Beeindruckendes Debüt
Zu wenig vom Guten„Zu wenig vom Guten“ von Katinka Ruffieux
Verlag: Arche
Katinka Ruffieux erzählt in ihrem Debütroman von einer ungarischen Familie in der Schweiz, einem Land, das inzwischen zwar ihr Zuhause ist, aber ...
„Zu wenig vom Guten“ von Katinka Ruffieux
Verlag: Arche
Katinka Ruffieux erzählt in ihrem Debütroman von einer ungarischen Familie in der Schweiz, einem Land, das inzwischen zwar ihr Zuhause ist, aber nicht ihre Heimat. Und Ungarn? Ist es ebenso wenig.
Das Haus wie eine Forelle, im Sommer das Maul weit geöffnet, die Mauern voller Schuppen, das Innere ein riesiger Fischbauch.
Drei Abteile, drei Familien und in den Abteilen Kammern, die man nie ganz für sich hat. Die namenlose Ich-Erzählerin lebt mit ihrer Familie beengt in einer Wohnung, teilt sich das Zimmer mit Schwester und Großvater.
Ihr Wunsch nach Zugehörigkeit ist riesig, fast übermächtig. Sie versucht, sich anzupassen – mal schweizerisch, mal ungarisch.
Doch ihre ungarischen Wurzeln lassen eine schweizerische Zugehörigkeit nicht zu. Sobald sie die Sprache wechselt, immer bemüht, Deutsch zu sprechen, fühlt sie es: die Andersartigkeit, das Nicht-Dazugehören, das Fremde. Sie wünscht sich Gleichartigkeit und versteht nicht, warum ihre Familie nicht denselben Wunsch hat.
Auf Deutsch möchte sie gefallen, auf Ungarisch ist sie laut und fordernd. Doch selbst nach der Einbürgerung ändert sich wenig. Es ist nur ein Papier und wie ihre Schwester sagt:
Wir sind nichts weiter als Papierlischwiizer!
Als der Großvater stirbt, bricht die Familie auseinander.
Der Vater zieht aus, die Mutter macht sich als Heiratsvermittlerin selbständig, die Schwester rebelliert gegen alles. Sie schließt sich radikalen Bewegungen an, nimmt Drogen, richtet ihre Wut gegen Politik, Vater, Männer - gegen so vieles. Ihre Worte verletzen, und die Erzählerin versucht, das Negative der Schwester innerhalb der kleinen Restfamilie auszugleichen. Bis die Schwester verschwindet.
Die Erleichterung der Erzählerin ist da , doch sie wiegt nicht so schwer wie die Angst der Mutter. Also macht sie sich auf die Suche.
Sie raucht Gras, schließt sich dem Krawall an – der schwimmenden Demo – doch ihre Schwester bleibt verschwunden.
Es gibt immer mehr als eine Zukunft! Ist das so? Und wie nennt man das? Zukünfte? Diese Frage stellt sich die Schwester. Ihre Gedanken sind anders, ungebändigter als die unserer angepassten Erzählerin. Aber eine muss ja anständig und normal sein, oder?
Und dann liegt sie in einem Sarg aus Glas, wird ausgestellt, alle ziehen an ihr vorbei und die Erzählerin fragt sich immer wieder: Warum?
Poetisch und feinfühlig erzählt die Autorin ungeschönt von Grenzen, Verlusten und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit – nach Akzeptanz und Verständnis. Die innere Zerrissenheit der Ich-Erzählerin ist eindringlich beschrieben.
Als Leser:in spürt man ihre Sehnsucht, die Tiefe dieser Geschichte über eine ungarische Familie in der Schweiz. Ruffieux zeigt, was es heißt, sein Land zu verlassen, neue Wurzeln zu schlagen und wie viel Anpassung nötig ist, um nicht zu verzweifeln.
Zwei Schwestern – zwei Wege.
Migration passiert nicht nur im Außen, sondern auch im Inneren – dort, wo sie unsichtbar bleibt.
Ein beeindruckendes Debüt.