Thema des Buches kommt auch einiges an Gewalt, Verletzungen und mir als Leserin nahegehenden Todesfällen vor. Damit ist es also nicht unbedingt klassische Entspannungs- oder Urlaubslektüre, sondern ein Buch, das die Bereitschaft braucht, sich auch auf sehr schwierige und unangenehme Themen einzulassen.

Soziologisch zeigt es an vielen Stellen die Ungerechtigkeit auf, die gesellschaftliche Unterschiede mit sich bringen und wie die Unterprivilegierten darunter leiden, während die Reichen, Mächtigen und Erfolgreichen mit vielem davon kommen. Psychologisch hat mir sehr gut gefallen, wie es das Unvermögen vieler Menschen - ganz besonders der Privilegierten - zeigt, sich wirklich in die Position benachteiligter Menschen einzufühlen. Und wie die unterschiedliche gesellschaftliche Position sich auch im Habitus der Menschen zeigt, aber es durchaus möglich sein kann, bewusst daraus auszubrechen, wie Sirkit es zeigt.

Die Charaktere sind allesamt vielschichtig und glaubhaft gezeichnet, niemand ist so wirklich ein Engel, niemand nur ein Teufel, und vieles erklärt sich durch die Umstände. Es ist insgesamt ein Buch, das sehr nachdenklich macht über die gesellschaftlichen Unterschiede in modernen Gesellschaften, über das, was wir sehen und das, was wir nicht sehen, über unsere eigene Position darin und über das, was sie möglich macht und das, was sie verunmöglicht oder wo sie unsere Sicht trübt. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich auf dieses Buch einzulassen.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Interessantes Buch zum Thema Wechseljahre mit Schwerpunkt Hormontherapie

Die neue Menopause
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In ihrem Sachbuch "Die neue Menopause", hat sich die US-amerikanische Gynäkologin Mary Claire Haver das Ziel gesetzt, Frauen über die Menopause, die damit möglicherweise verbundenen Symptome und empfohlene ...

In ihrem Sachbuch "Die neue Menopause", hat sich die US-amerikanische Gynäkologin Mary Claire Haver das Ziel gesetzt, Frauen über die Menopause, die damit möglicherweise verbundenen Symptome und empfohlene Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären.

Sie hatte schon lange Jahre als Gynäkologin gearbeitet, bis sie durch eigene Erfahrung mit ihrer Menopause für das Thema sensibilisiert wurde und erkannte, dass es in diesem Bereich wenig Aus- und Fortbildung für Medizinerinnen und Mediziner gab und viele Frauen mit ihren Symptomen nicht ernst genommen, diese zu Unrecht allein psychischen Ursachen zugeschrieben wurden und die Frauen keine adäquate Behandlung erfuhren. Nachdem die Medizinerin das Thema auch auf Social Media thematisiert hatte, bekam sie unzählige Zuschriften und Kommentare von Frauen, die ähnliches erlebt hatten.

In dem sehr gut verständlichen und klar strukturierten Sachbuch geht die Autorin auf alle relevanten Bereiche rund um die Wechseljahre ein. Zuerst geht es um eine Definition von Perimenopause, Menopause und Postmenopause. Auch die damit verbundenen hormonellen Umstellungen werden erklärt.

Dann ist ein sehr ausführliches Kapitel der Geschichte der Hormonbehandlung rund um die Menopause gewidmet, die nach Meinung der Autorin zu Unrecht in Verruf geraten ist.

Sehr gut gefällt mir, wie die Autorin genau die möglichen Vorteile, aber auch Nebenwirkungen dieser Behandlung aufschlüsselt, darauf eingeht, wann das beste Altersfenster ist, um damit zu beginnen und auch, welche Frauen individuell besonders davon profitieren oder auch mit erhöhten Nebenwirkungen rechnen könnten.

Schließlich gibt es ein langes Register möglicher wechseljahresbezogener Beschwerden (gegliedert nach hormonellen und sonstigen Gemeinsamkeiten), genauere Erklärungen dazu und Möglichkeiten der Behandlung. Im Zentrum steht dabei immer die Hormontherapie, deren Befürworterin die Autorin ist. Am Rande finden sich auch noch alternative Interventionen, etwa im Bereich Ernährung, Bewegung und Entspannung.

Insgesamt ist es ein sehr interessantes Buch über die Wechseljahre, durch dessen Lektüre ich viel gelernt habe. Besonders interessant habe ich gefunden, wie ganz verschiedene Symptome mit den hormonellen Veränderungen während dieser Zeit zusammen hängen können: deutlich mehr, als die allgemein bekannten Hitzewallungen. Es ist ein wichtiges Buch, das für ein bedeutendes Thema sensibilisiert, das immer noch viel zu wenig diskutiert wird. Möge es dazu beitragen, dass mehr Frauen mit Wechseljahresbeschwerden adäquate Behandlung erhalten.

Empfehlen kann ich das Buch allen am Thema Interessierten, die der Möglichkeit einer Hormonbehandlung zumindest offen gegenüberstehen. Wer hingegen, aus welchen Gründen auch immer, dieses Thema komplett ablehnt und sich für alternative Wege interessiert, ist mit anderen Werken besser beraten.

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Veröffentlicht am 01.07.2025

Macht neugierig auf die japanische Kultur und Weisheit

Kokoro
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Die studierte Japanologin Beth Kempton ist Mitte 40 und in einer Lebenskrise. Kurz nacheinander hat sie sowohl ihre beste Freundin, die gerade mal Anfang 40 war, als auch ihre geliebte Mutter an den Krebs ...

Die studierte Japanologin Beth Kempton ist Mitte 40 und in einer Lebenskrise. Kurz nacheinander hat sie sowohl ihre beste Freundin, die gerade mal Anfang 40 war, als auch ihre geliebte Mutter an den Krebs verloren. Nun steht sie da, verheiratet, mit zwei kleinen Töchtern, mehreren veröffentlichen Büchern und insgesamt gut im Leben stehend... und sieht sich vor die existenziellen Fragen des Lebens gestellt: wofür sind wir hier? Wie viel Zeit haben wir hier überhaupt? Und was passiert danach?

Da erinnert sich Beth daran, was ihr schon seit vielen Jahrzehnten Kraft gibt: die uralte Weisheit von Japans Kultur, Religionen und Mystik. Davon hat sie sich schon als Teenager angezogen gefühlt und damals als Auslandsschülerin erste Japan-Erfahrung gesammelt, danach Japanologie studiert, das Land bereist und dort gearbeitet. Nun ist es Zeit für ein weiteres Eintauchen in die japanische Kultur. Zuerst möchte die Autorin das gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Töchtern während der Sommerferien machen, doch zeigt sich schnell, dass die Interessensschwerpunkte der Kinder ganz woanders liegen als in dem, was sie selbst näher erforschen möchte. Mann und Töchter fliegen vorzeitig heim und die Autorin nimmt sich mehrere Wochen eine Auszeit, um sich auf ein neues Buch vorzubereiten und einige der Mysterien Japans näher zu erforschen. Viel von dem, was sie in diesem Buch mit uns teilt, stammt aus dieser Zeit, und außerdem aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit der japanischen Kultur.

Das Buch ist, analog zu den entsprechenden drei heiligen Bergen Japans "Hagurosan", "Gassan" und "Yudonosan" in drei Abschnitte geteilt, die wiederum aus mehreren thematischen Unterkapiteln bestehen. Hagurosan ist der Berg der Gegenwart, der Schwarzflügel-Berg: hier geht es um Themen wie Achtsamkeit und Still-Werden. Gassan ist der Berg der Vergangenheit und des Todes, hier geht es um Sterblichkeit, Fallen, Befreiung und Altern. Mutig lässt sich die Autorin auf eine Selbsterfahrung dazu ein und besteigt in einer geführten Wanderung gemeinsam mit Japanern und Japanerinnen den nebelumzogenen, mystischen Berg. Yudonosan schließlich ist der Berg der Wiedergeburt und der Zukunft. In dem dazugehörigen Abschnitt geht es um ein gutes Leben in der Zukunft, mit einem vollen Herzen, den richtigen Absichten und guter Selbstfürsorge, z.B. genussvolle, gesunde Ernährung. Auf jedes Unterkapitel folgen Übungen und Fragen zur persönlichen Reflexion und Auseinandersetzung mit den besprochenen Themen.

Die hier genannten Themen sind keine neuen, und wer sich schon öfters mit Persönlichkeitsentwicklung auseinandergesetzt hat, der kennt sie. Doch dieses Buch bringt einen interessanten neuen Twist hinein: es ist voll von aus der japanischen Kultur geprägten Einsichten, die richtig neugierig auf diese Kultur machen. Bei mir hat das geklappt: am liebsten würde ich sofort die vielseitige japanische Sprache lernen, die so reich an Metaphern und Philosophie zu sein scheint, und eine Reise nach Japan buchen. Ich kann das Buch allen, die sich für eine persönliche Lebenserfahrung eingebettet in japanische Weisheit und Philosophie interessieren, sehr empfehlen.

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