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Veröffentlicht am 04.09.2025

Tragische, erschütternde Familiengeheimnisse auf zwei Ebenen erzählt

Die Verlorene
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Dass Lauras Großmutter Änne in Schlesien aufwuchs und nach dem Krieg ihre Heimat verlassen musste, weiß Laura bereits. Aber was Änne sonst noch über ihre Familie erzählt, mag irgendwie nicht so recht zusammenpassen. ...

Dass Lauras Großmutter Änne in Schlesien aufwuchs und nach dem Krieg ihre Heimat verlassen musste, weiß Laura bereits. Aber was Änne sonst noch über ihre Familie erzählt, mag irgendwie nicht so recht zusammenpassen. Als Laura auf Fotos eine bisher unbekannte Schwester Ännes entdeckt, kommen Fragen auf, die Änne leider nicht mehr beantworten kann. Also reist Laura nach Polen, um das Gut zu suchen, auf dem Änne aufwuchs. Ob sie dort Antworten finden wird?

Miriam Georg schreibt auf zwei Ebenen. Sie schildert Ännes Geschichte (von 1943 an) vor ihrer Flucht aus Schlesien und Lauras aktuelle Situation 2019, wie diese mehr über Ännes Vergangenheit erfahren möchte. Der Schreibstil liest sich angenehm, flüssig und leicht.

Änne ist eine unbequeme Hauptfigur. Sie hat es von Anfang an schwer mit anderen Menschen und wirkt sehr unzugänglich. Doch für ihr Verhalten gibt es einen nachvollziehbaren Grund. Und der Schein, dass sie eine Einzelgängerin ist und niemanden sonst braucht, trügt. Eine bestimmte Person bedeutet ihr alles… Mit Laura hatte ich so meine Schwierigkeiten. Ich empfand sie als schwer fassbar, „blass“ und spröde, fand keinen Zugang zu ihr.

Wieder einmal erzählt Autorin Miriam Georg eine hochdramatische, historische Geschichte. Ännes schweres Schicksal ist berührend und wird absolut mitreißend dargestellt. Änne gibt trotz vieler Rückschläge nicht auf, zeigt in ihrem Unglück stets bemerkenswerte Stärke. Die Geschichte um Laura hat mich allerdings weniger überzeugt, im Vergleich zu Ännes Perspektive empfand ich Lauras als deutlich schwächer. Wie die beiden Handlungen zusammengeführt werden, war für mich zwar nachvollziehbar, der doch recht überraschende, unglaubliche Schluss wirft allerdings Fragen auf. Insgesamt ein toller, packender Schmöker, aber nicht ganz so stark, emotional und dramatisch wie Georgs vorherige Romane.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Wunderbares Wolldeckenbuch

Neuanfang in Notting Hill
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Jess hat schon bessere Zeiten erlebt. Das Kino, in dem sie schon lange arbeitet, schreibt tiefrote Zahlen. Außerdem wohnt sie übergangsweise bei ihrer besten Freundin Deb, nachdem ihr Exfreund mit all ...

Jess hat schon bessere Zeiten erlebt. Das Kino, in dem sie schon lange arbeitet, schreibt tiefrote Zahlen. Außerdem wohnt sie übergangsweise bei ihrer besten Freundin Deb, nachdem ihr Exfreund mit all ihren Ersparnissen das Weite gesucht hat. Doch bald ist auch bei Deb kein Platz mehr für sie, denn Deb und ihr Mann Mike erwarten erneut Nachwuchs und brauchen Jess’ Zimmer als Kinderzimmer. Also antwortet Jess auf die Zeitungsanzeige einer ältere Frau, Joan, die eine Untermieterin für ihr Haus in Notting Hill sucht. Joan entscheidet sich, Jess das Zimmer zu überlassen. Die ungleichen Frauen verstehen sich auf Anhieb und gehen bald eine ungewöhnliche Wette ein: Joan soll online und Jess offline gehen. Das verändert das Leben der beiden Mitbewohnerinnen gravierend….

Die Geschichte wird abwechselnd aus Jess und Joans Sicht in der ersten Person erzählt. Sie liest sich angenehm leicht und absolut unkompliziert. Es war überhaupt kein Problem, sofort ins Geschehen zu finden.

Derzeit läuft es alles andere als rund für Jess. Erst stirbt ihre Mutter, die Jess sehr viel bedeutete, dann prellt ihr Exfreund Liam sie um ihr Vermögen. Jess aktuelle Wohnsituation ist ebenso unsicher wie ihr Job, den sie leidenschaftlich liebt. Mit Joan findet Jess aber eine verständnisvolle Mitbewohnerin. Joan hat sich seit Jahren nicht mehr aus ihrem Haus gewagt. Ihre Kontakte beschränken sich auf ihren Sohn Ed und ihre herrlich direkte Nachbarin Pamela. Jess füllt Joans Haus mit Leben, bringt sie dazu, sich der Welt da draußen zu öffnen und sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Aber auch Joan tut Jess gut, die sich nach der Abmachung, offline zu gehen, ihren Problemen und ihren Träumen stellt. Außerdem lernt Jess auf altmodische Weise über eine Zeitungsannonce einen netten Mann kann. Wie die beiden sympathischen Frauen Freundinnen werden und ihre Leben gegenseitig bereichern, hat mir sehr gefallen.

Jess und Joan entwickeln nach ihrem Kennenlernen den Mut, neu anzufangen und stellen fest, dass das Leben noch allerhand für sie bereithält. Freilich ist die Handlung absolut vorhersehbar und durchaus etwas kitschig, aber dennoch hat „Neuanfang in Nottinghill“ meine Erwartungen zu hundert Prozent erfüllt. Ein wunderschönes, zuckersüßes Wolldeckenbuch mit viel Herz. Ganz bewusst spielt Autorin Norie Clarke immer wieder auf den Film „Email für Dich“ an. Der Film ist zweifelsfrei Vorlage für das Buch. Wer ihn und andere klassische romantische Komödien mag, wird diesen Roman sicher gerne lesen.

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Veröffentlicht am 03.07.2025

Ein Alptraum in der schwedischen Wildnis - packender, leicht und flüssig zu lesender Krimithriller

Der Weg – Jeder Schritt könnte dein letzter sein
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„Ein beklemmendes Gefühl breitet sich in mir aus, sickert wie Eiswasser durch meinen Körper, bis es sich in meinem Bauch zu einer grauenvollen Gewissheit verdichtet.
Ich bin ganz allein hier draußen. Und ...

„Ein beklemmendes Gefühl breitet sich in mir aus, sickert wie Eiswasser durch meinen Körper, bis es sich in meinem Bauch zu einer grauenvollen Gewissheit verdichtet.
Ich bin ganz allein hier draußen. Und ich habe keine Ahnung, wo ich bin.“

Sehr lange hat Julia nichts mehr von ihrer besten Freundin Nicki gehört. Doch als Julia sich nach sehr kurzer Beziehung mit Lars verlobt, lädt diese sie völlig überraschend zu einer Junggesellenabschiedswanderung nach Schweden ein. Nicki wirkt auf dem Wandertrip von Beginn an abwesend, abweisend und in sich gekehrt. Der Wanderung startet zu allem Überfluss auch noch mit einem Unwetter. Nach der ersten stürmischen Nacht im Zelt wacht Julia plötzlich alleine auf. Nicki ist spurlos verschwunden. Julia ist in der Wildnis nun auf sich alleine gestellt, ohne Orientierung zudem - hatte Nicki doch im Vorfeld die Routenplanung übernommen. Wird sie zurückfinden und was ist mit Nicki passiert?

Aus Julias Sicht wird erzählt, was während der Wanderung passiert. In Rückblenden schildert die Autorin zusätzlich, wie Julias und Nickis Freundschaft entstand und wie es zur gegenwärtigen Situation kam. Die Geschichte liest sich sehr unkompliziert und flüssig. Es war für mich sehr leicht, mich im Geschehen zurechtzufinden.

Julia war mir recht sympathisch, doch wirkt sie ein wenig naiv. Die Beziehung zu ihrer besten Freundin Nicki ist leider seit längerem nicht mehr so intensiv. Nicki hat sich zurückgezogen, scheint sich nicht für Julias Beziehung mit Lars zu interessieren und spricht nicht über ihren eigenen Kummer. Was ist da nur los?
Auch wenn einige Charaktere durchaus etwas überzeichnet sind, bietet die Figurenkonstellation sehr viel Potential für so manche interessante Entwicklungen.

Wird Julia allein in der Wildnis zurechtkommen? Warum benimmt Nicki sich so seltsam? Welches Geheimnis verbirgt sie?
Rebecca Russ erzählt sehr spannend, liefert den Lesern durch die Rückblenden nach und nach immer mehr Puzzleteile, so dass diese sich nach und nach ein Gesamtbild von der Lage machen können. Dabei wird im Verlauf eine ganz besondere Wendung präsentiert, die für mich durchaus überraschend kam. Auch wenn die Auflösung und vor allem Julias Verhalten am Ende mich nicht hundertprozentig überzeugten, hat mich der Krimi prima unterhalten. Er liest sich angenehm und flüssig: ein packender, leichter Thrillersnack für eine kurzweilige Leseauszeit, ideal z.B. als Urlaubslektüre.

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Veröffentlicht am 01.05.2025

Ein aufregender Survival-Trip auf dem Weg zum Erwachsenwerden

FREI – Bester Sommer (FREI 1)
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Joshua ist vierzehn und hat die Nase voll vom Umziehen. Jetzt hat es seine Mutter, die als Künstlerin überall Inspiration sucht, ausgerechnet in ein Kaff namens Rottloch in der tiefsten Provinz verschlagen. ...

Joshua ist vierzehn und hat die Nase voll vom Umziehen. Jetzt hat es seine Mutter, die als Künstlerin überall Inspiration sucht, ausgerechnet in ein Kaff namens Rottloch in der tiefsten Provinz verschlagen. Und Joshua muss natürlich mit. Doch hier ist es ganz anders als erwartet. Die Schule folgt einem modernen pädagogischen Konzept. Und in Joshuas erster Woche steht gleich eine besondere Projektwoche unter dem Motto „Freiheit“ an. Gemeinsam mit seiner Gruppe Nina, Koray, Nasrin und Nico muss Joshua ein paar Tage im Wald verbringen. Ob die vier ungleichen Teenager den herausfordernden Survivaltrip draußen gemeinsam meistern werden?

Die Geschichte wird in der ersten Person aus Joshuas Sicht erzählt. Joshua schildert, was aktuell passiert. Das tut er sehr direkt, unterhaltsam, mitreißend und flüssig. In Wortwahl und Satzbau wirkt die Sprache sehr authentisch, genauso eben, als berichte ein vierzehnjähriger Junge von seinem Leben.
Das Buch richtet sich an Leserinnen und Leser ab elf, zwölf Jahren.

Neben Joshua, der mit zwei Müttern aufwächst und bisher nie richtig Freundschaften schließen konnte, weil er immer wieder den Wohnort wechseln musste, gibt es noch Nina. Nina ist Joshua auf Anhieb mehr als sympathisch… Hinzu kommt Nasrin, die von ihren Eltern wohlbehütet wird. Sie hat ein beeindruckendes Allgemeinwissen. Koray ist wie Joshua ebenso neu an der Schule und stammt offensichtlich aus ziemlich reichen Verhältnissen, gibt aber wenig von sich preis. Aber auch Nico, der oft ziemlich taktlos und aufdringlich rüberkommt, scheint ein Geheimnis zu hüten. Fernab der Zivilisation gibt es so einige Reibereien und Eifersüchteleien zwischen den Klassenkameraden. Aber vielleicht wächst ja nebenbei auch noch etwas anderes?


Die vier Teenager müssen sich für das Projekt ganz schön anstrengen, viel körperliche Ausdauer zeigen, sich zusammenraufen, Mut beweisen und ihre Komfortzone verlassen. Während ihres Abenteuers lernen sie so einiges über sich selbst und die anderen. Freilich ist nicht alles, was während des Trips passiert, hundertprozentig realistisch. Spannend und sehr kurzweilig ist es aber allemal. Joshuas neue Schule und ihr modernes Erziehungskonzept wirken teilweise etwas märchenhaft und zu schön, um wahr zu sein, bieten aber durchaus einigen Stoff und verschiedene Aspekte zum Nachdenken.
„Frei“ ist eine einfühlsam und herrlich leicht erzählte Geschichte vom Erwachsenwerden mit interessanten, individuellen Charakteren. Mir hat der Auftakt dieser neuen Reihe gut gefallen. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

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Veröffentlicht am 01.05.2025

Sommer, Sonne, Strandidylle und gefährliche Geheimnisse - packender Krimi

The Surf House
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„Vielleicht ist sie deshalb so ein gutes Model geworden. Sie konnte jede Emotion vortäuschen, die von ihr verlangt wurde. Sie gab sich sexy, selbstbewusst und beschwingt, anstatt die hässliche Einsamkeit ...

„Vielleicht ist sie deshalb so ein gutes Model geworden. Sie konnte jede Emotion vortäuschen, die von ihr verlangt wurde. Sie gab sich sexy, selbstbewusst und beschwingt, anstatt die hässliche Einsamkeit in ihrem Inneren preiszugeben.“

Bea arbeitet als Model und hat aktuell ein Shooting in Marokko. Während ihres Aufenthalts dort passiert etwas Furchtbares, sie wird in den engen Gassen Marrakeschs überfallen. Anschließend sind ihr Geld und ihr Ausweis weg. Doch Marnie, die ebenso Zeugin und Opfer des Überfalls war, hilft Bea und bietet ihr einen Job in ihrem Surfhotel an. Zunächst ist Bea dankbar über die Möglichkeit, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen. Sie genießt die Abende am Strand, fühlt sich wie im Urlaub. Doch dann taucht Seth auf, der auf der Suche nach seiner Schwester Savannah ist, die vor einem Jahr im Hotel von Marnie wohnte und danach spurlos verschwand. Bea wird misstrauisch und unterstützt Seth bei der Suche. Was geschah mit Savannah? Und wer steckt hinter ihrem Verschwinden?

Lucy Clark schreibt meist aus Beas Sicht und schildert, was aktuell geschieht. In Rückblenden erfährt man zudem von den Ereignissen ein Jahr zuvor, kurz bevor Savannah verschwand. Der Schreibstil ist eingängig, leicht und flüssig zu lesen.

Bea ist mit ihrem Leben als Model unzufrieden. So werfen sie die Erlebnisse in Marrakesch und der Verlust ihrer Papiere und ihres Gelds weniger aus der Bahn, als man annehmen könnte. Anfangs fühlt sie sich recht wohl im Surfhouse, ist sogar einer Romanze mit dem irischen Nachbarn nicht abgeneigt. Dieser jedoch verschließt sich vor ihr. Und auch Marnies Mann Ped scheint Geheimnisse zu hüten, ebenso wie der korrupte Polizist Momo. Nach und nach spürt Marnie, dass sie ihren Mitmenschen vielleicht doch nicht blind vertrauen sollte. Eine interessante Figurenkonstellation mit einigen Abgründen beherrscht hier das Szenario.

In der Hitze Marokkos spitzen sich die Entwicklungen dramatisch zu. Je mehr Bea über die Vergangenheit herausfindet, desto gefährlicher wird es für sie. Am Ende reihen sich einige unvorhergesehene Wendungen aneinander.
Ich habe bisher einige lohnenswerte, mitreißende Krimis von Lucy Clark gelesen. Auch „The Surf House“ hat mir wieder gut gefallen: Ein raffiniert konstruierter, packender und atmosphärischer Krimi, ein Pageturner mit überraschendem Finale.

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