In Villa Wittlow fliegen die Fetzen
Meine Sommer mit Marx„Meine Sommer mit Marx“ ist der Auftakt zu Fee Tauts „Lavnitz-in-Love-Reihe“. In diesem ersten Teil kehrt Sessy nach zehn Jahren zurück in die ländlich gelegene Villa Wittlow, der älteren Freundin Edith. ...
„Meine Sommer mit Marx“ ist der Auftakt zu Fee Tauts „Lavnitz-in-Love-Reihe“. In diesem ersten Teil kehrt Sessy nach zehn Jahren zurück in die ländlich gelegene Villa Wittlow, der älteren Freundin Edith. Hier hat die quirlige Sessy einst einen Sommer mit der abenteuerlustigen Edith und dem vernünftigen Marx verbracht, bevor sie in die Welt hinauszog. Doch das Wiedersehen mit Marx verläuft ganz anders als Sessy es sich erhofft hat.
Das Cover ist in Orangetönen gehalten, fängt bereits einige Charakterzüge der beiden Protagonisten gelungen ein und zeigt auch noch die Villa als Setting des Romans.
Fee Tauts Schreibstil lässt sich angenehm flüssig lesen. Die Handlung spielt sich auf zwei Zeitebenen ab, wobei der Sommer vor 10 Jahren überwiegend aus Marx Perspektive und der gegenwärtige Sommer aus Sessys Sicht erzählt wird. Dies ändert sich erst kurz vor Ende des Romans, wenn die Sicht und Gefühle beider Protagonisten auf Situationen aus beiden Sommern deutlich werden. Der Ansatz ist ebenso wie die beiden Figuren selbst sehr interessant. Allerdings hätte ich mir bei einzelnen Ereignissen schon wesentlich eher beide Blickwinkel gewünscht. Spannungen gibt es im Verlauf des Romans jede Menge, denn zwischen den beiden ungleichen Protagonisten fliegen immer wieder mächtig die Fetzen. Die Handlung ist dafür aber meiner Meinung nach leider doch eher ein wenig enttäuschend – es passiert einfach nicht viel. Das Drama um die komplizierte und intensiv dargestellte Beziehung zwischen Sessy und Marx tröstet aber darüber ein wenig hinweg.
Als besonders interessant habe ich die Figuren des Romans wahrgenommen, insbesondere Sessy und Marx. Weder Sessy noch Marx waren für mich echte Sympathieträger. Trotzdem haben beide mich sowohl einzeln als auch in ihrer Beziehung zueinander fasziniert. Sessy ist behütet aufgewachsen, ziemlich verwöhnt und daran gewöhnt ihren Willen zu bekommen. Sie ist quirlig, oft sehr direkt, manchmal rebellisch und handelt mal impulsiv ohne mögliche Konsequenzen in Betracht zu ziehen, mal manipulativ. Obwohl Sessy sich selbst eine Wandlung von der „alten Sessy“ zur „neuen Sessy“ attestiert, blitzt doch immer wieder der trotzige Teenager von vor 10 Jahren durch. Dabei wirkt sie mit der Erwartungshaltung nach 10 nahezu kontaktlosen Jahren wieder mit offenen Armen in der Villa empfangen zu werden ziemlich egozentrisch, aber auch naiv. Dass Marx sich ebenfalls weiterentwickelt oder gar mit ihr abgeschlossen haben könnte, kommt Sessy gar nicht erst in den Sinn. Ihr Ziel ist es Marx ganz für sich zu gewinnen – etwas, was ihr in der Vergangenheit verwehrt geblieben ist.
Marx ist das glatte Gegenteil von der aufgedrehten Sessy. Er ist ruhig und besonnen, seine Vergangenheit und sein ausgesprochen geringes Selbstwertgefühl quälen ihn sehr und er traut sich stets wenig zu. Phasenweise wirkt er mit seinen düsteren Gedanken beinahe ein wenig depressiv. Für die wenigen Menschen, die in seinem Leben wichtig sind, ist er die Zuverlässigkeit in Person. Alle anderen prallen an den dicken Mauern, die Marx um sich errichtet hat ab, doch Sessy bringt sein mühsam erreichtes inneres Gleichgewicht wieder einmal gefährlich ins Wanken.
Die Beziehung zwischen den beiden grundverschiedenen Protagonisten macht deutlich, wie hilfreich eine offene und ehrliche Kommunikation doch ist und welche Dramen sich abspielen können, wenn eben diese fehlt.
Insgesamt ist der Roman sicher kein glanzvolles literarisches Highlight, lässt sich aber sehr angenehm und mit Freude lesen und besticht mit anregenden Charakter- und Beziehungsstudien.