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Veröffentlicht am 10.08.2025

Beeindruckendes Debüt

Zu wenig vom Guten
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„Zu wenig vom Guten“ von Katinka Ruffieux
Verlag: Arche

Katinka Ruffieux erzählt in ihrem Debütroman von einer ungarischen Familie in der Schweiz, einem Land, das inzwischen zwar ihr Zuhause ist, aber ...

„Zu wenig vom Guten“ von Katinka Ruffieux
Verlag: Arche

Katinka Ruffieux erzählt in ihrem Debütroman von einer ungarischen Familie in der Schweiz, einem Land, das inzwischen zwar ihr Zuhause ist, aber nicht ihre Heimat. Und Ungarn? Ist es ebenso wenig.

Das Haus wie eine Forelle, im Sommer das Maul weit geöffnet, die Mauern voller Schuppen, das Innere ein riesiger Fischbauch.
Drei Abteile, drei Familien und in den Abteilen Kammern, die man nie ganz für sich hat. Die namenlose Ich-Erzählerin lebt mit ihrer Familie beengt in einer Wohnung, teilt sich das Zimmer mit Schwester und Großvater.

Ihr Wunsch nach Zugehörigkeit ist riesig, fast übermächtig. Sie versucht, sich anzupassen – mal schweizerisch, mal ungarisch.

Doch ihre ungarischen Wurzeln lassen eine schweizerische Zugehörigkeit nicht zu. Sobald sie die Sprache wechselt, immer bemüht, Deutsch zu sprechen, fühlt sie es: die Andersartigkeit, das Nicht-Dazugehören, das Fremde. Sie wünscht sich Gleichartigkeit und versteht nicht, warum ihre Familie nicht denselben Wunsch hat.

Auf Deutsch möchte sie gefallen, auf Ungarisch ist sie laut und fordernd. Doch selbst nach der Einbürgerung ändert sich wenig. Es ist nur ein Papier und wie ihre Schwester sagt: 

Wir sind nichts weiter als Papierlischwiizer!

Als der Großvater stirbt, bricht die Familie auseinander.

Der Vater zieht aus, die Mutter macht sich als Heiratsvermittlerin selbständig, die Schwester rebelliert gegen alles. Sie schließt sich radikalen Bewegungen an, nimmt Drogen, richtet ihre Wut gegen Politik, Vater, Männer - gegen so vieles. Ihre Worte verletzen, und die Erzählerin versucht, das Negative der Schwester innerhalb der kleinen Restfamilie auszugleichen. Bis die Schwester verschwindet.

Die Erleichterung der Erzählerin ist da , doch sie wiegt nicht so schwer wie die Angst der Mutter. Also macht sie sich auf die Suche.
Sie raucht Gras, schließt sich dem Krawall an – der schwimmenden Demo – doch ihre Schwester bleibt verschwunden.

Es gibt immer mehr als eine Zukunft! Ist das so? Und wie nennt man das? Zukünfte? Diese Frage stellt sich die Schwester. Ihre Gedanken sind anders, ungebändigter als die unserer angepassten Erzählerin. Aber eine muss ja anständig und normal sein, oder?

Und dann liegt sie in einem Sarg aus Glas, wird ausgestellt, alle ziehen an ihr vorbei und die Erzählerin fragt sich immer wieder: Warum?

Poetisch und feinfühlig erzählt die Autorin ungeschönt von Grenzen, Verlusten und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit – nach Akzeptanz und Verständnis. Die innere Zerrissenheit der Ich-Erzählerin ist eindringlich beschrieben.

Als Leser:in spürt man ihre Sehnsucht, die Tiefe dieser Geschichte über eine ungarische Familie in der Schweiz. Ruffieux zeigt, was es heißt, sein Land zu verlassen, neue Wurzeln zu schlagen und wie viel Anpassung nötig ist, um nicht zu verzweifeln.

Zwei Schwestern – zwei Wege.

Migration passiert nicht nur im Außen, sondern auch im Inneren – dort, wo sie unsichtbar bleibt.

Ein beeindruckendes Debüt.

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Veröffentlicht am 05.08.2025

Hört rein! Lasst euch berühren!

Freitags um fünf
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„FREITAGS UM FÜNF“ von Thomas Montasser, 
gelesen von Peter Lontzek

Hörbuch: Argon Verlag

Dauer: 3 Stunden 40 Minuten 

ET: 01.08.2025

„Manchmal genügt eine kleine Murmel, um die ganze Welt 
auf den ...

„FREITAGS UM FÜNF“ von Thomas Montasser, 
gelesen von Peter Lontzek

Hörbuch: Argon Verlag

Dauer: 3 Stunden 40 Minuten 

ET: 01.08.2025

„Manchmal genügt eine kleine Murmel, um die ganze Welt 
auf den Kopf zu stellen“ (Seite 160)

Was für eine wundervolle, leise Geschichte. 
Eine Geschichte, die im Herzen bleibt.

Bundeskanzler Ernst Meister verirrt sich durch eine Tür ohne Sicherheitspersonal. Und draußen stößt er auf ein Mädchen: Emma, zehn Jahre alt und sie spielt mit Murmeln.
Emma begegnet dem Kanzler, als wäre er einfach ein Mensch. 
Kein Amt. Kein Protokoll. Kein Titel.

Genau das macht dieses Hörbuch „Freitags um fünf“ so besonders.

Emma begegnet ihm mit kindlicher Direktheit, voller Wärme und ohne Scheu. Und Ernst Meister, völlig überarbeitet, eingespannt in politischen Druck und dem endlosen Rauschen seiner Umgebung, beginnt innezuhalten. Und nachzudenken - über sich und das, was war. Und über das, was wichtig ist!

Die Treffen mit Emma, immer freitags um fünf, werden zu einem kleinen Highlight in Ernst Meisters Leben. Ohne dass viel passieren muss. Es ist das stille Zusammensein, das Spiel mit den Murmeln, die Gespräche voller kindlicher Weisheit – die mir selbst beim Hören öfter mal einen kleinen Stich ins Herz gegeben haben. Ehrlich und echt. Ohne Erwartungen!

Als Emma nicht zu einem Treffen kommt, wirkt Ernst Meister an dem Treffpunkt, mit seinen Murmeln in der Jackentasche verloren. Als Emma ein weiteres Mal nicht kommt, macht er sich Sorgen. Ich habe mitgefühlt mit dem Bundeskanzler und mich gefreut, als er sich endlich auf die Suche machte.

Peter Lontzek als Sprecher hat mich ganz sanft durch diese Geschichte getragen. Seine Stimme hat dem Text Tiefe, Wärme und Intensität verliehen. Ich war als Hörerin mitten im Kanzleramt, im Park, beim Murmelspiel.

Thomas Montasser hat hier kein lautes Buch geschrieben.

Es ist ein stilles, aber unglaublich starkes Plädoyer:
Für mehr Menschlichkeit als Bürokratie.
Mehr Miteinander als Gegeneinander.
Mehr echte Gespräche statt leerer Floskeln.

Manchmal braucht es kein großes Drama.
Nur eine kleine Murmel, Ehrlichkeit und ein paar stille Minuten.

Und ein Kind, das einen daran erinnert, wer man einmal war, was wichtig ist im Leben und wie man für seine Meinung einstehen kann.
Ein berührendes kleines Highlight voller Gefühl, Wärme und Wahrhaftigkeit.

Ich bin dankbar für diese kleine Auszeit mit dem Bundeskanzler und kann euch nur empfehlen:
Hört rein. Lasst euch berühren.
Vielleicht verändert es euch auch ein kleines bisschen.

Freitags um fünf. Oder wann immer ihr mögt.

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Was für eine tolle Story!!

Im Leben nebenan 
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„Im Leben nebenan“ von Anne Sauer, gelesen von Chantal Busse
Verlag: Hörbuch Hamburg
Dauer: 6 Stunden 19 Minuten

„Sie ist nicht allein. Sie ist nur für sich.“ (87,6%)


Was für ein Buch! Zwei Leben, ...

„Im Leben nebenan“ von Anne Sauer, gelesen von Chantal Busse
Verlag: Hörbuch Hamburg
Dauer: 6 Stunden 19 Minuten

„Sie ist nicht allein. Sie ist nur für sich.“ (87,6%)


Was für ein Buch! Zwei Leben, eine große Liebe, eine erste alte Liebe – und die Frage: Was, wenn das Leben eine zweite Richtung genommen hätte?
Anne Sauer entwirft mit „Im Leben nebenan“ eine fesselnde, berührende Geschichte über Toni oder ist es Antonia? Zwei Frauen, ein Ich, das sich teilt, spaltet, sich verliert und wiederfindet.

In der einen Welt gibt es Jakob, Zweisamkeit, einen unerfüllten Kinderwunsch. In der anderen ist da Adam, das Kind Hanna, die Schwiegermutter und ein Leben, das Antonia völlig fremd ist, obwohl es scheinbar ihr eigenes ist.
Ein Kind, ja, aber nicht mit dem Mann, den sie liebt? Oder lieber kein Kind, aber dafür Nähe, Vertrautheit, Freiheit? Toni wünscht sich ein Leben mit Jakob, ein Kind jedoch ohne Klinik, ohne Hormontherapie, ohne Druck. Ansonsten lieber nur sie beide. Doch dann braucht er plötzlich Bedenkzeit. Ist sein Wunsch nach einem Kind größer als seine Liebe zu ihr?
Gleichzeitig wacht Antonia in einem Leben auf, das sie sich nie bewusst ausgesucht hat. Sie erkennt nichts; nicht das Haus, nicht einmal das Kind. Alles scheint perfekt, liebevoll, bürgerlich und doch ist da diese Leere. Keine Verbindung zu Hanna. Ist sie wirklich die Mutter? Ihre Narbe beweist es, aber will sie das überhaupt sein? Mit ihrer ersten Liebe in ihrem Heimatdorf?

Anne Sauer erzählt nicht nur eine Geschichte, sie zeigt uns Möglichkeiten. Sie lässt uns mitfühlen, die Verwirrung, den Schmerz, die tiefe Sehnsucht nach einem Leben, das sich richtig anfühlt. Und sie zeigt auch, wie Liebe sich verändert, wie Nähe entsteht, wie ein Herz sich für einen Menschen oder ein Kind öffnen kann, selbst wenn es sich zunächst verschlossen hat.

Besonders berührt hat mich, wie zart und ehrlich die Autorin die Ambivalenz von Mutterschaft beschreibt. Kein Urteil, keine Wertung, nur das Aufzeigen verschiedener Wege. Mit Kind? Ohne Kind? Sicherheit oder Freiheit? Alte Liebe oder neuer Halt? Vielleicht gibt es keine richtige Entscheidung, nur ein echtes Empfinden im jeweiligen Moment.
Toni und Antonia: zwei Frauen, ein Innenleben, das sich spiegelt. Der Schmerz, der Verlust, die Hoffnung, das „Was wäre wenn“.

Mit der ruhigen, gefühlvollen Stimme von Chantal Busse wird das Hörbuch zu einem tiefen, nahen Erlebnis. Es zieht einen sanft hinein in diese Parallelwelten, in denen am Ende vor allem eines zählt:

„Atmen und sein.“

Und vielleicht bleibt nur diese eine Frage offen, die wie ein leiser Nachhall im Ohr bleibt:

Kommst du bald zurück?

Eine klare Empfehlung für dieses wundervolle Hörbuch!




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Veröffentlicht am 20.07.2025

Spannend - Leseempfehlung

Himmelerdenblau
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Himmelerdenblau, ein Thriller von Romy Hausmann
Verlag: Penguin
„Das Leben ist, was wir daraus machen“ (Seite 447)
Was für ein Buch. Was für ein Thriller.
Himmelerdenblau hat mich tief gepackt – an ...

Himmelerdenblau, ein Thriller von Romy Hausmann
Verlag: Penguin
„Das Leben ist, was wir daraus machen“ (Seite 447)
Was für ein Buch. Was für ein Thriller.
Himmelerdenblau hat mich tief gepackt – an meiner sensiblen Seite, an meinem Mitgefühl, an meiner Neugierde!
Julie Novak, 16 Jahre alt, verschwindet 2003 spurlos aus ihrem Elternhaus in Berlin-Grunewald. Der Vater, Prof. Dr. Theo Novak, ein angesehener Chirurg, sucht unermüdlich nach ihr. Doch ihm läuft die Zeit davon. Seine Demenz lässt immer mehr von den klaren, strukturierten Gedanken des Mannes verschwinden, der er einmal war. Und trotzdem hält er an einem einzigen Gedanken fest: Was ist mit seiner Tochter Julie passiert?
20 Jahre später rollen die True Crime Podcasterin Liv Keller und ihr Kollege Phil den Fall wieder auf. Liv, selbst gezeichnet von einer schweren Kindheit, kämpft mit alten Wunden, mit Selbstzweifeln und mit dem Wunsch, von ihrem Kollegen und Partner gesehen zu werden. Ihr Begehren nach Aufklärung, nach einem Vater wie Theo, nach Anerkennung, all das treibt sie immer tiefer in die Geschichte hinein.
Was Romy Hausmann hier erzählt, ist nicht einfach ein Thriller. Es ist das Aufreißen einer alten, noch immer blutenden Wunde. Der Schmerz ist greifbar, in Theos verwirrten Gedanken, in der verzweifelten Stimme der Schwester Sophia, die den Verlust nie verkraftet hat, im gebrochenen Leben des Ex-Freundes Daniel, der heute als Pflegekraft versucht, irgendwie zurechtzukommen.
Man spürt, wie sehr alle Beteiligten unter dem ungeklärten Verschwinden leiden und darüber hinaus die Frage: Lebt Julie noch?
Eine Mail. Ein einziges Wort. Ein Wort, das Julie als Kind erfunden hatte. Und plötzlich ist da wieder Hoffnung – oder ein perfides Spiel?

Der Thriller lebt von Perspektivwechseln, von unerwarteten Wendungen, von einem stetigen Rätseln, das nie langweilig wird. Man wird immer wieder in die Irre geführt, denkt, man ist nah dran und liegt doch wieder daneben.
Der Spannungsbogen bleibt konstant hoch, auch wenn einige Passagen etwas ausführlicher geraten sind. Doch das stört nicht – im Gegenteil: Diese Tiefe macht die Figuren greifbar.
Was mich besonders berührt hat, ist die Darstellung von Theos Demenz. Hausmann beschreibt sie so eindringlich und feinfühlig, dass man seine Verzweiflung spürt. Die klaren Momente werden seltener, die Gedanken entgleiten ihm und doch gibt es diesen einen, festen Anker in seiner Gedankenwelt: Julie!
Auch Livs Suche nach Wahrheit, nach Nähe, nach sich selbst, all das wirkt authentisch. Sie kämpft sich durch dunkle Erinnerungen und eigene Unsicherheiten, wird getrieben von einer Mischung aus journalistischem Ehrgeiz und ganz persönlicher Sehnsucht.
Und das Ende? Ich hatte irgendwann ein Gefühl, aber wurde immer wieder abgelenkt, fehlgeleitet, um dann doch ganz überrascht dazusitzen. Romy Hausmann spielt geschickt mit Erwartung und Realität.
Was bleibt? Ein fesselnder, psychologisch klug durchdachter Thriller, der nicht nur Spannung liefert, sondern tief berührt. Ein Buch über das Verschwinden, aber auch über das Suchen, das Erinnern, das Hoffen.
Und darüber, wie viele Leben zerstört werden, wenn ein Mensch einfach verschwindet.
Im Nachwort erzählt uns die Autorin, dass nicht alle Begebenheiten fiktiv sind. Einige Erzählungen stammen aus wahren Begebenheiten.
Gerne gebe ich für diesen fesselnden Thriller meine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 29.06.2025

Das Buch geht unter die Haut

Ungebetene Gäste
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„Ungebetene Gäste“ von Ayelet Gundar-Goshen
Verlag: Kein & Aber

Ein Buch, das bleibt – unter der Haut, im Kopf, im Herzen.
Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri in ihrer Wohnung in Tel Aviv – und ...

„Ungebetene Gäste“ von Ayelet Gundar-Goshen
Verlag: Kein & Aber

Ein Buch, das bleibt – unter der Haut, im Kopf, im Herzen.
Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri in ihrer Wohnung in Tel Aviv – und fühlt sich unwohl. Der arabische Arbeiter, den ihr Mann Juval zur Balkonrenovierung beauftragt hat, ist freundlich, aber sie will einfach nur allein mit ihrem Kind sein. Uri hat seinen gewohnten Tagesrhythmus, und dieser fremde Mann stört und macht ihr ein bisschen Angst. Als er auch noch ihre Toilette benutzt und draußen plötzlich laute Schreie zu hören sind, kippt die Stimmung.
Ein junger Mann wurde von einem herabfallenden Hammer erschlagen – und Naomi begreift in einem erschütternden Moment: Es war ihr Sohn. Der Hammer fiel nicht von selbst. Uri hat ihn geworfen.
Doch der Verdacht fällt auf den arabischen Arbeiter. Er wird festgenommen. Und Naomi? Schweigt. Erstarrt. Sie kann die Wahrheit nicht sagen. Aus Angst. Aus Schuld.
Ihr Ehemann ist entsetzt, als er erfährt, was wirklich passiert ist. Die Ehe, das Vertrauen, das ganze Leben – alles gerät ins Wanken. 
Die Familie flieht nach Afrika. Doch die Schuld reist mit. Immer.
Die Autorin versteht es meisterhaft, innere Konflikte sichtbar zu machen. Wie fühlt es sich an, nach so einem Einschnitt weiterzuleben? Wie geht man mit Schuld um, wenn das eigene Kind einen Menschen getötet hat?
Ein Albtraum für die arabische Familie. Ein Riss in der israelischen. Ein Zusammenbruch für einen Unschuldigen.
Der Roman zeigt eindrucksvoll: Schuld ist nicht nur eine Tat, Schuld ist auch ein Schweigen, ein Wegschauen, ein Nicht-Handeln. Und sie verändert. Jeden. Naomi, Juval, den arabischen Handwerker, der ohne eigenes Zutun alles verliert – Würde, Freiheit, Vertrauen.
Ayelet Gundar-Goshen gelingt es meisterhaft, diese innere Zerrissenheit zu zeigen. Ihre Sprache ist klar, eindringlich, manchmal schmerzhaft schön. Die Figuren wirken authentisch, sie handeln irrational, widersprüchlich – so wie echte Menschen eben. Und genau das macht diesen Roman so kraftvoll, so bedrückend, so nah.
Die Flucht nach Afrika mag räumlich Distanz bringen, innerlich bleibt der Vorfall unausweichlich. Er lebt mit, reist mit, sitzt mit am Tisch. Ungebetene Gäste ist nicht nur der Titel, es ist ein Gefühl, ein Zustand, ein moralisches Vakuum, das alle Beteiligten begleitet.
Dieses Buch hallt nach. Es lässt sich nicht abschütteln, nicht weglegen. Es zwingt zum Nachdenken über Schuld, Gerechtigkeit, Angst, Verantwortung und über das, was wir tun, wenn wir glauben, keine andere Wahl zu haben.
Ein starkes, tiefgründiges, sprachlich brillantes Buch. Fesselnd und verstörend zugleich. Ein literarisches Psychodrama, das unter die Haut geht und dort bleibt.
Eine absolute Leseempfehlung (5 Sterne).

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