Aueeeeeeee.... es tut so weh! Über Verlust, Trauer und Liebe
AuēDer Titel des außergewöhnlichen Buches von Becky Manawatu ist Programm. Aueeeeeeeeeeee, es tut sooooo weh! So viel Schmerz ist da in diesem Buch und in der Geschichte der beiden Brüder Taukiri und Arama ...
Der Titel des außergewöhnlichen Buches von Becky Manawatu ist Programm. Aueeeeeeeeeeee, es tut sooooo weh! So viel Schmerz ist da in diesem Buch und in der Geschichte der beiden Brüder Taukiri und Arama und ihrer Familie. Doch auch so viel Verbindung, Versöhnung, Poesie und Liebe!
Es ist ein Buch, wie ich es so noch nie gelesen habe und wie es mir lange in Erinnerung bleiben wird. Aber: es ist kein einfaches Buch, weder emotional noch strukturell. Oft hat es mir unglaublich weh getan, dieses Buch zu lesen: all das Leid, das insbesondere Kindern, Frauen und Tieren zugefügt wird und das in allen Details und drastisch geschildert wird. Dazu die unendlich tiefe Trauer, die die beiden verwaisten Kinder empfinden: der kleine Arama, genannt Ari, etwa acht Jahre alt, und nach dem Unfalltod der Eltern bei einer lieben, aber hilflosen Tante, und einem sadistischen, brutalen Onkel gelandet. Sein einziger Trost: die freche und mutige Nachbarstochter Beth, die alleine bei ihrem Vater lebt und mit der er sich anfreundet:
„Beth erzählte mir, dass ihre Mutter auch gestorben war, also hatten wir das gemeinsam. Aber sie hatte Glück, denn sie hatte noch ihren Vater. Wir wollten fragen, ob wir Bruder und Schwester sein könnten, was mich weniger traurig machte, dass mein echter Bruder mich hier zurückgelassen hatte.“ (S. 22)
Diese berührende Kinderfreundschaft ist einer der schönen Momente, die all das Schreckliche im Buch ein bisschen erträglicher machen... bis die nächste schlimme Szene passiert. In all dem ist Ari auch immer wieder in tiefer Trauer, fühlt sich alleine, verlassen und verwundbar:
„Und dann ein wirklich schlimmes Gefühl, wie ein Vogelbaby sich fühlen würde, während es aus dem Nest fällt, immer weiter wegfällt von seiner Mummy und seinem Daddy und auf dem Boden aufschlägt. Ich hatte Alpträume, die so waren, wie dieses Gefühl. In den Alpträumen wusste ich, dass der Boden kam, und dass ich es wusste, machte, dass mir der Körper wehtat. Aber man fällt und fällt einfach, und es tut den ganzen Weg lang weh.“ (Ari, S. 158)
Seinem Bruder Taukiri, einem Teenager, geht es nicht wirklich besser. Die Brüder empfinden eine tiefe Liebe und Verbindung zueinander, doch zugleich ist auch Tauk von seinen Emotionen überwältigt und weiß keinen anderen Ausweg, als alleine von der Südinsel auf die Nordinsel zu fliehen und seinen kleinen Bruder bei Onkel und Tante zurückzulassen. Das ist sein Weg, um sich selbst zu retten zu versuchen, denn er spürt, dass er in seiner eigenen Verzweiflung seinem Bruder auch nicht helfen kann:
„Und nichts von alledem war wichtig. So klein wie ein Tropfen im Ozean. Empfand keine Schuld, weil ich Ari verlassen hatte. Hatte verdammt nochmal nichts übrig, um es ihm zu geben.“ (Gedanken von Taukiri, S. 211)
Dann gibt es im Buch noch weitere Perspektiven, etwa die von Jade und Toko, über die ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten möchte. Oder die eines Geistes, der mit dem Wind weht und das Geschehen und auch die Vergangenheit kommentiert, damit auch etwa eine Verbindung zur dunklen Kolonialgeschichte Neuseelands herstellt und zu dem Leid, das den Maori dabei widerfahren ist und das eine der Wurzeln der transgenerationalen Traumata ist, die sie bis heute mit sich herumtragen:
„Wenn nur die Schiffe, die Tag und Nacht gesegelt waren, um diese Inseln zu finden, Gitarren an Bord gehabt hätten statt Gewehre. Tamburine statt Opiate. Mehr Triangeln, weniger Bibeln.“ (Geisterstimme, S. 209)
Dieses Buch ist keines, das sich einfach so konsumieren lässt. Es ist nicht linear erzählt, die Perspektiven und Zeiten wechseln und mir wurde vieles erst ab etwa der Mitte des Buches klar: etwa, wie die Familienstruktur genau zusammenhängt. Damit wurde rückblickend auch einiges klarer, was mich beim ersten Lesen noch verwirrt hatte. Insgesamt ist es ein Buch, das dazu auffordert, sich viel Zeit und Ruhe zum Lesen zu nehmen, sich Notizen zu machen, es mit anderen zu diskutieren und es im Idealfall mehrmals zu lesen, um möglichst viel seiner Tiefe, Zusammenhänge und Bezüge zu erfassen.
Wer bereit ist, sich diese Zeit zu nehmen und sich auch emotional auf all die Trauer und Gewalt einzulassen, wird dafür mit einem ganz besonderen Buch betont: voll von Poesie und besonderer Sprache und mit zutiefst authentischen Erzählperspektiven, die sehr treffende Worte und Metaphern für die Erlebniswelt und Gefühle des Kindes, des Jugendlichen, aber auch der anderen Charaktere finden.
Es ist ein Buch aus einer Welt, die mitteleuropäischen Lesenden ohne Neuseelanderfahrung in vielem fremd sein dürfte, insbesondere, da es sich um eine Maori-Familie handelt, die porträtiert wird. Dem kommt der Verlag mit einem sehr hilfreichen Glossar entgegen, in dem viele der neuartigen Begriffe und Konzepte in chronologischer Form zumindest kurz erklärt werden und das sehr hilft, diese einzuordnen.
Aber auch dann braucht das Buch noch eine Offenheit, sich auf eine neuartige Welt und auf Perspektiven, von denen man viele vielleicht nicht auf den ersten Blick versteht oder einordnen kann, einzulassen. Wenn man das kann, macht es neugierig auf Neuseeland und die Maori und ihre Kultur und Geschichte.
Ich kann dieses besondere Buch allen, die bereit sind, ihm den dafür notwendigen Raum und die nötige Zeit zu geben, sehr empfehlen.