Ein Roman, der weh tut – und genau deshalb so wichtig ist“
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104Dieser Roman hat mich erschüttert wie lange kein anderer. Schon die ersten Seiten haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen: Ein kleiner Junge, namenlos, aufgesammelt in den Wirren des Kriegsendes, ...
Dieser Roman hat mich erschüttert wie lange kein anderer. Schon die ersten Seiten haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen: Ein kleiner Junge, namenlos, aufgesammelt in den Wirren des Kriegsendes, ohne Erinnerung an Herkunft oder Familie – und statt Geborgenheit erwartet ihn ein katholisches Kinderheim voller Härte, Zwang und Gewalt.
Ich musste mehrmals innehalten beim Lesen, weil mir die Grausamkeit und Kälte, die Susanne Abel so eindringlich beschreibt, fast körperlich wehgetan haben. Das Nummernsystem, die Strafen, das Schweigen – all das hat mich nicht losgelassen. Doch mitten in dieser Hölle leuchtet Margret auf, das etwas ältere Mädchen, das den Jungen Hardy nennt und ihm ein Versprechen gibt: ihn nie wieder loszulassen.
Was mich tief bewegt hat, ist, wie Susanne Abel zeigt, dass man das eigene Leid nicht einfach abschütteln kann. Hardy und Margret versuchen, sich ein Leben aufzubauen, doch die Traumata bleiben, wirken nach, überschatten auch die nächsten Generationen. Besonders die Gegenwartsebene mit Emily hat mich berührt: das Mädchen, das endlich Fragen stellt, wo zuvor Schweigen war, das wagt hinzusehen, wo alle anderen verdrängen. Emily steht für mich als Hoffnungsfigur – eine, die den dunklen Kreislauf durchbrechen kann.
Oft war die Lektüre schwer auszuhalten. Ich habe Wut gespürt, Trauer, Ohnmacht – und dann wieder Hoffnung und tiefe Rührung, wenn kleine Momente von Nähe und Liebe aufblitzten. Es ist dieser Wechsel, der das Buch für mich so hart, aber auch so unvergesslich gemacht hat.
Susanne Abel hat hier keinen leichten Familienroman geschrieben, sondern ein Werk, das in die Tiefe geht, das aufrüttelt und nachhallt. Ich werde Hardy und Margret, aber vor allem Emily, noch lange in mir tragen.
Für mich ist „Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ ein aufwühlendes, ergreifendes Buch, das Mut erfordert – aber genau deshalb gelesen werden muss.